Ian McEwan über den Brexit: "Am Rande des nationalen Nervenzusammenbruchs“

Ian McEwan

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Der britische Bestsellerautor Ian McEwan über Theresa May, seine Brexit-Verzweiflung und die moralischen Abgründe der künstlichen Intelligenz.

INTERVIEW: TESSA SZYSZKOWITZ, LONDON

profil: Wäre Theresa May eine interessante Romanfigur?
McEwan: So viel Starrköpfigkeit wäre, fürchte ich, zu langweilig.

profil: Ist sie nicht eine Art Shakespeare-Figur, die ihr Land in den Untergang treibt?
McEwan: Mir fällt beim besten Willen kein Äquivalent für diese Sturheit bei Shakespeare ein. Mich erinnert sie eher an Herkules: Sie bringt den Tempel zum Einsturz. Bedenken Sie, noch 2012, während der Olympischen Spiele, war Großbritannien so gut gelaunt - wir waren richtig zufrieden mit uns selbst. Das ist nicht lange her! Ich finde diese Entwicklung schrecklich faszinierend. Ich hasse sie zwar, aber ich kann nicht anders, als jeden Morgen fünf Zeitungen zu lesen.

profil: Wir sitzen gerade am Fitzroy Square in London. Hier siedelten Sie Ihren Roman "Saturday" an - am Tag der größten Demonstration in der britischen Geschichte, gegen den Irakkrieg 2003. Ist Großbritannien 2019 durch den Brexit in eine vergleichbar schwere Krise gerutscht?
McEwan: Die Krise heute geht tiefer. Zumindest politisch sind wir nun am Rande des nationalen Nervenzusammenbruchs. Das Parlament ist gespalten, die Premierministerin hat jede Autorität verloren. Minister folgen den Vorgaben ihrer Chefin nicht mehr, kümmern sich nicht um die Parteilinie, niemand weiß, was passiert. Theresa May hat die größte Abstimmungsniederlage der britischen Parlamentsgeschichte eingefahren, als ihr Deal abgelehnt wurde. Normalerweise wäre das ein Rücktrittsgrund.


Vielleicht gibt uns die EU eine kleine Verschnaufpause von sechs bis acht Wochen. Eventuell kriegen wir auch eine zweijährige Verlängerung.

profil: Fürchten Sie einen Austritt ohne Abkommen?
McEwan: Das könnte durchaus passieren. Und all jene von uns, die in der EU bleiben wollen, blicken auf dieses Chaos und fühlen sich darin bestätigt, dass das Projekt Brexit von Anfang an eine Katastrophe war. Die konservative Partei führt in EU-Fragen seit 40 Jahren einen Krieg gegen sich selbst. Margaret Thatcher, John Major, David Cameron - alle Tory-Premiers hatten ihre Schwierigkeiten mit Europa. Und jetzt haben die Tories es geschafft, das ganze Land in ihren Krieg hineinzuziehen.

profil: Die Labour-Partei ist allerdings auch gespalten.
McEwan: Wir haben einen harten Linken als Führer der Opposition, der ebenfalls feindlich gegenüber der EU eingestellt ist. Vielleicht gibt uns die EU eine kleine Verschnaufpause von sechs bis acht Wochen. Eventuell kriegen wir auch eine zweijährige Verlängerung. Die Uhr tickt, und May tritt nächste Woche wohl zum dritten Mal mit dem gleichen Deal an, um ihn doch noch durchzubringen. Und dann vielleicht ein viertes Mal, weil sie hofft, dass am Ende die Tory-Abgeordneten doch noch mitstimmen - und die nordirischen Hardliner von der DUP auch.

profil: Werden Sie am 23. März an der großen Demonstration für ein zweites Referendum teilnehmen?
McEwan: Natürlich! Ich war auch im November schon beim ersten Protestmarsch, gemeinsam mit 750.000 Demonstranten. Es gibt genug junge Leute, die 2016 noch nicht abstimmen durften. Zwei Millionen neue Wähler sind inzwischen hinzugekommen. Von denen, die gefragt wurden, wollen 87 Prozent dafür stimmen, dass wir in der EU bleiben. Deshalb lehnen die ideologischen Brexiteers ein zweites Referendum so heftig ab: Sie haben schlicht Angst, es zu verlieren.

profil: Sind Sie als proeuropäischer Londoner Intellektueller nicht Teil der sogenannten Elite? Verstehen Sie die Kritik an der Abgehobenheit der Hauptstädter?
McEwan: Für eine Elite sind wir "Remainer" wohl zu viele. Es haben immerhin 16,2 Millionen für den Verbleib in der EU gestimmt.

profil: Die Briten haben seit jeher ein besonderes Verhältnis zur EU. Können Sie Ihre Landsleute nicht auch verstehen?
McEwan: Man sagt immer, das Brexit-Votum sei von dem Bedürfnis der Menschen getrieben gewesen, die Einwanderung einzuschränken. Wir hätten die Immigration nach Großbritannien aber auch selbst regeln können - das hatte mit der EU wenig zu tun. Die Osterweiterung war ja sogar ein britischer Wunsch. Die Kampagne der Brexiteers war darauf ausgerichtet, die EU für alle unsere Probleme verantwortlich zu machen. Das schafften sie auch. Allerdings haben nur 37 Prozent der britischen Bevölkerung für den Brexit gestimmt. Fast zwei Drittel der Briten haben nicht für den Austritt gestimmt. Zwei Drittel der Parlamentarier waren 2016 für den Verbleib in der EU. Trotzdem stehen wir jetzt knapp davor. Diese Woche haben uns die Ereignisse vor Augen geführt, wie bitter und spaltend dieser Prozess für uns Briten ist.


Großbritannien hätte den Falkland-Krieg leicht verlieren können, wenn die Argentinier die richtigen Sprengköpfe auf ihre Raketen gepackt hätten. Das hätte Thatchers Ende bedeutet.

profil: Kann der Brexit noch gestoppt werden?
McEwan: Ich werde etwas dafür tun, ich schreibe einen Text für den "Guardian". Ich sollte vielleicht lieber in der "Daily Mail" schreiben, im "Guardian" sind ja alle meiner Meinung. Wenn wir den Brexit nicht stoppen, werden wir die nächsten 15 Jahre damit zubringen, wieder dahin zu kommen, wo wir jetzt schon sind. Wir haben gemeinsam mit der EU 40 Freihandelsverträge mit Drittstaaten. Diese Verträge sind keine simplen Abkommen, wir müssten sie anschließend wieder neu aushandeln. Wer wie ich für "Remain" gestimmt hat, ist sprachlos, wie es dazu kommen konnte, dass wir in diese Katastrophe geschlittert sind.

profil: Sie beschreiben in Ihrem neuen Buch "Maschinen wie ich" ein alternatives London der 1980er-Jahre, in dem Margaret Thatcher den Falkland-Krieg verloren hat und gegen Tony Benn um die Macht kämpft. Hätte Thatcher es nicht geschafft, die City of London zu liberalisieren und zu einem reichen, glitzernden Finanzplatz auszubauen, wäre dann vielleicht alles anders gekommen?
McEwan: Großbritannien hätte den Falkland-Krieg leicht verlieren können, wenn die Argentinier die richtigen Sprengköpfe auf ihre Raketen gepackt hätten. Das hätte Thatchers Ende bedeutet. Hätte sich dann die Haltung zur EU verändert? Wir dürfen nicht vergessen, dass Thatcher eine der Architektinnen des Binnenmarktes war. Jene, die sich heute für den Verbleib in der EU einsetzen, dachten immer, dass wir unsere politische Energie nicht für den EU-Austritt, sondern dafür nutzen sollten, den Menschen zu helfen, die seit Thatchers Reformen in bankrotten Kleinstädten sitzen. Ein Teil des Londoner Reichtums hätte längst in den Nordosten Englands verschoben werden müssen.

profil: In Ihrem Roman geht es um eine Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen und einem Roboter. Was interessiert Sie an der Frage, ob künstliche Intelligenzen Gefühle entwickeln können?
McEwan: Es geht um einen jungen Mann, der zu Reichtum gelangt und sein Vermögen in den ersten Roboter investiert, den man für einen echten Menschen halten könnte. Mich hat es fasziniert, mir zu überlegen, was es bedeuten würde, einen Roboter im Haus zu haben, den man von einem Menschen nicht mehr unterscheiden kann, der Gedichte schreibt und in den sich die eigene Freundin verliebt.

profil: Davon sind wir realiter aber noch weit entfernt.
McEwan: Ich stellte mir vor, dass wir in den 1980er- Jahren schon viel weiter gewesen wären. Es geht nicht um Science-Fiction - das ist für mich eher eine moralische Frage. Die künstliche Intelligenz hat längst Einzug in unser Leben gehalten. Computer sind schneller als wir und treffen oft bessere Entscheidungen. Aber haben sie ein moralisches Bewusstsein?


Wir beginnen uns mit der künstlichen Intelligenz zu vermischen, und das ist nicht immer zu unserem Besten.

profil: Nein, oder?
McEwan: Nach dem Flugzeugabsturz der Boeing 737, bei dem gerade 157 Menschen gestorben sind, haben wir gesehen, wie Roboter versagen können. Die Boeing war praktisch selbstgesteuert. Die Maschine zog einen fatalen Fehlschluss.

profil: Die Piloten konnte die Maschine nicht stoppen, weil sie keine Zusatzausbildung erhalten hatten. Da haben also auch die Menschen versagt.
McEwan: Sie sehen: Bereits jetzt beginnen wir, moralische Entscheidungen an unsere Flugzeuge oder Autos zu delegieren. Wir beginnen uns mit der künstlichen Intelligenz zu vermischen, und das ist nicht immer zu unserem Besten.

profil: Sie stellen in Ihren Romanen gern große moralische Fragen, ohne jedoch zu urteilen, ohne mitzuteilen, welche Position Sie für richtig halten.
McEwan: Es gibt ja auch oft keine einfache Antwort. Ich sehe Romane als moralische Erkundungen. Im Fall der künstlichen Intelligenz hat es keinen Sinn, sie einfach abzulehnen. Wenn wir sie nicht entwickeln, machen das die Chinesen.

profil: Anders als Sie bezieht der französische Autor Michel Houellebecq in seinen Romanen deutlicher Stellung - zum Beispiel, wenn er die Übernahme Frankreichs durch sinistre Islamisten prophezeit.
McEwan: Ich bin kein Autor, der seinen Lesern sagen will, was sie denken sollen. Das wäre der Lebendigkeit eines Romans nicht zuträglich. Ich bin aber anderer Meinung als Sie, was Houellebecqs "Unterwerfung" angeht. Das ist eine milde Dystopie, in der menschliche Defekte sehr deutlich werden. Ich habe mich bestens amüsiert bei seiner Beschreibung der Universitäten, die sich dem islamischen Gesetz unterwerfen - die Professoren, die bisher Affären hatten, konnten plötzlich alle ihre Geliebten heiraten.

profil: Religiöse Dogmen spielen auch in Ihrem Roman "The Children Act" eine große Rolle. Für die Verfilmung dieses Buchs, aber auch für jene von "Am Strand" schrieben Sie die Drehbücher selbst. Zufrieden mit den Ergebnissen?
McEwan: Absolut! Als Romanautor ist man Gott. Ich entscheide über das Wetter und über alles andere auch. Bei einer Verfilmung ist man auf den Regisseur angewiesen. Ich hatte immer Glück. Bedauert habe ich nur eines: dass Emma Thompson, die in "Kindeswohl" eine meisterhafte Performance geliefert hat, nicht groß ausgezeichnet wurde. Sie spielte in diesem Film nicht nur ihre Rolle, sie wurde zur Richterin.

profil: In "Kindeswohl" geht es um religiöse und staatliche Verantwortung. Wie halten Sie es mit der Religion?
McEwan: Religionen sind Denkstrukturen; wir sollten mit ihnen kritisch, auch satirisch umgehen dürfen. Keine Religion sollte davon ausgenommen werden und sich anmaßen, Autoren so zu behandeln wie meinen Freund Salman Rushdie wegen seiner "Satanischen Verse". Diese Freiheit der Kunst halte ich, um noch einmal auf den Brexit zurückzukommen, für eine der fundamentalen Werte im Herzen der europäischen Idee.

Ian McEwan, 70
Der Brite gehört zu den führenden Schriftstellern der Gegenwart. Mit Romanen wie "Saturday" und "Amsterdam" - und Verfilmungen seiner Werke ("Der Trost von Fremden","Kindeswohl","Am Strand") erreicht er seit Jahrzehnten ein Millionenpublikum. Als öffentlicher Intellektueller nimmt McEwan in London zudem eine wichtige Rolle im Lager der Brexit-Gegner ein. Sein jüngster Roman, "Maschinen wie ich", wird im Mai 2019 bei Diogenes erscheinen.