Galerist Ropac: "Ich kann nicht behaupten, stolzer Österreicher zu sein"

Stargalerist Thaddaeus Ropac

Stargalerist Thaddaeus Ropac

Stargalerist Thaddaeus Ropac über sein unbezahltes Praktikum bei Joseph Beuys, seine Hassliebe zu Salzburg, einen Besuch bei Andy Warhol und die türkis-blaue Regierung.

Salzburg im Sommer. Schwitzende Touristen in Shorts schieben sich durch den Mirabellgarten. In der angrenzenden Villa Kast, dem vornehmen Stammhaus der Galerie Thaddaeus Ropac, ist es angenehm kühl. Es läuft gerade eine Ausstellung mit den intim-romantischen Popkulturporträts der US-Künstlerin Elizabeth Peyton; im direkt daneben liegenden Annex ist eine kleine Schau mit frühen Skulpturen und Zeichnungen der deutschen Kunstikone Joseph Beuys zu sehen. Diesen April vermeldete die Galerie einen veritablen Coup: Ropac wird die internationale Repräsentation des Nachlasses von Beuys übernehmen. Nach dessen Tod 1986 gab es immer wieder juristische Auseinandersetzungen um das Erbe.

Das profil-Interview findet im Büro des Galeristen statt, auf dem Besprechungsplatz stapeln sich Kunstkataloge; Tisch und Stühle stammen vom österreichischen Designer Roland Rainer. Beim anschließenden Fototermin inmitten der Werke von Beuys ist Ropac sympathisch unkompliziert. Auf Wunsch des Fotografen Michael Rausch-Schott wird kurzfristig eine Vitrine mit einer Beuys-Skulptur umgestellt, ein Angestellter mit weißen Handschuhen platziert eine kleine Bronze-Fruchtbarkeitsfigur vorsichtig auf dem Boden in einer Ecke.

INTERVIEW: KARIN CERNY

profil: Wann haben Sie Beuys zum ersten Mal wahrgenommen?
Ropac: Ende der 1970er-Jahre - ich war noch Schüler - fuhr ich nach Wien, im Museum Moderner Kunst wurde die Installation "Nasse Wäsche" ausgestellt: zwei Dachrinnen am Boden, mit einem Stuhl dazwischen und einer Glühbirne an der Decke. Mich hat das total irritiert, ich war verärgert, aber auch fasziniert, weil ich es nicht verstehen konnte. Es gab gerade große Diskussionen um dieses Werk, das von der Republik Österreich angekauft worden war. Viele Kunsthistoriker lehnten es massiv ab. Ich wollte nicht blind in diese Kerbe schlagen, habe mir Bücher über Beuys besorgt, bin nochmals in die Ausstellung gegangen und wollte ihn live erleben.

profil: War das schwierig?
Ropac: Er hielt kurze Zeit später einen Vortrag an der Universität für angewandte Kunst. Ich bin extra mit dem Zug nach Wien gefahren, aber der Andrang war so groß, dass sie keinen mehr hineinlassen wollten. Ich habe heftig protestiert und bin dann doch auf einem der Tische gestanden, so habe ich das Charisma dieses Mannes erlebt. Da musste man schon aufpassen, dem nicht völlig zu verfallen. Es gab damals eine intensive Beuys-Bewegung, die sehr spirituell geprägt war.

profil: Wie ist es Ihnen gelungen, bei Beuys ein Praktikum zu ergattern?
Ropac: Das war ein Jahr später, ich hatte einen kleinen Kunstraum in Lienz und wollte unbedingt Kunst studieren. Ich dachte, Beuys unterrichte noch in Düsseldorf an der Akademie, dabei war er längst vom damaligen Wissenschaftsminister Johannes Rau entlassen worden, weil er jeden Studenten aufnahm und die Uni überfüllt war. An der Akademie lachten sie mich aus, dann tauchte ich einfach in Beuys' Atelier auf. Ich hatte Glück, es wurden Leute für ein Großprojekt angeheuert -Beuys verlagerte 1982 sein gesamtes Atelier von Düsseldorf nach Berlin für die Ausstellung "Zeitgeist". Es wird immer fälschlich behauptet, ich sei Assistent von Beuys gewesen, dabei machte ich nur ein unbezahltes Praktikum. Es gab ständig etwas zu tun: Ich habe das Bier geschleppt und Lehm für die Lemminge angerührt, für seine Installation. Er hat mich losgeschickt, um Klebstoff zu besorgen, der seine Skulpturen aus Erde zusammenhielt. Als ich mit zwei Tuben Uhu kam, haben mich alle entgeistert angesehen.


Beuys hat stets betont, dass Künstler zu sein nicht genug sei, um die Welt zu verändern, müsse man Politiker werden.

profil: War er unnahbar?
Ropac: Ich hatte wenig direkten Kontakt, aber man hat viel von seinen Gedanken mitbekommen. Er war damals stark in der Grünen-Bewegung aktiv. Er hat stets betont, dass Künstler zu sein nicht genug sei, um die Welt zu verändern, müsse man Politiker werden. Es kamen ständig Leute in den Gropius Bau, die etwas von ihm wollten. Unsere Aufgabe war es auch, ihn abzuschirmen.

profil: Es wird oft kolportiert, dass Beuys Ihnen ausgeredet habe, Künstler zu werden.
Ropac: Das würde gar nicht zu Beuys passen, der bekanntlich sagte, jeder sei ein Künstler. Ich weiß nicht, wie dieses Gerücht entstanden ist. Er hätte nie jemandem das Talent abgesprochen.

profil: Welche Art von Kunst haben Sie gemacht?
Ropac: Ich malte schlechte abstrakte Bilder, die heute zum Glück nicht mehr existieren. Ich hatte damals aber übrigens das Glück, im weiteren Umkreis von Beuys, auf der documenta einige der berühmten Eichen zu pflanzen. Nach der Eröffnung im Gropius Bau fragte er mich, was ich jetzt machen würde. Ich meinte nur, ich hätte zwei Wünsche.

profil: Ganz schön frech.
Ropac: Er war schon ein bisschen irritiert. Ich wollte in Österreich eine Galerie eröffnen und Werke von ihm ausstellen, dazu kam es dann auch. Und ich wollte eine Empfehlung, um Andy Warhol in New York kennenzulernen. Die schrieb er mir auf eine Serviette, und das war meine Fahrkarte nach Amerika.

profil: Sie sind unangemeldet in die Factory geschneit?
Ropac: Ja, ich sagte, Beuys habe mich geschickt - Warhol hat Beuys ja sehr verehrt. Das nahmen sie mir zuerst nicht ab. Aber irgendwie gelang es mir trotzdem, zu Warhol vorzudringen.

profil: Waren Beuys und Warhol einander ähnlich?
Ropac: Gar nicht, obwohl beide Charisma hatten und sich in ihrer Kunst in vielen Punkten überschnitten. Aber allein ihre Stimmen: bei Beuys eine starke, dominierende, während Warhol ganz leise sprach - man musste genau hinhören, um ihn überhaupt zu verstehen. Seine Stimme war leicht, ein bisschen hoch auch, er war extrem scheu, saß immer irgendwo in einer Ecke. Vom Temperament her waren sie einander überhaupt nicht ähnlich.

profil: Beuys polarisiert mehr als 30 Jahre nach seinem Tod noch immer. Die einen halten ihn für eine Lichtfigur, die anderen für einen Spinner.
Ropac: Er liebte es, zu provozieren. Im "Spiegel" erschien damals ein Artikel mit dem Titel "Schamane oder Scharlatan". Es war ein kritischer Text, aber Beuys drehte ihn einfach um: Er kaufte 100 Exemplare, signierte sie und machte daraus eine Edition. Es war unglaublich, wie spielerisch er auf Dinge reagieren konnte.


Eine ganze Künstlergeneration hat sich immer wieder auf Beuys bezogen - Christoph Schlingensief war nur einer von vielen.

profil: Ohne Beuys wären Sie kein Galerist geworden?
Ropac: Wahrscheinlich wäre ich nicht in Salzburg gelandet. Das war nämlich ein Missverständnis. Ich wollte nach Österreich zurück, aber fand Wien unfreundlich. Dann fiel mir ein Buch von Oskar Kokoschka in die Hände. In "Die Schule des Sehens" meinte er, ähnlich wie Beuys, jeder habe das Potenzial, ein Künstler zu sein. Er nahm gewissermaßen vorweg, was Beuys später viel radikaler als Slogan formulierte. Kokoschka hatte in Salzburg eine Akademie gegründet, das war für mich die Initialzündung, dort eine Galerie zu eröffnen. Ich kam im Sommer an und fand die Stimmung aufregend. Anfang September war ich überrascht, dass überall die Rollläden heruntergingen. Salzburg ist letztlich eine konservative Stadt.

profil: Beuys war Kapitalismuskritiker, der Burger bei McDonald's liebte. Er war Grün-Politiker, gab sich aber als Werbefigur für japanischen Whisky her. Machen ihn gerade diese Widersprüche anziehend?
Ropac: Er hat nie an Relevanz verloren. Eine ganze Künstlergeneration hat sich immer wieder auf Beuys bezogen - Christoph Schlingensief war nur einer von vielen.

profil: Weil Beuys' Kunst so rätselhaft ist?
Ropac: Weil seine Kunst im Grunde sehr präzise ist. Rätselhaft ist sie nur, wenn man nicht genau hinschaut. Ich habe manchmal den Eindruck, man möchte Beuys in Deutschland abschütteln und als große Leitfigur loswerden. International ist das nicht der Fall: China öffnet sich gerade stark für Beuys.

profil: Die 2013 erschienene Beuys-Biografie von Hans Peter Riegel thematisiert, dass Beuys begeisterter Hitlerjunge gewesen war.
Ropac: Das Buch ist tendenziell falsch, es gibt von Beuys kein einziges Statement, das Rückschlüsse darauf zulässt, dass er mit den Nazis sympathisierte. Ihm eine Nähe zu diesem Gedankengut unterzujubeln, macht mich sprachlos.

profil: Er hat sich aber auch nie klar von seiner frühen Kriegsbegeisterung distanziert, stattdessen den Mythos aufgebaut, er sei von Tataren auf der Krim nach einem Flugzeugabsturz geheilt worden.
Ropac: Er war einer der ersten Künstler in Deutschland, die sich vom Nationalsozialismus distanzierten, etwa in seiner Arbeit "Auschwitz Demonstration" in den Jahren 1956 bis 1964. Das künstlerische Selbstverständnis von Joseph Beuys speiste sich immer schon aus der konsequenten Mythologisierung der eigenen Person und der eigenen Biografie, dem konsequenten Erschaffen eines privatmythologischen Kosmos aus Formen, Themen und Materialien, die in einem ausgeklügelten Konzept miteinander in Verbindung stehen. Ein Faktencheck ist das falsche Instrument, um einem Künstler wie Beuys näherzukommen. Schon Giorgio Vasari verklärte im 16. Jahrhundert in seinen "Vite" die Lebensläufe der wichtigsten Künstler der Renaissance, mehr noch: Er erfand sogar Künstler, die nie existiert haben, nur um einen spannenden Kontext zu erzeugen. Ihm war damals schon klar, dass man einem Künstler nicht mit der Analyse biografischer Feinheiten näherkommen konnte. Möchte man daher wirklich philisterhaft den Absturzmythos auf seinen Wahrheitsgehalt hin prüfen? Die Synthese von Person und Werk ist im Fall Beuys unauflöslich.


Deutschland und Frankreich sind im Moment die größten Europäer. Österreich wendet sich in einer Weise einem Nationalismus zu, der mich schockiert.

profil: Beuys forderte aber auch - ganz realpolitisch - ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle. Die aktuelle Regierung in Österreich ist davon weit entfernt.
Ropac: Ich kann nicht fassen, dass in Österreich eine rechtsradikale Partei in der Regierung sitzt. Dieses Land tendiert dazu, gemeinsam mit Ungarn und Polen zur Schmuddelecke Europas zu werden. Ich kann nicht behaupten, ein stolzer Österreicher zu sein. Ich fühle mich in Frankreich wohler, weil die Franzosen die europäische Vision verteidigen. Deutschland und Frankreich sind im Moment die größten Europäer. Österreich wendet sich in einer Weise einem Nationalismus zu, der mich schockiert. Ich wurde in den 1960er-Jahren geboren, das Wissen um den Holocaust hat mich damals völlig aus der Bahn geworfen, weil ich mit diesem Land und seiner Vergangenheit nichts mehr anfangen konnte. Was mich gerettet hat, war die Vision von Europa. Ich fand es damals sehr bedauerlich, dass Österreich nicht eines der Gründungsmitglieder war. Ich habe mit großer Bewunderung nach Deutschland geblickt.

profil: In Frankreich gibt es auch den Front National.
Ropac: Es gibt enorm viele Probleme, auch Antisemitismus, aber der Front National ist klar abgegrenzt und wird von einem Großteil der Franzosen heftig abgelehnt. In Österreich verwischt sich dieses extrem rechte Gedankengut bis in die Mitte hinein. Das kann ich in keiner Weise nachvollziehen. Einerseits liebe ich dieses Land, andererseits werde ich geradezu in eine Distanz gezwungen.

profil: Wie nehmen Sie die Salzburger Festspiele wahr?
Ropac: Salzburg ermöglicht große Kunst. Das fasziniert mich an dieser Stadt. Romeo Castelluccis "Salome" wäre vor 20 Jahren für viele eine Überforderung gewesen, heuer wird die Inszenierung gefeiert. Man kann in Salzburg mit Kunst nicht mehr provozieren - am ehesten vielleicht noch, wenn eine Inszenierung zu klassisch ist. Als Gérard Mortier Anfang der 1990er-Jahre als Intendant das Programm modernisierte, gab es Buh-Orkane. Das Publikum in Salzburg ist neugierig und hat sich inzwischen verjüngt. Die Stadt ist künstlerisch auf einem tollen Weg. Ich könnte auf meinen Salzburger Sommer nicht verzichten.

profil: Sammler, heißt es oft, seien vor allem neureiche Russen, die keinen Geschmack haben. Stimmt das?
Ropac: Natürlich sind das Klischees. Aber wir dürfen nicht naiv sein: Die Kunstpreise sind so hoch, dass man schon ein gewisses Vermögen braucht, um sie bezahlen zu können. Das schließt viele Menschen aus, was durchaus ein Problem ist. Wir sind bemüht, die Preise unserer Künstler eher in der Mitte zu halten und nicht auszureizen. Wir fördern nicht die großen Zuschläge, die auf Auktionen gemacht werden -auch deshalb, weil wir an Museen und Institutionen verkaufen wollen und nicht an Kunstspekulanten.

profil: Man kann sich Beuys-Installationen schwer in einem Wohnzimmer vorstellen.
Ropac: Gerade bei Beuys ist der Zugang für einen Sammler nicht so einfach, man braucht eine Ebene des Verständnisses. Sammler heute sind willig, sich zu informieren, sie sind neugieriger.

profil: Wie hoch ist Beuys' Marktwert heute?
Ropac: Er war zu seinen Lebzeiten schon relativ hoch. In den vergangenen Jahren war wenig von ihm auf dem Markt, was dazu führte, dass die Preise gesunken sind. Ich hoffe, dass wir das ein wenig ändern können. Wir wollen die Salzburger Galerie in den nächsten Jahren auch dazu verwenden, Beuys in verschiedenen Kapiteln zu zeigen. Wir haben schon wichtige Beuys-Werke zu respektablen Preisen platziert. Aber da ist noch Luft nach oben.

profil: Wie kommt man als Galerist dazu, das Werk eines solchen Starkünstlers zu verwalten, das ja kaum in großem Stil mehr verkauft wird?
Ropac: Bei großen Nachlässen gibt es naturgemäß eine sehr starke Konkurrenz unter den Mitbewerbern, und man muss als Galerie eine bestimmte Erfahrung und Expertise mitbringen, über die wir dank meines großen Teams verfügen.

profil: Werden bedeutende Lebenswerke nicht meist von Museen verwaltet?
Ropac: Grundsätzlich werden Nachlässe großer Künstler nicht von Museen verwaltet, außer in seltenen Fällen, wie das etwa beim Musée Rodin in Paris geschieht. Bei Beuys befindet sich der Großteil der wichtigen Werke bereits in Museen. Die Verwaltung eines Nachlasses ist also eine umfangreichere Aufgabe, die einerseits den Markt kontrolliert und bedient, was ein Museum grundsätzlich nicht machen würde. Andererseits darf man an der Verwirklichung überregionaler Projekte mitwirken.

profil: Haben Sie Beuys-Werke auch in Ihren Privatwohnungen?
Ropac: Ja, viele. Ich habe eine sehr schöne Sammlung an Zeichnungen und natürlich auch einige Skulpturen von den späten 1940er-Jahren bis zu seinem Ableben.

profil: Ist es da kein Problem, wenn Ihre Gäste rauchen?
Ropac: Na ja, darauf achte ich schon ein bisschen. Aber ich bin nicht militant. Wenn ich nicht zu Hause bin, wie jetzt im Sommer, ist meine Pariser Wohnung natürlich verdunkelt. Ich bemühe mich, der Kunst keinen Schaden zuzufügen, aber ich bin nicht übervorsichtig. Das Risiko, dass manchmal auch etwas passieren kann, nehme ich auf mich. Ich bin dagegen, Kunst in Safes zu sperren.

Thaddaeus Ropac, 57, in Klagenfurt geboren, zählt zu den bedeutendsten Galeristen moderner Kunst -mit Künstlern wie Andy Warhol, Robert Mapplethorpe, Jean-Michel Basquiat, Anselm Kiefer oder Harun Farocki, die er zum Teil exklusiv verkauft. 1983 eröffnete er seine erste Galerie in Salzburg. Heute betreibt er ein globales Unternehmen mit rund 100 Mitarbeitern und Standorten in Paris und London. Sein Hauptwohnsitz ist Paris.