Roman: Auf den Spuren von Kaiser Franz Josephs Enkelin

Elisabeth Petznek (1911)

Elisabeth Petznek (1911)

Elisabeth Petznek war Kaiser Franz Josephs Lieblingsenkelin und eine Sozialdemokratin der ersten Stunde. Ein Roman folgt den Lebensspuren der extravaganten Prinzessin.

Durch die Flure hallt Mantra-Summen, am Stiegengeländer baumeln rote Luftballone in Herzform. In der Villa Windisch-Graetz im westlichsten Vorort Wiens ist an diesem Sommerabend einiges los. Seit 1995 beherbergt das Anwesen nahe der Umkehrschleife der 49er-Straßenbahn die Zentrale der „Soka Gakkai International“, einer buddhistischen Laienorganisation. Mittwoch ist Singheilkreis. Wenig deutet darauf hin, dass die Liegenschaft einst Schauplatz zentraler Ereignisse in der Geschichte des Landes war. Es ist eine Geschichte, die fast schon märchenhafte Züge aufweist.

In der Villa starb 1963 hochbetagt Elisabeth Petznek, die einzige Tochter des österreichischen Kronprinzen und Mayerling-Selbstmörders Rudolf, Lieblingsenkelin von Kaiser Franz Joseph, verheiratete Prinzessin zu Windisch-Graetz, die sich nach dem Ersten Weltkrieg von ihrem Mann Otto trennte und den Lehrer und sozialistischen Funktionär Leopold Petznek ehelichte. „Rote Erzherzogin“, so wurde Petznek, die 1925 der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei beitrat, im damaligen Wien gerufen. Rosa Jochmann und Bruno Kreisky fanden sich bei ihrer Beerdigung ein. Auf dem weißen Marmor ihres Grabs steht bis heute nicht einmal ihr Name.

"Wo ist die Welt, die Dir Dein Leben war?“

In seinem neuen Roman erinnert der 1973 im niederösterreichischen Lilienfeld geborene Schriftsteller Martin Prinz an die große Abwesende. „Die letzte Prinzessin“ ist mehr als monografische Spurensuche, das Buch berichtet von Epochenbrüchen und tiefgreifendem Mentalitätswandel. Den geschichtlich verbürgten Diener Mesli lässt Prinz nach Elisabeths Ableben eine Beobachtung äußern, die in den Ohren von Fachhistorikern und Sachbuchautoren nahezu ketzerisch klingen muss: „Alles war so, wie es immer gewesen war, auch sie fehlte nicht, ganz im Gegenteil, immer öfter öffneten sich Teile ihres Lebens, von denen sich nicht sagen ließ, ob sie ihn unendlich weit weg oder ins Allernächste führten. Er wusste nur eines: Wie wenig sich davon beschreiben ließ.“ Erst später wird Mesli klagen: „Vollkommen verlassen lag sie da, nur von ihrem Personal umgeben. Vollkommen verlassen von der Welt. Wo sind jetzt alle Deine Verehrer? Die Menschen, die Dir gehuldigt haben? Die Dich verführt haben? Wo ist die Welt, die Dir Dein Leben war?“

Prinz erweist als idealer Porträtist Elisabeths, deren Lebensgeschichte im österreichischen Geschichtstableau durchaus für den schwerfälligen Übergang von der Monarchie zur Republik stehen kann – vom Gottesgnadentum zur Demokratie, vom Absolutismus zum Parteiensystem.

Prinz entwickelt Petzneks Lebensgeschichte gleichsam als Polaroid, das langsam schärfer wird. Er spielt sich nicht als allwissender Biograf auf, der die billige Illusion zu erzeugen sucht, in die verästelte Gedanken- und Gefühlswelt seiner Protagonistin vordringen zu können. Der Autor lässt der Erzählung ihre Leerstellen – und der Figur ihre Geheimnisse. Der Roman verschränkt, erzählerisch elegant und dramaturgisch geschickt, die ferne Gegenwart der 1960er-Jahre, in denen Elisabeth, bereits betagt und krank, ihrem Tod entgegensieht, mit der versunkenen Welt der Monarchie. Prinz überzieht sein Sujet dabei nicht mit dem edelmatten Firnis des Historizismus. Er entstellt die altösterreichischen Mythen mit den Mitteln des Erzählens zur Kenntlichkeit – und entgeht so den Fallstricken nachträglich konstruierter, vermeintlich geschichtsträchtiger Authentizität. Franz Joseph tapert als quasimumifizierter Patriarch durch das Buch, mit der Aura eines halsstarrigen Greises. Er hat etwas von einer Schildkröte, der große Kopf mit Bart, die langsamen Bewegungen, das Zaudern und Zögern. Der gottgleiche Herrscher wird zum Königsclown degradiert, indem Prinz das Geschehen in einen sparsam gezeichneten historischen Rahmen setzt.

Eine Übriggebliebene

Wie eine Übriggebliebene wirkt auch Elisabeth im Roman: die Repräsentantin einer zerrissenen Welt, die man nur noch aus Geschichtsbüchern kennt. Am Tag ihrer Geburt im September 1883 wurden in Lemberg, Salzburg, Triest, Brünn und Wien Gewehrsalven abgefeuert, in sämtlichen Kirchen der österreichisch-ungarischen Monarchie läuteten die Glocken. Zeitlebens trug sie so exzentrische wie rebellische Züge in sich – und blieb dennoch einem klirrenden Konservativismus verhaftet, verfangen im Korsett von Tradition und Pflichtgefühl.

Zum Kindergeburtstag bekam sie einen Esel und einen Papagei geschenkt. Später umgab sie sich mit Wunderheilern, Astrologen, Wünschelrutengehern und Parapsychologen, die auf ihren Befehl hin Kontakt mit dem Jenseits aufzunehmen hatten. Den Adligen ihrer Zeit muss sie bei einer Körpergröße von 1,85 Metern wie eine Riesin erschienen sein. Sie genoss das pflichtschuldige Winken der Menschen, wenn sie in der kaiserlichen Kutsche durch Wien fuhr. Ihren Großcousin Otto Habsburg nannte sie verächtlich nur den „kleinen Herrn“. Seinen Vor- und Nachnamen brachte sie nie über die Lippen.

Elisabeth heiratete den Bankrotteur Otto Windisch-Graetz, mit dem sie in der Öffentlichkeit einen 16 Jahre währenden Scheidungskrieg ausfocht, wobei sie einander mit Gerichtsklagen, notariellen Verträgen, Gutachten, Rekursen, Exekutionsbewilligungsbeschlüssen eindeckten. Sie organisierte Informanten, er hetzte ihr Beobachter auf den Hals, die Otto haarklein ihre Liaison mit einem U-Boot-Kapitän meldeten. Die Opernsängerin Marie Ziegler wiederum zählte zu Ottos Geliebten. Elisabeth verletzte Ziegler durch einen Pistolenschuss. Mit hohen Geldsummen und Verschwiegenheitsklauseln wurde die Affäre bereinigt. Später stieg die Sängerin an der New Yorker Metropolitan Opera zum Bühnenstar auf. Elisabeth soll später noch öfter zur Waffe gegriffen haben. So lebt und liebt und streitet das Königshaus: Elisabeth wurde zu ihrem eigenen Klischee. Sie brachte vier Kinder zur Welt. Ihr jüngster Sohn verunglückte 1939 bei einem Motorradrennen. Sie ahnte nicht, dass Rudolf illegaler Nationalsozialist war, und musste seine mit Hakenkreuzfahnen garnierte Beisetzung erdulden. In ihrem Testament sprach sie ein Betretungsverbot der Windisch-Graetz-Villa nach ihrem Tod für alle ihre Angehörigen aus und vermachte sämtliche Kunstschätze, Möbel und 3000 Bücher dem Staat. Die scharf abgerichteten Hunde, die bis zuletzt das Bett mit ihr teilten, wurden an Elisabeths Sterbetag tierärztlich eingeschläfert und in vorbereitete Gräber im Garten gelegt.

Martin Prinz sympathisiert nicht mit Elisabeth. Er beschreibt sie als Machtmenschen und Hausdrachen, als politisch naive Zeitgenossin. Als Vertreterin der Oberschicht zelebrierte sie im Sommer 1914 an der Riviera ihren Alltag, wie auf einer Bühne, von Untertanen beobachtet. Von den Opferzahlen des Ersten Weltkrieges wollte sie lange nichts wissen, auch nichts davon, dass Teile ihrer Familie zu den größten Kriegsgewinnlern zählten. „Politik in Zusammenhang mit ihrer Familie“, schreibt Prinz, „bedeutete für sie immer das Fremde, das Starre und Tote.“

Martin Prinz: Die letzte Prinzessin. Insel, 340 S., EUR 24,70