Der Fall Murer: Rosen für den Mörder

Der Fall Murer: Rosen für den Mörder

Der Freispruch für den NS-Kriegsverbrecher Franz Murer 1963 ist nun verfilmt worden. Mit Christian Froschs Justizdrama eröffnet die Diagonale ihre diesjährige Ausgabe. Offen bleibt: Gab es im Fall Murer politische Interventionen?

Alle Blumengeschäfte nahe des Grazer Gerichtsgebäudes waren leergekauft. "Blumenstrauß um Blumenstrauß wurden ihm überreicht, als er sich den Weg zum Auto bahnte", schrieb ein Augenzeuge der Szene. Am Steuer des vorgefahrenen Mercedes, der Franz Murer an einem Junitag des Jahres 1963 nach Hause brachte, saß sein Freund Richard Hochrainer, der kurz zuvor in einem fragwürdigen Prozess vom Vorwurf der Anstiftung zum neunfachen Judenmord freigesprochen worden war. "Rosen für den Mörder" nennt der Historiker Johannes Sachslehner sein jüngstes, bei Molden erschienenes Buch, in dem die Gerichtsverhandlung um Murer noch einmal aufgerollt wird. Sie war beispielhaft für den Umgang Nachkriegsösterreichs mit dem Nazi-Grauen. "Murer - Anatomie eines Prozesses" heißt der Eröffnungsfilm der am Dienstag dieser Woche beginnenden Grazer Diagonale. Tags darauf wird Christian Froschs packende Aufarbeitung des Justizdramas im Wiener Gartenbaukino als profil-Premiere zu sehen sein, ab Freitag läuft sie regulär in heimischen Kinos.

Franz Murer, Jahrgang 1912, kam aus bescheidenen Verhältnissen. Seine Eltern waren "Keuschler" in St. Lorenzen ob Murau, er war eines von 13 Kindern. Als die Eltern Murers einen Hof übernahmen, bedeutete das nur formal einen Aufstieg: Der Verfall der Preise für Holz und Agrargüter führte zu wachsender Verarmung in der Landwirtschaft. Die Schuldigen waren bald gefunden, das Wort "Judenknechtschaft" ging auch den katholischen Bauernbündlern leicht von den Lippen. Mit 18 trat Murer in den Dienst der Forstdirektion der Schwarzenbergs in Murau. Er bewährte sich und erhielt einen Verwalterposten im Gut Marienhof im burgenländischen Nikitsch. Dort hatte er es meist mit Kroaten und Ungarn zu tun, aber sein Blick richtete sich nach Deutschland, wo Adolf Hitler die Macht übernommen hatte.

Sechs Wochen nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Österreich trat Murer der NSDAP bei. Paul Kiss, NS-Kreisleiter von Oberpullendorf, empfahl Murer weiter. Der nunmehr 26-Jährige bekam einen Platz in der Ordensburg Krössinsee in Pommern, einer NS-Führerschule. Zurück in der Steiermark heiratete Murer 1940 die Bauerntochter Elisabeth Möslberger aus Gaishorn bei Trieben. Zu seiner Hochzeit trug er Uniform und Hakenkreuzbinde. Im selben Jahr machte er den Frankreich-Feldzug mit. Nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion erinnerte man sich an den jungen Mann aus der "Führerschule". Im August 1941 wurde Murer Stellvertreter des Gebietskommissars von Wilna (heute Vilnius) in Litauen. Er war damit eigentlich Teil der Zivilverwaltung, trug aber eine goldbraune Uniform und Pistole.

In Wilna lebten rund 80.000 Juden, ein Viertel der Bevölkerung. Nur ein paar Hundert kamen lebend davon. Einige von ihnen sagten 20 Jahre später aus, als in Graz über Murer zu Gericht gesessen wurde; sie nannten ihn den "Schlächter von Wilna". Dabei war Murer schon einmal verurteilt worden. Simon Wiesenthal hatte ihn 1948 auf dem Hof seines Schwiegervaters in Gaishorn aufgespürt, die britische Besatzungsmacht übergab ihn den Sowjets. In der mittlerweile litauischen Sowjetrepublik war er zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Aber bereits 1955 war Murer wieder in Gaishorn, der Staatsvertrag hatte auch die Überstellung der Kriegsverbrecher vorgesehen, freilich unter der Auflage, dass ihnen zu Hause der Prozess gemacht werde.

Murer – Anatomie eines Prozesses – Trailer

Im Fall Murer geschah dies nicht. Als Wiesenthal die österreichische Justiz 1960 damit konfrontierte, reagierte sie unwillig: Murer sei sieben Jahre in Sowjet-Gefangenschaft gewesen, das zähle dreifach. Wiesenthal müsse für einen neuen Prozess Beweise bringen, die bisher nicht bekannt seien. Er trieb die Zeugen auf. Der Film "Murer -die Anatomie eines Prozesses" zeichnet ihre Aussagen nach. Da war etwa Leon Schmigel, der mit seinem Sohn Abraham außerhalb des von den Nazis eingerichteten Ghettos arbeiten durfte. An einem Oktoberabend des Jahres 1941 versuchten Leon und Abraham, eine Kartoffel , etwas Fleisch und Butter ins Ghetto zu schmuggeln. Abraham stand vier Mann vor seinem Vater in der Schlange am Ghettotor, das Murer kontrollierte. Er fand die Kartoffel. "Murer hat zu meinem Sohn gesagt, er solle niederknien. Dann hat er den Revolver gezogen und ihm ins Genick geschossen. Mein Sohn war sofort tot."


Wenn Murer ins Ghetto kam und jüdische Werkstätten besuchte, befahl er allen Arbeitern, sich auf den Boden zu legen und wie Hunde zu bellen

Eine litauische Jüdin, die mit ihrer Kolonne zur Arbeit marschiert war und eine Passantin um Brot für ihr Baby angebettelt hatte, wurde von Murer auf der Stelle erschossen; danach feuerte er im Blutrausch in die Gruppe und tötete drei weitere Frauen. In den Spitälern gab er die Order aus, es dürften keine Kinder jüdischer Frauen mehr geboren werden, diese würden sofort erschossen. Es kam zu Tausenden Abtreibungen. "Wenn Murer ins Ghetto kam und jüdische Werkstätten besuchte, befahl er allen Arbeitern, sich auf den Boden zu legen und wie Hunde zu bellen", erzählte ein Zeuge.

Die Massenmorde fanden in Ponary, außerhalb von Wilna, statt. Bis zu 2000 Menschen wurden hier täglich erschossen. Murer bestritt alles. Sein Verteidiger Karl Böck nutzte die Erinnerungslücken der Zeugen, die oft die Farbe der Uniform oder genaue Tatzeitpunkte falsch benannten. Der Staatsanwalt agierte nicht immer geschickt. Gab es entsprechende Anweisungen des roten Justizministers Christian Broda? Hatte ÖVP-Bauernbundobmann Josef Wallner für den in Gaishorn hochangesehenen Landwirt Murer interveniert? War Richter Peyer früher NS-Mitglied? Der Film deutet all dies an, Belege dafür gibt es nicht. Wohl scheint sich Wallner für Murer verwendet zu haben, Broda hatte ihm offenbar versichert, es werde keinen Schauprozess geben. Aber den Freispruch fällten die Geschworenen. "Ich habe die Dinge so dargestellt, wie ich sie nach der Quellenlage für wahrscheinlich halte", sagt Regisseur Frosch: "Aber letztlich ist es ein Spielfilm."

Murer starb 1994. Sein Sohn Gerulf - 14 Jahre lang FPÖ-Nationalratsabgeordneter, drei Jahre lang Staatssekretär - kündigte wiederholt ein Buch an, das seinen Vater entlasten werde. Es ist nie erschienen.