Friedrich Achleitner: "Wir waren Dilettanten"

Friedrich Achleitner: "Wir waren Dilettanten"

Der Architekturkritiker und Dichter Friedrich Achleitner über das Belauschen von U-Bahn-Gesprächen, seine Zeit in der Wiener Gruppe und warum es gar nicht einfach ist, ein Klavier zu zertrümmern.

+++Dieses Interview erschien im profil Nr. 19/2015 vom 04.05.2015. Friedrich Achleitner verstarb am Mittwoch im 89. Lebensjahr in Wien.+++

Interview: Karin Cerny

profil: Warum sind Sie nie in Pension gegangen?
Achleitner: Ich hätte mir nicht vorstellen können, daheim zu sitzen und beim Fenster hinauszuschauen. Auch meine Frau hatte schon Angst. Dann habe ich mir ein Atelier angelacht, um endlich einen Raum für literarische Projekte zu haben.


Man muss mit dem Dialekt anders umgehen. Er wurde in der NS-Zeit ruiniert

profil: In Ihrem aktuellen Buch "wortgesindel" arbeiten Sie auch mit Dialektausdrücken. Was fasziniert Sie daran?
Achleitner: Der Wiener Dialekt ist extrem reich. Nehmen Sie etwa den Ausdruck "in der Fettn". Schöner kann man das doch gar nicht sagen! Man muss mit dem Dialekt anders umgehen. Er wurde in der NS-Zeit ruiniert, indem er mit Blut &Boden-Metaphorik, mit verlogener Heimatidylle und Kitsch aufgeladen wurde. Das haben Dichter wie H.C. Artmann und Gerhard Rühm zum Glück radikal verändert.

profil: Belauschen Sie in der U-Bahn Gespräche, um Material für Ihre Bücher zu finden?
Achleitner: Eigentlich nicht. Aber ich benutze die Öffis, da schnappt man automatisch Gespräche auf. Ich freue mich besonders, wenn die Leute streiten. Dann rücke ich immer näher, da kann man deftige Ausdrücke hören. Leider habe ich nicht das Gedächtnis, mir alles zu merken.

profil: Wenn man als junger Mensch vom Land in die Stadt kommt, möchte man seinen Dialekt meist ablegen. War das bei Ihnen anders?
Achleitner: Ich hatte keine Schwierigkeiten; in Wien habe ich mich vom ersten Tag an wohlgefühlt. Als ich 1950 hierher zog, wohnte ich im 2. Bezirk, mitten unter den Russen. Man ist als Student ja nur in Russenbezirke gekommen, dort gab es die billigen Wohnungen. Gehungert haben wir damals alle. Da war noch finstere Nachkriegszeit.

profil: War der Nationalsozialismus noch stark zu spüren?
Achleitner: Natürlich. Man ist als junger Bursch ja selbst aus diesem hermetischen Klima gekommen. In fast jeder Familie gab es einen braven kleinen Nazi. Obwohl das oft keine richtigen Überzeugungstäter waren. Mein Vater war ein gläubiger Nazi. Erst nach dem Krieg realisierte er, wie schrecklich das Regime war.

profil: Wurde in Ihrer Familie über die Vergangenheit geredet?
Achleitner: Als ich älter wurde, begann ich mit meinem Vater zu diskutieren. Er war vor dem Ersten Weltkrieg als begabter Zeichner in der einzigen Mühlenbaufachschule der Monarchie. Er hatte ein Sensorium für Kunst. Ich argumentierte mit der Kunst: Es konnte nicht richtig sein, dass große Künstler als entartet abgestempelt wurden. Das sah er ein.

profil: Sie wollten ursprünglich auch Maler werden.
Achleitner: Ja, aber meine Eltern meinten, das sei ein Hungerleiderberuf. Die Leute am Land denken sehr praktisch. Ich habe also in Salzburg die Gewerbeschule besucht und danach bei Clemens Holzmeister in Wien Architektur studiert. Ich wollte aber immer schon etwas mit Literatur zu tun haben. Als Architekt war ich einfach nicht hart genug. Mir taten die Handwerker leid, wenn sie einen Blödsinn gemacht hatten. Ein Architekt kann notfalls eine Firma ruinieren. Das hätte ich nicht geschafft.


Wir waren Autodidakten und Dilettanten. Im besten Sinne, wie Egon Friedell es definierte.

profil: Wie sind Sie zur Wiener Gruppe gestoßen?
Achleitner: Ich suchte nach Kontakten in die Literaturszene. In der Klasse von Albert Paris Gütersloh an der Akademie der bildenden Künste gab es einen Zirkel, in dem sich Maler, Architekten, Bildhauer und Literaten trafen. Gütersloh kam im Monat ein Mal in die Klasse -das ist vielleicht übertrieben - und sagte einen bedeutenden Satz, mit dem wir dann eine Weile beschäftigt waren. Die Akademie war eine "Selbsterziehungsinstitution". Wir waren Autodidakten und Dilettanten. Im besten Sinne, wie Egon Friedell es definierte.

profil: Von Ihren Lehrern haben Sie nichts mitgenommen?
Achleitner: Nichts, das wäre übertrieben. Nach dem Krieg musste man vieles selbst entdecken. Unsere Lehrer haben uns nichts von den 1930er-Jahren erzählt, davon, dass es in Wien in Musik, Architektur, Kunst, Literatur eine bedeutende Moderne gegeben hatte. Für sie war das zu nah, die kamen gar nicht auf die Idee, uns das vermitteln zu wollen. Hinzu kamen die politischen Verwicklungen, viele hatten Dreck am Stecken. Also haben wir begonnen, selbst zu forschen.

profil: War es als junger Künstler damals einfach, zu provozieren, weil alles so muffig war?
Achleitner: Ich würde es so sagen: Alles, was neu und ungewohnt war, hat provoziert.

profil: Die Wiener Gruppe waren die bösen Buben?
Achleitner: Ich habe es nie so empfunden. Die Wiener Gruppe traf ich erst 1955, auf einer Party bei Arnulf Rainer. Dort lernte ich alle auf einen Schlag kennen. Auch den Filmemacher Peter Kubelka, der auch zu uns gehörte.


Ich hatte einen Motorroller, mit dem ich alle herumkutschieren konnte.

profil: Waren diese jungen Künstler nicht sehr arrogant?
Achleitner: Nein, zu mir gar nicht. Ich wurde sofort aufgenommen. Ich glaube auch zu wissen, warum: Ich hatte einen Motorroller, mit dem ich alle herumkutschieren konnte.

profil: Wie war sonst Ihre Rolle in der Gruppe?
Achleitner: Das kann ich nicht beurteilen. Man hat in Gesellschaft nie den getroffen, der er wirklich war. Nach meinem Eindruck haben damals alle Rollen gespielt. Konrad Bayer sagt man heute noch nach, er sei ein Dandy gewesen. Völliger Blödsinn. Er war ein fescher Mensch, sehr intelligent, die Frauen haben ihn hofiert. Da spielt man leicht den Dandy, auch, wenn man gar keiner ist.

profil: Privat war er anders?
Achleitner: Ein lieber und umgänglicher Mensch. Aber nur, wenn man ihn allein im Gespräch hatte. Sobald drei Leute am Tisch saßen, lief der Schmäh. Und es wurde gespielt. Das musste ich erst lernen. Eigentlich ist mir diese Verstellung nie gelungen: Ich habe immer gesagt, was ich geglaubt habe.

profil: 1959 haben sie auf offener Bühne ein Klavier zertrümmert. Warum?
Achleitner: Das Konzept des Cabarets waren "starke Ereignisse", später nannte man das, was wir machten, Happenings. Bei der zweiten Veranstaltung im Porrhaus waren bereits 600 Leute da. Ich fuhr mit meinem Roller, Gerhard Rühm am Rücksitz, in den Saal bis zur Bühne. Auf der spielte Oswald Wiener Klavier. Wir hatten extra ein sehr billiges gekauft, das nur 400 Schilling kostete. Als wir es zerhackten, weinte eine Musikstudentin. Das Klavier war im damaligen bürgerlichen Wien ein Heiligtum. Insofern war der Akt eine große Provokation.

profil: Hat die Aktion Spaß gemacht?
Achleitner: Natürlich, aber ungefährlich war die Sache nicht. Es ist wahnsinnig schwer, ein Klavier zu zertrümmern. Uns hat der Klavierbauer zum Glück gewarnt, wie gefährlich die Drähte waren. Da ist ein Auge schnell ausgeschlagen, wenn die Saiten wegfedern. Deshalb trugen wir auch Fechtmasken.


Mich haben Diskussionen über Selbstmord nie interessiert. Diese Körperfeindlichkeit war mir fremd.

profil: Konrad Bayer oder Oswald Wiener wurde ein Hang zur Selbstzerstörung nachgesagt. Wie war das bei Ihnen?
Achleitner: Mich haben Diskussionen über Selbstmord nie interessiert. Diese Körperfeindlichkeit war mir fremd. Der Tod hat mich nie beschäftigt. Ich wollte leben. Ein typischer Innviertler halt.

profil: Was sagen Sie als Architekt zur Neugestaltung der Mariahilfer Straße?
Achleitner: Die Autofahrer schimpfen, aber das macht nichts. Ich bin positiv eingestellt. Die Debatten interessieren mich allerdings nicht mehr, darüber musste ich als Architekturkritiker lange genug schreiben. Aber das Ergebnis ist gut. Es ist jetzt ein städtischer Raum, früher war es eine von Verkehr bedrängte Straße.

profil: Sie mussten jüngst krankheitshalber eine Lesung absagen. Was fehlte Ihnen denn?
Achleitner: Ich war ein Jahr lang total zerstört und lag in verschiedenen Krankenhäusern. Ich hatte eine Virusinfektion, bei der auch das Gedächtnis angegriffen war. Man verliert den Orientierungssinn, kann nicht mehr gehen. Ich war über Nacht ein Krüppel. Seitdem verstehe ich, dass alte Menschen oft grantig werden. Es ist fürchterlich, wenn einem alles wehtut. Ich merkte plötzlich, wie schnell alles vorbei sein kann.

profil: Hatten Sie schon mit Ihrem Leben abgeschlossen?
Achleitner: Nein, dafür war ich zu schwach. Ich konnte nichts mehr lesen, nichts schreiben. Habe nur so dahinvegetiert. Aber seit einem Monat geht es mir wieder gut, ich kann wieder in mein Büro. Nur manchmal habe ich Gedächtnislücken, deshalb habe ich mit Vorträgen aufgehört.

profil: Möchten Sie die Zeit nun besonders nützen?
Achleitner: Ich genieße es, wieder zu Fuß zur U-Bahn zu gehen. Ich kann Treppen steigen. Man erlebt das Leben bewusster, freut sich über jeden kleinen Fortschritt.

profil: Wollen Sie noch verreisen?
Achleitner: Das kann ich ganz schlecht, ich war am liebsten beruflich unterwegs. Eine Kreuzfahrt, das wäre mir zu langweilig. Und dann muss man den ganzen Tag lang übers Essen reden. Nur in der Sonne zu liegen, finde ich schrecklich. Ich war mit meiner Frau viel in Italien, an den Strand haben wir es in 14 Tagen nur ein Mal geschafft. Wir haben lieber die schönen Städte aufgesucht.

profil: Wie alt wollen Sie werden?
Achleitner: Wenn ich halbwegs gesund wäre, hätte ich nichts gegen 90. Da findet man noch viele Leute, mit denen man sich unterhalten kann. Ich hoffe, mein Gedächtnis macht mit. Es ist furchtbar, wenn man mitbekommt, wie man verblödet.

Friedrich Achleitner ist österreichischer Architekt, Kritiker und Autor. Er war Mitglied der Wiener Gruppe und gilt als zentraler Vertreter des modernen Dialektgedichts. 1959 erschien gemeinsam mit H. C. Artmann und Gerhard Rühm das Buch "hosn rosn baa". Von 1962 bis 1983 schrieb er Architekturkritiken für die Tageszeitung "Die Presse". Von 1965 bis 2010 arbeitete er an seinem vierbändigen Hauptwerk: "Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert".