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Kultur
12/16/2020

Geschichten gegen die Krise! Joe Sacco und Graphic Novels im Jahr 2020

Graphic Novels sind ein idealer Begleiter, um mit Krisen aller Art umzugehen. profil hat zum Jahresende eine kleine Auswahl für Sie.

von Stephan Wabl , Karin Cerny

Dieses Coronajahr 2020 war geprägt von Infektionszahlen, Wirtschaftshilfen und wissenschaftlichen Fragen zu Impfungen.  Was uns Menschen aber ausmacht, ist der Umgang mit dem Erlebten. Darüber erzählen wir uns Geschichten. Die meisten dieser Geschichten über das heurige Krisenjahr und ihre Folgen werden erst in den nächsten Jahren erscheinen: als Film, Roman, Musik oder als Graphic Novels. Diese Form des illustrierten Gesichtenerzählens ist in den vergangenen Jahren immer populärer geworden. Auch im Jahr 2020 sind wieder viele ausgezeichnete Graphic Novels erschienen. Viele davon beschäftigen sich mit Krisen. profil hat einige für Sie ausgewählt - auch als Vorgeschmack und Lichtblick darauf, auf was wir uns in einer Welt nach Corona freuen können. Allen voran den Meister der Comic-Reportage, Joe Sacco (Foto).

Joe Sacco: Wir gehören dem Land (Edition Moderne)

Der 60-jährige US-Autor gilt als der Erfinder der Comic-Reportage. Mit Büchern über den Krieg in Bosnien oder Palästina hat Sacco dem Genre Graphic Novel eine journalistische Erzählform gegeben, die heute weit verbreitet ist. Sein neuestes Buch "Wir gehören dem Land" beschäftigt sich dem Volk der Dene, das indigene Volk im hohen Norden Kanadas, das versucht, sich zwischen jahrelanger Fremdbestimmung, Leben mit der Natur und dem Zwang zum wirtschaftlichen Fortschritt zurechtzufinden. Rund 20.000 Menschen umfasst die Community in den Nordwest-Territorien in Kanada. Eine Fläche, die so groß ist wie Frankreich und Spanien zusammen.

"Ich wollte ein Buch über den Klimawandel machen, dieses Thema aber über einen Umweg erzählen", so Sacco im Gespräch mit profil.  "Ich habe mir dann Gedanken über die Ausbeutung von Bodenschätzen gemacht und wer direkt davon betroffen ist. So bin ich auf die Dene gekommen." Der Abbau von Öl und Gas hat das Leben der Dene über die Jahrzehnte stark verändert. Aus einem Nomadenvolk, das Biber jagd, Boote aus Elchleder baut und dem Rythmus der Natur folgt, ist häufig Sesshafttigkeit und Lohnarbeit bei Frackingfirmen geworden. Abkommen, die mit der kanadischen Regierung zur Nutzung der Rohstoffe geschlossen wurden, waren zumeist zum Nachteil der Dene. Die Dene-Kinder wurden aus ihren Familien geholt und in ein Internatsystem gesteckt, in dem sie ihre Sprache nicht sprechen durften. Die Konsequenzen, die bis heute andauern: Traumatisierungen, Alkoholmissbrauch, häusliche Gewalt. 

Zweimal ist Sacco in den vergangenen Jahren in den hohen Norden Kanadas gefahren, um die Lebensrealität der Dene besser zu verstehen. In seinen Gesprächen und Porträts zeichnet Sacco jedoch kein Schwarz-weiß-Bild, sondern eine Gesellschaft mit vielen Widersprüchen. Manche Dene sehen den Rohstoffabbau pragmatisch als Möglichkeit für wirtschaftliche Entwicklung. Andere kritisieren die Abhängigkeit, die mit den Ölfirmen komme und die Zerstörung der Natur. "Es gibt auch Konflikte zwischen den verschiedenen Dene-Communities, wie sie mit gewissen Fragen umgehen sollen. Was aber alle teilen, ist eine tiefe Sorge um die Natur und das Land. Es gibt dieses Verständnis, dass sie das Land nicht besitzen, sondern sie dem Land gehören. Das hat auch mich dazu gebracht, über meinen Zugang zu Besitz und Natur nachzudenken", erklärt Sacco.  

Ein Nachdenken, das uns sicher auch noch nach der Coronakrise begleiten wird.

Moa Romanova: Identkid (Avant-Verlag)

Die 25-jährige Moa lebt in einer schäbigen Wohnung und pendelt zwischen Therapiesitzungen, Panikattacken und Elektro-Partys. Sie sucht Erlösung und den Kick. Wann fängt das Leben endlich an? Aber auf Party-Nächte ohne Ende folgt Leere. Doch dann platzt da dieses Tinder-Match in ihr Leben: „Famous TV Guy, 53“. Moa und der bekannte Medien-Mann treffen sich zwar nur einmal persönlich, aber ihre Kommunikation per Handy hilft Moa dabei, langsam aus ihrer Krise herauszufinden.

Romanova erzählt in ihrem autobiographischem Debüt - vorwiegend in Schwarz-Weiß-Pink gehalten - vom unstetten Leben der heutigen Twentysomethings: alle Optionen offen und doch Angst vor der Zukunft. Denn wer um das Jahr 2000 geboren wurde, hat in kurzer Zeit schon mehrere Krisen erlebt. Wie werden sich die Coronajahre auf diese Generation auswirken?

 

Nina Bunjevac: Bezimena (Avant-Verlag)

Benny ist schon als Bub ein Sonderling, in der Schule hat er ständig die Hand in der Hose, während er lüstern seine Sitznachbarin beobachtet. In eindringlichen Schwarz-weiß-Bildern, die Assoziationen an Fritz Langs Filmklassiker "M" wecken, lässt uns die kanadisch-jugoslawische Zeichnerin Nina Bunjevac, 46, in ihrer Graphic Novel "Bezimena" die Welt konsequent aus der Perspektive eines obsessiven Serienkillers sehen. Surreale Aspekte und Märchenmotive stehen neben knallharten Bildern von Mädchenleichen. Im Nachwort thematisiert Bunjevac ihre eigenen Erfahrungen mit sexueller Gewalt, erzählt unter anderem, wie eine Schulfreundin in Serbien einem Pädophilen Mädchen zuführte; in Videos dokumentierte er seine Übergriffe. Bunjevac konnte rechtzeitig fliehen, manche ihrer Freundinnen nicht.

Sie beschreibt den moralischen Verfall vor dem Balkankrieg, als Täter ungestraft davonkamen. Man fragt sich allerdings, warum die Autorin nicht diese konkrete Geschichte erzählt hat. So faszinierend die filmische Bildersprache ihres "Beziehen"-Comics ist, bedient sie doch einen Voyeurismus, der einen ratlos zurücklässt. Bereits in früheren, differenzierteren Werken der Zeichnerin findet sich der Ansatz, Täter verstehen zu wollen. In ihrem Meisterwerk "Vaterland" etwa thematisierte Bunjevac das von physischer Aggression geprägte Leben ihres Vaters - und die komplexe Frage, ob erlebte Gewalt zwangsläufig dazu führt, dass die Opfer diese weitergeben. Oder sich aus dem Teufelskreis befreien können.

Michael Büsselberg (Hg.): Sie wollen uns erzählen. Zehn Tocotronic-Songs (Ventil Verlag)

Kapitulation jetzt! Das Lebensgefühl in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts war dynamisch: Man blickte in eine vielversprechende Zukunft. Die Hamburger Indierock-Band Tocotronic sah das anders und legte mit ihrem achten Studioalbum 2007 einen Gegenentwurf vor. Der titelgebende Song "Kapitulation" feierte die Schönheit des Scheiterns. Mit ihrer sehr speziellen Protesthaltung war die 1993 gegründete Band ihrer Zeit voraus. Nun ist unter dem Titel "Sie wollen uns erzählen" ein Comic erschienen, in dem zehn Tocotronic-Songs von ebenso vielen Zeichnerinnen und Zeichnern zu kurzen Geschichten verarbeitet wurden. In "Kapitulation" finden verschiedene Tiere und eine sehr dünne Menschenfigur bei einem Picknick im Wald zusammen (Illustration: Anna Haifisch).Das 2013 erschienene Lied "Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools" bietet in der Version von Julia Bernhard Blicke in eine verwahrloste Single-Wohnung, in die immer mehr die Natur einbricht - und am Ende eine neue, queere Liebe auftaucht. In "Let There Be Rock" vom Album "K.O.O.K." (1999) zieht eine gescheiterte Tochter wieder zu den Eltern in die Kleinstadt zurück. Zu jedem Song erklärt Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, wie er entstanden ist und was er erzählen möchte. Bonus-Track ist übrigens ein Comic von Schlagzeuger Arne Zank, in dem es um die ikonischen Trainingsjacken der Band geht - und wie man einander kennengelernt hat.

 

 

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