Hildebrand Gurlitt: Das Leben des NS-Kunsthändlers

SAMMLER GURLITT (1954): Hitlers Chefeinkäufer

SAMMLER GURLITT (1954): Hitlers Chefeinkäufer

Visionärer Museumsmann oder hinterhältiger Opportunist? Zwei neue Biografien beleuchten das zwiespältige Leben des NS-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt.

Einen solchen Museumsdirektor wünscht man sich heute allerorten: einen, der Sammler zu Schenkungen und Leihgaben bewegt; einen, dessen Ankäufe sich später als überaus weitsichtig erweisen. Das König-Albert-Museum im sächsischen Zwickau konnte 1925 einen derart erfreulichen Personalzugang verbuchen. Der Mann, der das Haus von einem Provinzmuseum in eine Avantgarde-Stätte verwandeln sollte, war erst 29 Jahre alt; er hieß Hildebrand Gurlitt. Doch derselbe Visionär sollte später Werke der sogenannten "entarteten Kunst“ - also ebenjener, die er einst ausstellte - im Auftrag der NS-Kulturbehörden veräußern und zu einem der wichtigsten Einkäufer für das von Adolf Hitler geplante Linzer Kunstmuseum werden. Gurlitt, 1956 an den Folgen eines Autounfalls verstorben, war lange Zeit nur unter Fachleuten bekannt. Bis zum November 2013: Damals berichtete das Magazin "Focus“ erstmals über seine bis dahin verborgene Kunstsammlung, die sein Sohn Cornelius über Jahrzehnte hinweg gehortet hatte: 1280 Werke, großteils aus der Zeit der Klassischen Moderne. Im Jahr darauf sollten weitere 238 Objekte in einem Haus in Salzburg auftauchen. Deutschland hatte seinen Raubkunst-Skandal, die "Taskforce Schwabinger Kunstfund“ wurde einberufen.

Rund zweieinhalb Jahre später erscheinen nun gleich zwei Bücher über Hildebrand Gurlitt. Eines davon stammt von der britischen Journalistin Catherine Hickley ("Gurlitts Schatz. Hitlers Kunsthändler und sein geheimes Erbe“), das andere von ihrer deutschen Kollegin Nicola Kuhn und der Kunsthistorikerin Meike Hoffmann, Spezialistin für Raubkunst und Mitglied der "Taskforce“ ("Hitlers Kunsthändler. Hildebrand Gurlitt 1895-1956.“). Es sind die ersten Einzeldarstellungen zu diesem Thema auf wissenschaftlichem Niveau; sie beleuchten differenziert und materialreich Gurlitts widersprüchliche Existenz.

Gurlitt wurde 1895 in Dresden geboren. Seine Vorfahren waren Landschaftsmaler, Schriftstellerinnen und Architekturhistoriker. Wie sich der Nachwelt erst 2013 tatsächlich offenbaren sollte, gab es auch in seiner Generation eine außergewöhnliche Künstlerin: seine Schwester Cornelia, die sich 1919 das Leben nahm. Sie schuf großartige expressionistische Grafiken. Besonders Hickley verweist auf die überfällige Wiederentdeckung dieser Künstlerin und ihrer Bilder, die sie unter anderem im litauischen Wilna anfertigte. Dort arbeitete sie während des Ersten Weltkrieges in einem Lazarett. Zu ihr hatte Hildebrand als Jugendlicher ein inniges Verhältnis, ebenso wie zunächst zu seinem Bruder Wilibald, der Musikwissenschafter wurde. Ein Foto zeigt die Geschwister 1915 auf Heimaturlaub. Wie viele Zeitgenossen war Hildebrand Gurlitt mit Feuereifer in den Krieg gezogen.

"Eines der ersten Opfer der NS-Kulturpolitik"

Nach dem Krieg erwarb sich Gurlitt im Zwickauer Museum seine Meriten. Lange konnte er dort nicht bleiben. Der Grund dafür erscheint aus heutigem Blickwinkel paradox: Ausgerechnet er, Hitlers späterer Kunsthändler, widersetzte sich nämlich der NS-Ideologie, die in Sachsen bereits vorherrschte. 1930 wurde er entlassen, angeblich aus finanziellen Gründen. "In Wirklichkeit war er jedoch eines der ersten Opfer der NS-Kulturpolitik: der erste deutsche Museumsdirektor, der gefeuert wurde, weil er ‚entartete Kunst‘ befürwortete“, notiert Hickley. Und auch später widersetzte er sich NS-Direktiven, als er den Hamburger Kunstverein leitete: 1933 weigerte er sich, die Hakenkreuzflagge zu hissen. So musste er auch diesen Posten verlassen. Hoffmann und Kuhn beschreiben den Vorfall als Wendepunkt in Gurlitts Leben: "Mit dem Nicht-Hissen der Hakenkreuz-Fahne signalisiert er nach außen Widerstand, hat zu diesem Zeitpunkt aber für sich schon resigniert. In der Öffentlichkeit beweist Gurlitt Standhaftigkeit, als privater Geschäftsmann aber lässt er sich nur allzu bald korrumpieren.“ In der Folge verlegte er sich auf den Kunsthandel und ließ sich von der NS-Kulturpolitik einspannen.

Doch bereits vorher hatte er auf bisweilen nicht ganz astreine Weise agiert, wie Hoffmann und Kuhn nachweisen: Schon 1929 hatte er Fotografien von André Kertesz und Edward Weston erworben, angeblich im Namen des Zwickauer Museums. Tatsächlich landeten die Werke aber in der Sammlung seines Freundes, des Industriellen Kurt Kirchbach: "Hier überschreitet er bereits eine Grenze zur persönlichen Bereicherung, auch wenn es zugunsten eines Freundes geschieht“, heißt es in der Biografie.

In den neuen Publikationen wird ein eindrückliches Bild davon gezeichnet, wie der begabte Netzwerker seine Verbindungen spielen ließ. Jüdischen Sammlern, die zu Verkäufen gezwungen waren und ihn aus früheren Zeiten kannten, kaufte er Werke zu teils absurd niedrigen Preisen ab - um sie weitaus teurer wieder abzustoßen. Wie kleinkariert er dabei bisweilen agierte, zeigen auch vermeintliche Nebenschauplätze. Hickley erzählt, wie Gurlitt dem Musikverleger Henri Hinrichsen auch noch Transportkosten in Rechnung stellen wollte, als dieser 1940 in schwerer Not Kunstwerke veräußerte. Später wurde Hinrichsen in Auschwitz ermordet.

Steil bergauf ging es mit Gurlitts Geschäften, als Hitler den Auftrag erteilte, die "entartete Kunst“ aus sämtlichen öffentlichen Sammlungen zu Geld zu machen. Insgesamt rund 20.000 Werke wurden in den Museen beschlagnahmt und zunächst in Depots zwischengelagert, etwa im Berliner Schloss Schönhausen. Da Gurlitt auf ebendieses Segment spezialisiert war, wusste er bestens über Absatzmöglichkeiten Bescheid, verkaufte an Museen im Ausland, aber auch an Sammler wie Hermann Reemtsma oder Josef Haubrich.

Erbeutete Ware

Seine "größte Zeit als Kunsthändler“ (Hoffmann/Kuhn) erlebte er ab 1943. Damals erhielt Gurlitt einen Job von Hermann Voss, ebenfalls einem alten Bekannten aus Museumszeiten, der für den Aufbau des "Führermuseums“ in Linz verantwortlich war: Für das Monsterprojekt schaffte Gurlitt Werke aus den besetzten Gebieten heran, viele davon aus dem Bestand bedrängter NS-Opfer - verbürgt ist die Zahl von 168 Werken. Gleichzeitig verkaufte er die erbeutete Ware auch an Privatsammler und Museen. Auf diese Weise häufte Gurlitt ein Vermögen und eine hochkarätige Kunstsammlung an, die nach dem Krieg auf diverse Depots in Deutschland verteilt war und später in München und Salzburg landete.

Nutzten ihm seine Netzwerke schon beim NS-Kunstraub, so kamen sie ihm im Nachkriegsdeutschland erneut zugute. Denn Gurlitts berufliche Verbindungen halfen ihm im Entnazifizierungsverfahren, bei dem er schließlich als "unbelastet“ eingestuft wurde. Wie aus den von Hoffmann und Kuhn publizierten Spruchkammerakten hervorgeht, erklärte etwa der Sammler Josef Haubrich - der selbst von Gurlitts Verbindungen profitiert hatte -, dass sich seine finanziellen Erfolge nur deshalb einstellten, "da er besonders tüchtig ist und hervorragend ausgebildet“. Der expressionistische Dichter Rudolf Adrian Dietrich meinte, dass der Museumsmann stets eine antifaschistische Gesinnung gezeigt habe. Und sogar der jüdische Kunstsammler Otto Blumenfeld, 1938 emigriert, wurde zu seinem Fürsprecher - eingedenk von Gurlitts Aktivitäten im Hamburger Kunstverein.

Hitlers Kunsthändler selbst sah sich, auch dies eine Absurdität, als Opfer: Als "Mischling“ (seine Großmutter war Jüdin) sei er schließlich selbst gefährdet gewesen. Hoffmann und Kuhn förderten einen Brief an einen Kunsthändler und KZ-Überlebenden zutage, in dem Gurlitt 1947 schreibt: "Auch ich war immer in Gefahr und auf der Flucht.“ Gegenüber der französischen Kuratorin Rose Valland bezeichnete er sich gar als "echten Gegner des Nazi-Regimes“. 1948 trat Gurlitt seinen Job als Leiter des Düsseldorfer Kunstvereins an, dem er bis zu seinem Tod vorstand: Seine Ausstellung mit Werken aus dem Museu de Arte de São Paulo zog 130.000 Besucher an, zur Eröffnung erschien sogar Thomas Mann. Gurlitt war Kunstvermittler und Opportunist, visionärer Geist und hinterhältiger Taktierer. Er selbst schrieb 1954 über sein Leben, dass darin "in seinem Wechsel nicht viel Besonderes, aber sehr viel typisch Deutsches enthalten“ gewesen sei.

Catherine Hickley: Gurlitts Schatz. Hitlers Kunsthändler und sein geheimes Erbe. Czernin Verlag, Wien. Übersetzt von Karin Fleischanderl. Czernin, 304 S., EUR 24,90.

Meike Hoffmann, Nicola Kuhn: Hitlers Kunsthändler. Hildebrand Gurlitt 1895-1956. Die Biographie.