Europa-Roman "Die Hauptstadt" von Robert Menasse

AUTOR MENASSE: "Coolste aller Höllen"

AUTOR MENASSE: "Coolste aller Höllen"

Robert Menasse legt seinen mit Spannung erwarteten Europa-Roman vor. "Die Hauptstadt" bietet von allem etwas: Politik, Mord, Verschwörungen, Klamauk, Kolportage, Polemik und Analyse. Große Unterhaltung.

Alois Erhart, ein emeritierter Wiener Volkwirtschaftsprofessor, der in Brüssel einer Arbeitsgruppe zur Rettung Europas angehört, stürzt in seinem Hotelzimmer gegen den Heizkörper, was auf dem Unterarm ein Hämatom hinterlässt, das wie ein schlecht gestochenes Tattoo der geografischen Fläche Europas aussieht. Der Kontinent geht den Europäern offenbar unter die Haut: Erhart sucht wenig später ein Studio für Körperschmuck auf und verlangt von dem jungen Mann, ihm auf den blauen Hautfleck zwölf fünfzackige Sterne in die Haut zu stechen. "Das ist nicht Europa, das ist ein Zerrbild. Wie auch immer, es wird abheilen", erteilt der Tattoo-Artist Erharts Ansinnen eine Absage: "Keine Sterne für ein verschwindendes Europa."

Die Europäer kommen mit Europa offenbar nicht mehr klar. Alois Erhart, der glühende Europäer, einer der vielen Protagonisten in Robert Menasses neuem Roman "Die Hauptstadt", stellt da keine Ausnahme dar: Die Union droht zu zerbrechen, sie befindet sich in der größten Krise seit ihrer Gründung. Länger schon sieht sich die Gemeinschaft verstärkt mit den altbekannten Wut-Hits konfrontiert, in immer neuen Aggregatszuständen: Die Idee Europa, donnern der Boulevard und die Rechtsparteien, erschöpfte sich in wuchernder Bürokratie und Regulierungswahn; Brüssel sei ein Intriganten-Stadel, eine von abgehobenen, mit Trolleys und Aktenkoffern bewaffneten Geschäftsleuten überrannte Stadt, während die Qualitätsmedien die mangelnde demokratische Legitimation der Union beklagen (und viele Liberal-und Linksparteien munter die Nationalstaat-versus-EU-Moloch-Karte spielen).

In seinem lang erwarteten Europa-Roman "Die Hauptstadt" kommentiert und karikiert Menasse, 63, dieses monotone Brüssel-Bild - und zimmert sich lustvoll seine eigene EU-Zentrale. Zu Beginn der Arbeit stand ein schrulliger Einfall. "Ich hatte die Idee, einen Roman zu schreiben, der in Brüssel spielt und dessen Hauptfigur ein Beamter der Europäischen Kommission ist", notiert Menasse in seinem brillanten, bereits 2012 publizierten Essay "Der europäische Landbote", Ergebnis eines längeren Brüssel-Aufenthalts: "Wer sind diese Bürokraten, diese Beamten neuen Typs, für die zur Unterscheidung vom herkömmlichen Staatsbeamten ein eigener Begriff geprägt wurde, nämlich ,Eurokraten'. Haben sie ein Gesicht, kann man sie typisieren, wie sieht ihr Alltag konkret aus, wie kommen ihre Entscheidungen zustande?"

"Ich erlebte Überraschung auf Überraschung"

Menasse selbst betrachtete die EU-Welt vor der Erkundung in Belgiens Hauptstadt ebenfalls als Hort des Konservativismus, als einen Parallelkosmos, regiert von graugesichtigen Paragrafenreitern und weltfremden Bürokraten, die sich die EU-Gesellschaften aus eigenem Verschulden zu Feinden gemacht haben: "Es ist wirklich so, wie es sich der kleine Maxi vorstellt." Doch bald entdeckte Menasse eine Europäische Union und eine Stadt jenseits der geläufigen Vorurteile: "Ich erlebte Überraschung auf Überraschung, als gäbe es die geheime Übereinkunft, sämtliche Klischees und Fantasiebilder, die gemeinhin vom Eurokraten existieren, durch das Gegenteil in der Realität zu widerlegen."

Die Krise der EU? Sie nistet nicht in der Metropole der Union, sondern in deren Mitgliedsstaaten. Menasse plädiert in "Der europäische Landbote" nicht für den EU-Überstaat, der jede Regionalität auf Dauer verschwinden lässt. Er erwartet das Anbrechen einer neuen Zeit, die man als eine Art nachnational verfasste Demokratie beschreiben könnte, wobei zugleich jede Nationalstaatlichkeit auf der Sondermülldeponie der Geschichte zu entsorgen sei: "Entweder geht das Europa der Nationalstaaten unter, oder es geht das Projekt der Überwindung der Nationalstaaten unter. So oder so, die EU ist unser Untergang."

Vieles, was Menasse in "Der europäische Landbote " schreibt, schimmert in "Die Hauptstadt", kürzlich für den Deutschen Buchpreis nominiert, durch. "Der europäische Landbote" ist eine mit Verve verfasste Streitschrift - im Roman erweitert Menasse sein Repertoire: "Die Hauptstadt" versteht sich als polemisches, witziges, passagenweise sogar slapstickhaftes Thesenbuch, in dem Menasse seinen eigenen kraftsprühenden Wort-und Gedankensport, ein spannendes Spiel mit der Dialektik von Fiction und Non-Fiction treibt - und die im "Europäischen Landboten" aufgestellten Forderungen abermals mit Ausrufezeichen kundtut: Schließt die nationalen Parlamente! Lasst die nationalen Demokratien sanft entschlafen! "Auschwitz ist überall", schreibt Menasse: "Wir sehen es nur nicht. Wenn wir es sehen könnten, dann würden wir das Bizarre, das Zynische einer Normalität begreifen, die hier in Europa doch eine Antwort auf Auschwitz sein sollte, eine Lehre, die aus dieser Geschichte gezogen wurde."

Menasse will nicht als Wilhelm Tell von Wien die EU-Institutionen niederringen. Er lässt die öffentlich konkurrierenden Haupterzählungen über den Staatenbund - Pannen-EU und Friedens-EU -ebenso links liegen wie die habituellen EU-Verächter ("Diese Ist-ja-wahr-Typen, die Sage-ich-ja-immer-Idioten!") und nähert sich Europa buchstäblich wie ein Forensiker dem Tatort eines Mordes: In "Die Hauptstadt" geschieht zu Beginn ein Verbrechen (Genickschuss in einem Innenstadt-Hotel), das bald wirre Verschwörungstheorien auf den Plan ruft. Mit Klamauk und handfester Ironie, durchaus auch mit Kolportage-Kniffen, unterläuft Menasse nicht nur hier die gleichsam immanente Sprödheit seines um griechische Rettungspakete, Kolonial-,NS-und Weltkriegsgeschichte, Flüchtlingsproblematik und den Brexit erweiterten Erzählstoffs.

Schwein als Leitmotiv

Eine Gruppe von Exzentrikern, die grandios an der Organisation des "Big Jubilee Projects", des 50-Jahr-Jubiläums der Gründung der Europäischen Kommission und der Etablierung einer neuen europäischen Hauptstadt in Auschwitz scheitert, bevölkert das Buch: Fenia Xenopoulou, Leiterin der Direktion C ("Kommunikation") in der Generaldirektion für Kultur, knallharte Berufskarrieristin und Privat-Neurotikerin; Kai-Uwe Frigge, Viagra-Konsument und passionierter Netzwerker sowie einflussreicher Büroleiter in der mächtigen Direktion für den Handel; dazu gesellen sich David de Vriend, einer der letzten lebenden Holocaust-Zeitzeugen, und die Österreicher Martin Susman, Leiter der Abteilung EAC-C-2 "Programm und Maßnahmen Kultur" (der intern sogenannten "Arche Noah") und Spross eines großen österreichischen Schweineproduktionsbetriebs, sowie eben Alois Erhart, der Wiener Emeritus mit den vermessenen Tattoo-Wünschen.

Apropos Schwein: Menasse erlaubt sich den Spaß, das Borstenvieh leitmotivisch durch das Buch zu jagen. Ein Schwein bewegt sich frei durch Brüssel und sorgt gehörig für Aufregung; ein Mann in einem Ganzkörperkostüm aus rosa Plüsch kreuzt die Straßen; Buchstützen haben die Form von Schweinsköpfen. "Es war das einzige Tier, das als Metapher die ganze Breite menschlicher Empfindungen und ideologischer Weltbilder abdeckte, vom Glücksschwein bis zur Drecksau." Prosa, zuweilen der Berauschtheit nah, aber fabelhaft gedrechselt. Menasse baut ein Brüssel aus sehr bunten Klötzchen zusammen. In der Stadt summt es wie im Bienenhaus. "Die EU ist die coolste aller Höllen auf Erden", schreibt der Autor in "Der europäische Landbote".

Daneben präsentiert Menasse die Ergebnisse seiner Brüssel-Recherchen: "Salamander" nennt man in den Gängen des Berlaymont-Gebäudes, dem Sitz der Kommission, jene jungen Karrieristen mit pomadisiertem Haar und großen Krawattenknoten, die man "ins Feuer werfen kann, aber sie verbrennen nicht, ihr Hauptmerkmal ist ihre Unzerstörbarkeit"; der Streit um Schweineohrenlieferungen nach China entzweit Deutschland vom Rest der EU; ein mutmaßliches Verbot der Homöopathie bringt die Union an den Rand des Scheiterns; der sogenannte "Pyjama"-Flieger hebt montags um 7 Uhr von Wien aus Richtung Brüssel ab, vollgestopft mit Euro-Beamten und Lobbyisten; die Zeit in Brüssel schließlich zähle man nicht in Jahren, sondern in Kilos. Wenn all dies nicht stimmt, so ist es doch sehr gut erfunden.

Gegen Ende des Romans, kurz bevor das mörderische 21. Jahrhundert Terroropfer unter den "Hauptstadt"-Helden fordert, bricht die Märchenzeit an. Ein Kaiser, zitiert Menasse aus dem vorgeblichen Lieblingsroman des Kommissionspräsidenten, will den alten Menschheitstraum vom Fliegen verwirklichen. Er beruft die bedeutendsten Philosophen, Priester und Wissenschafter seiner Zeit ein, um an der Lösung des Problems zu arbeiten. Die weisen Männer können sich nicht darauf einigen, welcher Vogel der richtige sei, um ihm das Geheimnis des Fliegens zu entreißen. "Sie sahen nicht das Fliegen, sie sahen nur die Unterschiede der Vögel", notiert Menasse mit Blick auf das kleinkarierte Nationalstaatendenken.

In "Der europäische Landbote" bemerkt Robert Menasse, dass es als Romancier sein Ziel sei, einen "Vorabend-Roman" zu schreiben, ein Werk über Menschen im Abendschimmer einer verlöschenden Epoche, wie Musils "Mann ohne Eigenschaften" oder Joseph Roths "Radetzkymarsch". Das ist "Die Hauptstadt" nicht geworden. Aber ein Buch für alle, denen Europa am Herzen liegt.

Robert Menasse: Die Hauptstadt. Suhrkamp, 458 S., EUR 24,70