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Kultur
06/26/2020

Himmlers Tagebuch: Nach dem Mittagessen Massenmord

SS-Chef Heinrich Himmler führte in den letzten Kriegsjahren penibel Diensttagebuch. Die erstmals veröffentlichten Aufzeichnungen enthüllen die Feinmechanik der national-sozialistischen Barbarei.

von Wolfgang Paterno

Die Gedanken an Neujahr galten Frau und Kind. "12.45 Uhr. Gmund am Tegernsee. Mami und Püppi", lautet der Eintrag im Dienstkalender vom 1. Januar 1943. Heinrich Himmler telefonierte in der Feldkommandostelle mit Ehefrau Margarete und Tochter Gudrun, 1300 Kilometer und einen Weltkrieg voneinander entfernt. Nach Beendigung des Ferngesprächs überbrachten SS-Männer "Neujahrsglückwünsche". Am Tag darauf ist im Diensttagebuch zu lesen: "09.30-12.00 Uhr. Kersten. 15.15 Uhr. Schießen". Himmler ließ sich zweieinhalb Stunden von seinem finnischen Masseur behandeln; nachmittags frönte der zweite Mann im NS-Staat dem Eisstockschießen. Der Name des Heilpraktikers tauchte bis in die letzten Kriegstage hinein noch oft auf; für sein Hobby hatte Himmler später weniger Zeit.

"Die Organisation des Terrors"

Zwischen den Zeilen der nach Jahrzehnten aus russischen Archiven ausgegrabenen Aufzeichnungen "Die Organisation des Terrors" lauern indes Barbarei und Terror. Mithilfe der mehr als 1000 Seiten langen Dienst-, Tischkalender-und Telefonbuchnotizen, von Himmler selbst und seinen Adjutanten in Form von Terminblättern täglich fortgeführt, lassen sich Planung und Durchführung zahlloser NS-Verbrechen minutiös nachvollziehen. Im Team um die Historiker Matthias Uhl, Thomas Pruschwitz, Martin Holler und Jean-Luc Leleu arbeitete auch der Geschichtswissenschafter Dieter Pohl, der an der Klagenfurter Universität lehrt und forscht. "Wir haben es hier wahrscheinlich mit dem wichtigsten Dokument aus der NS-Spitze zur zweiten Kriegshälfte zu tun",sagt Pohl: "Goebbels, dessen Einfluss in dieser Zeit abnahm, hat ausführlich Tagebuch geschrieben und wollte dieses nach dem Krieg veröffentlichen. Bei Himmler sehen wir den Multifunktionär, der nahezu alle Bereiche der Politik regeln wollte: Kriegsführung, Rüstung, Innenpolitik, Massenmord, Besatzungspolitik." Gerade in der Person Himmlers zeige sich die Verflechtung dieser Bereiche: "Man sieht, wie die Staatsspitze bis nach ganz unten durchgreifen und einzelnen Menschen das Leben zur Hölle machen konnte."

Himmlers randvoll mit Reisenotizen, Besprechungsterminen, Angaben zu Mittag-und Abendessen gespickte Agenda erlaubt erstmals umfassende Einblicke in die Feinmechanik der braunen Gewaltherrschaft in den letzten beiden Kriegsjahren. Die bewundernswert detaillierte und mit aufwendigen Kommentaren versehene Edition enthüllt Himmlers Management des Todes. Die Dienstnotizen rücken in letzter Konsequenz auch das verzerrte Bild einer irre gewordenen Clique von Naziführern gerade: Es waren keine Monster, die den Holocaust planten und lenkten, sondern Männer, die jeden ihrer Schritte penibel vorbereiteten, pedantisch dokumentierten, zeitlich abstimmten.

Ende Mai 1943 wälzten sie beim Nachmittagskaffee Verbrechensideen: "15.00 Uhr. General Zeitzler." Der Reichsführer-SS sprach mit dem Chef des Generalstabs des Heeres über die Zuständigkeiten bei der Partisanenbekämpfung. Himmler, der sich mit raspelkurzem Haar und Nickelbrille stets als unnahbar-martialischer Hohepriester seines "schwarzen Ordens" inszenierte und im Dienstbuch auf der pingelig korrekten Rangnennung seiner Untergebenen bestand, wies beim Unternehmen "Cottbus", bei dem in Ostweißrussland bald über 10.000 Einwohner umgebracht werden sollten, jede Beschneidung seiner Befehlsgewalt von sich. "Himmler war ein skrupelloser Ideologietäter, der in seiner bürgerlichen Wertewelt hängen geblieben war", sagt der Historiker Pohl. "In dieser Phase wollte er unbedingt nachholen, was er um 1918 wegen seines jugendlichen Alters versäumt hatte: den Kriegseinsatz. Kaum verwunderlich, dass das schiefging."

"Mit aller Brutalität"

Himmler (1900-1945) war innerhalb der NS-Nomenklatura der mit Abstand einflussreichste Parteifunktionär. Spätestens seit 1929, als er zum Befehlshaber der damals noch kleinen Schutzstaffel (SS) ernannt wurde, hatte er eine Schlüsselrolle inne. Bald herrschte er durch Ämteranhäufung mit Allmacht: Reichsführer-SS und Chef der deutschen Polizei; Verantwortlicher für die Partisanenbekämpfung im Gebiet der Zivilverwaltung und Reichsminister des Inneren; Chef der Heeresrüstung und ab Juli 1944 Befehlshaber des Ersatzheeres; Bevollmächtigter für die Reform der Wehrmacht sowie zuständig für die blutige Besetzungspolitik und die Konzentrationslager. Letzterer Aufgabe widmete sich Himmler "mit aller Brutalität", wie der deutsche Zeithistoriker Peter Longerich in seiner 2008 erschienenen Biografie anmerkt. Von sogenannten Feldkommandostellen aus, in denen Himmler seit Kriegsbeginn in unmittelbarer Nähe zu Hitlers wechselnden Führerhauptquartieren sein Mordhandwerk verrichtete, unternahm der Reichsführer-SS ungezählte, im Dienstkalender akkurat aufgelistete Dienst- und Inspektionsreisen; allein im Halbjahr 1944 kam Himmler auf 16.000 Flug-, 5300 Zug-und über 4800 Autokilometer.

Alles läuft in den Dienstbucheinträgen auf Hitler hinaus. Zwischen Januar 1943 und März 1945 sind insgesamt 168 Treffen notiert; allein im August 1943 sind 21 Begegnungen bezeugt. Der Spätsommer und Herbst 1943 markierte die Endphase der "Aktion Reinhardt", bei der unter Federführung des österreichischen SS-und Polizeiführers Odilo Globočnik mehr als eineinhalb Millionen Menschen in Vernichtungslagern ermordet wurden. Laut Dienstbuch begegneten Hitler und Himmler einander offiziell zum letzten Mal am 20. Februar 1945 in der Feldkommandostelle in Hohenlychen nahe Berlin: "19.00 Uhr. Teilnahme an der Lage beim Führer; Besprechung mit SS-Obergruppenführer Kaltenbrunner". Knapp zehn Wochen später erfuhr Hitler von Himmlers Geheimverhandlungen mit den Alliierten.

"16.00 Uhr. Herr Wulff", schreiben Himmlers Helfer am 30. Mai 1944. Himmler informierte sich bei dem Astrologen Wilhelm Wulff über die Horoskope von Hitler, Churchill, Stalin und die Sternkonstellation für gesonderte Friedensverhandlungen mit England. Hitler geriet außer sich vor Wut, als er von den Unternehmungen seines treuesten Vasallen erfuhr. Er schloss Himmler aus der Partei aus und setzte ihn von allen Posten ab. Ende April 1945 nahm Hitler sich das Leben; Himmler zerbiss nach seiner Festnahme in britischer Gefangenschaft am 23. Mai 1945 eine Zyankalikapsel.

Zynische Obszönität

Es ist die schiere Wucht an zynischer Obszönität, die einen bei der Lektüre dieses voluminösen Bandes geradezu erdrückt. Man blickt Himmler, der die Verantwortung für den Tod von Millionen trägt, an seinem Schreibtisch förmlich über die Schulter: der verbissene Technokrat beim Ausarbeiten seiner Massenmordpläne. "Kein Detail war zu unbedeutend", bemerkt Biograf Longerich: "Erstaunt hat mich, dass Himmler auch in der Phase der akuten Kriegsniederlage alle möglichen Kleinigkeiten wie Personalia von einzelnen SS-Männern regelte", bestätigt auch Dieter Pohl. Himmlers Dienstkalender ist die von Menschenhass und Herrschsucht bestimmte Chronik der großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts. "Bedrückend ist, mit welcher Erbarmungslosigkeit Himmler agierte. Nach dem Mittagessen regelte er Massenmordaktionen. Er setzte meist die radikalste Variante der Politik durch", sagt Pohl.

"Mittwoch, 6. Januar 1943. 11.30 Uhr. Ferngespräch mit Mami und Püppi." Nach dem Telefonat mit Frau und Tochter erließ Himmler den Befehl zur Errichtung eines Sammellagers für Kinder auf dem Gelände des KZ Lublin, wobei diese "zu Gehorsam, Fleiß, bedingungsloser Unterordnung und zu Ehrlichkeit gegenüber den deutschen Herren" zu erziehen seien. Himmlers außereheliches Verhältnis mit seiner Privatsekretärin ("Häschen") hinterlässt in dem Register Leerstellen - wie am 8. Januar 1943: "Kein Eintrag im Dienst- und Tischkalender." Besucht Himmler seine Geliebte, finden sich auch wahlweise die verklausulierten Notizen "Inspektionsreise", "Mark Brandenburg" und "unterwegs". Eintrag vom 8. März 1943: "Sterne angesehen." Himmler privat. Eine Antwort auf die Frage, die Biograf Longerich aufwarf, hält auch der Dienstkalender nicht bereit: "Wie konnte eine so farblose Persönlichkeit eine historisch so einmalige Machtfülle erreichen? Wie konnte der Sohn einer gut situierten bayerisch-katholischen Beamtenfamilie zum Organisator eines ganz Europa umspannenden Systems von Massenmorden werden?"

"Sonnabend, 9. Januar 1943. 13.15 Uhr. Fahrt durch das Getto. 16.30 Uhr. Judenlager." Himmler besichtigte das im Warschauer Stadtzentrum errichtete Getto und die Lagerhallen mit dem geraubten Eigentum ermordeter Juden. Er befahl die Auflösung des abgesonderten Wohnviertels; 8000 Juden wurden darauf in Treblinka ermordet, 32.000 zur Zwangsarbeit verpflichtet. Am Montag, 8. Februar 1943, stand Himmler um zehn Uhr auf, saß ab 10.45 Uhr am Schreibtisch und setzte ein an den Leiter der Inspektion der Konzentrationslager gerichtetes Schreiben auf, in dem er im Befehlston verlangte, dass zwischen den Drahtverhauen Durchgänge zu errichten seien, in denen Hunde patrouillierten, die "mit Ausnahme ihres Wärters jeden anderen zerreißen". Zugleich fügte Himmler an, dass die Bienenzucht in den SS-Betrieben verstärkt werden solle. Vier Tage später besuchte Himmler das Vernichtungslager Sobibor ("15.00-16.00 Uhr. Besichtigung des SS-Sonderkommandos"), um einer Massentötung in den Gaskammern beizuwohnen. Da an diesem Tag kein Deportationszug in Sobibor eintraf, wurden von SS-Männern 200 jüdische Mädchen und Frauen aus der Umgebung zur Ermordung in das Lager deportiert. Anschließend lobte Himmler Lagerleiter Globočnik für dessen "besondere Leistungen"; als Belohnung wurde er ab Herbst 1943 mit der Organisation der "Aktion Reinhardt" betraut.

Banalität und Bestialität des Bösen

Mittwoch, 6. Oktober 1943. "10.30 Uhr. Halsweh." Wenige Stunden später der Eintrag: "18.00-19.30 Uhr. Rede des Reichführers-SS vor den Reichs- und Gauleitern." Himmler sprach in seinem berüchtigten "Posener"-Referat über die Ermordung der Juden: "Ich hielt mich nämlich nicht für berechtigt, die Männer auszurotten - sprich also, umzubringen oder umbringen zu lassen - und die Rächer in Gestalt der Kinder für unsere Söhne und Enkel groß werden zu lassen. Es musste der schwere Entschluss gefasst werden, dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen." Die Banalität und Bestialität des Bösen. Der Dienstkalender als Verlaufsprotokoll der NS-Gewaltherrschaft.

Tags darauf, am 7. Oktober 1943, registriert das Dienstbuch: "11.00 Uhr. Geburtstag. 12.00 Uhr. Sehr erkältet." An diesem Donnerstag erklärte sich Himmler mit der Aufnahme von Tests für eine Heilsalbe gegen Phosphor-Verbrennungen an "arbeitsunfähigen" KZ-Häftlingen einverstanden, die ab Ende 1943 stattfanden: Ärzte fügten den Häftlingen mittels einer Phosphor-Kautschuk-Mischung Verletzungen zu und behandelten sie mit unterschiedlichen Medikamenten. Dienstbucheintrag vom 8. Oktober 1943: "Reichsführer-SS liegt zu Bett." Am 16. Oktober 1943 meldet der Kalender: "Film ,Die Feuerzangenbowle' mit Generalfeldmarschall Keitel, Großadmiral Dönitz". Hitler amüsierte sich ebenfalls mit Heinz Rühmann.

Weiter in Himmlers Tagesablauf. 18. Januar 1944: Nach dem Friseurbesuch studiert Himmler Berichte über die Beschlagnahme jüdischen Eigentums. 29. Oktober 1944: Abendessen mit SS-Bonzen, anschließend Abendlektüre über die Bekämpfung von Fliegen und Mücken. 25. November 1944: Mittagessen mit SS-Obergruppenführer und wahrscheinlich die Ausgabe des Befehls zur Zerstörung der Gaskammern in Auschwitz. 5. Dezember 1944: Termin mit Schreibkraft Fräulein Lorenz plus Anordnung - "Frau Himmler für die Weihnachtsbescherung" eine Geige und vier Akkordeons zu übergeben, ausnahmslos Raubgüter aus Warschau. 6. Januar 1945: Teerunde mit SS-Witwe und Erlass des Befehls, wonach bei Verdacht auf Desertation ein Familienmitglied des geflohenen Soldaten zu erschießen sei. 5. März 1945: Himmler lässt sich von Masseur Kersten behandeln und weiht diesen in Zukunftspläne ein: "Wenn das nationalsozialistische Deutschland zugrunde gehen soll, dann sollen unsere Feinde, die Verräter am großgermanischen Gedanken, die jetzt in den Konzentrationslagern sitzen, nicht den Triumph erleben, als Sieger herauszugehen." Die Nazi- Gegner würden diesen Tag nicht erleben: "Sie werden mit uns verrecken." "Bis zum Schluss: Terror und Massenmord", hält Biograf Longerich fest. Am 14. März 1945 erfolgte der letzte von insgesamt 804 Tageseinträgen ins Dienstbuch, von dem nur sechs Blätter fehlen. Himmler absolvierte ein Treffen mit SS-Gruppenführern und Wehrmacht-Generälen. Einem SS-Mann gratulierte er zur Geburt des achten Kindes und übernahm die Patenschaft für das Mädchen.