Peter Simonischek: " ... dann krieg ich in der Wahlkabine einen Krampf"

Peter Simonischek: " ... dann krieg ich in der Wahlkabine einen Krampf"

Der Schauspieler Peter Simonischek über Fußballtrainer und entbehrliche Regisseure, seinen "Toni-Erdmann"-Ruhm und die Zukunft des Burgtheaters.

Interview: Stefan Grissemann

profil: In den Medien sind Sie derzeit präsent wie ein Popstar.
Simonischek: Echt? Das hat wohl mit "Toni Erdmann" zu tun.

profil: Erscheint Ihnen dieser jähe Ruhm nicht auch ein wenig unheimlich?
Simonischek: Ich nehme das im Alltag nicht so wahr. Meine Familie spiegelt mir zum Glück nicht den Star. Und die tägliche Routine eines Theaterschauspielers weist ohnehin fatale Ähnlichkeiten mit der eines Beamten auf. Sie stehen in der Früh auf, frühstücken, gehen auf die Probe, die bis drei oder halb vier dauert, dann kehren Sie nach Hause zurück, essen etwas, um abends pünktlich auf die Minute in der Maske zu sitzen. Gegen halb elf haben Sie Ihren Auftritt hinter sich, trinken ein kleines Bier und gehen schlafen. Das mach ich jetzt schon seit über 50 Jahren.

profil: Es scheint Sie aber weiterhin geradezu in Euphorie zu versetzen. Sie haben die Theaterkunst "das Fest des Augenblicks" genannt - bei aller Beamtenhaftigkeit.
Simonischek: Klar, das ist ja auch das Spannende daran. Man muss am Theater in jeder Hinsicht präzise und diszipliniert sein, denn wenn alle Abläufe wie gewohnt funktionieren, wenn Sie brav in der Garderobe keine Zigarette geraucht haben und das gebrauchte Geschirr wie versprochen in die Kantine zurückgetragen haben, geht der Vorhang auf - und Sie sind ein Shakespeare-Schurke oder ein Doppelmörder. Das ist die wunderbare Schizophrenie des Theaters. Ihr zuliebe macht man das alles.

profil: Hadern Sie manchmal mit Ihrer Profession?
Simonischek: Allerdings. Gewisse Abhängigkeiten zu akzeptieren, wird mit zunehmendem Alter nicht leichter. Sie müssen mitunter Entscheidungen mittragen, die Sie selbst so nicht getroffen hätten. Ab einem gewissen Alter sind manche Haltungen eben nicht mehr disponibel. Aber vielleicht handelt es sich da auch um Vorurteile.

profil: In der Theaterbranche läuft tatsächlich nicht alles rund. Ihr Kollege Fabian Hinrichs hat unlängst beim Theatertreffen in Berlin "die Entmündigung der Schauspieler durch die Regisseure" kritisiert.
Simonischek: Damit kommt er eigentlich 20 Jahre zu spät.

profil: Er sagte, Bühnenschauspieler seien zu "willfährigem Werkzeug von narzisstisch schwer belasteten Menschen" geworden. Idealerweise brauche man gar keine Regie mehr, nur noch denkende Mimen und gute Autoren. Teilen Sie diese Sicht?
Simonischek: Ich würde sagen, die Hälfte all jener, die sich Regisseure nennen, ist verzichtbar. Aber natürlich gibt es auch Regiekünstler, die ich in meiner Biografie nicht missen möchte. Wäre ich Klaus Michael Grüber nicht begegnet, wäre ich heute ein ganz anderer Schauspieler. Aber etliche verdienen tatsächlich weder den Regisseurstitel noch das Honorar, das sie beziehen. Warum soll es in diesem Beruf anders sein als sonst wo? Pfeifen gibt es überall. In der Politik beispielsweise. Ich bin noch in dem Glauben aufgewachsen, dass uns die Besten der Besten regieren, die hellsten Köpfe des Landes.


Wie lange ging ich schön brav zur Wahl und machte mein Kreuz immer an der richtigen Stelle. Irgendwann hat es mir aber gereicht.

profil: Das lässt sich inzwischen nicht mehr behaupten?
Simonischek: Sicher nicht! Und da meine ich gar nicht in erster Linie diese neue Regierung, die ja auch nur deshalb zum Zug gekommen ist, weil ihre politischen Gegner alle Chancen verspielt haben. Wie lange ging ich schön brav zur Wahl und machte mein Kreuz immer an der richtigen Stelle. Irgendwann hat es mir aber gereicht. Auf die rechte Drohkulisse ist ja auch seit Jahrzehnten schon spekuliert worden - und wem hat dieses ganze Geplänkel denn mehr genützt als den Rechten? Aber wenn bestimmte ethische Standards nicht mehr eingehalten werden, dann krieg ich in der Wahlkabine einen Krampf.

profil: Sie arbeiten offenbar gern mit politischen Stoffen. Sowohl "Dolmetscher", Ihr neuer Film, als auch "The Who and the What", jenes Stück, das gerade am Akademietheater Premiere hatte, dreht sich in hohem Maße um Ideologie und Moral. Ist es für Sie wichtig, mit Ihren Produktionen nicht nur zu unterhalten?
Simonischek: Das könnte ich gar nicht. Für Unterhaltung um der Unterhaltung willen bin ich nicht wirklich ausgebildet. Im Musical würde ich meinen eigenen Ansprüchen nicht genügen.

profil: Heitere kleine Boulevardkomödien reizen Sie nicht?
Simonischek: Habe ich kaum je gemacht, außer einmal mit Grüber: "Die Affäre Rue de Lourcine", was ja auf den ersten Blick nun wirklich ein Riesenschwachsinn ist ...

profil: ... aber edelster Boulevard!
Simonischek: Und Grüber hat das toll gemacht. Was immer er angegriffen hat, war automatisch geadelt. Natürlich mag ich es, wenn meine Arbeit einen sinnvollen Hintergrund hat.

profil: Vor zwei Jahren erlebten Sie als Co-Star in Maren Ades Tragikomödie "Toni Erdmann" einen Kinokarriereschub. Ihre mehrfach preisgekrönte Performance machte Sie weltweit bekannt. Rechneten Sie auch nur ansatzweise mit dieser Wirkung?
Simonischek: Nein. So ein Traumtänzer bin ich nicht. Aber die Chance des Außergewöhnlichen witterte ich schon, als ich das Drehbuch gelesen und Maren Ades frühere Filme gesehen habe. Man hofft ja immer, dass ein Kinoprojekt in Wien oder Berlin beginnt und in Hollywood endet.

profil: Die Remake-Rechte an dem Stoff liegen inzwischen tatsächlich beim Hollywoodstudio Paramount. Wen würden Sie sich denn in Ihrer Rolle wünschen? Den seit Monaten kolportierten Jack Nicholson?
Simonischek: Ach, da gäbe es so viele großartige Schauspieler. Es kommt auch darauf an, wann sie dieses Remake wirklich drehen wollen. Die Filmrechte an Yasmina Rezas Stück "Kunst" liegen seit über 20 Jahren in Hollywood. Sean Connery kaufte sie damals - und der Film wurde bisher nicht gemacht. Connery wird die Rechte wohl an seine Kinder weitervererben. Maren Ade hat den Verkauf von "Toni Erdmann" aber schlau über die Bühne gebracht: Die Titelrechte hat sie behalten, und anders als Michael Haneke - den ich noch aus seinen Theaterzeiten in Darmstadt und Düsseldorf kenne - verkneift sie es sich, die amerikanische Version ihres Films selbst inszenieren zu wollen. Als Haneke sich aufmachte, sein "Funny Games"-Remake in den USA zu drehen, sagte ich zu ihm, dass es doch toll sei, mit anderen Schauspielern ganz neue Wege zu suchen. Er entgegnete nur, dass er absolut nichts anders machen werde, dass er jede Einstellung exakt wiederholen wolle. Ich verstehe das bis heute nicht. Wie kann ein Künstler, der er ja zweifellos ist, eine solche Entscheidung treffen?


Ich finde ja, dass wir Kurt Waldheim eigentlich ebenso dankbar sein müssen wie dem Glykol. Das waren Läuterungskatalysatoren!

profil: In "Dolmetscher" spielen Sie nun den Sohn eines NS-Mörders, der herausfinden will, was sein Vater im Krieg genau getan hat. Sie stellen diesen Mann erstaunlich unpathetisch dar. Bisweilen fragt man sich, ob ihm die Schicksale der Opfer seines Vaters gar nicht nahegingen. Bevorzugen Sie als Schauspieler die Ambivalenz?
Simonischek: Offen gestanden: auch im Leben. Meine Kinder machen sich manchmal lustig über eine meiner Lieblingsphrasen: Auf den Begriff "absolut!" lasse ich oft das Wort "obwohl " folgen. Einer der lateinischen Sprüche, in denen sich mein Vater gefiel, lautete "Audiatur et altera pars" - man muss auch die andere Seite hören. Der Mann, den ich in "Dolmetscher" spiele, ist kein gefühliger Typ. Es ist wohl auch kein Zufall, dass er ein Wiener ist. Österreichs Ambivalenz in historischen Belangen ist ja bekannt - und sie reicht im Fall des Nationalsozialismus bis in die 1980er-Jahre. Ich finde ja, dass wir Kurt Waldheim eigentlich ebenso dankbar sein müssen wie dem Glykol. Das waren Läuterungskatalysatoren! Sie machten die Verlogenheit deutlich und waren letztlich heilsam für dieses Land.

profil: Ihre jüngeren Film-und Theaterarbeiten zeigen, dass es vor allem zwei Menschentypen sind, als die Sie mit Vorliebe besetzt werden: als anarchischer Witzbold - oder als leicht tyrannische, patriarchale Figur. Können Sie sich das erklären?
Simonischek: Ja, denn ich habe da großes Identifikationspotenzial aus Beobachtungen meiner Familie. Mein Vater war auch ein Patriarch.

profil: Ein heiterer Tyrann?
Simonischek: Ja. Er konnte grandios Witze erzählen - und lachen, dass ihm die Tränen rausgespritzt sind.

profil: Aber das Lachen allein hat wohl nicht dazu geführt, dass ein Teenager aus dem Lavanttal sich einst in den Kopf setzte, Schauspieler zu werden.
Simonischek: Das hat auch mit Fußball zu tun. Ich beherrschte diesen Sport ja nicht, weil ich aus der Oststeiermark stammte, die bekanntlich sehr hügelig ist und in der kein Ball ruhig liegen bleiben kann. Also musste ich mir ein anderes Betätigungsfeld suchen - das war die Theatergruppe. Vielleicht bin ich deshalb bis heute Fußballfan. Aber wenn mich der Trainer einer Mannschaft nicht interessiert, ist die Hälfte der Faszination für ein Team in mir bereits gestorben.

profil: Es geht Ihnen gar nicht so sehr um Clubs und Spieler?
Simonischek: Als Schauspieler sehe ich einen klaren Zusammenhang zwischen der Art des Spiels und dem Trainer. Den FC-Liverpool-Chef Jürgen Klopp mag ich sehr, der ist medial ein Ereignis, immer lebendig. Wäre Klopp Regisseur, würde ich gern mit ihm arbeiten. Peter Stöger kann da nicht mithalten; der ist auch sympathisch, aber mir zu wenig präsent. Ich brauche jemanden, der mitmacht, der sein Herz auf der Bühne hat - oder eben auf dem Fußballfeld.

profil: Fußball ist im Grunde auch eine Art von Theater: Es geht um Strategie und Inszenierung, der Zufall spielt eine Rolle, Unvorhergesehenes kann passieren - und eine Bühne gibt es auch.
Simonischek: Und die Solisten treffen auf die Teamplayer.

profil: Nur das Bühnenbild ist immer gleich.
Simonischek: Das wiederholt sich im Theater auch oft.

profil: Stimmt, der nackte Bühnenhintergrund am Akademietheater ist bereits zu einem Statement mit Repetitionscharakter geworden.
Simonischek: Die meisten Bühnenbildner sind verliebt in die Rückwand der Akademietheaterbühne. Die Krone der Perversion besteht darin, dass diese nackte Wand mit ihren Radiatoren für Gastspiele exakt nachgebaut wurde. Die gibt es als Fake zum Mitnehmen!


Ich habe schon als kleines Kind verstanden, dass es Unsinn ist, Leute hinter die Kulissen schauen zu lassen.

profil: Wie sehen Sie als langjähriges Mitglied des Burg-Ensembles das gegenwärtige Klima am Haus? Unlängst gab es einen die Übergriffe des Ex-Direktors Matthias Hartmann anklagenden offenen Brief, der zu einer Art Spaltung der Belegschaft geführt hat.
Simonischek: Spaltung war das keine. Ich habe nicht unterschrieben, bin aber einverstanden mit dem, was darin steht. Die Frage ist nur, ob man mit diesen Dingen an die Öffentlichkeit gehen muss und unser Publikum belästigt mit Dingen, die eigentlich nur uns betreffen. Ich bin auch kein Freund des berühmten Tags der offenen Tür am Theater. Ich habe schon als kleines Kind verstanden, dass es Unsinn ist, Leute hinter die Kulissen schauen zu lassen. Mein Opa war in Graz mit mir beim Kasperltheater am Fetzenmarkt. Für fünf Schilling konnte man nach hinten, zu den Puppenspielern. Diese Desillusionierung bringt aber die Magie des Theaterereignisses in Gefahr. Wer klug ist, wird sich auch als Erwachsener noch hüten, hinter die Bühne zu gehen.

profil: Ein guter Zauberkünstler erklärt seine Tricks nicht öffentlich.
Simonischek: Sicher nicht. Denn das Theater basiert auf Illusion und Zauber - auch und gerade, wenn es sich realistisch gibt. Ein guter Schauspieler, der aus dem Schnee zu kommen vorgibt, lässt mich spüren, wie kalt es draußen ist. Was soll es da bringen, das Inspizientenpult gleich hinter der Tür zu besichtigen?

profil: Sie sind seit bald 20 Jahren Teil des Burg-Ensembles. Wie blicken Sie der Ära Kušej entgegen?
Simonischek: Ich kenne ihn nicht gut, aber er ist halt Kärntner, und ich war selbst zehn Jahre lang in Kärnten in der Schule. Und er war von 2004 bis 2006 mein Schauspielchef bei den Salzburger Festspielen, als ich dort den Jedermann gespielt habe. Ich sehe es so: Liebt er die Menschen, liebt er die Schauspieler, dann hat seine Direktion Chancen. Sollte das nicht der Fall sein, haben wir alle Pech gehabt. Er übrigens auch.

profil: War das Ensemble des Burgtheaters in die Findung der neuen Direktion eingebunden?
Simonischek: Niemand von uns wurde gefragt. Ich finde ich es grundsätzlich bedauerlich, dass eine Institution wie das Burgtheater mit 70 angestellten Darstellern, sich von einem ehemaligen Geschäftsführer, der Minister wurde (Thomas Drozda, Anm.), den nächsten Direktor vorsetzen lassen muss. Dies tut er auch noch bei der Staatsoper -und dann dankt er als Minister wieder ab. Da frage ich mich, wo über Nacht diese Qualifikation herkommt? Ganz ohne die Meinungen des Ensembles auskommen zu glauben - das halte ich für fatal. Übrigens besonders für uns Schauspieler. Da sind wir dann wieder bei den Einwänden Fabian Hinrichs.

profil: Sie haben mit Regisseur Thomas Vinterberg, der auch schon an der Burg inszenierte, vergangenes Jahr das auf realen Begebenheiten basierende U-Boot-Drama "Kursk" gedreht, eine englischsprachige europäische Koproduktion. Ist es für ein Theatertier wie Sie nicht immens langweilig, Filme zu drehen?
Simonischek: Nein. Ich suche mir da schon Projekte aus, die ich auch spannend finde.

profil: Ich meine eher das Warten am Set, das Spielen minimaler Reaktionen, die Kürze der darzustellenden Szenen.
Simonischek: Stimmt schon, Film ist Warten, Warten, Warten. Aber die Herausforderung besteht darin, trotz dieser Wartephasen präsent zu sein, den Moment zu nutzen. Natürlich ist die Verantwortung bei einem Film ganz anders als im Theater. Denn auf der Bühne ist man zwischen halb acht und halb elf der alleinige Verwalter seiner Figur. Da kann keiner dazwischenfunken. Mit einem Regisseur zu arbeiten, der deshalb diesen Beruf ergriffen hat, weil er gern recht hat, kann sehr anstrengend sein. Aber auch das Gegenteil ist mühsam: ein Regisseur, der unvorbereitet ist und einem sämtliche Entscheidungen überlässt. Wenn die Arbeit ein persönlicher Austausch zwischen Regie und Schauspiel ist -und so war das bei mir mit Grüber, mit Luc Bondy und anderen -, dann wird das zum Maß in diesem Beruf. Es ist eben entscheidend, mit wem man arbeitet. Nicht alle Regisseure sind entbehrlich. Aber ich finde den Vorschlag des Kollegen Hinrichs, die Schauspieler alleine, ohne "Oberaufsicht", etwas auf die Beine stellen zu lassen, bei näherer Betrachtung grandios. Es bedarf ja nicht immer gleich eines "Kunstwerks", oft reicht auch klug organisierte Unterhaltung . Kunst und Demokratie sind ja leider verfeindete Geschwister.

Peter Simonischek , 72
Seit 1999 bereichert Simonischek das Ensemble des Wiener Burgtheaters, schreckt aber auch vor Nebentätigkeiten wie der Darstellung des "Jedermann" für die Salzburger Festspiele (zwischen 2002 und 2009) und einer zunehmend internationalen Filmkarriere nicht zurück. Der gebürtige Grazer, der Teile seiner Kindheit und Jugend in Kärnten verbracht hat, wurde vor zwei Jahren durch die Titelrolle in Maren Ades Film "Toni Erdmann" auch außerhalb der engen Theaterkreise berühmt: Darin setzte er sich wirkungsvoll als ein zu allerlei seltsamen Scherzen neigender Vater einer von Sandra Hüller gespielten Unternehmensberaterin in Szene.