Philosoph Schuh: "Man ist mit der eigenen Lächerlichkeit bedient genug"

Franz Schuh

Franz Schuh

Der Essayist und Querdenker Franz Schuh über politische und literarische Ruhestörungen, über Thomas Bernhards Wut und die Vulgarität der FPÖ, die Ekstase der „Dancing Stars“ und die Vereinsmeierei bei seinen Festwochen in Gmunden.

INTERVIEW: STEFAN GRISSEMANN, WOLFGANG PATERNO

profil: Zum Einstieg vielleicht die schwierigste Frage überhaupt: Wie geht es Ihnen?
Franz Schuh: Nach einigen Spitalsaufenthalten hatte ich enge Kontakte zu Ärzten, die derzeit in Spanien auf Urlaub sind. Daher kann ich sie nicht fragen, wie es mir geht. Immerhin kündige ich ihnen mein baldiges Erscheinen an: „Sobald Sie aus den Ferien zurück sein werden, stehe ich in Ihrer Tür.“ So geht es mir.

profil: Der ehemalige TV-Entertainer Hermes Phettberg gab einst zu Protokoll, er kenne keine diffizilere Frage als die nach dem Wohlbefinden.
Schuh: Bei den Angelsachsen geht mit der Frage die Bekundung einher, dass man an sich selbst kein tiefgründiges Interesse hat, jedoch dem anderen Gelegenheit bietet, sich über sein Wohlbefinden auszulassen – vielleicht interessiert er sich dafür. Wenn man sein Vis-à-vis nach dessen Befinden fragt, geraten beide in dieselbe Lage: Man fragt und beantwortet etwas, das einen hoffentlich nicht so sehr interessiert. Die Gleichgültigkeit, die die meisten Menschen füreinander empfinden, muss vernünftigerweise in den Grußformeln enthalten sein („How do you do?“), sonst wäre unser Umgang ungeheuerlich dramatisch – und noch unerträglicher, als er ohnedies schon ist.

profil: Und was ist mit der Frage nach dem Wetter?
Schuh: Diese gute Frage lässt die Egoismen links liegen. Die angelsächsische Variante lautet: „Nice weather today.“ Diese Tatbestandsfeststellung ist ein Geräusch, das man für den anderen macht, von dem er sich unbelastet fühlen kann; es ist die restlose Entdramatisierung und Normalisierung des Umgangs miteinander.

profil: Die Salzkammergut Festwochen in Gmunden finden heuer zum 30. Mal statt. Seit zehn Ausgaben fungieren Sie als eine Art Literaturberater.
Schuh: Weil ich nicht viel koste und an der Arbeit Freude habe. Ich arbeite gern in menschlichen Beziehungen, die ich bejahen kann. Das kommt selten vor. Für Gmunden reicht es ein Mal pro Jahr.


In Österreich gibt es für den Wiener diese Lebensweise: In der Hauptstadt Wien vegetiert er dahin, in den Ländereien blüht er auf.

profil: Ihre Sommerresidenz in Schärding ist praktischerweise nicht weit.
Schuh: Schärding ist von Gmunden so weit entfernt wie Wien von New York. Eine vollkommen andere Welt. Die Oberösterreicher sind mit anderen Welten gut versorgt: Das Mühlviertel und das Innviertel sind andere Planeten.

profil: Also auf nach Oberösterreich?
Schuh: Gemach. Ich war früher viele Jahre lang eine Art Kärntner. In Österreich gibt es für den Wiener diese Lebensweise: In der Hauptstadt Wien vegetiert er dahin, in den Ländereien blüht er auf. Einst gedieh ich in Kärnten, was aber nicht lange währte. Bald gab es SPÖ-Landeshauptmänner, die sich damit brüsteten, in der Hitler-Jugend eine unvergessliche Rolle gespielt zu haben. Haider hatte seine Vorreiter.

profil: In Wien kann man doch auch nur als Nicht-Wiener glücklich werden.
Schuh: Der US-Historiker Timothy Snyder sagt: „Seid Patrioten.“ Das müssen wir sein, damit uns eine vertrackte, völkische Heimatideologie nicht aus dem Spiel nimmt. Ich fühle mich mit allem, was man in Perchtoldsdorf – ganz zu schweigen von Purkersdorf – an uns Wienern abscheulich findet, völlig ident. Ich bin Patriot.

profil: In Gmunden werden Sie mit dem deutschen Philosophen Dieter Thomä über „gute“ und „böse“ Störenfriede sprechen. Was muss man sich darunter vorstellen?
Schuh: Ich glaube, dass es pro Saison charakteristische Bücher gibt, durch die der alte Geist der Philosophie wieder lebendig wird. Alexander Kluges und Oskar Negts „Geschichte und Eigensinn“ war so ein Buch. Thomäs Buch „Puer robustus. Eine Philosophie des Störenfrieds“ ist 2017 so eines. Die Störenfried-Frage ist auch außerhalb der akademischen Erörterung seltsam ambivalent: Einerseits liegt im Akt des Störens, im Unterbrechen der eingebürgerten Routinen, möglicherweise Genialität, andererseits gibt es Menschen, die ständig und nur mehr stören.

profil: Im Feld des Kulturellen ist die Ruhestörung doch meist positiv besetzt.
Schuh: Das ist eine Traditionslinie, mit der man die Lebendigkeit der Kultur zum Stagnieren bringt. Ich erinnere mich an einen Minister, der bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele den Protest der Künstler einforderte. Von jenem Augenblick an war klar: In diese Richtung kann man kaum noch gehen. Protest, von der Obrigkeit erwünscht, wird affirmativ. Aber vielleicht kommen bald wieder Zeiten, in denen man dafür büßen wird, wenn man die frisch eingebürgerten Mächte angreift. In den bitteren Jahren ihrer Ohnmacht hatten sie Gelegenheit genug, einen Rachedurst gegen alle zu entwickeln, die nicht ihre Parteigänger sind.

profil: Den Sommer vor der kommenden Nationalratswahl sollte man also noch genießen.
Schuh: Man muss alle Sommer genießen, warum nicht auch die, nach denen die Feinde an der Macht sein werden? Selbst die französischen Schlachtfelder im Ersten Weltkrieg hatten einen Himmel über sich – so viel Giftgas konnte man gar nicht verströmen. Was immer auf Erden getrieben wird, wenn es nicht ganz finster wird, gilt die schöne Metapher: Die Sonne lacht.


Die Leute haben Angst vor ihrer eigenen Courage. Sie fürchten den Extremismus und wählen seine verschleierte Fassung.

profil: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es in Österreich zu einer Neuauflage der schwarzblauen Koalition kommen wird. Was kann man tun?
Schuh: Von anderen lernen. Ungarns Orbánisierung ist eine Möglichkeit für Österreich. Auch die TV-Bilder von einem polnischen Minister, der einer nachfragenden Reporterin vor laufender Kamera zu verstehen gab, dass sie morgen nicht mehr im Fernsehstudio sitzen werde, sind lehrreich. Historiker und die Gegenwartsanalysten tun sich mit tragischen Zukunftsperspektiven schwer. Der Pessimismus erzeugt ja leicht eine self-fulfilling prophecy: Fritz Sterns Buch über den Kulturpessimismus als eine der Quellen der NS-Untergangsfantasien zeugt davon, und Sloterdijk hat beschrieben, wie bei Hitler vieles mit Wagners Oper „Rienzi, der Letzte der Tribunen“ begann, wie zuerst Aufbruch herrscht und später alles geil zugrunde geht. Diese Angstlust ändert aber nichts daran, dass es auch Zwangsläufigkeiten gibt, Katastrophen, die man, hat man einmal bestimmte Grenzen überschritten, nicht mehr vermeiden kann.

profil: Was ist also zu tun?
Schuh: Ich weiß nur, dass Dinge passieren, die sich einspielen, die man anfangs noch hätte verändern können, bei denen die intellektuellen und emotionalen Kräfte aber später nicht mehr ausreichen. Journalisten schreiben gern, dass die Menschen lieber zum Schmied als zum Schmiedl gehen. Stimmt nicht: Man sieht, wie gut der neue ÖVP-Obmann Kurz es macht. Der Schmiedl verwandelt sich in den Schmied. Die Leute haben Angst vor ihrer eigenen Courage. Sie fürchten den Extremismus und wählen seine verschleierte Fassung. Was als völkischer Sumpf in rechtsstaatlicher Verkleidung auftritt, ist ihnen unheimlich. Aber kein Zweifel, die Republik wird auch diese Unheimlichkeit überstehen.

profil: Die ÖVP-FPÖ-Koalition auf Bundesebene nach 2000 wurde auch überstanden.
Schuh: Der Vulgär-Machiavellismus der FPÖ funktioniert: Selbst einem Andreas Mölzer gelang es, sich von Haider zu distanzieren, dem viele FPÖ-Recken verdanken, dass ihre Namen nicht bei der Staatspolizei allein aufliegen, sondern in der Zeitung stehen.

profil: Nochmals: Was ist ein guter, was ein böser Störenfried?
Schuh: Politisch geht es in der Störenfried-Frage darum, wie viel Antithese zu sich selbst ein Staatswesen ertragen kann, ohne durch die Robustheit seiner Gegner an Kraft und Platz zu verlieren. „Störenfried“ ist ein harmloses Wort für den Kampf um störungsanfällige soziale Institutionen. Wenige der Störenfriede werden berühmt, nicht wenige gehen zugrunde.

profil: Wie stört man literarisch den Frieden?
Schuh: Viele, die vor 30 Jahren Auffassungen vertraten, die Protestpotenzial enthielten, sind heute vollkommen integriert. Das ist keine Schande, sondern die einzige Möglichkeit, wie die Kultur ihre Traditionen erzeugt: indem sie die Avantgarden in den Kanon integriert. Baudelaire hatte den Staatsanwalt am Hals – heute sind es, viel schlimmer, die Romanisten, die ihn zerlegen.

profil: Und heute amüsiert das Publikum in der Josefstadt sich über Thomas Bernhards Zornkaskaden köstlich.
Schuh: Ich war als Zeitgenosse leider nie begabt genug, um die Bernhard zugesprochene Überlegenheit im Distanziertsein mitzufeiern. Ich bin Canettianer, trotz Canettis schauerlichem Privatleben. Ich finde, ja, Bernhard hatte es immer schon auf die Zugehörigkeit in der Spitzenposition angelegt.

profil: Auf Amüsement?
Schuh: Amüsement ist nicht das Schlechteste, das ist gute österreichische Tradition.

profil: Bernhards literarischer Gestus wurde einst als wütend, sogar als staatszersetzend erachtet; heute belustigen sich die braven Bürger an seinen Ideen.
Schuh: Er hat das Skript der Wutbürger, lange bevor es sich hat demokratisieren lassen, auf ästhetisch hohem Niveau zur Verfügung gestellt. Das ist keine geringe Leistung.


Als erfahrener Vereinsmeier weiß ich, dass sich in allen Vereinen Thesen und Antithesen bilden.

profil: Sie tragen in Gmunden nun auch zwei Ihrer Essays vor, einen über Kafkas „Ein Hungerkünstler“, einen anderen über Thomas Bernhards Arbeit. Was sind das für Texte?
Schuh: Es sind Texte übers Schreiben. Der Kafka-Aufsatz ist bereits erschienen, aber wie das so ist mit solchen literarischen Veröffentlichungen, wurde diese von rund zehn bis 15 Menschen gelesen, wovon 20 ihn abgelehnt haben. Bernhards Auseinandersetzung mit Österreich hat viele andere dieser Auseinandersetzungen zusammengefasst, denn da gab es ja bereits Vorläufer; aber Bernhard und seinen Vertretern auf Erden gelang es, wenigstens für kurze Zeit, so etwas wie eine Opposition zu bilden.

profil: Und den falschen Frieden zu stören.
Schuh: Ja, und es geht dabei immer – wir kennen das von Karl Kraus – um die Selbstentlarvung. Es verwundert, dass die Feinde der literarischen Ruhestörung dies nicht durchschauen konnten. Stattdessen schossen sie waidwund zurück, ohne auch nur annähernd so gut treffen zu können wie Bernhard. Sie verloren einfach nur ihre Contenance. Und Bernhards Vertreter auf Erden, allen voran der große Peymann, haben jede Kritik an ihrem Meister erfolgreich in die Ecke gestellt, aus der die sich selbst entlarvenden Reflexe kamen.

profil: Sie haben, so hört man, als künstlerischer Berater der Festwochen in Gmunden im Vorstand nicht nur Freunde. Warum tun Sie sich das an? Ist das nicht anstrengend?
Schuh: Als erfahrener Vereinsmeier weiß ich, dass sich in allen Vereinen Thesen und Antithesen bilden. Ich war immerhin vier Jahre lang „Generalsekretär“ der Grazer Autorenversammlung, also Sklave Ernst Jandls. Auch in Gmunden geht es erstaunlicherweise um Fragen der Macht. Man könnte doch mit spielerischer Freude in Großveranstaltungen, wie die Salzkammergut-Festwochen eine sind, einsteigen! Ich bin an Machtspielen nicht interessiert, denn da gewinnt immer der Teilnehmer mit den meisten Ressourcen. Wie man sich hechelnd Ressourcen verschafft, das ist leider fad. Man verpflichtet sich als Vereinsmeier dennoch automatisch dazu, ein Durchsetzungsspiel zu veranstalten. Aber kulturpolitisch ist es für mich interessant, allein schon die Sprache: Man kann über ein Festival entweder in anbieterischem Jargon sprechen – oder im anderen Extrem, wie das eine deutsche Dramaturgin erklärt hat: Es gehe gar nicht darum, die Leute anzulocken, diese sollten vielmehr „froh sein, dass wir sie reinlassen“. Man hat also einerseits den kommerziell-demokratischen, andererseits den elitär-geistesaristokratischen Standpunkt. Zwischen diesen Polen eine vernünftige Sprache zu finden, um sein Programm anzubieten, scheint mir noch nicht gelungen zu sein.

profil: Ihre Tätigkeit in Gmunden macht Ihnen trotz Vereinsmeierei und sinnloser Machtspiele Spaß?
Schuh: Sie irren sich, ich rede nicht von sinnlosen Machtspielen. Machtspiele gehören objektiv und konstitutiv, also sinnvoll, zu solchen Unternehmungen. Subjektiv gehen sie einem auf die Nerven, weil man sich die Lächerlichkeiten anderer gerne ersparen würde. Man ist mit der eigenen Lächerlichkeit bedient genug.


Das Gegenteil des Störenfrieds ist der Normopath: Leute, die so normal sind, dass man sie, die sich zwanghaft anpassen, im Alltag kaum erkennen kann, weil sie in ihrer Umgebung völlig aufgehen.

profil: Halten Sie solche Machtspiele sogar für faszinierend?
Schuh: Mich interessiert Kulturpolitik, also die Frage, was organisatorisch machbar ist. Von Adorno stammt der Satz: „Wer Kultur sagt, sagt auch Verwaltung.“ Kulturpolitik, für die es in anderen Sprachen bezeichnenderweise kein Wort gibt, ist traditionell Teil der österreichischen Selbstdarstellung. Es ist kein Zufall, dass der von Franz Stoß gespielte Patriarch in der wunderbaren alten TV-Serie „Die liebe Familie“ ein Kulturbeamter ist, der Sektionschef Franz Lafite. Man glaubt hierzulande an dieses Milieu.

profil: Sie sind ein Freund des populären Fernsehens, als Liebhaber der „Barbara Karlich Show“ sind Sie aktenkundig.
Schuh: Die „Karlich Show“ war für mich immer faszinierend, weil da an einer Normalität gezimmert wird. Das Gegenteil des Störenfrieds ist der Normopath: Leute, die so normal sind, dass man sie, die sich zwanghaft anpassen, im Alltag kaum erkennen kann, weil sie in ihrer Umgebung völlig aufgehen. Die so schwer zu beantwortende Frage, was denn in unserer Gesellschaft eigentlich „normal“ sei, kann Barbara Karlich, dieser wissenschaftliche Geist, in ihrer ganz einfachen Talkshow-Situation ohne Probleme klären.

profil: „Dancing Stars“ arbeitet am anderen Ende des Spektrums – an Prominenz, Drill und Qual.
Schuh: In „Dancing Stars“ geht es um die beiden Seiten des Tanzes, um die sexuelle und die sportliche, aber auch um die Freude am Sieg. Siegestrunkenheit ist mir nicht sympathisch. Aber alles Große wiederholt sich im Kleinen – auch die Ekstase des Triumphs. Die majestätische Galerie der „ORF-Stars“ in der Lobby des Zentrums am Küniglberg gehört zum Lustigsten auf dieser Welt. Da ist das Kunsthistorische Museum nichts dagegen.

profil: Vor wenigen Monaten wurden Sie 70. Wie haben Sie das Getöse der Feierlichkeiten und das erstaunliche mediale Interesse verkraftet?
Schuh: Gut. Die Zuwendung kam überraschend, denn als ich einst anfing – übrigens bei profil, unter einem mir gegenüber fast schon übertrieben strengen Peter Michael Lingens –, hatte sich kaum jemand für meine Arbeit interessiert. Wie meine Feinde habe auch ich nicht die leiseste Ahnung, wann und wodurch sich dies geändert hat.

Franz Schuh, 70,
gehört zu Österreichs profiliertesten Autoren und Zeitdiagnostikern. Der studierte Philosoph, Historiker und Germanist, ein gebürtiger Wiener, stieg als Literaturkritiker, unter anderem bei profil, ins Berufsleben ein, hat sich aber seit den 1980er-Jahren vor allem als pointierter Essayist einen Namen gemacht. Zu seinen wesentlichen jüngeren Publikationen zählen „Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche“ (2006), „Der Krücken­kaktus“ (2011) sowie zuletzt „Fortuna“ (2017).