Literaturnobelpreis: Eine Kritik der Urteilskraft der Akademie

Kazuo Ishiguro, Literaturnobelpreisgewinner 2017

Kazuo Ishiguro, Literaturnobelpreisgewinner 2017

Als Literaturnobelpreisträger ist der britische Schriftsteller Kazuo Ishiguro eine ausgezeichnete Wahl. Wolfgang Paterno zweifelt dennoch am Urteilsvermögen der schwedischen Jury.

Kazuo Ishiguro, 62, wurde mit den Romanen „Alles, was wir geben mussten“ und „Was vom Tage übrigblieb“ berühmt; für Letzteren bekam er 1989 den renommierten Booker-Preis. Der Brite veröffentlichte acht Bücher, zuletzt erschien vor zwei Jahren „Der begrabene Riese“. Ishiguro, geboren in Nagasaki, aufgewachsen in England, schreibt auch Drehbücher und Songtexte; er lebt mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter in London. Sein Werk wurde in 28 Sprachen übersetzt, „Was vom Tage übrigblieb“ von Regisseur James Ivory, „Alles, was wir geben mussten“ mit Keira Knightley in der Hauptrolle verfilmt.

Sein schmales, am klassischen Erzählen geschultes, häufig in entfernten Räumen der Vergangenheit angesiedeltes Werk zeigt Figuren im freien Fall, entwirft, oft in fantastischem Setting, Parabeln über den Umbruch von Zeit und Menschenbild. Literatur ist dem Autor buchstäblich ein weites Land: Er habe, sagte Ishiguro einmal, von Anfang an im Bewusstsein geschrieben, dass seine Bücher übersetzbar sein müssen, in sprachlicher wie kultureller Hinsicht.

Mit dem Literaturnobelpreis werde Ishiguro, so die Wortwahl der schwedischen Jury, für seine Dichtung „von starker emotionaler Kraft“ ausgezeichnet, in der er den Abgrund unserer „Illusion einer Verbindung mit der Welt“ aufdecke. Die untadelige Entscheidung ist das Resultat jener Sorte von Urteilsbegründungen der Floskelfreunde aus Schweden, mit denen vermutlich nicht einmal die Nobel-Champions selbst viel anzufangen wissen.

Spuren von Emotion und Welterkenntnis lassen sich mühelos auch in den Büchern von Don DeLillo, Milan Kundera, Thomas Pynchon, Ian McEwan, António Lobo Antunes oder Amos Oz, einigen ewigen Anwärtern auf die Auszeichnung, finden.

Urteile im Telegrammstil

Sofort nach Bekanntgabe von Ishiguros Wahl tauchte in Online-Foren der Satz auf: „Die Schwedische Akademie hat gesprochen.“ Das klingt nach mehr, als es ist. Sämtliche Preisbegründungen in der mehr als 100-jährigen Nobelpreis-Geschichte sind auf der Website der Akademie dokumentiert – jene Jury-Dekrete, die nach der zeremoniell knappen Begrüßung im Saal der Schwedischen Akademie in der Stockholmer Altstadt vom Ständigen Sekretär, umringt von Kameras und Fotoapparaten, verlesen werden. Aus dem Jahr 2003 (Verleihung an den Südafrikaner J. M. Coetzee) ist die letzte detailliertere Erklärung dokumentiert. Ab 2006 ersetzten sogenannte „Speed Reads“, allgemein gehaltene Angaben über die Laureaten, die sorgfältige Würdigung; seit 2011 sind die Urteile im Telegrammstil notiert: „weil er uns in komprimierten, erhellenden Bildern neue Wege zur Wirklichkeit weist“ (Tomas Tranströmer 2011); „für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“ (Swetlana Alexijewitsch 2015). Der Chinese Mo Yan hat demnach „mit halluzinatorischem Realismus Märchen, Geschichte und Gegenwart vereint“. Jede südsteirische Lyrik-Trophäe ist fundierter begründet.

Seit 1901 wurden 110 Literaturnobelpreise vergeben, nur wenige davon mit ausführlichem Kommentar. Lieber fassen die Stockholmer Literaturrichter ihre Urteile in wolkigen Worten zusammen, die anschließend in alten und neuen Medien nahezu epidemisch kursieren. Halbsätze, vom Ständigen Sekretär (seit 2015 amtiert die Literaturwissenschafterin Sara Danius) referiert, entscheiden jeden Oktober über die Zuerkennung des weltweit wichtigsten Literaturpreises. Die Stockholmer Bekanntmachungen sind selten scharfsinnig, meist holzschnittartig: Wessen Poesie weist „in komprimierten, erhellenden Bildern neue Wege zur Wirklichkeit“? Jene von Thomas Mann? Bob Dylans Texte? Doris Lessings Schriften? Wer darf sich als Vertreter des „poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase“ fühlen? Welcher Autor sich einer „kraftvollen und innerhalb der heutigen Erzählkunst stilbildenden Meisterschaft“ rühmen? Orhan Pamuk? Gao Xingjian? (Auflösung: Tomas Tranströmer 2011; Jean-Marie Gustave Le Clézio 2008; Ernest Hemingway 1954) Die Jury gibt sich unter Wert geschlagen, indem sie fortlaufend Verdikte fällt, die klingen, als seien sie Werbebroschüren entnommen, als sei zuvor in Hinterzimmern Esoterisches diskutiert worden. Erkenntnisgewinn und Evidenz produzieren die Kurzgutachten in nur wenigen Fällen, es sind Sprüche auf wackeliger Basis. Den Anspruch, zu halbwegs präzise kalibrierten Meinungen zu gelangen, hat die Jury offenbar fallengelassen.

Die Komik dieser Unbeholfenheit wird vor dem Hintergrund, dass die im Scheinwerferlicht verlesenen rhetorischen Schnellschüsse über die Vergabe von Prestige und Reichtum (mit umgerechnet rund 940.000 Euro ist der Nobelpreis die mit Abstand international höchstdotierte Auszeichnung) bestimmen, nicht geringer. Wenn in den Proklamationen aus Stockholm eine Tragik verborgen ist, dann ist es der Umstand, dass die Akademie die Kunst des Schreibens mithilfe abgedroschener Satzfragmente beurteilt. Auf Bucheinbänden wirken die Nobelpreis-Losungen deshalb auch seltsam deplatziert. Die meisten Verlage verzichten freiwillig auf die Zitierung, schmücken die Bücher ihrer nobilitierten Autorinnen und Autoren lieber mit unverfänglichen „Literaturnobelpreis“-Banderolen.

"Künstlerisch" als Lieblingsformel

Mit 41 Wörtern – dem ausführlichsten Urteil – wurde 1911 Maurice Maeterlinck bedacht, während Alice Munro 2013 mit dem dürren Befund, die „Virtuosin der zeitgenössischen Kurzgeschichte“ zu sein, abgespeist wurde. Vor der Akademie sind alle gleich: Rabindranath Tagore (29 Wörter), Thomas Mann (26), Winston Churchill (24), Rudyard Kipling (22). Mit einem noch knapperen Spruch mussten sich Gerhard Hauptmann (13 Wörter), die Dänen Karl Gjellerup (10) und Henrik Pontoppidan (8) sowie Knut Hamsun (7) und der Pole Władysław Reymont (6) bescheiden: „für sein großes Nationalepos Die Bauern“.

„Künstlerisch“ ist eine Lieblingsformel der Stockholmer: künstlerische Kraft, künstlerische Reinheit, künstlerische Feinfühligkeit, künstlerische Vollendung, künstlerische Form. Mit den vorgefertigten Phrasen aus dem Wortbausteinkasten – „Humanität“, „Tiefe“, „Idealismus“, „Gefühl“, „Freiheit“ – lassen sich seit Jahren problemlos Schlussfolgerungen zimmern, die wie Persiflagen auf das Literaturpreisgewerbe klingen. Pablo Neruda wurde 1971 „für eine Poesie, die mit der Wirkung einer Naturkraft Schicksal und Träume eines Kontinents lebendig macht“ ausgezeichnet. In der Jurybegründung für die Vergabe an Elfriede Jelinek immerhin war 2004 nach langer Zeit wieder von Sprache, Sprachmelodie, Literaturleidenschaft die Rede – Jelinek erhalte den Preis „für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen“.

Kazuo Ishiguro, der schnörkellose, unprätentiöse, kluge, von erzählerischen Schockelementen befreite Romane in schillernden dystopischen Schattierungen geschrieben hat, hielt die Nachricht von seiner Auszeichnung zunächst für einen Scherz. „Als mein Agent mir davon erzählt hat, dachte ich, ich wäre ein Opfer von Fake News“, erklärte Ishiguro Reportern im Garten seines Hauses in Nord-London. Ganz falsch lag er damit nicht.