Geisterstunde: Austro-Psychothriller "Ich seh Ich seh"

Geisterstunde: Austro-Psychothriller "Ich seh Ich seh"

Mutter-Kind-Schocker: Der smarte Austro-Psychothriller "Ich seh Ich seh" geht diese Woche mit einer profil-Premiere an den Kinostart.

Mama trägt Bandagen im Gesicht, die ihren Kopf wie einen Totenschädel zeichnen, und sie bringt jede Menge schlechte Laune in die Familie. Das zehnjährige Zwillingspaar, mit dem sie in einem einsam gelegenen, modernistisch gestalteten Haus irgendwo in der blühenden Natur lebt, beginnt an der Identität der Frau zu zweifeln, die sich als seine Mutter ausgibt. Die Kälte, die von der rekonvaleszenten Hausherrin ausgeht, scheint zu der warmherzigen Gestalt, an die sie sich gut erinnern, nicht mehr zu passen.

Die Frau kommandiert die Kinder brüsk herum, ignoriert herzlos eines der beiden und fordert - um sich zu erholen - absolute Stille und radikal gedämpftes Licht. Die Zwillinge beschließen, einander beizustehen und die wahre Person hinter der Fassade ihrer Mutter zu enttarnen. Ein stufenlos eskalierendes Machtspiel entwickelt sich.

"Ohne jede Angst vor dem Scheitern"
Veronika Franz, seit 1997 Co-Autorin und engste Mitarbeiterin Ulrich Seidls, drehte gemeinsam mit dem jungen Filmakademieabgänger Severin Fiala vor zwei Jahren mit dem Künstlerporträt "Kern“ ihren Doku-Erstling. Nun legen die beiden ihr Spielfilmdebüt vor, einen erstaunlich effizienten, zudem klugen Horrorfilm, den sie zusammen geschrieben und inszeniert haben. Produziert wurde die Zwei-Millionen-Euro-Produktion naturgemäß von Ulrich Seidl. So etwas wie einen Karriereplan habe man nie gehabt, versichern Franz und Fiala. Es sei nicht einmal klar gewesen, ob man nach der (mit geliehenen Filmakademie-Kameras gedrehten) No-Budget-Produktion "Kern“ je wieder einen Film machen könne. "Wir gingen an das Projekt, Ich seh Ich seh‘ eigentlich wahnsinnig naiv heran“, sagt Veronika Franz. "Ohne jede Angst vor dem Scheitern.“ Sie hätten schlicht einen Film gemacht, "wie wir ihn gerne sehen würden“, ergänzt Fiala. "Was das in der Umsetzung bedeutet, beschäftigte uns anfangs nicht; das setzen wir einfach marathonläufermäßig um, ohne je aufzugeben, wenn sich einem Dinge unvorhergesehen in den Weg legten.“

Wahrnehmungshorror
Der nicht nur orthografisch kreative Titel des Films - "Ich seh Ich seh“ (internationaler Titel: "Goodnight Mommy“) - ist programmatisch zu verstehen: Er verweist nicht nur auf das bekannte Kinderspiel, sondern auch auf den Wahrnehmungshorror, den Franz und Fiala veranstalten - und deutet eine der vielen Spiegelungen an, mit denen diese Zwillings-Erzählung spielt. Was sieht man wirklich, wenn man hinter die Masken der Menschen zu blicken versucht? Und wer ist hier eigentlich psychisch verstörter: die postoperative Muttergestalt oder die Kinder, die ihr zu Leibe rücken? Am Donnerstag dieser Woche feiert "Ich seh Ich seh“ seine Österreich-Premiere im Wiener Gartenbaukino.

Guten Abend, gute Nacht
Die Dekonstruktion einer Familie wird als Thema schon mit dem Vorspann etabliert, mit einem kitschigen Fifties-Heimatfilmclip aus der "Trapp-Familie“, der Ruth Leuwerik inmitten einer singenden Kinderschar zeigt. "Guten Abend, gute Nacht“: Das Schlaflied wird hier zum Todesvorspiel. Es ist fast schade, dass es diese punkige Antithese zur Adventsbetulichkeit nicht ins Weihnachtsprogramm geschafft hat. Übt der Schocker denn seriös Kritik am Konzept Familie? Ganz so bierernst mag Veronika Franz das nicht sehen: "Wir wollten erstens einen spannenden Film machen, zweitens einen spannenden Film und drittens einen spannenden Film, der das Publikum auf eine sehr physische Geisterbahnfahrt mitnimmt. Am Ende sollten die Leute dann aber auch das Hirn wieder einschalten und darüber nachdenken können, ob da nicht doch etwas Relevantes verhandelt wurde.“ Denn natürlich gehe es um familiäre Machtverhältnisse, um Identitätsfragen, Kontrolle und Erziehung - "und wie sich diese auch gegen einen wenden kann“.

In der Maisfelder- und Waldlandschaft des nördlichen Waldviertels ereignet sich das Drama, von dem "Ich seh Ich seh“ berichtet: Kameramann Martin Gschlacht hat auf 35mm-Filmmaterial gedreht, die einzige existierende analoge Filmkopie wird übrigens am 8. Jänner im Rahmen der profil-Premiere im Gartenbau präsentiert. Wenn man sich darauf einstelle, dass man nicht von jeder Einstellung 20 oder 30 Versuche drehen könne, sei die Verwendung von fotografischem Material keineswegs substanziell teurer, als digital zu drehen, versichern die Regisseure. So kontrastiert Gschlachts hochsommerliche Atmosphärenmalerei à la Andrew Wyeth oder Terrence Malick den nachtschwarzen Thrill, den gothic horror der Story, die von der Komponistin Olga Neuwirth subkutan musikalisiert wird.

Die sehr präzise geführte Spannungsdramaturgie ist weitgehend auf drei Personen und einen Schauplatz reduziert: Andeutung statt Bloßlegung prägt diesen bis ins Finale überraschend stillen Film, der dennoch nicht die reine Eleganz sucht: Denn Franz und Fiala wissen, dass gute Genrefilme einen nicht zu knappen Schuss Wildheit brauchen - die Übereinkunft, gegebenenfalls die Grenzen des sogenannten guten Geschmacks auch überschreiten zu wollen. Das Regie-Duo liebt körperliches Kino, filmischen Horror, der "in der Realität wurzelt, aus dem Alltag erwächst“. Tatsächlich ist genau das eine der Stärken dieses Films: Suspense und Folter werden in einen dörflichen Alltag gebettet, wie etwa eine lange Sequenz mit Spendensammlern vom Roten Kreuz zeigt.

Bericht einer Traumatisierung
Die Präsenz der Akteure trägt den Film - die schauerliche Blutleere der Schauspielerin Susanne Wuest, die Unberechenbarkeit in den seltsam ernsten Gesichtern von Lukas und Elias Schwarz. "Ich seh Ich seh“ ist der Bericht einer Traumatisierung. Das Geheimnis der vorgängigen Ereignisse wird erst am Ende geklärt. Der Film ist klug gebaut, da sind die fast 20 Jahre schreiberische Erfahrung zu spüren, die Veronika Franz in der Arbeit mit Seidl sammeln konnte. Ein sarkastischer Unterton begleitet das Werk zudem: Die alten Tricks und falschen Fährten des Genres - die nächtlichen Unwetter und die blutunterlaufenen Augen, der Küchenschabenekel und die Albtraumsequenzen - weisen den Film als Liebesmühe zweier Kinobesessener aus, die sich ganz selbstverständlich zinslose Darlehen bei David Lynch, Georges Franju, Nicolas Roeg, Dario Argento, Philip Ridley und George A. Romero verschaffen. Die gemeinsame Arbeit empfinden sie als lustvoll und sogar als besonders ökonomisch; nur einstimmige Entscheidungen werden umgesetzt. Mit Eitelkeit haben die beiden kein Problem. Zwei historische Filme planen sie derzeit, thematisch finster sind sie beide: Vom letzten Henker Wiens soll der eine handeln, von Mörderinnen im 18. Jahrhundert, deren Todessehnsucht zum Kindermord führte, der andere.

"Ich seh Ich seh“ wurde chronologisch gedreht, das Ensemble wusste selbst nicht, wohin sich diese Geschichte entwickeln würde; so sind viele der überraschten Reaktionen vor der Kamera gewissermaßen "echt“: Die Kinder beispielsweise, "die diese Dreharbeiten wie einen Kriminalfall erlebten“ (Franz), sahen die gespenstisch bandagierte Susanne Wuest erstmals, als die Aufnahme bereits lief. Ihr Befremden über diesen Look ist nicht gespielt. Psychologische Unterstützung in der Verarbeitung der recht drastischen Szenen im zweiten Teil des Films war übrigens nicht nötig: Die reale Mutter der Zwillinge ist Psychiaterin.

Seit seiner Uraufführung im Rahmen der Filmfestspiele in Venedig im vergangenen Spätsommer hat der Film eine erstaunliche Erfolgsgeschichte zu verbuchen. Radius, eine der Firmen des Hollywood-Moguls Harvey Weinstein, hat den Film zur Verwertung in Nordamerika gekauft, inzwischen läuft er weiterhin auch auf renommierten internationalen Festivals: Im März wird er im New Yorker Museum of Modern Art beim New Directors/New Films-Festival zu sehen sein. Der nicht alltägliche Spagat zwischen makabrer Unterhaltung und künstlerischem Raffinement gelingt "Ich seh Ich seh“ bestens. Das liegt an den vielen Ebenen, die diese Inszenierung besitzt, am wissend-filmspezifischen Umgang mit Voyeurismus und Lichtentzug. So führt der Film in kühler Genauigkeit vor allem eines vor: wie man sieht. Im Kino und in der Welt, die wir "real“ nennen.