Michiko Katukani: Die US-Starkritikerin nimmt sich Donald Trump vor

Michiko Kakutani

Michiko Kakutani

Michiko Kakutani ist die bekannteste Literaturkritikerin der USA. In ihrem ersten Buch rechnet die ehemalige „New York Times“-Journalistin gnadenlos mit dem Trump-Zeitalter ab.

Donald Trump hält sich nicht nur für den besten Präsidenten, sondern vermutlich auch für den besten Autor aller Zeiten. Michiko Kakutani schweigt in ihrem ersten Buch „Der Tod der Wahrheit“ eisern über die schriftstellerischen Qualitäten Trumps. Dabei hätte ihr Urteil Gewicht: 34 Jahre lang war sie die oberste Literaturkritikerin der „New York Times“ (NYT), eine von vielen gehasste Prosascharfrichterin. Wohlwollende K-Zitate auf Novitäten garantieren Verkaufserfolge; nur der O-Faktor (Oprah Winfrey) sorgt in den USA für noch mehr Kassageklingel. Selbst die fiktive Kolumnistin Carrie Bradshaw wartet in einer Episode der TV-Serie „Sex and the City“ angsterfüllt auf Kakutanis Verdikt. Die Kritikerin, klagt Bradshaw, sei so brillant wie erbarmungslos.

Die präsidialen Twitter-Tiraden unterzieht Kakutani in ihrem Buch allerdings verschärfter Beobachtung: „Trumps Angriff auf die Sprache beschränkt sich nicht auf seinen Sturzbach aus Lügen, sondern erstreckt sich auch auf seine Wortwahl und auf Prinzipien, die untrennbar zur Herrschaft der Gesetze gehören: Er vergiftet sie mit persönlichen Zielsetzungen und politischer Parteilichkeit.“

Für Kakutani, 64, läutet der erratische Mann im Weißen Haus das „Trump-Zeitalter“ ein (wie „Der Tod der Wahrheit“ im Original untertitelt ist). Kakutani gegen Trump, das ist der Zusammenprall zweier Welten. Twitter-Troll vs. New Yorker Intellektuelle. Ich-schere-mich-nicht-um-die-Konsequenzen-Haltung vs. Ich-denke-also-bin-ich-Noblesse. Kakutani entzieht sich seit Jahrzehnten der Öffentlichkeit. Ihr offizieller Lebenslauf umfasst wenige Zeilen: Geboren 1955 in New Haven, US-Bundesstaat Connecticut, der Vater Mathematiker, die US-japanische Mutter Kindergärtnerin; Kakutani studierte englische Literatur an der Yale-Universität und begann 1976 bei der „Washington Post“ zu arbeiten; sie wechselte zum „Time“-Magazin und kam 1979 als Reporterin zur „New York Times“; 1983 der Umzug vom News- in das Literaturressort; 1988 Pulitzer-Preis für Kritik und Publikation des Porträt-Sammelbands „The Poet at the Piano“; bis 2017 führende NYT-Literaturkritikerin.

„Wer ist Michiko Kakutani?“

Es existieren nur wenige Fotos von Kakutani; sie gibt selten Interviews, meidet jeden Kontakt mit der Buchindustrie, lehnt die Teilnahme an Lesungen und Talkshows kategorisch ab. Freunde, so heißt es, nennen sie Michi; sie soll schüchtern und bescheiden, Nachtarbeiterin und Fashion Victim sein. „Ich“ findet man in keiner ihrer Kritiken. Kakutani lebt in einer Wohnung an der Upper West Side mit lange zweckentfremdeter Feuerstelle. „Ich bin keine große Köchin“, verriet sie im Vorjahr in einem ihrer raren Interviews: „In meinem Herd lagerten Bücher, bis man mich auf die Brandgefahr aufmerksam machte.“ Dazu passt die Beobachtung des Online-Magazins „Slate“: „Wenn man ihren gedruckten Namen liest, sieht man Rauch vom Papier aufsteigen.“

Als Kakutani im Jänner 2017 Barack Obama interviewte, sorgten weniger die Aussagen des scheidenden US-Präsidenten für Aufsehen als die kurze Replik der Interviewerin auf Obamas Bemerkung, früher hätte er „Zeug zu sich genommen“, das „nicht wirklich gesund“ gewesen sei. Darauf Kakutani: „Das haben wir wohl alle gemacht.“ Das Editorial des Magazins „The New Yorker“ stellte zu Kakutanis NYT-Abschied die Frage: „Wer ist Michiko Kakutani?“ Die Antwort fiel eher dürftig aus: „Michiko Kakutani nahm in der Schule ungesundes Zeug zu sich!“

Kakutani hat ein Faible für den New Yorker Central Park plus Umgebung im Retro-Look. Ihr Instagram-Account versammelt Hunderte Hipstamatic-Fotos aus Manhattan: Aufnahmen von Bäumen und Buchhandlungen, Eichhörnchen und immer wieder Enten in allen Lebenslagen. Auf ihren Fotos zeigt Kakutani selten Menschen, so wie sie sich auch selbst aus dem Bild stiehlt. Knapp 75.000 Twitter-Nachrichten (ID-Bild: ein Ei) hat Kakutani bisher in die Welt gesandt, kaum eine davon lässt Rückschlüsse auf die Verfasserin zu. Es grenzte deshalb an eine Sensation, als sie vor einem Jahr via Twitter bekannte, die japanischstämmige Familie ihrer Mutter, die in Kalifornien geboren wurde, sei während des Zweiten Weltkrieges in einem Internierungslager auf amerikanischem Boden vorübergehend inhaftiert gewesen – was sie, Kakutani, schmerzhaft daran erinnere, dass sich die Geschichte unter Trump wiederholen könne.

"Eisprinzessin aus dem NYT-Tower"

Dieser hielt bislang still. Kein Kurznachrichten-Gewitter gegen „Der Tod der Wahrheit“, keine Ausfälle gegen die Autorin. Sie würde die Attacken mutmaßlich wegstecken. Legendär ist Kakutanis Hassliebe zu Philip Roth, John Updike und Tom Wolfe, Dave Eggers und Donna Tartt. Nicholson Baker, ein Veteran der US-Literatur, gab zu Protokoll, es gebe die wunderbare Zeit des Schreibens – und jene des bangen Wartens auf den Richterspruch der Eisprinzessin aus dem NYT-Tower. Laut Jonathan Franzen (dem Kakutani mit ihrer überschwänglichen Besprechung von „Die Korrekturen“ zur Weltkarriere verhalf – siehe in diesem Zusammenhang auch Zadie Smith, George Saunders, David Foster Wallace) ist die Kritikerin die „dümmste Person in ganz New York“; Norman Mailer verunglimpfte sie als „Ein-Frau-Kamikazebomber“ und „Alibiasiatin“ der „Times“; Salman Rushdie nannte sie eine „seltsame Frau, die abwechselnd ein dringendes Bedürfnis zu verspüren scheint, jemanden zu loben und jemandem den Hintern zu versohlen“. Und Susan Sontag beklagte sich, dass Kakutanis Besprechungen ihrer Bücher schlichtweg „dumm und nichtssagend“ seien. In den literarischen Zirkeln New Yorks machte bald ein Wort die Runde, das synonym für böswillige, glänzend formulierte und humorbefreite Verrisse stand: kakutanisiert. Vielleicht schafft es das Wort irgendwann auch in deutschsprachige Lexika, bis dahin könnte man es so umschreiben: Kakutanisieren, das; ausgeprägtes Daumen-rauf-runter-Symptom, das zuweilen jede tiefergehende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen literarischen Werk außer Kraft setzt; klare Kante und starke Stimme nach dem Grundsatz: Müll oder Meisterwerk.

Trumps Präsidentschaft fällt für Kakutani in „Der Tod der Wahrheit“ eindeutig in erstere Kategorie. Trump ist für die Autorin die Inkarnation des abgefeimten, gewissenlosen Lügenbolds. Wo er auftritt, vernebeln dunkle Wolken die Realität. Trump ist der Commander-in-Chief, sein Wort zählt, seine Handlungen, schreibt Kakutani, enden nicht einfach in einer „Schlagzeilenmoral, sondern schlagen Wellen wie ein giftiger Tsunami und richten im Leben von Millionen Menschen Unheil an. Wenn er das Amt verlässt, wird es Jahre dauern, den Schaden zu reparieren, den er in den amerikanischen Institutionen und der Außenpolitik des Landes angerichtet hat.“

Sie ist sich sogar mit ihrem langjährigen Intimfeind Philip Roth einig. Der im Vorjahr verstorbene Schriftsteller sagte, er hätte sich niemals vorstellen können, dass „die Katastrophe, das entwürdigendste Desaster, das im 21. Jahrhundert über die USA hereinbricht, die Form der unheilvoll lächerlichen Commedia-dell’Arte-Figur des prahlerischen Hanswursts annehmen würde“. Über allem, was Trump angeht, liegt für Kakutani das Versprechen einer schlechteren Welt. In ihrem Buch rückt sie ihn ein für alle Mal in die Nähe eines dreisten Widerlings mit einem mehr als beunruhigenden Einschlag von Machiavellismus, der in Absprache mit großen Teilen der Republikanischen Partei jede objektive, empirische und evidenzbasierte Wahrheit verachte: „Seine Interviews, Ansprachen und Tweets sind ein verblüffendes Durcheinander aus Beleidigungen, Ausrufen, Prahlerei, Ablenkung, Unlogik, Einschränkungen, Ermahnungen und Unterstellungen – die Bemühungen eines Rüpels, einzuschüchtern, andere in den Wahnsinn zu treiben, zu polarisieren und Sündenböcke zu suchen.“

Gegen Ende von „Der Tod der Wahrheit“ kommt Kakutani doch noch auf Trumps eigene Bücher zu sprechen. Man erkenne darin, dass es ihm völlig an Empathie mangle und sein Weltbild stets dem Fressen-oder-gefressen-Prinzip folge: „Töte, oder du wirst getötet, und rechne immer ab.“ In seinem Buch „Nicht kleckern, klotzen!“ erklärte Trump: „Die Welt ist ein fürchterlicher Ort. Löwen töten nur zur Nahrungsbeschaffung, aber Menschen töten aus Vergnügen.“ Und weiter: „Finden Sie sich damit ab. Die Welt ist brutal. Die Menschen vernichten einen nur zum Spaß oder weil sie vor ihren Freunden angeben wollen.“