"Francofonia": Im Louvre ist die Hölle los

Rekonstruktionsarbeit: Die neuen Machthaber im Pariser Louvre: Szene aus Sokurows "Francofonia".
Rekonstruktionsarbeit: Die neuen Machthaber im Pariser Louvre: Szene aus Sokurows "Francofonia".

Rekonstruktionsarbeit: Die neuen Machthaber im Pariser Louvre: Szene aus Sokurows "Francofonia".

Der russische Regiestar Alexander Sokurow denkt in "Francofonia“ über den Umgang der Nazis mit der Kunst nach - und kommt zu überraschenden Ergebnissen.

Gegen die ästhetische Verantwortungslosigkeit des kommerziellen Kinos agitiert Alexander Nikolajewitsch Sokurow seit Langem. Bedenkliche Videoware, meint der russische Filmemacher, sollte wie jede Zigarettenpackung mit einem Warnhinweis über die Gefährlichkeit des Inhalts versehen werden. Denn schlechte Kunst verwandle die Menschen, führe zu moralischen Verfallserscheinungen.

Er selbst inszeniert sich in seinem jüngsten Film als nachdenkliche kreative Kraft: Sokurow sitzt in einer Pariser Wohnung, denkt über Geschichte und Gegenwart nach und führt Skype-Gespräche mit dem Kommandanten eines in Seenot geratenen Kunsttransportschiffs. Der Umgang mit dem künstlerischen Menschheitserbe ist Sokurows Thema: Sein Kino-Essay "Francofonia“ sorgte im Rahmen der Filmfestspiele in Venedig 2015 - wo er vier Jahre zuvor für seine "Faust“-Variation den Goldenen Löwen erhalten hatte - für eine gewisse Irritation.


Wenn wir uns den Menschen mit Vorurteilen nähern, werden wir gar nichts begreifen.

Der Film berichtet unter anderem von der durchaus nicht fruchtlosen Beziehung zwischen dem einstigen Louvre-Direktor Jacques Jaujard (1895-1967) und dem aristokratischen Kunstschutz-Gesandten der Nazis, Franz Wolff-Metternich (1893-1978), im besetzten Paris. Gemeinsam bringen die Männer in den Jahren 1940 bis 1942 die Schätze des Louvre in französischen Schlössern in Sicherheit.

Francofonia“ (Österreich-Kinostart: 7. Jänner) überrascht mit radikalen Gedankensprüngen und unbändiger Fabulierlust: Sokurow zeigt einen hochkultivierten NS-Beamten (Benjamin Utzerath), der sich dem Louvre-Chef (Louis-Do de Lencquesaing) bald freundschaftlich verbunden fühlt. Eine Provokation will Sokurow, der Anfang Dezember vergangenen Jahres in Wiens Russischem Kulturinstitut für ein profil-Gespräch zur Verfügung stand, in dieser unerwarteten Nahaufnahme eines Nazis nicht sehen: "Die Kunst ist nicht die Staatsanwaltschaft. Wenn wir uns den Menschen mit Vorurteilen nähern, werden wir gar nichts begreifen.“

Die Geschichte des Zweiten Weltkrieges sei ohnehin "viel komplexer, als öffentlich meist dargestellt“. Die einzige Aufgabe des Künstlers sei es eben, "die Menschen zu verstehen - sofern wir es mit Menschen zu tun haben. Denn wenn wir es mit Tieren zu tun haben, liegt die Sache natürlich anders: Tiere sollten in den Wäldern leben, nicht in den Städten.“ Alexander Sokurow spricht bisweilen in Parabeln.


Museen sind die Universitäten, die wir ein Leben lang besuchen.

In bizarr nachsynchronisierten Aufnahmen zeigt er den Besetzer Hitler bei seiner Ankunft im menschenleeren Paris. Nicht zum ersten Mal befasst sich Sokurow, 64, in Sibirien geboren, mit der nationalsozialistischen Historie. Eine albtraumhafte Studie der Psyche Hitlers hatte er 1999 mit dem Film "Moloch“ vorgelegt; und erneut dringt er nun in ein weltberühmtes Museum ein.

In der virtuos durchchoreografierten Doku-Fiktion "Russian Ark“ durchstreifte er bereits 2002 mit einer Steadicam die Petersburger Eremitage - ohne Schnitt, in einer einzigen, gut 90-minütigen mobilen Einstellung. Eine Art obsessive Bindung an Kunsthäuser gibt er zu: "Museen sind Lehranstalten. Man beginnt seine geistige Ausbildung in der Schule, setzt sie vielleicht an der Universität fort - und für den Rest unseres Lebens lehren uns dann die Museen alles Wesentliche. Kultur können wir uns nirgendwo sonst so umweglos aneignen. Museen sind die Universitäten, die wir ein Leben lang besuchen.“

Die Zeitschichten überlagern einander in "Francofonia“, einer tatsächlich sehr französisch anmutenden, an Alain Resnais’ Kunstbetrachtungsfilme und Jean-Luc Godards freie Kinoassoziationen erinnernde Arbeit. Ein Napoleon-Stellvertreter wandert gemeinsam mit Frankreichs Revolutions- und Nationalheiliger Marianne durch den Louvre, sie schwelgen in Gemälden und Architektur, in den Geschichten, die sich nur dem genauen Blick auf die Kunst offenbaren.


Das Ziel jeder Zivilisation ist es, Kultur zu schaffen und zu bewahren.

Die Frage, wie viel historische Recherche in "Francofonia“ steckt, beantwortet Sokurow klar: "Hier ist alles Fantasie, alles ausgedacht. Dies ist kein Dokumentarfilm, sondern eine künstlerische Reflexion, auch wenn die Auftretenden konkrete, uns gut bekannte Persönlichkeiten sind. In der künstlerischen Form geht es nicht darum, wie Sie über eine Straße gehen, sondern wo Sie ankommen.“

Die Feinzeichnung der psychologischen und biografischen Hintergründe seiner Figuren war nicht Sokurows erstes Ziel. "Ich ging an, Francofonia‘ heran, als läge vor mir eine gigantische Landkarte des Jahres 1940. Ich sehe darauf Deutschland, Frankreich, Belgien, den Rest Europas. Ich sehe die Verteidigungspositionen der Armeen, die besetzten Länder. Die Welt vor meinen Augen beginnt zu kochen. Was spielt sich in Paris, Berlin und London ab? Was ist das Wesentliche? Für mich ist die Kultur das Wichtigste in diesen Städten. Dafür existierten alle Völker und Staaten.


Ich suggeriere, dass man bis zum letzten Moment Widerstand leisten kann, wenn sich die Möglichkeit dazu bietet.

Das Ziel jeder Zivilisation ist es, Kultur zu schaffen und zu bewahren. Ich sehe also Paris. Im Zentrum der Stadt befindet sich der Louvre. Ich sehe vor dem Museum einen Mann im grauen Anzug. Es ist der Leiter dieses Hauses. Ich beginne, Dokumente über ihn zu suchen. Er wird sich mit den neuen Machthabern auseinandersetzen müssen. Ihm wird ein anderer Mann zugeteilt werden, ein Graf, wie ich in den Dokumenten lese: Welche Biografie hat er? Die beiden Männer sind fast gleich alt, haben Fronterfahrung, noch aus dem Ersten Weltkrieg. Vielleicht waren sie einander damals schon nahe. So entsteht Schritt um Schritt das dramaturgische Konzept.“

Es gehe bei einem Kunstwerk, egal ob es sich um einen Roman, eine Sinfonie oder ein Theaterstück handle, stets um das Finale. "Es kommt auf die letzte Seite, die letzte Note, die letzte Tat des Helden an. Die Figur des Wolff-Metternich in meinem Film ist natürlich idealisiert, sehr positiv gezeichnet. Hätte er, wenn man auf ihn Druck ausgeübt hätte, die Kunstwerke aus dem Louvre nach Deutschland überführt? Oder hätte er Widerstand geleistet? Ich lege meinen Zusehern die ideale Variante nahe. Ich suggeriere, dass man bis zum letzten Moment Widerstand leisten kann, wenn sich die Möglichkeit dazu bietet.“


Ohne Mensch keine Geschichte, keine Kunst.

Bei allem Optimismus blendet Sokurow das Grauen des Zweiten Weltkrieges nicht aus: In Archivaufnahmen zeigt er, während in Frankreich für die Kunstwerke des Louvre gesorgt wird, die Toten in den sowjetischen Kriegswintern. Die humanistische Bildung seines Publikums ist für Sokurow letztlich entscheidend. "Wenn man uns vorführt, wie man moralische Siege erringt, wird es leichter für uns, wir zehren davon.“

Sokurows mäandernde Erzählbewegungen sind differenziert. Er lotet nicht nur Kunst- und Kriegsgeschichte aus, sondern auch filmische Verfahrensweisen. "Francofonia“ handelt vom Sehen selbst, von den sehr verschiedenen Qualitäten der Bildmaterialien.

Sokurow setzt Video- gegen Filmbilder, Fotos gegen Computerbilder, Drohnenaufnahmen gegen Gemälde. "Röntgenaufnahmen zeigen die Basis jedes Menschen: sein Skelett. Daran hängt alles andere: seine Organe, seine Gefühle. So ist es auch mit einem Film. Es gibt eine Konstruktion, an der alles Weitere befestigt wird: Emotionen, Gedanken über Licht, Architekturen und Künstlerschicksale. Geschichte setzt sich, wie die Kunst, aus den Biografien der Individuen zusammen. Ohne Mensch keine Geschichte, keine Kunst. Das ist alles.“