Neue Alben: Nazar, Dust Covered Carpet, Pallbearer, Merchandise, ROBB

Nazar: Camouflage

Ende August treffen sich Soul, Rap, Indie und Doom Metal noch einmal zu einer zünftigen Sause. Was passiert? profil unerhört bespricht die wichtigsten CDs der Woche.

Von Philip Dulle, Sebastian Hofer, Salomea Krobath und Stephan Wabl

Nazar: Camouflage (Universal)

Das Merkwürdigste, was Nazar in jüngster Zeit passierte, war, vom Feuilleton auf einmal so richtig ernst genommen zu werden. Grundtenor: Öha, da gibt es einen Rapper aus Favoriten, Migrationshintergrund, der sich artikulieren kann und starke, gern auch politische Meinungen vertritt. Subtext: Ausnahmeerscheinung. Denn Rapper aus Favoriten sind ja wohl im besten Fall verkiffte Tagediebe, im schlechtesten echte Idioten. Sind sie natürlich nicht, nur hört man sie im Normalfall nicht so oft wie Nazar, dessen Self-Made-Prominenz längst bis hoch hinauf in die deutschen Album-Charts reicht. Trotzdem lohnt es, Nazar, der vor 30 Jahren als Ardalan Afshar in Teheran geboren wurde und 1987 via Traiskirchen nach Favoriten kam, ein bisschen genauer zuzuhören. „Camouflage“, Nazars sechstes Album und das erste mit üppigem Major-Label-Budget, liefert auf 16 Tracks extrem zeitgenössischen, hochgradig selbstbewussten und durchaus kunstvollen HipHop: Kopfnicker-Beats, Subbässe, Geschichten von „Kanax“ und Nutten, fantasievolle Selbsterhöhungen und konkrete Ansagen, öffentlichkeitswirksame Features (Sido, Falco), Street-Nostalgie und dickhosige Balladen. Ja, so klingt Rap 2014. Ratschlag fürs Feuilleton: Nicht überbewerten, beziehungsweise nicht aus den falschen Gründen. Favoriten ist überall. (6.9/10) S. Ho.

Dust Covered Carpet: Pale Noise (Siluh Records)

Dust Covered Carpet (DCC), viertes Album, erstes Reinhören, erster Gedanke: Mit den beiden ersten Liedern „Pale Noise“ und „Linnahall“ hat DCC die beste Opener-Kombo aller heuer erschienenen Indie-Platten heimischer Herkunft fabriziert. Fünftes Reinhören: Der Gedanke stimmt immer noch! Wie bei den Vorgänger-Alben braucht auch die aktuelle Release des Quartetts vor allem zweierlei: Zeit und Aufmerksamkeit. Der Lohn: kluge Arrangements, anziehende Geräuschspielereien und schön-verstörende Tempowechsel abseits des alternative Mainstreams. Bei aller düsteren Verführungskunst von Sänger und Mastermind Volker Buchgraber, ist DCC auf „Pale Noise“ jedoch dann am eindringlichsten und dringlichsten, wenn die melancholische „Pale“-Grundierung in ausufernder „Noise“-Verstörung aufgeht. Das eine wäre ohne das andere allerdings gar nicht möglich. Und diese Brücke derart souverän zu schlagen, ohne Gewissheit, was einen auf der anderen Seite erwartet, macht den verführerischen Charme von „Pale Noise“ aus. (8.0/10) S.W.

Pallbearer: Foundations Of Burdon (Season Of Mist/Soulfood)

Der Einfluss der britischen Hardrock-Legende Black Sabbath ist unverkennbar. „Foundations Of Burdon“, das zweite Album der Rock-Puristen Pallbearer aus Little Rock, Arkansas, führt die dunkle Tradition der dröhnenden Schwarzmalerei in die Zehnerjahre. Die sechs Songs mit jeweils bis zu zehn Minuten Spieldauer wabern durch die unendlichen Weiten des klassischen Doom Metals; vorgetragen von vier Musikern, die ihre Gitarren-, Bass- und Gesangsflächen wie unendlich tiefe Gesteins- und Erdschichten übereinander schichten und damit ein undurchdringbar scheinendes Geflecht kompromissloser Musik entstehen lassen. Live am 24. September in der kleinen Halle in der Wiener Arena. (8.5/10) Ph. D.

Merchandise: After The End (4AD)

Echo & The Bunnymen, Talk Talk, Duran Duran: Die ersten Assoziationen fließen bereits nach wenigen Klängen von „After The End“ durch die Gehörgänge. Die Jungs aus Tampa, Florida, mit Anfängen als Post-Hardcore-Punk-Band, spielen heute erstklassigen UK-Pop der 1980er-Jahre. Stets melodisch, ein wenig abgestanden und dennoch voll feinster Melancholie. Wer die genannten Bands gut leiden kann, darf hier mit gutem Gewissen zugreifen. (7.2/10) Ph. D.

ROBB: Clay

Handgemachter Soul in allen Farben – das hat sich die Wiener Band ROBB laut Eigenangabe zum Ziel gesetzt. Tatsächlich reicht das Spektrum der soeben erschienen EP "Clay" von sommerlichem „feel-good“ Gelb im Track „FourbyFour“ zu herbstlich-nachdenklichem Rot in der Single „Vaduz“. Die Authentizität der Musik steht bei dem jungen Songwriting-Projekt im Vordergrund: „Alle Songs lassen sich auf Stimme und ein Instrument reduzieren – das ist bei uns die Grundvoraussetzung“, so Robert Summerfield, Sänger und Songwriter der Band. Der Sound klingt international, doch zeigt die Band in ihren Musikvideos eine ganz besondere Verbundenheit zur Stadt Wien: Dort dienen deren Bewohner und Lebensräume als Hauptsujets für einfühlsame Porträts. Die neue Single „Salute“ ist eine Dankeserklärung an alle, die der Band durch das erste Entstehungsjahr geholfen haben. (7.9/10) Sakro

profil-Wertung:
Von "0" (absolute Niederlage) bis "10" (Klassiker)

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