Haruki Murakami: Die Allerweltsprosa des japanischen Schriftstellers

Haruki Murakami

Haruki Murakami

Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami gehört zu den Superstars der Branche. In seinem neuen Roman „Die Ermordung des Commendatore“ mischt er Wien-Klischee und Nazi-Fabel, Schauermärchen und Kunstkitsch. Wolfgang Paterno über einen Prosabetriebsunfall.

Wer das Universum des Haruki Murakami betritt, muss mit Wundern rechnen. Der Daueranwärter auf den Literaturnobelpreis ist berühmt für seine Erzählungen und Romane in karger, minimalistischer Sprache, die bevorzugt als Projektionsflächen für Alltagsmysterien und Gefühls-Hokuspokus dienen. In den Büchern des japanischen Bestsellerautors herrscht edelmatte, biedere Spannung, die beim Lesen über haarsträubend konstruierte Wendungen und papierene Protagonisten hinweghilft. Murakami, 69, bohrt dünne Bretter mit gut gespielter Gravität. Sein Geschäft ist die torkelnde Welt.

Verquere Handlung bar jeder Plausibilität

„Die Ermordung des Commendatore“, der jüngste Roman des Schriftstellers, hat alles, was eine hübsche Murakami-Fabel braucht: eine verquere Handlung bar jeder Plausibilität mit Spuk und Geistern und einen eigenbrötlerischen, durch die Trennung von Frau und Alltagsroutine ins Unglück gedrängten namenlosen Maler, der nicht weiß, wohin mit sich und seiner Kunst. Der Stadtmensch träumt in der Einöde von der pastoralen Idylle, die bald durch „Mysteriöses“ und „Magisches“ (Lieblingsworte aus Murakamis Sprachbaukasten) gestört wird; „Rätsel“ und „seltsam“ müssen ebenfalls häufig als Maßeinheit der Intensität herhalten. Schließlich sind da noch ein Mann namens Menshiki auf der Suche nach seiner mutmaßlichen Tochter, die fiktive japanische Künstlerlegende Tomohiko Amadas, die an Demenz leidet, sowie jede Menge Automarken und viel Fauna und Flora.

Die Geschichte von „Die Ermordung des Commendatore“, die Mitte April in einem weiteren 500-Seiten-Roman ihre Fortsetzung finden wird, ist weniger Künstler-Psychogramm denn Schauermärchen und Selbsthilfe-Meditation. „Eine Idee erscheint“ verkündet Band eins geheimniskrämerisch, „Eine Metapher wandelt sich“ lautet die Unterzeile des Folgeromans.

Schauermärchen und Selbsthilfe-Meditation

Teil eins ist jetzt schon ein funkelndes Schaustück vernebelten Erzählens. Spannung und Struktur erzeugt der Schriftsteller mittels simpler Dialektik, die dramaturgische Blaupause der Gegensätzlichkeit grundiert Plot und Methode: Wirklichkeit – Traum; Gegenwart – Vergangenheit; Leben – Tod. Der Maler am Berg frönt ohne den „Hauch eines Internetanschlusses“ sklavisch seiner Kunst, während Nachbar Menshiki das Glück in der Digitalwelt sucht; hier des Künstlers Geldnot, dort Menshikis Luxusdasein.

Den schleierhaften Vorgängen im Roman – Ideen materialisieren sich etwa als geschwätzige Gnome – stellt Murakami einen klirrenden Prosarealismus gegenüber, der die Zeit des Digitalweckers (6:35 Uhr) ebenso penibel registriert wie die Höhe der Lautsprecherbox (173 Zentimeter). Viel Kulissenzauber, der das Romangebälk knirschen lässt. Für Alltagsabenteuer ist ebenfalls gesorgt, überzogen von der Patina des Mystischen: „Da das Haus, in dem ich wohnte, genau an der Wetterscheide stand, kam es vor, dass im Garten ein starker Schauer niederging, obwohl auf der Vorderseite die Sonne schien.“

Das Räubern kann Haruki Murakami nicht lassen. Er zitiert Franz Kafka und die Rolling Stones, Micky Maus und Jack Nicholson. Die Brechstangendramaturgie seiner Erzählung wird mit fremden Federn geschmückt.

Wasser marsch. Roman unter.

Vielleicht müsste man Murakami darauf aufmerksam machen, dass die Metapher vom Wasser als dem bodenlos Inneren des Menschen mausetot ist. Es grenzt an Ranküne, mit welch abenteuerlicher Ungeniertheit der Autor sein Standard-Sinnbild zum Einsatz bringt. Der Maler in seiner einsamen Berghütte staunt über die ihn umgebende Stille: „Es ist wie in einer Höhle auf dem tiefsten, tiefsten Meeresgrund.“ Das protzige Haus am gegenüberliegenden Berghang? „Wie ein Luxusdampfer auf dem Meer.“ Der Icherzähler laboriert an Einsamkeit? „Mir war, als säße ich allein auf dem Grund des Meeres.“

Wahlweise erscheint die trübe Situation des Helden so: „Ein einsamer Eisbär, der auf einer treibenden Eisscholle festsaß.“ Wasser marsch. Roman unter.

Der Icherzähler will „ins richtige Fahrwasser gelangen“, überlässt sich dem „Fluss der Zeit“ und sucht nach einer Erklärung für seine erschöpfte Kreativität: „Es ist wie bei einem Meeresbeben“, ergründet Murakami das Wesen der Kunst. „In der unsichtbaren Welt, in der Welt, in die keine Sonne dringt, also im verborgenen Reich des Unbewussten, kommt es zu starken Verwerfungen.“

Simpel-Sprüche

Murakamis Prosa, die viel im Vagen belässt, driftet fröhlich ins Kalenderspruchartige, gleitet ab ins Einfallslose. Der Roman geizt nicht mit Simpel-Sprüchen erster Güte: „Ein Gedanke vergeht, ein anderer entsteht.“ Alle Dinge, doziert der Icherzähler, hätten eine gute und eine schlechte Seite, und der Erbauungsdichter Murakami weiß: „Aus der Ferne betrachtet, erscheint vieles rosiger.“ Weihrauch schwärzt die Seiten: „Die Regungen des menschlichen Herzens sind etwas höchst Unbeständiges, das weder Gewohnheiten noch Gepflogenheiten noch Gesetzen unterliegt.“ Murakami flüchtet sich in Plattitüden und inhaltsleeres Parlando.
Die intellektuelle Dürftigkeit der feierlich vorgebrachten Tag-für-Tag-Weisheiten katapultiert den Roman in das, tja, brackige Wasser der Banalität: „Ohne Ursache keine Wirkung. So wie man kein Omelett zubereiten kann, ohne Eier aufzuschlagen.“

Wien spielt in „Die Ermordung des Commendatore“ übrigens eine Nebenrolle. Tomohiko Amadas, die demente Malerlegende, die eine Oper nicht mehr von einer Bratpfanne unterscheiden kann, lebte als junger Mann 1938 in Wien; Gerüchten zufolge war er als Widerständler in ein Attentat auf einen hohen Nazifunktionär verwickelt. Die Wien-Klischees werden dabei übererfüllt. „Die Atmosphäre ist anders, die Menschen sind anders, die Küche ist anders, die Musik ist anders. Wien ist ein besonderer Ort, an dem man das Leben genießt und die Künste liebt.“ Merke: „Wien ist eine unvergleichliche Stadt. Man spürt es sofort, auch wenn man nur kurz dort ist. Wien ist anders als Deutschland.“
Der Name der erfundenen Widerstandsgruppe lautet „Candela“, lateinisch für „Kerze“. „Also etwas, das die Dunkelheit erhellt“, räsoniert Murakami. Der zweite Band von „Die Ermordung des Commendatore“ erscheint am 16. April. Fortsetzung folgt? Bitte nicht.