Elvis Costello: "Ich habe Disco geliebt“

Musiker Elvis Costello: "Mein fantastisches Aussehen und mein animalischer Magnetismus reichten leider nicht aus, um in der Popszene Aufsehen zu erregen."

Musiker Elvis Costello: "Mein fantastisches Aussehen und mein animalischer Magnetismus reichten leider nicht aus, um in der Popszene Aufsehen zu erregen."

Elvis Costello ist einer der bedeutendsten Singer/Songwriter seiner Generation. Im profil-Interview spricht er über die Arbeit mit Musiklegenden wie Paul McCartney und Johnny Cash, sein Misstrauen gegen die Punk-Bewegung - und wie ihm trotz geringen Sex-Appeals eine 40-jährige Popkarriere gelang.

profil: Ihr bürgerlicher Name ist Declan MacManus. Als Künstler nennen Sie sich Elvis Costello und beziehen sich damit auf Elvis Presley, den größten Rockstar aller Zeiten. Waren Sie zu Beginn Ihrer Karriere von Größenwahn geleitet?
Elvis Costello: 1977 gab es eine Menge Leute, die viel verrücktere Namen trugen - denken Sie an Johnny Rotten, Sid Vicious oder Captain Sensible. Das künstlerische Alias hat eine noble Tradition. Außerdem war Elvis nicht meine Idee, sondern die meiner Manager. Sie wollten das Interesse des Publikums wecken, ehe es noch einen Ton von mir zu hören gab. Mein fantastisches Aussehen und mein animalischer Magnetismus reichten leider nicht aus, um Aufsehen zu erregen.

profil: War Presley denn ein Künstler, der Sie beeinflusst hat?
Costello: Eigentlich nicht. Ich war ja ein Baby, als er erstmals im amerikanischen Fernsehen auftrat und die Massen mit seinem Hüftschwung entfesselte. Den Schock, den sein Erscheinen als Rock-Messias auslöste, habe ich nie empfunden. Als ich in den 1960er-Jahren begann, ernsthaft Musik zu hören, war Elvis nicht gerade der größte Hipster dieses Planeten. Meine Leitsterne in jener Zeit waren, wie für viele andere auch, die Beatles.


Wenn man die Chance hat, seine erste Platte aufzunehmen, will man alles, was man liebt und einen über die Jahre beeinflusst hat, mitklingen lassen.

profil: Ihr Debütalbum "My Aim is True“ aus dem Jahre 1977 erinnert auch weniger an Punk als an die Beatles und an Songwriter wie Randy Newman. Trotzdem wurden Sie von den meisten Kritikern damals in die Punk-Schublade gesteckt.
Costello: Das war deren Problem, nicht meines. Es hatte auch damit zu tun, dass meine erste Veröffentlichung exakt in jenes Jahr fiel, in dem Punk zum großen Medienthema wurde - da wurde man halt einfach dazugepackt. Aber die eigentlich erfolgreiche Musik des Jahres 1977 war nicht Punk, sondern Disco. Alben wie "Saturday Night Fever“ verkauften sich millionenfach, die Sex Pistols und The Clash waren im Vergleich dazu kommerziell irrelevant.

profil: In Ihren Augen war Punk nur eine Windmaschine, mit der heiße Luft in den öffentlichen Raum geblasen wurde?
Costello: Punk war vor allem das Lieblingsspielzeug der Journalisten. Sie lieben es, den Dingen Namen zu geben, weil Worte eben ihr Werkzeug sind. Für mich hingegen zählen Handlungen, die ich im Rahmen meiner Musik vollziehe. Analyse und Kritik zielen auf eine ganz andere Form der Welterfassung. Im besten Fall kann man Journalisten eine Fähigkeit zur Beobachtung attestieren, im schlechtesten parasitäres Verhalten, das Kunst zum eigenen Vorteil ausbeutet.

Der Song "She" von Elvis Costello war Teil des Soundtracks zum Film "Notting Hill".

profil: Die meisten "seriösen“ Rockhörer glaubten seinerzeit doch, dass die guten Kräfte sich um die Idee des Punk versammelten. Disco wurde von den meisten als Deppenmusik verhöhnt.
Costello: Nicht von mir! Ich habe Disco geliebt, beispielsweise George McCrae, der mit "Rock Your Baby“ 1974 einen gigantischen Hit hatte. Aber mein Geschmack war stets eklektizistisch - und das versuchte ich auch in meiner Musik zum Ausdruck zu bringen. Wenn man die Chance hat, seine erste Platte aufzunehmen, will man alles, was man liebt und einen über die Jahre beeinflusst hat, mitklingen lassen. Ich hörte damals viel Van Morrison, und ich glaube, das klingt in meinen Kompositionen auch an, obwohl ich nicht so singen kann wie er. Alle Songs aus der Zeit von "My Aim is True“ wurzeln in der Pop-Tradition. Diese Lehrzeit musste ich absolvieren, um meine eigene Stimme zu finden.


Die Platten, die mein Vater mir zur Zweitverwertung gab, bildeten die Basis meiner eigenen Sammlung.

profil: Sehr wichtig war auch Ihr Vater, der in England durchaus bekannte Sänger Ross McManus, über den Sie in Ihrer Autobiografie sehr liebevoll schreiben.
Costello: Ich war schon als Kind dabei, wenn er mit dem Joe Loss Orchestra im Hammersmith Palais auftrat, und ich beobachtete ihn genau. Mein Vater war eigentlich Jazzmusiker und trat später mit einem Tanzorchester auf, das nach dem Vorbild von Glenn Miller modelliert war. Doch auch Joe Loss ging mit der Zeit und coverte in den 1960er-Jahren die jeweils aktuellen Charts-Schlager: stilistisch breit gefächert zwischen "It’s Not Unusual“ von Tom Jones und "See Emily Play“ von Pink Floyd. In dieser Epoche wurde die populäre Musik im Radio, in Supermärkten, auf Veranstaltungen durch Tanzorchester gefiltert. Oft lernte man die Songs nicht im Original kennen, sondern in Coverversionen. In erster Linie war also der Song populär, nicht der Sänger. Mein Vater verdiente mit dieser Philosophie seinen Lebensunterhalt. Deshalb hörte ich als Teenager Musik ganz anders als meine Freunde: Für mich stand immer der Aspekt der Aneignung und der Verwertung von Klangmaterial im Vordergrund.

profil: Sie hatten auch mehr Platten als Ihre Mitschüler, weil Ihr Vater immer die neuesten Hits kaufen musste, um möglichst schnell seine eigene Version daraus zu basteln.
Costello: Ja, mein Zugang zur Musik wurde dadurch entscheidend erleichtert. Und als ich Ende der Sixties zur Gitarre griff, konnte ich auf ganz wesentliche Hörerlebnisse zurückblicken. Die Platten, die mein Vater mir zur Zweitverwertung gab, bildeten die Basis meiner eigenen Sammlung. Da waren Aufnahmen von Charles Mingus dabei, von Joni Mitchell und die großen Balladen-Alben von Frank Sinatra: "Only the Lonely“ und "In the Wee Small Hours of the Night“.


Vielleicht suchte er einen neuen John Lennon, an dem er sich reiben konnte.

profil: Sie waren immer schon nicht nur Sänger und Instrumentalist, sondern auch Komponist. Haben Sie eine Methode? Kommt zuerst die Musik oder erst der Text?
Costello: Es gibt eine Methode, aber sie ändert sich ständig, weil auch die Bedingungen, unter denen Songs entstehen, immer andere sind. Manchmal ist das eine Phrase, die mir im Kopf herumgeht und die ein Gefühl oder eine Story zu einem kompakten Slo-gan verdichten kann. Ich habe ein Lied mit dem Titel "Jimmy Standing in the Rain“ geschrieben - ein ziemlich komplexer Song mit einer Menge erzählerischer Wendungen und raffinierter Zuspitzungen. Aber erst, als mir diese eine Zeile einfiel, wusste ich, worum es geht - da stand der Song sozusagen vor mir: das Bild eines Mannes, der einsam vor einem Bahnhof steht. Ich benötigte dann nur noch ein paar Minuten, um den Text zu vollenden - und auch die Musik kam wie von selbst. Andere Songs brauchten Jahre, um zu reifen. Ich hatte immer Verse, die in irgendeinem Notizbuch ihr eigenes Leben führten. Und eines Tages tauchten sie dann plötzlich auf und ergaben für mich Sinn
- erst dann konnte ich die Sache zu Ende bringen. Es kommt aber auch vor, dass ich am Klavier sitze und eine tolle Melodie finde. Dann stellt sich die Frage umgekehrt: Welche Worte sind die richtigen, um daraus etwas zu machen, das sich den Menschen mitteilt?

Sein Lied "Veronica" widmete Elvis Costello seiner an Alzheimer erkrankten Großmutter.

profil: Sie haben mit zahlreichen Superstars gearbeitet. Wie fühlt es sich an, wenn man mit Paul McCartney in einem Zimmer sitzt und gemeinsam Lieder schreibt? Wie kam er überhaupt auf die Idee, mit Ihnen zu komponieren? Wollte er durch Sie ein Gefühl für den Geschmack und die musikalischen Vorlieben der jüngeren Generation bekommen?
Costello: Wenn das seine Absicht gewesen wäre, hätte er sicher nicht mich angerufen. Meine Karriere als Hitproduzent war 1989 in ziemlich übler Verfassung. Oder sagen wir es so: Pauls letzter großer Erfolg lag wesentlich weniger lang zurück als meiner. Er hat mich also nicht als hit-maker engagiert, er suchte vielmehr jemanden, der eine Art Kontrastfolie für seine eigene Kreativität war; der eine Dimension in die Musik bringen konnte, die ihm selbst nicht zugänglich war. Vielleicht suchte er einen neuen John Lennon, an dem er sich reiben konnte. Ich war natürlich überrascht, dass er mich anrief, war aufgeregt und ein bisschen verängstigt. Aber das Lampenfieber hätte ich mir sparen können: Unsere kreative Partnerschaft war eine einzige Freude. Wir schrieben eine Menge guter Songs, einige davon waren sehr persönlich - wie "Veronica“, ein sehr intimes Lied über meine Großmutter, die an Alzheimer litt, und das dann sogar mein größter Hit in den USA wurde. Und "That Day is Done“, einen Song, in dem es um ihr Begräbnis ging.


Ich muss die Instrumente so arrangieren, dass sie die Stimme unterstützen und tragen - sonst kann es schnell sehr seltsam klingen.

profil: Ein Aspekt Ihrer Musik, der auf Alben wie "Almost Blue“ und "King of America“ immer deutlicher hervortrat, ist die Liebe zur amerikanischen Country Music. Sie haben sogar mit Johnny Cash, dem Paten jenes Genres, gearbeitet.
Costello: Johnny hielt sich in den frühen 1980er-Jahren in London auf, und ich lernte ihn durch meinen Produzenten Nick Lowe kennen, der mit Cashs Tochter Carlene verheiratet war. In Nicks Studio nahmen wir das Lied "We Ought to Be Ashamed“ auf, das zwar nicht besonders toll war, aber mir die Gelegenheit bot, einmal im Leben mit Johnny Cash im Duett zu singen. Für mich war es ein Schock, als er von seinem Label Columbia gefeuert wurde - neben anderen Größen wie Miles Davis, vermutlich aufgrund geringer Plattenverkäufe. Ich selbst hatte aber noch meinen Vertrag mit derselben Firma - das fühlte sich irgendwie nicht richtig an. Umso schöner, dass Cash danach mit seinen "American Recordings“ noch einmal durchstartete. Er war nicht nur ein genialer Interpret, sondern auch ein Mann von unglaublicher Generosität. Wir blieben bis zu seinem Tod eng befreundet.

profil: Sie erwecken gerne den Eindruck, dass Sie für große Sänger eine Art Zauberlehrling seien. Dabei verfügen Sie doch selbst über eine Stimme, die ein einzigartiges Instrument ist - auch wenn sie mit ihrem Vibrato nicht unbedingt traditionellen Soul- oder Rockstimmen entspricht.
Costello: Die Stimme ist natürlich das Medium, mit dem ich mich ans Publikum wende - und in diesem Sinne wichtiger als die Gitarre oder das Klavier. Eigentlich sind es mehrere Stimmen, die sich wie Schauspieler meinen unterschiedlichen Liedertypen anpassen. Ich singe in verschiedenen Registern, um damit unterschiedliche Wirkungen zu erzielen - ich wollte nie im Manierismus einer einzigen vokalen Ausdrucksform gefangen sein. Aber es gibt natürlich Grenzen, vor allem in den hohen Lagen. Ich muss die Instrumente so arrangieren, dass sie die Stimme unterstützen und tragen - sonst kann es schnell sehr seltsam klingen.


Auch ich habe offensichtlich irgendeinen Appeal, sonst würde ich nicht seit 40 Jahren auf der Bühne stehen.

profil: In den späteren Jahren Ihrer Karriere haben Sie sich immer stärker traditioneller Musik zugewandt. Sie haben mit "Il Sogno“ ein Werk im Orchestersound komponiert und mit Allen Toussaint und Burt Bacharach, zwei Sixties-Legenden, großartige Platten aufgenommen. Umso erstaunlicher mutet Ihre bislang letzte Karrierewendung an: eine Kooperation mit der Hip-Hop-Truppe The Roots.
Costello: Es hat mich letzthin nicht mehr sehr interessiert, Platten aufzunehmen - das CD-Geschäft ist ja vollkommen zusammengebrochen. Deshalb trat ich vor allem live auf, mit ganz unterschiedlichen Musikern. Als sich die Möglichkeit auftat, mit den Roots eine Platte aufzunehmen, konnte ich nicht Nein sagen. Erstaunlicherweise ließen sich meine Arbeit mit Worten und Melodien und ihre Expertise mit Rhythmen und Klangfarben gut kombinieren. Wenn man ständig auf dem Grundton bleibt, es keine harmonische Erlösung gibt, entstehen eine andere Form der Spannung und neue Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen. Jedes der musikalischen Abenteuer, die ich eingegangen bin, hatte seine eigene Architektur.

profil: In Ihren Memoiren geben Sie sich betont selbstironisch. Sie behaupten, dass Sie eigentlich nicht hübsch genug waren, um Erfolg als Popkünstler zu haben. War es wirklich so schlimm? Es hat doch geklappt mit der Karriere.
Costello: Es gab Leute wie Jim Morrison oder Brian Jones, die so sexy waren, dass sie gar nicht viel tun mussten, um die Mädchen zum Schreien zu bringen. Diese Art von Popstarruhm war mir immer verschlossen. Ich traf mich damals gelegentlich mit David Essex: Der war ein genuiner Herzensbrecher, und es war klar, dass ich diesem Kriterium niemals entsprechen konnte. Aber ich will mich nicht beklagen: Auch ich habe offensichtlich irgendeinen Appeal, sonst würde ich nicht seit 40 Jahren auf der Bühne stehen.

Zur Person:
Elvis Costello, 61, geboren als Declan MacManus in London, gehört zu den bedeutendsten Sängern und Komponisten der englischsprachigen Popmusik. Als 1977 seine erste LP erschien, packten Rockkritiker seine zynischen Weltbeobachtungen in die Punk-Schublade. Doch bald schon wurde Costello als das erkannt, was er bis heute ist: einer der versatilsten Songschreiber seiner Generation, der Lieder mit literarischer Sensibilität behandelt und traditionelle Songstrukturen mit Jazz-Harmonien veredelt. Ein großer Hitlieferant war Costello nie, doch im Lauf der Jahrzehnte gelangen ihm Erfolge wie "Oliver’s Army“, "She“ oder "Veronica“ - und mit dem Song "Shipbuilding“ sogar ein düsteres Melodram, das die Stimmung zur Zeit des Falklandkrieges kompakt verdichtet. Zuletzt verblüffte er sein Publikum durch eine Kooperation mit der amerikanischen HipHop-Truppe The Roots.