François Lelord: "Menschen können nicht dauerhaft glücklich sein"

François Lelord: "Menschen können nicht dauerhaft glücklich sein"

Der französische Psychiater und Schriftsteller François Lelord über die Verfilmung seines Bestsellers "Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück", Depressionen und die Suche nach dauerhaftem Glück.

Interview: Salomea Krobath

profil: Warum bereitet uns das Glück heute so viel Stress?
François Lelord: Als ich "Hectors Reise“ schrieb, gab es kaum Glücksratgeber. Heute ist Wohlbefinden in eine Art Druck ausgeartet. Früher reichte es, wenn die Familie versorgt war und man über die Runden kam. Heutzutage muss man sich von anderen abheben. Glück nicht zu erreichen, wird als eigenes Versagen gedeutet.

profil: Wie hat sich das Glückskonzept gewandelt?
Lelord: Verschiedene Persönlichkeiten blühen in unterschiedlichen Zeiten auf. Eine Madame Bovary wäre angesichts der Ungezwungenheit heutzutage überglücklich gewesen. Sie hätte Liebhaber gehabt, wäre nach Paris gezogen, Fashion-Journalistin geworden und hätte nächtelang durchgetanzt - ein richtiges It-Girl. Aber Persönlichkeiten, die mehr Stabilität brauchen, fühlen sich verloren in dieser Welt und brauchen ein Gefühl der Sicherheit. Daher der Boom der Glückssuche.

profil:
Warum suchen so viele Menschen ihr Glück in der Esoterik?
Lelord: Menschen streben oft nach Erfüllung in fernöstlichen Religionen, gemischt mit Esoterik und Spiritualität. Das liegt daran, dass es aus der Ferne verheißungsvoller aussieht, als es oft ist. Die katholische Kirche birgt, anthropologisch betrachtet, genauso viel Mystik und Erlösung. Eines ist mir in der asiatischen Kultur tatsächlich aufgefallen: Wer an das nächste Leben glaubt, bleibt auch entspannt, wenn es einmal länger nicht so gut läuft.

profil: Welche Menschen sind besonders untalentiert für das Glück?
Lelord: Bei Menschen mit psychischen Krankheiten und denen, die durch konkrete Trauerphasen gehen, lässt sich die Lebensqualität relativ schnell verbessern. Aber einem neuen Patiententypus ist nur schwer zu helfen: Menschen, denen nichts wirklich fehlt. Sie sind jung, gutaussehend, beruflich erfolgreich und dennoch immerzu unglücklich.

profil: Warum leiden immer mehr Menschen an Depressionen?
Lelord: Es gibt eine große Transition von einer schuldbasierten hin zur narzisstischen Depression. Früher waren Menschen depressiv, weil sie glaubten, ihren Pflichten nicht gerecht zu werden. Heute fühlen sie sich minderwertig, weil sie sich nicht verwirklichen können. In der Psychotherapie gibt es einen gewaltigen Anstieg an Borderline-Patienten. Experten vermuten, dass die Zunahme beider Syndrome daran liegt, dass den Menschen feste Strukturen und Sicherheit in der Kindheit fehlen.

profil: Ist es zu viel verlangt, nach dauerhaftem Glück zu streben?
Lelord: Menschen können nicht dauerhaft glücklich sein. Trauerphasen sind ganz wichtig, um wieder Glück empfinden zu können. Leider konzentrieren sich Menschen in dieser Zeit immer auf die Suche nach dem Glück, dabei kommt es nur, wenn man diesen Wunsch beiseite stellt, gute Beziehungen führt und auf seine Gesundheit achtet. Glück ist das Nebenprodukt, das dann entsteht.

François Lelord, 61,
arbeitet als Psychiater in Los Angeles, Paris, Hanoi und Bangkok. Am 22. August startet die Verfilmung seines ersten Romanes "Hectors Reise - Die Suche nach dem Glück“ im Kino. Das moderne Märchen über Glück und Depression beschreibt die Odyssee des liebenswürdig-chaotischen Psychiaters Hector, der auf drei Kontinenten nach dem Geheimnis des Glücks sucht. Der Roman wurde in 14 Sprachen übersetzt und besetzte wochenlang weltweit die vordersten Ränge auf den Bestsellerlisten.