Komponist Staud: "Strache kann noch so viel Kreide fressen“

Komponist Johannes Maria Staud

Komponist Johannes Maria Staud

Der österreichische Komponist Johannes Maria Staud über seinen Zorn auf die politischen Verhältnisse, über Jarvis Cockers Texte, das Schweigen des Kanzlers und die kommende Uraufführung seiner Rechtspopulismus-Oper „Die Weiden“.

INTERVIEW: STEFAN GRISSEMANN

profil: Eine Oper über Europas neue Rechte zu schreiben: Das klingt zunächst unkonventionell – aber wenn man darüber nachdenkt, fragt man sich, warum der Bezug auf die unmittelbare politische Gegenwart im Opernbetrieb eigentlich so selten ist.
Staud: Ich habe es als meine Pflicht empfunden, einen Auftrag der Wiener Staatsoper dazu zu nützen, etwas Nicht-Eskapistisches zu verfassen. Ich wollte keinen neuen „Sommernachtstraum“ schreiben. So schön der ist, uns brennen andere Themen unter den Nägeln.

profil: Ihre 2014 in Luzern uraufgeführte Oper „Die Antilope“ erschien weniger politisch.
Staud: „Die Antilope“ entstand auch zu einer Zeit, als die Welt noch nicht derart aus den Fugen war. Damals arbeiteten wir eher mit Beckett’scher Heiterkeit.

profil: Sie mögen wilde Stilmischungen, durchsetzen atonale Momente mit populären Phrasen, spröde elektronische Interventionen mit unterhaltungsmusikalischen Einwürfen. Verstehen Sie sich als Eklektiker?
Staud: Nein, ich wehre mich gegen diesen Begriff. Mit einer Oper öffne ich die Tür zu einer anderen Welt; für mich ist die Gattung Oper etwas zutiefst Unpuristisches.

profil: Unpuristisch?
Staud: Ja. In meinen Orchesterwerken werden Sie Stilbrüche dieser Art nicht finden. Ich setze sehr verschiedene musikalische Jargons in meinen Opern hart gegeneinander. Insofern sehe ich mich nicht in einer postmodernen, eher in einer theatralen Tradition. Ich habe ein Talent in mir lange unterdrückt: den Song, das Liederschreiben. Opern kann man mit Songs ausstatten. Da funktioniert das.

profil: War das nicht immer so? Die großen Arien waren doch stets eigentlich Songs.
Staud: Nehmen Sie Mozarts Mandolinenständchen im „Don Giovanni“ – ein Song! Wahrscheinlich leben wir in einer eklektizistischen Zeit, aber ich bin ein durch die Wiener Postmoderne gebranntes Kind. Als ich studierte, waren die tonalen Wiener Komponisten sehr einflussreich. Das hat mich nie interessiert. Inzwischen gibt es glücklicherweise eine andere Atmosphäre, spannendere KomponistInnen wie Olga Neuwirth, Georg Friedrich Haas, Pierluigi Billone oder den Dänen Hans Abrahamsen, der sich der Tonalität von der anderen Seite nähert. Wir sind Kinder der Moderne.


Crossover ist nicht mein Ding! Ich vermische Pop und Klassik nicht.

profil: Sie wurden auch von Rockmusik beeinflusst, nicht von der hehren Klassik allein. Meinen Sie dies mit dem Wort „unpuristisch“?
Staud: Viele Eltern drillen ihre musikbegabten Kinder, entziehen ihnen die Chance auf eine Jugend. Musik soll doch Freude machen, und es gibt großartige Popmusik. Übrigens auch textlich: Jarvis Cocker von Pulp beispielsweise schreibt grandiose Texte, den habe ich Durs Grünbein nahegebracht. Das ist wirklich Poesie. Fand Durs auch: Er kippte total in Cockers Songs. Als ich noch in London gelebt hatte, bis vor zehn Jahren, habe ich die jeweils aktuellen Entwicklungen in der populären Musik intensiv mitverfolgt. Inzwischen bin ich wohl auch middle aged, heute gelingt es mir nicht mehr, da mitzuhalten – aber meine Pop-Leidenschaft ist intakt, und hie und da stoße ich immer noch auf interessante Dinge.

profil: Das hört man auch in Ihren Werken.
Staud: Crossover ist nicht mein Ding! Ich vermische Pop und Klassik nicht. Aber ich habe Respekt auch vor dem angeblich Trivialen; es gibt in allen Stilistiken Musik, die mich interessiert, und solche, die mich weniger fesselt.

profil: Oper ist ein elitäres Medium. Ist es da nicht fast ein Widerspruch, eine volksbildnerische Oper zu schreiben, die über die Gefahren des Rechtspopulismus aufklären will? Wen wollen Sie erreichen?
Staud: Natürlich: Wenn man von Stehplätzen und Streaming absieht, ist die Oper elitär. Das würde ich gerne ändern. Und die Frage ist legitim: Wer hört sich das an? Erziehen wir jemanden mit politischen Warnungen? Durs Grünbein und ich wollten keine Thesenoper schreiben. Wir haben den Verführern, den Demagogen den meisten Platz eingeräumt. Ihnen wird nur vom Chor der Opfer widersprochen. Lea, unsere Heldin, argumentiert dagegen nicht, sie handelt. Wir stellen nur Fragen. Aber dabei wird einem angst und bange.

Szenenbild aus "Die Weiden"

Szenenbild aus "Die Weiden"

profil: Wer wird „Die Weiden“ also sehen und hören?
Staud: Sicher auch Menschen, die der Meinung sind, Kunst solle sich nicht einmischen, Musik müsse vor allem schön klingen. Es ist aber eine Staatsbürgerpflicht, sich einzumischen! Ich nutze mein Podium. Hätte ich einen anderen Beruf, würde ich es auch versuchen. Ich habe im Rahmen meines Zivildienstes Widerstandskämpfer kennengelernt; ganz einfache, tolle Leute, die bereits uralt und pflegebedürftig waren. Sie hatten sich antifaschistisch engagiert – und das war keine Frage der Bildung. Viele Menschen mit universitärem Abschluss hängen dubiosen Ideologien nach. Man muss nur das gegenwärtige Bürgertum betrachten: Was die ÖVP derzeit mit sich aufführen lässt, das weckt in mir beinahe Dollfuß-Assoziationen. Das Sagbare wird weiter und weiter hinausgeschoben. Das hat die Generation unserer Großeltern alles schon erlebt. „Wir“ werden gegen „die Anderen“ in Stellung gebracht, freie Medien werden attackiert, weil sie es wagen, kritische Fragen zu stellen. Wir leben in einer bedrohlichen Zeit.

profil: Der Auftrag, „Die Weiden“ zu schreiben, wurde bereits vor vier Jahren vergeben, oder?
Staud: Ja, zu einer Zeit, als die Welt noch halbwegs in Ordnung war. Inzwischen glaube ich, dass es der Zivilgesellschaft wirklich an den Kragen geht. Aber ich spürte schon damals eine vage Bedrohung, vor der Flüchtlingskrise noch. Wen erreiche ich heute? Ich müsste wohl eine andere Musik schreiben, um an ein Massenpublikum zu kommen. Aber auch die Staatsoper wird von Menschen besucht, die echte Musikliebhaber sind und mit offenen Sinnen im Parkett sitzen. Umgekehrt findet sich auch bei Wien Modern einiges an Scheuklappen und Vorurteilen im Publikum. Verstopfte Ohren gibt es überall.


Ich hab mich auch stark mit den sogenannten Identitären beschäftigt, mir im Netz viel Müll aus dieser Ecke angehört.

profil: Vielleicht erreichen Sie an der Staatsoper ja genau die Richtigen?
Staud: Ja. Es wird da vermutlich auch Leute geben, die unsere Oper musikalisch akzeptabel finden, sie aber politisch ablehnen werden.

profil: Die gleichsam mythische Distanz, die das Libretto zur politischen Wirklichkeit hält, wird möglicherweise dazu beitragen, dass sich auch konservativere Gemüter mit Ihrer Oper abfinden können. Sie attackieren ja niemanden konkret.
Staud: Na ja, in den Ansprachen der Demagogen finden sich etliche Originalzitate aus deutscher und österreichischer Politgegenwart. Die Realität hat die Satire längst überholt. Einen Satz wie „Unser Land löst sich auf wie ein Stück Seife im Wasserstrahl“, den ein Rechtspopulist in „Die Weiden“ von sich gibt, haben wir nicht erfunden.

profil: Diese Oper ist also aus einem gewissen Zorn über die Verhältnisse entstanden?
Staud: Aus großem Zorn, ja. Ich hab mich auch stark mit den sogenannten Identitären beschäftigt, mir im Netz viel Müll aus dieser Ecke angehört. Ich halte diese Gruppe für intellektuell nicht sehr rege, aber sie beruft sich auf Denker, die mir auch wichtig sind: Friedrich Nietzsche zum Beispiel. Der war nie antisemitisch, wurde trotzdem von den Nazis instrumentalisiert. Richard Wagner war ein anderer Fall. Der aktuelle politische Mainstream liegt jedenfalls inzwischen weit rechts. Und die Kunst hat daran durchaus Anteil, man muss nur Rüdiger Safranski lesen oder Uwe Tellkamp. Dagegen wollten wir halten.

profil: Entstand das Libretto im Austausch zwischen Ihnen, oder arbeitete Grünbein allein daran?
Staud: Er formulierte allein, aber thematisch standen wir in ständigem Austausch. Die Arbeit war sehr anstrengend, weil wir gemerkt haben, dass uns das Thema über den Kopf zu wachsen droht, wenn wir nicht dauernd aktualisieren und nachschärfen. Dieses Thema betrifft uns alle – und wir haben keine Antworten parat. „Die Weiden“ entstand aus Wut und Abscheu vor dem, was politisch bei uns passiert.

profil: Was macht Sie so wütend?
Staud: Die Menschenrechte werden radikal in Frage gestellt. Matteo Salvini hat Flüchtlinge erst unlängst als „menschliches Fleisch“ bezeichnet. Das Unsagbare ist sagbar geworden. Das machen diese Leute ganz bewusst. Österreichs Innenminister spricht vom „Konzentrieren“ von Asylwerbern, so etwas passiert nicht einfach. Und die ÖVP schweigt. Wieder einmal. Die haben das Heft, im Unterschied zu Wolfgang Schüssel, nicht mehr in der Hand.


Wenn das einzige Interesse eines Menschen darin besteht, dass es anderen Menschen noch schlechter gehen möge als ihm selbst, dann endet meine Empathie.

profil: Setzen Sie mit „Die Weiden“ musikalisch ganz neu an – oder Ihren stilistischen Kurs fort?
Staud: Mein Orchesterwerk „Stromab“ gab den Weg vor. Aber ich habe letzthin mit einigen kammermusikalischen Arbeiten anderes versucht, sehr im Geiste Morton Feldmans, der für mich immer ein wichtiges Vorbild war. In „Die Weiden“ wird man mich aber wiedererkennen können, auch wenn es ein paar ganz ruhige Momente gibt und die Elektronik wichtiger wurde. Toll, dass die Staatsoper das ermöglicht hat; das wurde an diesem Haus noch nie gemacht.

profil: Ist das nicht auch eine Niederlage, wenn eine international bedeutende Institution dieser Art 70 Jahre nach Etablierung der Musique concrète noch immer keinerlei Erfahrung mit elektronischer Musik hat?
Staud: Sie hat „Die Weiden“ immerhin ermöglicht.

profil: Rennt man nicht gegen Wände, wenn man an der Staatsoper eine Gegenwartsoper uraufführen will?
Staud: Die Salzburger Festspiele sind, obwohl sie immer tolle Presse bekommen, auch nicht weiter vorn. Wo sind denn die Opern-Uraufführungen in Salzburg? Gut, die Staatsoper hat lange gewartet, aber jetzt kommen zwei Uraufführungen in zwei aufeinanderfolgenden Saisonen – Olga Neuwirth wird nächstes Jahr ihre neue Oper präsentieren. Man kann sich der Gegenwart nicht verschließen. Die Oper ist eine tote Gattung, wenn sie ein Museum bleibt.

profil: Aber spüren Sie den Druck, auch für passable Auslastungszahlen zu sorgen?
Staud: Musikalisch? Nein. Wären die Vorstellungen meiner Oper eher ausverkauft, wenn ich gefälliger schriebe? Ich bezweifle es. Es gibt auch Komponisten, die besonders unzugänglich schreiben, wenn sie hochdotierte Auftragswerke produzieren. So bin ich auch nicht. Ich versuche, stringent zu bleiben, mich weiterzuentwickeln. Staatsopernchef Dominique Meyer hat unsere Oper, trotz des angriffigen Themas, stets unterstützt und geschützt.

profil: Sie gehen davon aus, dass Ihre Oper Stoff für Provokation, gar Tumulte bieten wird?
Staud: Andrea Moses, die Regisseurin, hat jedenfalls ein Händchen für heiklere politische Stoffe.

profil: Wäre es eine Enttäuschung für Sie, wenn es nach der Uraufführung bloß freundlichen Applaus gäbe?
Staud: Wenn man zum Nachdenken anregen will, freut man sich über jede Art der Erregung. Reiner Konsens ist keine gute Basis zum Nachdenken. Widerspruch wird es sicher geben, schon politisch. Denn wir lehnen uns durchaus ein bisschen aus dem Fenster, halten gewisse Dinge für dauerhaft inakzeptabel: Wiederbetätigung, Antisemitismus und Rassismus etwa. Auch die Vorgänge rund ums BVT sind für mich inakzeptabel. Ich würde freiheitlichen Politikern nicht die Hand schütteln. Da können sie noch so lange davon sprechen, dass man „die Ängste und Nöte der Menschen“ gefälligst verstehen solle. Ich weigere mich, gewisse Dinge zu verstehen. Wenn das einzige Interesse eines Menschen darin besteht, dass es anderen Menschen noch schlechter gehen möge als ihm selbst, dann endet meine Empathie. Strache kann noch so viel Kreide fressen: Er ändert sich nicht. Andrea Moses und Durs Grünbein stammen beide aus Dresden, sie schmerzt die Pegida wie mich die FPÖ und deren Regierungsbeteiligung. Nur sind sie bei uns schon einen Schritt weiter, setzen ihre schlagenden Burschis in jedes Ministerium. Ich bin in Tirol aufgewachsen, mit den Texten Jelineks und Bernhards. Mit Georg Danzers „Der alte Wessely“ bin ich groß geworden. Das entsprach genau meinem Gefühl. Das war für mich Österreich. Hinter jeder Ecke ein Wolf im Schafspelz, ein Kellernazi. Hat sich nicht viel geändert, wie man jetzt sieht.