Kultur

Ist Schach eine Droge, Herr Strouhal?

Die Affäre um die Schach-Großmeister Magnus Carlsen und Hans Niemann eskaliert. Der Wiener Autor und Schachspezialist Ernst Strouhal erklärt den Schrecken und die Schönheit des Streits der Könige. Eine Annäherung in sechs Zügen.

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„Ich glaube, dass Hans Niemann öfter und auch vor Kürzerem betrogen hat, als er bisher zugegeben hat“, teilte Magnus Carlsen, 31, kürzlich in einem offenen Brief der „lieben Schachwelt“ mit. Damit formulierte der norwegische Langzeitweltmeister erstmals, was ihn dazu bewogen hatte, vor mehr als drei Wochen das US-Spitzenturnier „Sinquefield Cup“ nach einer Niederlage gegen den 19 Jahre alten US-Amerikaner abzubrechen – und eine spätere Onlinepartie gegen denselben nach einem Zug kommentarlos zu beenden. 

Seitdem kursiert in Zeitungen und sozialen Medien der kuriose Verdacht, Niemann habe Carlsen besiegt, weil der Herausforderer zum Schummeln Analperlen benutzt habe, die per Fernsteuerung Vibrationen auslösten und damit unlautere Hinweise übermittelt hätten. Schachmatt! Mach platt!

Weltmeister Carlsen

profil bat den Wiener Kulturwissenschafter und Publizisten Ernst Strouhal, der seit mehr als drei Jahrzehnten gemeinsam mit Michael Ehn die Schachkolumne der Tageszeitung „Der Standard“ betreut, um nähere Aufklärung über die „Schönheit und den Schrecken des Spiels“, wie Strouhal, 65, und Ehn in „S/Madness“ notieren, dem jüngsten Buch aus der Schreibwerkstatt des Schachduos. 

Eine Einordnung in sechs Fragen und Antworten. 

Weshalb fasziniert Sie Schach, Herr Strouhal?
„Schach begleitet mich wie viele seit der Kindheit. Bei meiner ersten Begegnung mit dem Spiel war ich Kiebitz. Mein Vater spielte mit meinem Großvater am Sonntagnachmittag Schach. Ernst Benedikt, mein Großvater, der ehemals großbürgerlich-jüdische Zeitungsherausgeber, war Anfang der 1960er-Jahre aus dem schwedischen Exil zurückgekehrt. Mein Vater war ein Wiener Arbeiterkind aus kommunistischer Familie. Die Frage war stets, ob sich die beiden etwas zu sagen hätten. Es gab für die beiden zwei Themen: das eine war beim Mittagessen der Streit um Bertolt Brecht, das andere war Schach. Als Kind durfte ich die Figuren für ihre Partien aufstellen. Ein weißer Bauer fehlte. Wir mussten stattdessen einen Salzstreuer ins Spiel bringen. Mit diesem profanen Gegenstand konnten also, dachte ich als Kind, im heiligen Areal des Spiels die Züge gemacht werden. Seitdem muss mir niemand mehr erklären, dass sich – siehe Wittgenstein – die Bedeutung der Dinge aus dem Gebrauch ergibt. Am Schachbrett fanden Vater und Großvater eine Möglichkeit, miteinander zu kommunizieren. Schach ist ein regelrechtes Toleranzmedium. Es geht weder um Geschlecht noch um Herkunft oder Sprache. Es gibt eine Anekdote dazu: Lange bevor Wilhelm Steinitz 1886 zum ersten Schachweltmeister wurde, spielte er als mittelloser Student in der Wiener Schachgesellschaft. Am Nebentisch spielte der steinreiche Baron von Epstein, der dafür bekannt war, sich am Brett lautstark zu artikulieren. Steinitz fragte: ‚Können Sie bitte ein bisschen leiser schreien?‘ Da explodierte Epstein: ‚Wissen Sie denn, wer ich bin?‘ Steinitz Antwort: ‚Natürlich, weiß ich das, Sie sind der Baron Epstein, aber hier im Schachklub bin ich der Baron Epstein.‘ Schach ist wie Jazz: Hier! Spiel! Jetzt! Egal, ob du draußen eine große Nummer bist. Am Brett sind alle gleich.“  
Ist Schach eine Droge?
„Durchaus, bei Überdosierung. Schach ist zugleich ein Medium des Trostes, wie gesagt, es ist ein Vehikel der Toleranz: Man lernt am Schachbrett, miteinander umzugehen. Das Leben muss aber immer stärker sein als das Spiel. Wenn der tägliche Absprung aus den 
64 Feldern nicht gelingt, ist die Droge Schach massiv und gefährlich. Zu Beginn macht man im Schach leicht große Fortschritte. Mit steigender Qualifikation und Rating-Zahl werden diese Fortschritte allerdings ungemein zeitintensiv. Ich bin vom Schach noch immer fasziniert, aber ich muss nicht mehr unbedingt gewinnen. Unter allen Spielen nimmt Schach eine besondere Stellung ein. Seit dem siebten Jahrhundert wird weltweit Schach gespielt, es durchlief unterschiedliche kulturelle Passagen – von Persien beziehungsweise Indien über den Maghreb bis nach Europa. Die interessante Frage dabei: Warum wurde gerade dieses Spiel im Lauf der Zeit nicht vergessen? Vielleicht deshalb, weil Schach welthaltig ist. Mithilfe des Ensembles aus Figuren mit sechs verschiedenen Gangarten auf dem acht mal acht Felder umfassenden Brett lassen sich ständig neue Geschichten generieren. Die Welt wird dabei ins Liliput des Schachspiels transformiert. Es gibt jedoch keine verkehrtere Idee als jene, dass die Welt wie ein Schachspiel funktioniert. Schach ist, wie jedes Märchen, viel zu schön, um wahr zu sein. Schach vermittelt uns die Idee einer rational geordneten, intelligiblen Welt, der die Würfel des Schicksals nichts anhaben können. Das Leben ist ein Spiel? Wer das sagt, ist, mit Verlaub, gefährlich oder ein Narr. Das Leben, Kriege oder die Wirtschaft sind keine Spiele. Das ist neoliberale Idealisierung, welche eine Zweckrationalität im Leben dekretiert, die es nicht gibt: Wenn das Spiel die Metapher für unser gesamtes Leben ist, dann wäre dieses Leben kalt und herzlos.“
Warum ist Schach so kompliziert?
„Jedes Gespräch zwischen zwei Menschen ist viel komplizierter als Schach. Das Spiel hat klare Ziele, Pläne und Felder. Das Leben, die Wirtschaft, der Krieg und die Liebe funktionieren natürlich nie nach diesem Muster. Schach mag faszinieren, aber es ist ein eingeschränktes Modell der Welt, jede Schachpartie ist die Simplifizierung von Welt. Kompliziert ist ein Gespräch unter Freunden und Liebenden, wo es keine klaren Pläne und Ziele und kein Gewinnen gibt. Schach hat einen besonderen Grad an Komplexität. Ein russischer Großmeister erklärte mir einst auf meine Frage, warum ihn dieses Spiel seit 50 und die Menschheit seit 1500 Jahren fasziniere: ‚Schach ist zu schwer für uns Menschen, aber nur ein bisschen.‘ Wir tappen auf dem Schachbrett in ein kinetisches Labyrinth hinein. Wir können zwar  nicht sehr weit sehen, und wissen das, aber wir sind auch nicht ganz blind. Schach hat ein Maß an Komplexität ausgebildet, das den beschränkten Möglichkeiten des Menschen angemessen ist. Das Spiel ist nicht derart einfach, dass sich Dinge wiederholten. Es ist aber auch nicht so kompliziert, dass man nur im Dunkeln tappt. Noch jeder Versuch, die Spielregeln komplizierter zu machen – siehe die Erweiterung auf zehn mal zehn Felder oder Spocks dreidimensionaler Versuch auf dem ‚Raumschiff Enterprise‘ –, scheiterte. Das ideale Maß an Komplexität ist die Garantie dafür, dass das Spiel bis heute nicht vergessen wurde.“
Das Match Carlsen vs. Niemann: Tragödie oder Komödie?
„Falsch gespielt wurde immer, der Betrug ist so alt wie das Spiel selbst. Die aktuelle Affäre verweist in das Wien des 18. Jahrhunderts. Die erste große Täuschung war der Schachautomat des Barons von Kempelen. 1769 präsentierte Kempelen einer verblüfften Öffentlichkeit am Hofe Maria Theresias den sogenannten Schachtürken, einen Spielautomaten, der jeden besiegte. In der Maschine war ein Mensch verborgen, heute ist es vielleicht umgekehrt. Der Bluff gehört zum Regelwerk. Poker ohne Bluff ist schlechterdings unmöglich, im Fußball ist Foulspiel durchaus eine legitime Strategie. Im Fall von Carlsen versus Niemann geht es indes um veritablen Betrug. Bei Niemann gibt es Auffälligkeiten: Sein Aufstieg in den vergangenen zwei Jahren funktionierte erstaunlich reibungslos, ohne Auf und Ab, ohne Einbrüche und Rückschläge. Sein Spiel ist in vielen Partien unglaublich präzise und fehlerlos, wie es nur Computer können. Menschen können zwar in der Lage sein, ein paar Mal hintereinander den allerbesten Zug zu finden, allerdings ist Niemanns Exaktheit insofern erstaunlich. Und es ist erstaunlich, dass einer seiner Vertrauten, ein russischer Großmeister, schon vor zehn Jahren öffentlich darüber nachdachte, wie man durch Schachcomputer einen nicht beweisbaren Betrug durchführen könnte. Allerdings lag und liegt noch immer kein Beweis gegen Niemann vor. Durch Carlsens Reaktion auf seine Niederlage setzte ein wildes, fast schon geiles Spekulieren ein. Das Internet tremoliert seit damals. Neben der Ukraine und Corona war Schach in den Medien plötzlich Spitzenmeldung. Carlsen gab die Partie gegen Niemann nach dem ersten Zug auf – eine grobe Unsportlichkeit. Damit aus der Affäre Niemann keine Affäre Carlsen wird, wurde der Norweger in einer öffentlichen Erklärung jetzt konkreter – und unterstellte Niemann offen Betrug. Ein kluges Manöver: Nun ist Niemann am Zug, er muss Carlsen klagen.“ 
Sind Computer die besseren Schachspieler?
„Vor 70 Jahren prognostizierte Alan Turing, einer der Väter der Computertechnik, dass es in einem halben Jahrhundert Schachprogramme geben werde, denen alle Menschen unterlegen seien. Turing hatte recht. Jedes handelsübliche Handy spielt heute stärker als ein Großmeister – eine astreine narzisstische Kränkung der Menschen. Früher rätselte man mitunter jahrzehntelang, weshalb ein Großmeister diesen oder jenen Zug gespielt hatte. Heute kennt mein Handy in Sekundenschnelle den besten Zug, beim Kiebitzen ist heute die spannende Frage, ob die Spielenden diesen Zug finden werden oder nicht. Die Diskussion um Betrug im Schach ist die Spätfolge dieser narzisstischen Kränkung. Zu Zeiten Karpows und Kasparows wurden die Computer so programmiert, dass sie wie Menschen spielten. Die jungen Großmeister von heute kopieren den Spielstil der Maschinen. Es ist ein unglaublich scharfes und kompliziertes Spiel entstanden, bei dem jede Form von strategisch-ästhetischer Reflexion in ein taktisches Denken übergeht. Es gibt keine großen Theorien mehr, nur mehr Taktik.“ 
Sind Schachgroßmeister heilige Monster?
„Schach ist eine kühle Form der Geselligkeit, die zumeist nur eine spezifische Öffentlichkeit betrifft. Man muss das Spiel schon kennen, weil es sonst bloßes Geschiebe von Holzstückchen über ein Brett ist. Ich muss nicht Fußball spielen, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie das Spiel mit dem Ball funktioniert. Dennoch gibt es Schachstars, die aus dem engen Spielzauberzirkel in die Welt hinüberleuchten – siehe Fischer, Carlsen, Spasski, Judit Polgár. Auch als Außenstehender erkennt man bald, dass bei diesen Spielerinnen und Spielern eine besondere Hingabe an ihr Metier herrscht. Die kann gefährlich sein, aber auch stabilisierend. Es gibt den alten Satz: ‚Schach hält Verrückte länger gesund.‘ Stark gefährdete Personen wie Bobby Fischer wurden nicht durch Schach verrückt. Im Gegenteil: Er konnte seine Paranoia und Verschrobenheit durch das eingeschränkte Modell der Welt auf dem Schachbrett besser kontrollieren, zumindest eine Zeit lang.“

Ernst Strouhal, Michael Ehn: S/Madness.

Album Verlag. 605 S., EUR 36,–

Wolfgang   Paterno

Wolfgang Paterno

ist seit 2005 profil-Redakteur.