Regisseurin Laura Wandel

Regisseurin Laura Wandel

© Wolfgang Paterno

Kino
05/13/2022

"Playground"-Regisseurin Laura Wandel: Traumadeutung

Ein Gespräch mit der belgischen Regie-Debütantin Laura Wandel über kindliches Schauspiel, Schulverantwortung und Spaß am Set.

von Stefan Grissemann

In der meisterlich inszenierten Kinderpsychostudie "Playground" geht es um Mobbing am Schulhof und um die emotionalen Komplikationen, die sich im Umgang mit alltäglicher Gewalt ergeben.

profil: Warum sollte man die Schulen nicht in die Verantwortung nehmen? Viele erkennen das Problem gar nicht an, haben kein Konzept im Umgang mit Mobbing.
Wandel: Stimmt schon. Auch ich habe erlebt, dass an vielen Schulen die Existenz von Mobbing geleugnet wird. Das Wegschauen ist Teil der Gewalt.

profil: Mobbing kann traumatisieren. Sind Kinder resilient genug, es ohne dauerhafte Schäden zu überstehen?
Wandel: Es ist eine Erfahrung, die uns durchs Leben begleitet. Deshalb wollte ich uns alle damit konfrontieren.

profil: Wie gelang es Ihnen, die beiden Kinder im Zentrum des Films, Maya Vanderbeque und Günter Duret, zu so präzisen schauspielerischen Leistungen zu bewegen?
Wandel: Tatsächlich haben wir drei Monate vor dem Dreh mit der Arbeit begonnen; wir ließen die Kinder ihren Schulhof aufzeichnen, alles auf eigene Erfahrungen und Gedanken rückbinden. Zuerst wurde Maya besetzt, alle anderen Kinder wurden auf sie bezogen ausgewählt, um ein passendes Ensemble zu bauen.

profil: Wussten die Kinder, wovon Sie in Ihrem Film erzählten? Hatten Sie alle Ahnung von Mobbing?

Wandel: Die meisten schon, weil sie entweder selbst Opfer waren oder erlebt hatten, wie andere zu Opfern oder Tätern wurden. Maya war sieben Jahre alt, und sie sagte bereits beim Casting, dass sie ihre ganze Kraft für unseren Film aufwenden wolle. Sie hatte das Bedürfnis, zu erzählen, was sie selbst erlebt hatte. Ich habe die Figuren bewusst gegenläufig besetzt: Nur jene, die-wie Günter-Mobbing nie am eigenen Leib erlebt hatten, spielten bei mir Opfer oder Täter. Die Kinder durften nicht zu nahe an ihren Rollen sein. Ich musste das ja verantworten.

profil: Hatten Sie psychologische Beratung am Set?

Wandel: Natürlich. Und die Kinder kriegten das Drehbuch nie in die Hand. Ich wollte nicht die Worte von Erwachsenen in die Kinderkörper einschreiben. Jedes Kind stellte eine Marionette seiner eigenen Figur her. Dann kamen Diskussionen, in denen jede Szene intensiv besprochen wurde. Die Kinder drückten sich nur mit ihren Marionetten aus, hielten so Distanz zu ihren Rollen. Die heftigsten Szenen studierten wir minutiös ein. Gerade sie verursachten die meiste Heiterkeit am Set.

profil: Man kann einen solchen Film nur in spielerischer Atmosphäre drehen, oder?

Wandel: Es gab stets zwei Kinder-Coaches und mehrere Assistentinnen, die dafür sorgten, dass es lange Pausen und viel Raum zum Spielen gab. Es war ein wenig wie in einer Sommerferienwoche. Wir hatten viele Rituale, eine Anfangsmeditation vor jeder Szene; und das Läuten eines Weckers war das Signal, in die jeweilige Rolle zu schlüpfen-und aus ihr wieder herauszutreten.

profil: Die großartige Schlusssequenz erinnert insbesondere an die Filme der Brüder Dardenne.
Wandel: Luc Dardenne, der wie ich in Brüssel lebt, unterstützte mich sehr. Die Dardennes werden auch meinen nächsten Film produzieren. Regisseure wie sie, aber auch Abbas Kiarostami, Bruno Dumont und Michael Haneke machten mir Lust, selbst Filme zu machen. Sie bringen es zuwege, auch von den schlimmsten Seiten des Menschen noch in großer Schönheit zu erzählen.

Laura Wandel, 38,

brachte ihr Spielfilmdebüt "Playground" (im Original: "Un monde") im Juli 2021 in Cannes zur Uraufführung; seither hat es zahllose Preise gewonnen, auch der charismatischen Siebenjährigen wegen, die im Zentrum agiert: Souverän beherrscht Maya Vanderbeque (im Bild oben rechts neben Filmpartner Günter Duret) diese Erzählung als Schülerin, die miterleben muss, wie ihr großer Bruder Opfer brutalen Mobbings wird; die sich daraus ergebenden Gefühlslagen (Schock, Empathie, Enttäuschung, Scham) spielt Vanderbeque mit ungeahnter Subtilität. Die Regisseurin findet für ihr schwieriges Thema eine absolut stimmige Form aus langen Einstellungen und radikaler Perspektivenbeschränkung. Dieser meisterlich inszenierte, zugleich realistische und allegorische Film zeigt nachhaltige Wirkung.

"Playground" läuft derzeit in Wien (Admiral und Stadtkino) sowie im Linzer Moviemento.