Jens Harzer: "Man muss den Leuten doch auf die Nerven gehen können“

Jens Harzer im Rahmen der Überreichung des Iffland-Rings im Wiener Burgtheater.

Jens Harzer im Rahmen der Überreichung des Iffland-Rings im Wiener Burgtheater.

Der deutsche Schauspieler Jens Harzer über Selbstkritik und schwierige Regisseure, seine Begegnung mit Bruno Ganz und die Bedeutung des legendären Iffland-Rings.

INTERVIEW: KARIN CERNY

profil: Werden Sie neuerdings öfter um Autogramme gebeten?
Harzer: In Hamburg spricht einen ohnehin keiner an, mit oder ohne Iffland-Ring. Außerhalb von Wien interessiert diese Auszeichnung nicht so viele Menschen. In meinem privaten Umfeld auch nicht. Aber ich möchte es auch nicht banalisieren. Wenn ein Teil der Herzens- und Gedankenwelt, die Bruno Ganz in sich trug, an mich heranweht, kann man doch glücklich sein. Aber im größeren Rahmen möchte ich das so weit wie möglich von mir fernhalten.

profil: Klingt die Iffland-Ring-Formulierung für den „bedeutendsten und würdigsten Schauspieler“ nicht etwas antiquiert?
Harzer: Mit meiner Generation haben diese Begriffe nicht mehr viel zu tun. Gleichzeitig ist mir diese alte Theaterwelt nicht fremd. Ich habe ganz jung an den Münchner Kammerspielen unter Dieter Dorn angefangen, dort mit großen Schauspielern wie Rolf Boysen, Thomas Holtzmann oder Gisela Stein gearbeitet.

profil: Der Chef der Kammerspiele, Dieter Dorn, galt als Verfechter der Texttreue.
Harzer: Für mich war das damals ein glücklicher Weg. Andere mussten sich von dieser unglaublichen Heiligkeit und Auslegung der eigenen Bedeutung früher emanzipieren. Aber hinter der Gründlichkeit stand ja eine große Radikalität. Das waren keine repräsentativen Schauspieler, die sich auf ihrem Ruhm ausruhten. Sie haben sich ständig selbst hinterfragt.

profil: Sie lernten Bruno Ganz 1996 bei den Proben zu „Ithaka“ von Botho Strauß an den Münchner Kammerspielen kennen. Warum hat er Ihnen den Iffland-Ring vermacht?
Harzer: Was soll ich dazu sagen. Es ist schwer, sich selbst zu beschreiben. Das sollte man anderen überlassen. Es war auf jeden Fall eine sehr besondere und wichtige Begegnung mit ihm. Man hatte sich etwas zu sagen – das ist ja schon mal etwas.

profil: Für Bruno Ganz war es eine schwierige Phase: Er hatte mit seiner Alkoholsucht zu kämpfen.
Harzer: Ja, das ist lange her. Aber danach hat er bis zuletzt nicht mehr getrunken. Das ist alles, was man dazu sagen sollte. Wir begegneten einander im Stück als Vater und Sohn. Es war ein schönes Verhältnis von Nähe und Distanz, sowohl auf der Bühne als auch privat.


Ich finde es irgendwie schön, zu wissen, dass Bruno Ganz den Ring eigentlich Gert Voss vermacht hat.

profil: Sie mussten nun innerhalb von drei Monaten eine Nachfolge für den Iffland-Ring bestimmen. Eine schwierige Entscheidung?
Harzer: Also mir fallen sofort zehn Schauspielerinnen und Schauspieler ein. Aber jede und jeder von ihnen würde auch sagen: So überzeugt von sich kann heutzutage keiner mehr sein, sich als würdigste Schauspielkraft deutscher Zunge zu fühlen. Ich finde es irgendwie schön, zu wissen, dass Bruno Ganz den Ring eigentlich Gert Voss vermacht hat. Voss war eindeutig ein Würdigster. Da stimmte der Begriff noch.

profil: An den Kammerspielen galten Sie als der Hochbegabte, das gefährdete Genie, der früh Vollendete. War das nicht auch irgendwann ein Gefängnis?
Harzer: Das sind Begriffe, die euch Journalisten gehören. Ich habe mich davon verabschiedet, mich damit zu beschäftigen. Aber natürlich war mir Dorns Welt irgendwann zu eng. Ich brauchte andere Begegnungen, und die kamen dann ja auch. Andererseits ließ mir Dorn für seine Verhältnisse schon sehr früh gewisse Freiheiten. So förderte er die ersten Arbeiten mit dem jungen Jan Bosse. Oder meine Inszenierungen mit Andrea Breth. Und später mit Gosch.

profil: Jürgen Gosch sagte zu Ihnen: „Lassen Sie sich einfach in Ruhe.“ Sind Sie zu verkopft?
Harzer: Manchmal, ja, bestimmt, noch immer. Man braucht doch immer Menschen, die einen von sich selbst befreien. Bei Gosch hatte ich schon beim Zuschauen extrem viel gelernt, ähnlich wie ab Mitte der 1990er-Jahre, als ich anfing, die Inszenierungen von Frank Castorf zu sehen. Diese fremde Vehemenz hat mich sehr fasziniert.

profil: Sie haben den Ruf eines Sprachvirtuosen. Hat Gosch Ihnen das ausgetrieben?
Harzer: Ja, aber auch vieles andere. Ich fand es beglückend, wie entspannt und unaufwendig seine Regiekunst war. Unaufwendig und unbarmherzig. Dabei habe ich gelernt loszulassen. Entspannt zu sein hinter der Rolle sozusagen.


Leider muss ich auch im Film immer wortreiche Rollen spielen. Ich würde gern mehr schweigen.

profil: Es ist also mittlerweile nur noch ein Klischee, Sie seien sprachfixiert?
Harzer: Keine Ahnung, mich beschäftigen doch genauso viele andere Dinge, die mit dem Spielen zu tun haben. Zum Beispiel eine Arbeit wie „Penthesilea“ mit Sandra Hüller, eine Inszenierung, die im Vorjahr bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte –, da stehe ich ja auch nicht als Sprachmaschine herum. Das ist eine ungemein körperliche Veranstaltung, die fast etwas Tänzerisches hat.

profil: Finden Sie Film befreiend, weil Sprache dort weniger wichtig ist?
Harzer: Leider muss ich auch im Film immer wortreiche Rollen spielen. Ich würde gern mehr schweigen.

profil: Sie meinten einmal, Sie hätten Scheu, auf die Bühne zu gehen. Wird man mit dem Alter gelassener?
Harzer: Weiß ich nicht, muss man gelassener werden? Ich habe jedenfalls den Anspruch an mich, in keine Vorstellung hineinstolpern zu wollen. Man braucht für jedes Stück einen anderen Ausdruck. Das ist das Entscheidende.

profil: Auch selbstkritisch?
Harzer: Natürlich bin ich selbstkritisch, wie soll es anders gehen? Fragen Sie doch mal Musiker oder Tänzer; die arbeiten ständig an sich weiter. Handwerk. Körper. Seele. Um noch einmal Gert Voss ins Spiel zu bringen: Ich erinnere mich an die Leseprobe von „Wallenstein“ mit Andrea Breth in Wien, wie gut und tief er vorbereitet war, unglaublich. Es ist doch wichtig, mit sich und den Seinen im Laufe der Jahre eine Art Sensorium zu entwickeln, um die eigene Arbeit zu reflektieren und um weiterzukommen.

profil: Ist es nicht masochistisch, sich mit anderen zu vergleichen?
Harzer: Was ist das für eine Frage! Gute Schauspieler sind doch immer eine Inspiration. Sie glauben doch nicht, dass eine Schauspielerin wie Cate Blanchett zum Filmset kommt und einfach drauflos spielt. Das ist doch durchdrungene Arbeit. Ich habe großen Respekt vor der Auseinandersetzung mit der Methodik des Spielens. Ich liebe Bücher, die von Arbeitsweisen erzählen. Über die Geheimnisse des Spielens. Rolf Boysens tolle Beschreibung über seinen „König Lear“ fällt mir da ein: Wie er beschreibt, dass er sich die ganze Zeit mit einem Wolf beschäftigt hat, um diesem Lear überhaupt nahezukommen. Das ist doch wunderbar. Darüber wird im Theater viel zu selten geredet.


Es ist doch die Grundvoraussetzung am Theater, dass man die Dinge in größter Freiheit sieht und kritisch angeht. Für diese Freiheit sollte man kämpfen.

profil: Glauben Sie nicht, dass es Schauspieler gibt, die ihren Job locker nehmen und trotzdem gut sind?
Harzer: Klar gibt es die.

profil: Wie finden Sie Schauspieler, die Privates erzählen?
Harzer: Ich rede lieber über meinen Beruf, zu allem anderen fühle ich mich nicht berufen.

profil: Hatten Sie einen Plan B für den Fall, dass es mit dem Schauspiel nicht geklappt hätte?
Harzer: Da wäre mir schon was eingefallen. Aber natürlich ist das Schauspielen der tollste Beruf für mich. Man spielt, man versucht sich zu verwandeln, man zieht nicht ständig die eigenen Kleider an, man bleibt nicht immer nur bei sich selbst stehen, das ist doch ganz schön. Man ist letztlich nicht einverstanden mit der Welt, so wie sie ist, indem man ihr etwas entgegensetzt, in Schönheit, in Verzauberung oder in Widerstand. Aber mit einem gesellschaftlich repräsentativen Gefühl hat dieser Beruf für mich nichts zu tun. Das ist in Österreich vielleicht anders.

profil: Weil Schauspieler dort einen anderen Stellenwert haben?
Harzer: Das ist bestimmt auch etwas Schönes. Aber ich kann mit dieser Schauspielerverehrung nicht so viel anfangen.

profil: Sie haben schon oft bei den Salzburger Festspielen gearbeitet. Das ist doch auch eine Gesamtinszenierung.
Harzer: Man muss ja den äußeren Quatsch nicht mitmachen. Wenn der Sommer schön ist und es nicht regnet, wenn die richtigen Leute gemeinsam an einem Gedanken stricken, stehen die Chancen gut, dass auch in Salzburg etwas Spannendes entstehen kann.

profil: Das Stadttheater verändert sich. Autoritäre Direktoren werden kritisiert, man hinterfragt, warum so wenige Frauen in Leitungspositionen sind.
Harzer: Es ist doch die Grundvoraussetzung am Theater, dass man die Dinge in größter Freiheit sieht und kritisch angeht. Für diese Freiheit sollte man kämpfen. Auch bei sich selbst. Vor allem bei sich selbst. Also ist es gut, wenn überkommene Strukturen verändert werden und man Hierarchien überdenkt. Das hat der Fotograf Wolfgang Tillmans letztens in einem Interview mit dem „Süddeutschen Magazin“ sehr klug beschrieben, diese Balance zwischen der Verantwortung und dem Rückzug. Gleichzeitig sollte man aber eben auch keine Angst haben vor starken Partnern, seien es die Kollegen, Regisseure, Intendanten oder was weiß ich. Ist doch gut, wenn jemand Visionen und Träume hat! Ich habe ja auch welche. Es gibt den tollen Satz des Philosophen Hans-Georg Gadamer: „Es ist möglich, dass der andere recht hat.“ Da steckt beides drin: die Demut und die Verweigerung. Es ist doch so: Je eigenwilliger man Theater macht, desto schöner ist es auch, oder besser gesagt: notwendiger. Erst dann wird es einzigartig, auch für die jeweilige Stadt, in der das Theater steht. Wenn man früher Sophie Rois sehen wollte, musste man nach Berlin an Castorfs Volksbühne. Man konnte sie nirgendwo sonst sehen. Das war doch großartig!

profil: Sie sind ein Fan des Slapstick-Kinokomikers Jim Carrey. Warum?
Harzer: Er ist toll, der legitime Nachfolger von Jerry Lewis – auch wenn er einem oft auf die Nerven geht. Aber auch das muss man können. Der Dokumentarfilm über ihn, „Jim und Andy“, ist das Klügste und Verrückteste, was man derzeit über Schauspielerei erfahren kann. Ich finde es auch angenehm, dass Carrey leicht verstrahlt und esoterisch wirkt.

profil: Weil er nicht angepasst ist?
Harzer: Man muss den Leuten doch auch auf die Nerven gehen können, oder?

profil: Sie wollen vom Publikum nicht geliebt werden?
Harzer: Diese Frage kann nur eine Journalistin aus Österreich stellen. „Penthesilea“ zum Beispiel ist eine sehr hermetische Aufführung, eine Anstrengung auf der Bühne und für die Zuschauer. Aber gerade dadurch ist es in den besten Momenten irgendwie ein Geschenk, weil es von Herzen zu Herzen geht, eben kein leicht zu verstehendes, repräsentatives Geschenk im Sinne von „Küss die Hand“. Es gibt den Wunsch nach dem verdichteten Spiel, auch bei den Zuschauern. Wenn man dann aus dieser Notwendigkeit heraus geliebt wird, dann ist das doch schön.

Jens Harzer, 47,
Der vielfach preisgekrönte deutsche Schauspieler ist seit März dieses Jahres Träger des Iffland-Rings, der ihm von seinem Kollegen Bruno Ganz testamentarisch vermacht wurde. Überreicht wird er feierlich am 16. Juni im Burgtheater. Harzer kam 1993 an die Münchner Kammerspiele, dann ans Residenztheater. Seit 2009 ist er Ensemblemitglied am Hamburger Thalia Theater. Von 2001 bis 2004 spielte er im Salzburger „Jedermann“ den Tod, 2011 wirkte er – ebenfalls in Salzburg — in Peter Handkes „Immer noch Sturm“ mit. Er spielte in Filmen wie „Requiem“ von Hans-Christian Schmid (2006), in „Die schönen Tage von Aranjuez“ von Wim Wenders (2016) sowie in der TV-Serie „Babylon Berlin“ (2017).