Jonas Kaufmann als Florestan in "Fidelio", Salzburg, Sommer 2015, Großes Festspielhaus.
Jonas Kaufmann als Florestan in "Fidelio", Salzburg, Sommer 2015, Großes Festspielhaus.

© APA/BARBARA GINDL

Kultur
10/14/2016

Raubbaustelle

Der gnadenlose Opernbetrieb fordert immer mehr Opfer.

Jonas-Kaufmann-Fans müssen dieser Tage sehr stark sein. Der wohl meistgefragte Tenor der Welt hat vor wenigen Tagen alle seine Termine auf unbestimmte Zeit abgesagt. Am heftigsten betroffen ist die Pariser Oper, wo Kaufmann ab 3. November in einer Wiederaufnahme von Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen“ das heiß erwartete Rollendebüt in einem der schönsten Parts seines Repertoires hätte geben sollen. Manch glühende Fans hatten sich dafür unter Mühe sogar für drei verschiedene Vorstellungen Karten organisiert - plus Flug und Hotel. Nun bekommen sie den Mexikaner Rámon Vargas zu hören - nicht schlecht, aber kein echter Ersatz.

Kaufmann entschuldigte sich auf seiner Website: "Als ich merkte, dass meine Stimme nicht so funktionierte, wie sie sollte, hielt ich das zuerst für den Beginn eines Infekts. Die ärztliche Untersuchung ergab jedoch einen anderen Befund: Die Nebenwirkung eines Medikaments hatte beim Singen ein Äderchen auf dem Stimmband platzen lassen. Das bedeutet, dass ich mit dem Singen so lange aussetzen muss, bis das Hämatom komplett vom Körper resorbiert ist, um bleibende Schäden zu vermeiden.“

Ich stelle immer wieder fest, wie sehr mich das Musikmachen erfüllt und mir Energie schenkt. (Jonas Kaufmann)

So schlägt die Stunde der selbst ernannten Stimmbandexperten, Rachenschauer und Karrierewahrsager. Ist Kaufmann am Ende? Hat er sich zu viel zugemutet? Singt er mit unzureichender Technik? Hat er die falschen Rollen gewählt? Gleichzeitig geht der Betrieb mit seinen Planungen, die Spitzensänger bereits fünf Jahre im Voraus in eine Art terminliche Luxusgeiselhaft nehmen, gnadenlos weiter. Schon heute weiß die New Yorker Metropolitan Opera, wer dort 2019 unter Philippe Jordan im "Ring des Nibelungen“ die Brünnhilde singen wird: Christine Goercke. Aber wird sie dann noch die richtige Stimme dafür haben?

Und während Kaufmann zähneknirschend rekonvalesziert, trällert er unverdrossen von seiner neuen, schon auf das Weihnachtsgeschäft zielenden CD "Dolce Vita“ italienische Gassenhauer. Am 12. September promotete er sie noch mit einem Megaevent in der Höhle des Belcanto-Löwen, im Teatro di San Carlo in Neapel, vor dem italienischen Staatspräsidenten und 180 Medienvertretern - mit hörbar angestrengter Stimme. Es war sein vorläufig letzter öffentlicher Auftritt.

Der 47-jährige Münchner, der gegenwärtig als einziger Tenor weltweit die großen Partien des italienischen und deutschen Repertoires und der französischen Oper singt, in Wien, Paris, Madrid, London, New York auftritt und auch seine Fans in Australien (im vorvergangenen Sommer) und in Südamerika (vor wenigen Monaten) live beglückte, fährt auf dem Höhepunkt seines Könnens die Ernte ein: multimedial, mit Werbeverträgen, jede neue Rolle ein Event. Und jeder Fehler, jeder schwache Augenblick steht hinterher, von irgendeinem Smartphone festgehalten, auf YouTube.

Wie lange hat hingegen ein Plácido Domingo, der mit (offiziell) 75 Jahren stimmlich zum Bariton gereift ist und diese Saison an der Wiener Staatsoper sein 50-jähriges Jubiläum feiert, durchgehalten! Der Ex-Tenorissimo war immer ein besonders robustes Exemplar seiner Art; auf Proben und Schlaf verzichtete er gerne. Der weitaus fragilere Jonas Kaufmann hat sich auch schon über den die eigenen Künstlerkinder fressenden Betrieb beklagt, gleichzeitig spielt er mit. In einem Interview mit der Zeitschrift "Oper!“ erklärte er kürzlich: "Ich stelle immer wieder fest, wie sehr mich das Musikmachen erfüllt und mir Energie schenkt. Aber auch das kann gefährlich sein, weil man in einen Strudel gerät, der einen stets mit Glücksmomenten versorgt. Das kann Raubbau an der Gesundheit betreiben, ohne dass man es merkt.“

Selbst eine disziplinierte Klangarbeiterin wie die deutsche Koloratursopranistin Diana Damrau musste sich 2015 ein paar Monate Pause gönnen.

So ging es auch anderen. Nur bemerkte man Karriereabbrüche oder lange Auszeiten einst nicht so unmittelbar wie im digitalen Zeitalter. Am spektakulärsten sicherlich das Fast-Karriereende von Rolando Villazón, 44, der sich wegen falscher Technik und zweier Stimmbandoperationen heute mit den Resten seines Organs, aber erstklassigen Entertainer-Qualitäten durch die großen Häuser mogelt, soeben aber wieder vor einer Serie von New Yorker "Don Giovannis“ samt Kinoübertragung kniff. Oder die französische Koloratursängerin Natalie Dessay, die von Wien aus in die Weltkarriere startete: Mit 51 singt sie nur noch Jazz und Musicals. Die großen Donizetti- und Mozart-Partien hat sie hinter sich gelassen.

Der 70-jährige José Carreras hat seine angeblich endgültige Abschiedstournee eingeleitet. Auch das ehemalige Pianissimo-Sopranwunder Montserrat Caballé, 83, zieht es, von Steuerschulden geplagt, noch einmal durch deutsche Konzertsäle. Doch sie alle sind Ausnahmen. Moderne Sängerkarrieren entwickeln sich meist schneller, intensiver - und kürzer.

Viele Sängerinnen wollen auf Babyfreuden nicht verzichten, doch mit Kindern und Nannies durch die Welt zu reisen ist nicht das reine Vergnügen. Die lettische Power-Mezzosopranistin Elīna Garanèa musste nach der Geburt ihrer beiden Töchter und dem Tod ihrer Mutter länger pausieren. Selbst eine disziplinierte Klangarbeiterin wie die deutsche Koloratursopranistin Diana Damrau musste sich 2015 ein paar Monate Pause gönnen, weil die Stimme Warnsignale sendete.

Jonas Kaufmann hatte oft auffällige Auszeiten - wegen einer Brustoperation, wegen eines Pilzes auf dem Stimmband oder wegen Atemproblemen.

Zwei kleine Muskeln entscheiden über die Karriere. "Ich höre immer auf meine Stimme“, sagt Sopran-Diva Anna Netrebko, 45. Sie boxt zwar derzeit gnadenlos ihren eher zweitklassigen Tenorehemann Yusif Eyvazov in die Besetzungslisten, sagt dann aber Monate vorher etwa ihr "Norma“-Rollendebüt in London ab ("Passt nicht mehr zu mir“) oder verkürzt eine "Manon Lescaut“-Serie in New York von acht auf sechs Vorstellungen ("zu anstrengend“), nachdem der Vorverkauf längst begonnen hat - aber sie kann sich das leisten. Die Bulgarin Sonya Yoncheva sprang oft für sie ein - sie ist nun, auch dank dieser "Norma“, selbst ein Star.

Jonas Kaufmann hatte oft auffällige Auszeiten - wegen einer Brustoperation, wegen eines Pilzes auf dem Stimmband oder wegen Atemproblemen. Da wurden Rollendebüts in London und Mailand kurzfristig storniert, und nach Dreharbeiten in Genua und Turin für ein ZDF-Weihnachtsspecial war er im Juni zu erschöpft für zwei erst nach der Generalprobe abgesagte "Walküren“ in Baden-Baden. In London zittert man jetzt schon dem 21. Juni 2017 entgegen. Da soll Kaufmann am Royal Opera House mit Verdis "Otello“ erstmals den italienischen Rollen-Everest besteigen - wenn es denn dazu kommt.

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