Flake von Rammstein: „Auf Müllplätzen fühle ich mich wohl“

Rammstein-Keyboarder Flake

Rammstein-Keyboarder Flake

Tastenficker wurden in der DDR die Keyboarder genannt: Christian Lorenz alias Flake gehört als Keyboarder und Komiker der Band Rammstein zu den erfolgreichsten Künstlern Deutschlands. Nun hat er seine Lehr- und Wanderjahre aufgeschrieben. Mit profil sprach Flake über seine Kindheit und Jugend in der DDR, über die soeben erschienene Biografie „Der Tastenficker“, Alkoholprobleme und warum er dem Sozialismus noch eine Chance geben würde.

profil: In der Autobiografie, die Sie gerade veröffentlicht haben, erzählen Sie von Ihren Niederlagen im Ostberlin der 1970er- und 1980er Jahre. Ihr Weg war das konstruktive Scheitern?
Flake: Ich habe mich immer treiben gelassen. Da ich kein erklärtes Ziel vor Augen hatte, gab es für mich auch kein Scheitern. Ich fühle mich auch nicht als gescheitert. Ich wollte den Leuten mit meiner Biografie klar machen, dass es nicht sinnvoll ist, immer so strebsam zu sein.

profil: Das Buch wirkt wie ein Schelmenroman. Haben Sie literarische Vorbilder?
Flake: Ich fand die Erinnerungen des britischen Radio-Moderators John Peel herzerwärmend. Allerdings starb er nach dem dritten Kapitel, das hat mich dazu bewogen, meine Biografie doch lieber schnell zu schreiben.

profil: Mit Ihrer Biografie gehen Sie ziemlich schonungslos ins Gericht.
Flake: Die Idee war, allen Menschen Mut zu machen, die mir ähnlich sind. Gerade die Leute, die in der Jugend nicht ernst genommen werden, oder keinen richtigen Plan haben, haben es heute richtig schwer. Auf Unterstützung dürfen diese Menschen nicht hoffen. Ich will den Menschen sagen, dass sie sich entspannen können. Wenn sie glücklich sind, mit dem was sie machen, dann ist das auch gut so.

profil: Ihr Buch ist auch ein Zeitgeschichte-Dokument über die DDR. Wollten Sie diese Erinnerung bewahren?
Flake: Auf jeden Fall. Aktuell gibt es ein Bild von der DDR, das geprägt wird von Leuten, die nie in der DDR waren, weil sie entweder noch zu jung waren, oder damals in Westdeutschland gelebt haben. Jetzt werden Wahrheiten über dieses Land verkündet, die ich so gar nicht erlebt habe. Dieses Bild versuche ich, so gut ich kann in Ordnung zu rücken.

profil: Was stört Sie an der aktuellen Geschichtsschreibung?
Flake: Mich stört dieses Bild vom Unrechtsstaat. Dass alle Menschen von einer Diktatur unterdrückt worden sind und dabei mundtot gemacht wurden. Mich stört auch diese Vorstellung, dass das Land angeblich wirtschaftlich völlig am Boden lag und Menschen regelrecht eingesperrt wurden. So war das wirklich nicht.

profil: Letztes Jahr wurde der 25. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert. Haben Sie wehmütig zurückgeblickt?
Flake: Ich habe es nicht als Feiertag empfunden. Ich bin aber Realist genug, um einer Sache nicht unnötig nachzutrauern. Ich habe mich mehr gewundert, dass der Mauerfall wirklich schon 25 Jahre zurückliegt. Meine Erinnerungen an die DDR sind noch ganz frisch und lebendig.


Ich persönlich finde den Sozialismus, wie er in der DDR gelebt wurde, vom Grunde her völlig gut und richtig

profil: Ist Ihnen mit dem Ende der DDR ein Stück Identität verloren gegangen?
Flake: Es wurde ja nach der Wende krampfhaft versucht, alles was an den Osten erinnert, verschwinden zu lassen. So wurde völlig grundlos der Palast der Republik abgerissen, alle Denkmäler und Gebäude, die etwas mit der DDR zu tun hatten, wurden blitzschnell vernichtet. Die Erinnerung an dieses Land sollte möglichst schnell ausgelöscht werden. Das spüre ich, und das stört mich auch sehr.

profil: Haben Sie deshalb den Prenzlauer Berg nie verlassen?
Flake: Der Ort und das System haben ja wenig miteinander zu tun. Für mich gab es bisher keinen Grund von hier wegzuziehen. Wo sollte ich hingehen? Es gibt auch keinen Ort, der mir besser gefällt.

profil: Sie schreiben, der Kapitalismus funktioniere nicht. Ihre ideale Staatsform bleibt der Sozialismus?
Flake: Ich persönlich finde den Sozialismus, wie er in der DDR gelebt wurde, vom Grunde her völlig gut und richtig. Es war wohl schwierig, ihn bei den Menschen durchzusetzen. Aber ich würde es gerne noch mal probieren.

profil: Laufen Sie als Keyboarder bei Rammstein, einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Bands aller Zeiten, nicht Gefahr, dieser mit Ihrer Offenheit zu schaden?
Flake: Ich habe nichts zu verlieren. Ich will die Menschen etwa vor den Gefahren des Alkohols warnen – und das geht nur, wenn ich aus meinem Leben erzähle. Die Ehrlichkeit ist mein Mittel.


Ich bin in einer alkoholgeprägten Welt aufgewachsen

profil: War Ihr Alkoholismus eine Realitätsflucht?
Flake: So lustig das vielleicht klingen mag: ich habe mich aus Freude und Abenteuerlust betrunken. Man kam mit lustigen Leuten zusammen, ging zu Konzerten und war ständig am Trinken. Aus Frust oder einem Gefühl der Enge habe ich mich nie betrunken. Außerdem war es in der DDR selbstverständlich, Alkohol zu trinken. In jedem Büro stand Schnaps, die Lehrerzimmer der Schulen waren verqualmt und mit Alkohol gebunkert. Auch dass die Lehrer schon um 12 Uhr mittags ihren Schnaps getrunken haben, war völlig normal und akzeptiert. Ich bin in einer alkoholgeprägten Welt aufgewachsen. Alkohol wurde wie Kaffee getrunken.

profil: Sie stehen unterschiedlichsten musikalischen Genres offen gegenüber. In Ihrer Biografie deklarieren Sie sich als Blues-Fan und haben vor Rammstein auch in diversen Ost-Punk-Bands wie Feeling B gespielt. Was ist Ihnen wichtig an der Musik?
Flake: Die Musik muss einen berühren. Und das geht nur, wenn die Musik von Herzen kommt. Die Kunst ist, Musik nur der Musik willens zu machen. Wenn man von vornherein nur an einen kommerziellen Erfolg denkt, wird es nicht klappen. Auch Rammstein macht Musik, die von Herzen kommt – und eben auch genau so klingt, wie wir uns das vorstellen.

profil: Sie schreiben, als Blues-Fan hätten Sie vor allem die erzählten Arbeiterbiografien interessiert. Wie arbeiten Sie selbst?
Flake: Als Person bin ich unbeschreiblich faul. Folglich mache ich das, was gemacht werden muss, besonders schnell und effektiv. Auch mein Buch ist so entstanden. Das Schreiben war nicht das Schwierige, die eigentliche Aufgabe lag darin, mir gewisse Erinnerungen wieder ins Gedächtnis zu holen und zu ordnen.


Irgendwann schreibe ich aber auch ein Buch über Rammstein

profil: Sie suchen auf Ihren Tourneen mit Rammstein gerne sonderbare Orte auf. Den Geburtsort von Neil Young zum Beispiel, oder auch Schrottplätze. Suchen Sie nach etwas bestimmten?
Flake: In diesen Orten liegt eine absolute Schönheit – aber auch ein großer Frieden. Gerade auf Müllplätzen fühle ich mich wohl. Ob diese Orte etwas Mystisches haben, kann ich nicht sagen. Öffentliche Sehenswürdigkeiten und Touristen-Plätze sind für mich todlangweilig.

profil: Rammstein erwähnen Sie in Ihrer Biografie kaum. Warum nicht?
Flake: Ich wollte ja auch eine Biografie über die Band schreiben. Ich habe mich nur mit den anderen Mitgliedern noch nicht geeinigt, wie viel Mitspracherecht sie bekommen sollen. Uns allen kann man es kaum recht machen. Deshalb habe ich meine eigene Geschichte mal vorgezogen. Irgendwann schreibe ich aber auch ein Buch über Rammstein.

Flake, 48
Christian Lorenz alias Flake ist seit 21 Jahren als Keyboarder in der Band Rammstein aktiv, die nicht nur im deutschsprachigen Raum aktiv, sondern vor allem in den USA und Südamerika kommerziell erfolgreich ist. Flake wuchs im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg auf, absolvierte eine Lehre als Werkzeugmacher und stieß 1983 zur legendären Ost-Punk-Band Feeling B.

Flake: Der Tastenficker. An was ich mich so erinnern kann. Schwarzkopf & Schwarzkopf. 392 S., EUR 20,60