Filmemacherin Schanelec: "Es ist nicht schön, jemanden zu reduzieren“

Angela Schanelec

Angela Schanelec

Die Berliner Filmemacherin Angela Schanelec über Schroffheit, Wahrnehmungsmisstrauen, Bressons Körperbilder und ihre herausfordernde neue Kino-Erzählung "Ich war zuhause, aber ...".

INTERVIEW: STEFAN GRISSEMANN

Dieses Gespräch fand im Rahmen der Viennale, Anfang November 2019 statt; das Festival hatte der Regisseurin und Autorin eine Werkschau gewidmet.
Stefan Grissemanns Text zu Schanelecs Schaffen und ihrem neuen Film "Ich war zuhause, aber ..." finden Sie in der aktuellen profil-Ausgabe.

profil: Wofür ist – für Sie persönlich – das Kino da?
Angela Schanelec: Es macht mich froh, wenn das, was ich auf der Leinwand sehe, dazu führt, dass ich mich nicht, wie im Leben oft, als verrückter, aussätziger, unnormaler Mensch fühlen muss. Ich füge mich in die Gesellschaft ein, wenn ich ins Kino gehe. Und mein Erlebnis als Zuschauerin ist der Ausgangspunkt, Filme zu machen – denn ich mache ja die Filme, die ich selbst sehen will.

profil: Sie erzählen Geschichten, aber es ist nicht immer einfach, diesen zu folgen. Wie stellt man den narrativen Zusammenhang in Ihren Filmen her?
Schanelec: Der Zusammenhang, den viele Zuschauer erwarten, ist jener, den sie gewohnt sind, wenn sie ins Kino gehen. Aber das ist keiner, der mit ihrem Leben zu tun hat, davon bin ich fest überzeugt.

profil: Sie setzen viel voraus.
Schanelec: Ich habe oft den Eindruck, dass manche Zuschauer der eigenen Wahrnehmung – und damit sich selbst – nicht trauen. Deshalb wollen sie Erklärungen.

profil: Darf man Ihr Kino lyrisch nennen?
Schanelec: Ich habe ein enges Verhältnis zur Lyrik. In meinen Filmen gibt es auch Rhythmen und Wiederholungen, womöglich sogar so etwas wie Reime – wenn man gewisse Spiegelungen so verstehen will. Aber ich denke, man würde, wenn man meine Filme lyrisch nennt, sich etwas anderes darunter vorstellen, als sie sind.


Alle Ängste, Sehnsüchte, Wünsche, die Eingang in meine Filme finden, gehen von mir aus.

profil: Weil sie nicht weich, sondern eher scharfkantig sind? Und doch sind Ihre Filme nicht aggressiv.
Schanelec: Aber bisweilen schroff. Was Lyrik ja auch sein kann. Man verbindet es nur landläufig nicht damit.

profil: Gehen Sie von sich selbst aus, wenn Sie Figuren erfinden?
Schanelec: Immer. Wie jeder, der versucht, seine Fragen auszudrücken. In „Ich war zuhause, aber“ mag es mehr autobiografische Punkte geben, aber deshalb ging ich keineswegs in höherem Maße von mir selbst aus. Alle Ängste, Sehnsüchte, Wünsche, die Eingang in meine Filme finden, gehen von mir aus.

profil: Vor allem Ihre beiden jüngsten Filme legen nahe, dass Robert Bresson zu den zentralen Figuren gehört, die Sie inspirieren
Schanelec: Bressons Form ist sehr auffallend. Es ist faszinierend, dass er eine Bildsprache entwickelt hat, die, sobald man sie selbst aufnimmt, unmittelbar an ihn erinnert. Andere, die keine derart explizite Sprache haben, aber auch wichtig sind, fallen als Referenz weniger auf. Aber es ist schon wahr, dass ich Bresson einzigartig finde.

ICH WAR ZUHAUSE, ABER... Trailer Deutsch German (2019)

profil: Das oft monotone, antirealistische Sprechen in Ihren Filmen scheint ebenfalls auf Bresson zu verweisen.
Schanelec: Ich halte es weder für monoton noch für antirealistisch.

profil: Wie würden Sie den Tonfall Ihrer Schauspieler nennen? Neutral?
Schanelec: Auch nicht. Wenn ich jetzt gerade zu Ihnen spreche, wie ich es tue, verstehen Sie mich.

profil: Aber Sie klingen doch anders als die Menschen in Ihren Filmen.
Schanelec: Vielleicht, weil ich Ihnen etwas erklären möchte. Ich versuche, mich deutlich zu machen, das ist etwas, was die Figuren in meinen Filmen meist nicht kümmert.

profil: Wie instruieren Sie Ihre Schauspieler, was das Sprechen der Texte betrifft?
Schanelec: Ich gebe ihnen beim Casting schon die Dialogtexte, und dann höre ich mir an, was diese Texte mit den Menschen machen. Danach weiß ich schon viel.

profil: Bitten Sie Ihre Darsteller beim Drehen nicht oft darum, weniger Emphase einzubringen?
Schanelec: Das hab ich früher oft getan. Inzwischen versuche ich das auszuschließen. Denn es ist nicht schön, jemanden zu reduzieren. Es ist schöner, jemanden zu finden, für den diese Art des Spielens nicht weniger bedeutet, sondern mehr.

profil: Es geht um Verdichtung, nicht um Reduktion?
Schanelec: Es geht darum, zu einem Zustand zu kommen, an dem einem die Worte nur noch aus dem Mund rausfallen, weil man nichts anderes mehr tun kann.


Es wird immer mehr Film gemacht, aber leider immer mehr der gleiche Film.

profil: Man kann als Schauspieler doch immer noch mit Gesten nachhelfen.
Schanelec: Eigentlich muss ich die Texte so schreiben, dass die Akteure gar nicht erst damit anfangen. Dass sie sich nur von dem Text führen lassen können.

profil: Ihre Filme sind stark kontrolliert, präzise choreografiert. Spürten Sie von Anfang an eine große inszenatorische Gewissheit oder Sicherheit?
Schanelec: Es gab jedenfalls ein großes Bedürfnis, Konventionen wie Schuss-Gegenschuss zu vermeiden. Ich wollte besser verstehen, was da eigentlich passiert: also für jeden Moment einen bestimmten Blickwinkel wählen – und diesen so lange beizubehalten, bis ich jenen Moment nicht mehr erzählen kann. Dann wähle ich einen anderen Blickwinkel.

profil: Ihr Stil ist ausgeprägt, aber Manierismen sind Ihnen fremd; Sie setzen keine auffälligen Zeichen der „Innovation“.
Schanelec: Das hat auch damit zu tun, dass viele filmischen Manierismen von anderen schon ausprobiert worden sind. Formale Entscheidungen haben ihren Ursprung nicht zwangsläufig in intellektuellen Konzepten, sondern entspringen einem Bedürfnis. Etwa jenem, den Körper zu fotografieren, wie auch Bresson es getan hat. Als ich das in „Der traumhafte Weg“ so deutlich gemacht habe, war mir egal, ob mir jemand eine eigene Bildsprache absprechen würde. Ich wollte einfach den Körper fotografieren. Bresson hat seine Formensprache nicht entleert. Sie existiert ja nach wie vor.

profil: Also kann man sie benutzen.
Schanelec: Ja, aber das tut kaum jemand. Ich finde es absolut frappierend, dass die Filmsprache sich immer weiter reduziert hat. Es wird immer mehr Film gemacht, aber leider immer mehr der gleiche Film.

profil: Halten Sie den Text, der in Ihren Werken ist, für ebenso wichtig wie das Bild?
Schanelec: Im Film nicht. Ich habe ja auch Drehbücher geschrieben, in denen es kaum Dialoge gab, „Plätze in Städten“ beispielsweise. Ich habe aber viel geschrieben, ehe ich begonnen habe, mich mit Filmbildern zu befassen. Deshalb tauchen früh viele Texte auf. Ein Zugang zum Kino für mich war eben Dialog, auch durch das Theater. Das Bild dazu musste ich erst finden, das ging viel langsamer. Das ist vielleicht anders bei jemandem, der erst fotografiert, ehe er zum Kino kommt.

profil: Trauern Sie dem analogen Drehen nach?
Schanelec: Ja, sehr. Aber das ist eine Frage des Geldes. Ich würde gerne wieder auf Filmmaterial drehen. Aber je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger wird es, desto weniger Verständnis gibt es in der Filmförderung für solche Präferenzen.