Doron Rabinovici: "Ich ertrage kein Kaufhausgedudel"

Im Oktober hielt er eine Laudatio für Ruth Beckermann, jetzt wurde er selbst ausgezeichnet: Doron Rabinovici.

Im Oktober hielt er eine Laudatio für Ruth Beckermann, jetzt wurde er selbst ausgezeichnet: Doron Rabinovici.

Doron Rabinovici wurde mit dem Ehrenpreis des Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln ausgezeichnet. profil hat sich mit dem Historiker und Schriftsteller über Identität, Europas Rechtsruck und Kaufhausgedudel unterhalten.

profil: Herr Rabinovici, was bedeutet Toleranz?
Doron Rabinovici: Toleranz bedeutet den Kontext mitzudenken. Es ist schon richtig, wenn man von dem eigenen Gedanken überzeugt ist, aber deswegen soll man nicht darauf abzielen, alle zu uniformieren. Man verarmt, wenn man das macht.

profil: Wie denkt man tolerant?
Rabinovici: Wenn man die Widersprüche in einem selbst aushält, hält man auch die Widersprüche außerhalb seiner selbst leichter aus. Tolerantes Handeln ist leichter für Leute, die gesichert leben, und alles haben, was sie brauchen. Das ist viel schwerer für jene Menschen, die in Not leben, oder vor der Not flüchten.


Das Grundproblem der Toleranz ist, dass sie gewährt wird.

profil: Wie viel Geduld und Humor braucht man, um tolerant zu handeln?
Rabinovici: Geduld ist eine wichtige Tugend, aber eine gewisse Unduldsamkeit braucht man auch. Humor ist eine gute Sache, zumal, wenn es das Lachen über einen selbst ist und nicht der Hohn über den Anderen. Ideologien und Religionsformen, die mit Humor nicht zu Rande kommen, sind mir suspekt.

profil: Inwiefern ist Toleranz problematisch?
Rabinovici: Das Grundproblem der Toleranz ist, dass sie gewährt wird. Das Selbstbild der Toleranz bringt sehr oft Intoleranz mit sich, die dann dem Anderen angedichtet wird.

profil: Das Wort Toleranz kommt aus dem Lateinischen "erdulden", "ertragen". Was ertragen Sie gar nicht?
Rabinovici: Ich will und werde den Dschihadismus und den Antisemitismus, sowie Rassismus nicht ertragen. Ich ertrage auch kein Kaufhausgedudel. Trotzdem würden die meisten Leute sagen, ich bin ein umgänglicher Mensch.


Die voll ausformulierte Identität wird allerdings erst auf unserem Grabstein stehen.

profil: Sie sind Historiker und Schriftsteller. Wo treffen Geschichte und Unterhaltungsliteratur aufeinander?
Rabinovici: Der Historiker versucht bestenfalls ein Standardwerk zu schaffen, dem Schriftsteller kann nichts Schlimmeres passieren als ein Standardwerk zu schreiben. Beide aber versuchen etwas über ihre Zeit und ihre Verhältnisse zu erzählen. Der Eine, indem er sie in der Geschichte spiegelt, und der Andere, indem er sich selbst bloßstellt, weil er sich mit Worten maskiert.

profil: Wie geht man als Historiker mit belastenden Themen wie dem Holocaust und dem Zweiter Weltkrieg um?
Rabinovici: Ich habe mir diese Themen ausgesucht und parallel dazu Fiktion geschrieben. Es ist eine Obsession, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die besprochen werden müssen.

profil: Sie wurden in Tel Aviv geboren und sind in Wien aufgewachsen. Wie gehen Sie mit der Frage nach der eigenen Identität um?
Rabinovici: Es ist gut, wenn man sich diese Frage stellt. Meine Identität ist vielfältig. Ich bin sehr stark davon geprägt, was meiner Familie passiert ist und ich bin von dem beeinflusst, was in Israel geschieht. Identität kommt aber aus dem Gewesenen. Dennoch haben wir ein Wörtchen mitzureden. Die voll ausformulierte Identität wird erst auf unserem Grabstein stehen. Das macht uns zum Menschen.


Die Gesellschaft wird aufgespalten und letztlich wird Europa zerstört.

profil: Wer sind Ihre intellektuellen Vorbilder?
Rabinovici: Als Teenager war es Jean Améry, später Franz Marek, der das „Wiener Tagebuch“ herausgegeben hat. Susan Sontag beeindruckt mich auch sehr.

profil: Wie empfinden Sie den Rechtsruck in Europa?
Rabinovici: Es ist eine sehr beunruhigende Entwicklung und ein Feind der Freiheit. Die Gesellschaft wird gespalten, letztlich wird Europa zerstört.

profil: Angesichts der aktuellen Flüchtlingssituation was würden Sie Innenministerin Mikl-Leitner gerne sagen?
Rabinovici: Sie hat geglaubt, auf der Welle des Populismus mitreiten zu können, und wird jetzt von der Welle mitgerissen. Sie hat ihren Kopf vor den Rechtsextremen gebeugt, die sie jedoch politisch enthaupten werden. Sie hat gedacht, zynische Politik auf Kosten der Flüchtlinge machen zu können und sich gegen eine europäische Lösung gewehrt. Jetzt ruft sie jämmerlich danach.

Zur Person:
Doron Rabinovici wurde 1961 in Tel Aviv geboren, und ist in Wien aufgewachsen.
Sein letztes Buch "Andernorts" erschien 2010 im Suhrkamp-Verlag.