Gustav Peichl: "Da bin ich ein harter Bursch"

Gustav Peichl

Gustav Peichl

Am 18. März wird der Architekt und Karikaturist Gustav Peichl 90 Jahre alt. In seinem Döblinger Haus sprach er mit profil über die Erotik der Architektur, die Anrufe von Bruno Kreisky und eine Kiste mit Löchern, die am Wiener Heumarkt entstehen soll.

Wer würde nicht gern hier wohnen? Der längliche, helle Raum wird von einem frei stehenden Regal, einem großen Tisch sowie zwei ausladenden Sofas strukturiert. Eine verglaste Front mit Tür gibt den Blick auf einen verschneiten Garten frei, hinter dem ein Kirchturm aufragt. Auf der Terrasse steht ein Holzpferd; früher war es Teil eines Ringelspiels, wie der Bewohner dieses lichten Refugiums verrät. Gustav Peichl sitzt auf einem der Sofas. Unter dem Pseudonym "Ironimus" zeichnete er jahrzehntelang Karikaturen, zunächst für den "Kurier", dann für die "Presse" und die "Süddeutsche Zeitung" - Schwerpunkt: Innenpolitik. Und als Architekt erbaute er unter anderem sechs ORF-Länderstudios (einige davon wurden später mit dem Spitznamen "Peichl-Torten" bedacht), die Bundeskunsthalle Bonn, mehrere Schulen, die Münchner Kammerspiele sowie das Karikaturmuseum Krems. Außerdem plante er gemeinsam mit Boris Podrecca und Rudolf F. Weber den Millennium Tower in Wien.

Peichl zählt, anders als Hans Hollein oder Coop Himmelb(l)au, nicht zu den Revolutionären der österreichischen Architektur, doch seine Gebäude besitzen zeitlose Qualitäten. "Er hat sich niemals an irgendeinen Stil angelehnt, er ist nie auf einen modischen Zug aufgesprungen, weder auf den Dekonstruktivismus noch auf die Postmoderne", notierte sein älterer Kollege und früherer Arbeitgeber Roland Rainer 1992. Das Haus in Wien-Döbling, in dem er bis heute wohnt, wurde 1962 nach seinen Plänen errichtet - es war sein erstes architektonisches Werk. Zwei Mal wurde der Mann mit der markanten Brille zur Architekturbiennale Venedig geladen; von 1973 bis 1996 lehrte er an der Akademie der bildenden Künste in Wien.

Am 18. März wird der gebürtige Wiener 90 Jahre alt, zwei Ausstellungen feiern seinen Geburtstag mit Rückblicken auf sein Werk. Obwohl er noch einige Tage vor dem profil-Gespräch im Fernsehen Gegenteiliges behauptet hatte, funktioniert sein Gehör einwandfrei. Er spricht mit Nachdruck, unterstreicht seine Aussagen gern, indem er mit dem Finger auf seine Gesprächspartner zeigt -keine Spur von Altersmüdigkeit. Im Arbeitszimmer, einen Stock darunter, hält er sich nicht mehr so oft auf. Dort stapeln sich Zeitungsausschnitte von Bildern, mit denen er in jüngster Zeit manchmal Collagen anfertigt. Eines der Regale ist zur Gänze voll mit kleinen, zumeist roten Schachteln und Mappen. Ein ganzer Haufen von Orden und Auszeichnungen lagert hier.

INTERVIEW: NINA SCHEDLMAYER

profil: Herr Peichl, im Karikaturmuseum zeigen Sie zu Ihrem 90. Geburtstag Cartoons, nichts Politisches. Warum?
Peichl: Mein Sohn Markus wollte das so. Das macht alles er. Überhaupt: Es sind meine Kinder, die sich um die Ausstellungen und meinen Geburtstag kümmern. Ich bin ja nur ein Opfer.

profil: Sie sind das Opfer Ihrer Kinder?
Peichl: Nein, so meine ich das nicht. Sie sind ja alle sehr tüchtig.

profil: Trotzdem sehen Sie sich als Opfer?
Peichl: Wenn man 90 wird, kommen alle möglichen Leute und wollen etwas von einem. Ausstellungen oder Interviews zum Beispiel.

profil: Wie wird das erst beim Hunderter?
Peichl: Sagen Sie das nicht! Ich muss jetzt erst einmal schauen, dass ich den Neunziger schaffe.

profil: Sie wirken ausgesprochen fit. Eine Frage zur Karikatur: Was darf sie, was nicht?
Peichl: Die Karikatur an sich darf alles - nur nicht beleidigend sein oder etwas erfinden, das falsch ist.

profil: Wobei natürlich schwer festzustellen ist, was beleidigend ist und was nicht.
Peichl: Das ist richtig. Eine Karikatur, die jemandem guttut, ist Werbung für ihn. So war es auch bei Bruno Kreisky. Als ich für "Süddeutsche" gearbeitet habe, wollte die Chefredaktion immer Karikaturen von ihm. Für mich war das okay.

profil: Doch liegt nicht im Angriff das Wesen der Karikatur?
Peichl: Das schon. Aber Beleidigung: nein!

profil: Karikaturen wurden schon oft zum Gegenstand von Kontroversen. Ist Ihnen das auch passiert?
Peichl: Ich habe öfter Rechtsstreitigkeiten erlebt. So wurde ich zum Beispiel von Bruno Pittermann, einem früheren SPÖ-Vorsitzenden und Vizekanzler, geklagt. Der Richter gab ihm damals aber nicht recht. Auch Fritz Marsch brachte mich vor den Richter. Er war von 1970 bis 1987 SPÖ-Zentralsekretär, ein wichtiger Mann in der Bundespolitik. Ich zeichnete ihn mit Butter auf dem Kopf, das empfand er als Ehrenbeleidigung. Der Richter aber entschied, dass diese Karikatur - wie mein Anwalt und ich bewiesen - eine Verspottung sei. Und dafür kann man nicht bestraft werden.


Mein Konservativismus ist ein anderer, einer, der auf Erhalten aufbaut. Keiner, der so grässliche Sachen aufführt.

profil: Es kam vor, dass Sie Auftraggeber, für die Sie bauten, auch karikierten, zum Beispiel den früheren ORF-Generalintendanten Gerd Bacher. Wie haben diese darauf reagiert?
Peichl: Der Bacher war sehr intelligent und wusste, was ihm Propaganda einbringt. Er wurde 1967 als erster ORF-Generalintendant gewählt. Bei der Wahl war ich in der Nähe, und Otto Schulmeister, damals Chef der "Presse", sagt zu mir: "Geh und mach eine Karikatur darüber." Ich stehe so am Fenster und schau hinunter - und dabei sehe ich ein Plakat der Firma Esso. "Pack den Tiger in den Tank", stand da drauf. Und ich dachte: Ich mache daraus "Tu den Tiger in den Kasten". In einer Karikatur stellte ich ihn also als Tiger dar. Bacher, gescheit wie er war, schickte das Bild als Dankeskarte an all seine Gratulanten. So entstand sein populärer Spitzname "Tiger".

profil: Fühlten Sie sich da nicht vereinnahmt?
Peichl: Da bin ich ein harter Bursch.

profil: Es heißt immer, Sie seien ein bekennender Konservativer. Was genau ist darunter zu verstehen?
Peichl: Man muss darauf achten, was man heute "konservativ" nennt. In England gibt es ja schon sehr lang die "Conservatives" als Partei. Aber mein Konservativismus ist ein anderer, einer, der auf Erhalten aufbaut. Keiner, der so grässliche Sachen aufführt.

profil: Wie würden Sie dann die neue ÖVP einschätzen?
Peichl: Sebastian Kurz schätze ich über alle Maßen. Er war mit meinem Sohn in einer Schule, nicht in der gleichen Klasse. Er ist erstens sehr intelligent, zweitens ein Homo Politicus. Dass man ihm seine Jugend vorwarf, war ein Blödsinn. Und er wird mit dem Herrn Strache fertig. Davon bin ich überzeugt.

profil: Meinen Sie wirklich? Mittlerweile sitzen deutschnationale Burschenschafter in hohen Positionen.
Peichl: Das ist tatsächlich fürchterlich!

profil: Kurz ändert daran aber nichts.
Peichl: Damit wird er schon fertig. Aber ich höre aus Ihrer Reaktion, dass Sie das nicht glauben.

profil: Ich bin skeptisch.
Peichl: Trotzdem: Kurz kann zuhören, das ist etwas Großes für einen guten Kanzler. Mit Werner Faymann konnte ich über nichts reden. Auch der Willi Molterer: ein klasser Bursch! Aber mit Politik hatte er nichts am Hut.

profil: Was ist denn ein Homo Politicus in Ihren Augen?
Peichl: Einer, der die Politik erkennt, schätzt, richtig einordnet und danach handelt. Kreisky war auch einer. Ich kannte ihn gut. Er hat mich manchmal um acht Uhr früh im Büro angerufen. Da kam die Sekretärin mit dem Telefon und sagte, der Kreisky ist dran. Ich war damals befreundet mit dem Kabarettisten Helmut Qualtinger und dachte zuerst, er ist dran und will mich pflanzen. Aber es war wirklich der Kreisky. Dann sagte er zu mir, mit ironischem Unterton: "Na, Herr Professor, heute haben Sie wieder großartig gezeichnet, mein Gesicht und alles. Aber es war falsch, was sie gemacht haben." Natürlich war er auch ein Besserwisser.


Was die Stadt Wien gerade aufführt mit ihren Umwidmungen, etwa beim Eislaufplatz am Heumarkt, das geht nicht.

profil: Und ein willkommenes Opfer für Karikaturisten.
Peichl: Sein Gesicht war toll! In den letzten Jahren seines Lebens war ich sehr befreundet mit ihm - wie man mit einem Politiker eben befreundet sein kann. Einmal war er in Deutschland im Krankenhaus mit einer Nierenkrankheit. Zur gleichen Zeit lag ich im Spital. Da schrieb er mir in einem Telegramm: "Haben Sie mir alles nachmachen müssen?" Er hat mich geschätzt und einmal eine Laudatio gehalten, für die er sich gut vorbereitetet hatte. Ich habe darüber gestaunt und ihn gefragt: "Herr Bundeskanzler, woher wissen Sie so viel über Karikatur?" Da sagte er: "Was fragen Sie so deppert? Ich bin im Flieger gesessen, hab dort darüber gelesen und nachgedacht."

profil: Sie kommentierten als Karikaturist auch die großen Debatten um die Kunst, etwa jene rund um das Burgtheater mit Claus Peymann. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?
Peichl: Ich hatte ihn sehr gern, baute für ihn auch die Probebühne der Burg. Er war begeistert von mir, er mochte, dass ich ihn kritisierte. Wenn er um neun Uhr die Journalisten angerufen hat, sind um elf alle bei ihm gestanden. Das hat er geliebt.

profil: Wo sehen Sie heute die Streitfelder in der Kultur?
Peichl: Was die Stadt Wien gerade aufführt mit ihren Umwidmungen, etwa beim Eislaufplatz am Heumarkt, das geht nicht. Das machen Menschen, die viel Geld in die Hand nehmen und damit die Stadt beeinflussen.

profil: Sie sind dagegen, dass am Heumarkt das hohe Wohngebäude von Isay Weinfeld errichtet wird?
Peichl: Genau.

profil: Was wäre in Ihren Augen die bessere Lösung?
Peichl: Eine bessere Qualität der Architektur. Diese ist nicht gut. Man müsste mindestens ein Drittel weniger bauen, nicht so hoch. Wobei ich nichts gegen Hochhäuser habe, ich habe ja selbst den Millennium Tower in Wien mitgeplant. Aber das Gebäude, das am Heumarkt gebaut werden soll, ist eine Kiste mit Löchern.

profil: Die Neubebauung des Heumarktareals betrifft auch das Thema kulturelles Erbe. Möglicherweise verliert die Innenstadt den Status als Unesco-Weltkulturerbe. Wie stehen Sie zum Denkmalschutz in Österreich?
Peichl: Die Präsidentin des Bundesdenkmalamts ist lieb und gescheit, aber zu wenig hart. Sie denkt nicht so politisch, gibt viel nach. Das neue Wien Museum wird auch ein Verbrechen. Leider fährt ausgerechnet die "Kronen Zeitung", die ich gar nicht mögen kann, dagegen eine Kampagne. Mir gefällt es nicht, dass ich da einer Meinung mit der "Krone" bin, aber hier hat sie recht. Man muss das Wien Museum besser machen, nicht als Dachausbau.


Wir waren alle gegen die Nazis und ebenso gegen die Führung der Schule. Ich erinnere mich gut an meinen Nebensitzer: Gerhard Hanappi, der später legendäre Fußballer.

profil: Die Realisierung scheint derzeit ohnehin in die Ferne gerückt zu sein. Denken Sie, dass dieser Zubau jemals umgesetzt wird?
Peichl: Eigentlich glaube ich das eh nicht. Aber der Chef ist Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. Ich mag ihn, aber da macht er alles falsch.

profil: Stehen Ihre eigenen Gebäude denn unter Denkmalschutz?
Peichl: Teilweise. Dieses Haus hier zum Beispiel. Auch die Bundesländerstudios. Kennen Sie eines?

profil: Ja, das niederösterreichische.
Peichl: Das ist etwas anders als die anderen, aber ich stehe auch dazu. Architektur muss Eros haben, wie auch das Haus, in dem wir uns befinden. Es ist nichts Besonderes, aber die Proportion des Raums hier - er ist nur gute fünf Meter breit - ist etwas Besonderes. Architektur ist dann gut, wenn die Summe aus Form, Funktion und Material stimmt. Jedes gute Haus hat erogene Zonen.

profil: Und welches hat das nicht, zum Beispiel?
Peichl: Es gibt an der neuen Wirtschaftsuni beim Prater ein Haus mit viel Metall. Das finde ich furchtbar. Design muss haptisch sein. Das Sofa hier ist uralt, von einem italienischen Designer. Es ist zwar schon an manchen Stellen kaputt, aber ich schätze es über alle Maßen - wie auch diesen Tisch hier, den man gern angreift. Ein Tisch darf keine Glasplatte haben!

profil: Vor Ihrem Architekturstudium lernten Sie an der Bundesgewerbeschule Mödling. Wie erinnern Sie sich an Ihre Schulzeit während des Nationalsozialismus?
Peichl: Wir waren alle gegen die Nazis und ebenso gegen die Führung der Schule. Ich erinnere mich gut an meinen Nebensitzer: Gerhard Hanappi, der später legendäre Fußballer. Ich war sehr beliebt in der Schule, weil ich gut zeichnen konnte. Einmal bekam ich einen Schraubenschlüssel. Bei jedem Fliegerangriff musste ich damit zum "Schwarzen Turm" in Mödling laufen und entnebeln -also mit Hilfe dieses Schraubenschlüssels eine Nebelmaschine in Gang setzen, als Schutz gegen die Angriffe. Da musste ich weit gehen, eine dreiviertel Stunde war ich unterwegs. Ich rede aber nicht gern darüber.

profil: Dann erzählen Sie über die Nachkriegszeit. Damals erschienen Ihre ersten Karikaturen.
Peichl: Die Amerikaner in der Besatzungszeit waren verliebt in meine Russenkarikaturen und umgekehrt. Alle schenkten mir dafür etwas: Die Amerikaner gaben mir Cadbury-Schokolade, die Russen schreckliche Zigaretten. Dabei war ich Nichtraucher. So tauschte ich die Zigaretten im Resselpark um. Ich war also Schleichhändler. Dann wurde ich vom "Kurier", der von einem amerikanischen Chefredakteur geleitet wurde, mit Karikaturen beauftragt. Da nannte ich mich erstmals "Ironimus".


Über den Dollfuß haben wir schon gespottet.

profil: Sie studierten in dieser Zeit auch bei Clemens Holzmeister Architektur. Er erhielt während des Austrofaschismus beste Aufträge. War das damals für die Studierenden ein Thema?
Peichl: Holzmeister war ein ebenso arroganter wie hervorragender Architekt. In den frühen 1930er- Jahren baute er das Palais für Kemal Atatürk. Aber ja, er war auch ein Freund von Engelbert Dollfuß.

profil: Das war kein Problem für einen politischen Kopf wie Sie?
Peichl: Über den Dollfuß haben wir schon gespottet. Aber sonst war das kein Thema. Der Holzmeister war ja ein toller Mann. Er nahm mich auf, nur aufgrund meiner Zeichnungen. Alles andere hat ihn nicht interessiert.

profil: Sie wohnen hier, könnte man sagen, in der Nähe eines großen Österreichers. Einige Hundert Meter entfernt ist das Grab von Thomas Bernhard am Grinzinger Friedhof.
Peichl: Neben meiner Mutter!

profil: Kannten Sie ihn?
Peichl: Ich schätzte und mochte ihn, betrachte ihn aber nicht als großen Österreicher, anders als einen wichtigen Politiker etwa.

profil: Und ein paar Schritte entfernt wohnt Elisabeth Leopold, die Witwe des Kunstsammlers Rudolf Leopold. Gibt es da einen nachbarschaftlichen Austausch, zum Beispiel über Kunst?
Peichl: Rudolf Leopold war wirklich ein Kenner erster Klasse, hat dann auch das Museum gegründet, wir waren befreundet. Ich bin jetzt, nach seinem Tod, auch mit Elisabeth Leopold in Kontakt. Mehr aber noch mit Elisabeth Gürtler, der Leiterin der Spanischen Hofreitschule, die auch Opernball-Lady war und zwei Häuser weiter wohnt. Ihr mittlerweile verstorbener Mann, der Schauspieler und Regisseur Helmuth Lohner, kam auch manchmal auf Besuch. Ich bin gemäßigt konservativ, er war aber weit links.

profil: Tatsächlich?
Peichl: Ja, er war ein ganz Linker aus Ottakring! Leider ist er 2015 verstorben. Aber zwei Wochen vor seinem Tod sind wir noch hier draußen im Garten gesessen und haben uns gestritten.