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Jakob Lena Knebl: „Ich möchte mir die Finger verbrennen“
02/25/2020

Jakob Lena Knebl: „Ich möchte mir die Finger verbrennen“

Die Wiener Künstlerin Jakob Lena Knebl über Kunst, Kaufsucht, Queerness und den Grund, warum man sich nicht mit Gendertheorie beschäftigen muss, um ihre Ausstellungen zu begreifen. Knebl wird gemeinsam mit Ashley Hans Scheirl Österreich auf der nächsten Kunstbiennale in Venedig 2021 vertreten.

von Karin Cerny

Interview: Karin Cerny, Fotos: Philipp Horak

profil: Für Ihre neue Ausstellung in der Galerie Kargl haben Sie das Alter Ego Ruth Anne erfunden. Wer ist diese Frau? Knebl: Eine fiktive Textilkünstlerin der Hippie-Ära, die gerade wiederentdeckt wird. Aber es ist auch ein Anteil von mir selbst dabei. Natürlich schwingt eine gewisse Ironie mit, wie der Kunstmarkt funktioniert. Wer gerade warum angesagt ist. profil: Handwerk war in der Kunst lange verpönt. Wie erklären Sie sich die aktuelle Begeisterung dafür? Knebl: Auch außerhalb des Kunstkontextes gibt es einen Boom, etwas mit den Händen zu schaffen. Tätigkeiten, die als traditionell weiblich konnotiert wurden, werden gerade aufgewertet. Die „Arts and Crafts“-Bewegung der 1970er-Jahre hat sich kritisch mit der Industrialisierung auseinandergesetzt. Man wollte zurück zu den Wurzeln der Produktion. Nachhaltigkeit war ein Thema. Vieles, was heute erneut wichtig ist.

Ich finde gut, dass Queersein für eine breitere Bevölkerungsschicht greifbarer wird.

profil: Wie recherchieren Sie, um jenes ferne Jahrzehnt zu verstehen? Knebl: Ich war damals ein Kind. Ich versuche, mich an die Atmosphäre zu erinnern, lasse mich von Bastel- oder Designbüchern inspirieren oder sehe mir Science-Fiction-Filme wie „Zardoz“ mit Sean Connery an. profil: Der deutsche Kunstexzentriker Jonathan Meese liebt diesen Film auch. Knebl: Ein Mann mit Brusthaaren, der Hotpants trägt. Und es gibt eine androgyne Gemeinschaft, die sehr speziell miteinander kommuniziert. In der Science-Fiction konnte Geschlecht schon immer anders gedacht, können Grenzen überschritten werden. profil: In der Kunst ist das Label „queer“ derzeit ziemlich angesagt. Knebl: Ich finde gut, dass Queersein für eine breitere Bevölkerungsschicht greifbarer wird. Ich bin aber dafür, den Begriff zu erweitern. Ich finde wichtig, hetero-sexuelles Begehren miteinzubeziehen und Alternativen zu zeigen, wie wir unsere Beziehungen jenseits von Normen leben können. Identität ist aktuell ein Begriff, der auch nationalistisch besetzt wird. Dabei beruft man sich auf das vermeintlich Eigene. Ich versuche, dem etwas anderes, Offenes entgegenzusetzen. Einen Möglichkeitsraum zu schaffen. Auch im Sinne einer Selbstermächtigung.

profil: Woher kommt Ihre Liebe zum Spiel mit Identitäten? Knebl: Ich habe in meinem engsten Umfeld einige Todesfälle erlebt. Das Bewusstsein der Endlichkeit hat mich stark geprägt. Da kommt automatisch die Frage auf, was man erleben will. Es wäre mir zu langweilig, ein Leben lang das Gleiche tun. Ich mag meine Neugier, kann mich für Dinge begeistern, von denen ich nicht dachte, dass sie mich überhaupt interessieren könnten. profil: Es ist kein rein oberflächliches Spiel? Knebl: Nein. Es geht um die große Überschrift: Wer bin ich? Wo möchte ich noch hin? Was bleibt von meinem Leben? Natürlich kann nicht jeder alles sein. Ich werde mit 70 kein Tennisprofi mehr werden. Trotzdem haben wir mehr Chancen, als wir glauben. Ich habe letztes Jahr eine Ausbildung zum systemischen Coach gemacht. Da merkt man: Wenn man die richtigen Fragen stellt, öffnen sich viele Türen. Man kommt vielleicht drauf, dass man Dinge schon einmal gekonnt, sie nur vergessen hat.

profil: Ihre Ausstellungen haben eine sehr sinnliche Komponente, sie sprechen auch Leute an, die noch nie Gendertheorie gelesen haben. Knebl: Da bin ich bewusst niederschwellig. Das ist mir mit meinem Working-Class-Hintergrund wichtig. Meine Ausstellungen dürfen auch Spaß machen. Ich spreche eine Einladung aus – und dann kann man noch immer andere, komplexere Themen mitgeben. profil: Das klingt pädagogisch. Knebl: Kunst sollte möglichst breit vermitteln, raus aus ihrer Blase gehen. Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich mich hinter Kunstphrasen verstecke. Das ist mir zu wenig. Ich gehe bewusst Risiken ein. profil: In einem Video spielen Sie Szenen aus Filmen des französischen Brachialkomikers Louis de Funès nach. Warum? Knebl: In meiner Altersgruppe ist man mit ihm aufgewachsen. Er ist ein totaler Unsympathler – und dabei extrem witzig. Seine Wutanfälle sind legendär.

Manche Dinge, die man früher durch den Kakao gezogen hat, werden mittlerweile kritisch gesehen.

profil: Wie politisch korrekt muss Humor sein? Knebl: Ich möchte mir die Finger verbrennen. Aber es ist ein schmaler Grad, Humor hat einen gesellschaftlichen Wandel durchlebt. Manche Dinge, die man früher durch den Kakao gezogen hat, werden mittlerweile kritisch gesehen. Trotzdem ist Kunst ein Freiraum, in dem Widersprüche verhandelt werden können. Wie der Harlekin in der Commedia dell’Arte, der zugleich Heiler und Bösewicht ist. profil: Sie fühlen sich als Hofnarr? Knebl: Er war der Einzige, der dem König unangenehme Nachrichten bringen durfte, der aussprechen konnte, dass feindliche Truppen vor den Stadtmauern stehen. Ich sehe in diesem Unangepassten eine gewisse Verwandtschaft. profil: Zugleich arbeiten Sie gern in Kollektiven. Knebl: Queersein transportiert eine erweiterte Form des Familienbegriffs. Der Freundeskreis wird wichtiger. Dadurch entstehen auch Kooperationen. In meiner Studienzeit war ich sehr inspiriert von Gilbert & George. Für mich war es schlüssig, auch als Künstlerinnenpaar mit meiner Partnerin Ashley Hans Scheirl in Erscheinung zu treten. Ich arbeite auch mit dem Wiener Design-Label „House of the very Islands“ an Kollektionen, die es immer wieder zu meinen Ausstellungen gibt.

profil: Sie waren bis 30 in der Altenpflege tätig. Warum hat Ihre Kunstkarriere so spät begonnen? Knebl: Die Altenbetreuung hat mir anfangs Freude bereitet. Aber ich habe schnell gemerkt, das sie physisch und psychisch anstrengend und sehr schlecht bezahlt ist. Jeden Tag mit dem Tod zu tun zu haben, das ist schon hart. Dann meinte ein Freund zu mir: Du bist eine Künstlerin. profil: Sie waren skeptisch? Knebl: Ich habe schon damit sympathisiert, hatte viele Freunde aus dem Kunstkontext. Aber ich wusste nicht, ob ich mir das zutraue. Ich habe dann bei Raf Simons Mode studiert und bei Heimo Zobernig textuelle Bildhauerei. profil: Bekannt wurden Sie mit Fotos, auf denen Sie Ihren nackten Körper im Stil klassischer Gemälde verzierten. Ist es Ihnen schwer gefallen, sich auszuziehen? Knebl: Ich habe das nie vorgehabt. Als Jugendliche war es mir sogar unangenehm, schwimmen zu gehen. Obwohl ich damals dünn war. Mir hat die Erfahrung der Sauna geholfen, wie frei man sich da bewegt, wie unterschiedlich die Körper sind. Ich schätze Orte, an denen wir einander anders begegnen können. Wie im Swingerclub, wo gesellschaftliche Klassen keine Rolle spielen. Dem Begehren ist egal, ob er oder sie Arbeiter oder Akademiker ist. Ich würde mir mehr solche Räume wünschen, in denen Dinge passieren können, die nicht reglementiert sind. Nächstes Jahr werde ich in Genf am Musée d’art et d’histoire mit der Sammlung arbeiten. Da gibt es viele Objekte aus der Antike – alle nackt! Die könnte ich gar nicht auf Instagram posten. Wie kann es sein, dass man Zensur an unserer Kunstgeschichte übt? Gewaltvideos darf man zeigen, aber nackte Brüste nicht. Dieses Comeback der Zensur und Prüderie finde ich gefährlich.

Es gibt Menschen, die heiraten Dinge. Das finde ich faszinierend.

profil: Viele Ihrer Objekte erinnern an Fetische. Knebl: Mich interessiert, was uns anzieht und wie diese Dinge unsere Identität mitgestalten. Es gibt Menschen, die heiraten Dinge. Das finde ich faszinierend. profil: Ihre Ausstellungen sind begehbare Räume mit online gefundenen Secondhand-Möbeln. Welche Funktion haben diese Gegenstände? Knebl: Als Besucherin oder Besucher sucht man Punkte, mit denen man sich identifizieren kann. Möbel hat jeder daheim, da fällt die Hemmschwelle. Es geht mir aber auch um die Demokratisierung von Design und Kunst. profil: Was passiert mit den Möbeln danach? Knebl: Fürchterliche Frage! Natürlich quillt mein Lager über. Die grünen Waschbecken aus der Kargl-Ausstellung möchte ich vielleicht zu Hause installieren. profil: Sind Sie kaufsüchtig? Knebl: Mein Umfeld würde das bejahen, insbesondere Ashley. Ich habe mir durch die Kunst eine Legitimation zurechtgelegt, meinen Leidenschaften zu frönen. Wie sollte man sonst argumentieren, dass man unbedingt 20 Stehlampen braucht?

Zur Person Jakob Lena Knebl, 50, setzt sich humorvoll mit Genderrollen und Normierungen auseinander. Martina Egger, wie die Künstlerin eigentlich heißt, änderte ihren Taufnamen auf die Vornamen ihrer Großeltern, was das Spiel mit Identitäten betont, das sie in ihren breit gefächerten Arbeiten – von Performances, Fotografie, Design bis zu Rauminstallationen – verwirklicht. Knebl wird gemeinsam mit Ashley Hans Scheirl Österreich auf der nächsten Kunstbiennale in Venedig 2021 vertreten.

Zurück in die Zukunft Das Linzer Lentos zeigt seit 7. Februar die Knebl-Ausstellung „Frau 49 Jahre alt“. Wie bereits in ihrer erfolgreichen Schau „Oh...“ im Wiener Mumok (2017) wird sie auch diesmal Teile aus der Kunstsammlung in neue Kontexte setzen. Auf Instagram sind bereits Videos zu sehen, in denen sich Knebl als naturnahe Keramikkünstlerin der 1970er-Jahre inszeniert. Auch die Einzelschau „Ruth Anne“ in der Wiener Galerie Kargl (bis 28. März) spielt mit der Kunst der Seventies: von schrägen Wandteppichen bis zu Puppen aus Leder und Tapeten über grünen Lavoirs. In der Kargl-Box hat Knebl eine Ausstellung des Wiener Zeichners Bruce kuratiert: einen Plattenladen mit abgründigen Covers (bis 29. Februar).

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