"Rotzbubenkino": Begegnung mit Michael Ostrowski

Schauspieler Michael Ostrowski gibt mit "Hotel Rock'n'Roll" sein Debüt als Regisseur.

Schauspieler Michael Ostrowski gibt mit "Hotel Rock'n'Roll" sein Debüt als Regisseur.

Österreichs höflichster Comedy-Anarcho versucht sich nun als Regisseur. Eine Begegnung mit dem Schauspieler Michael Ostrowski, der mit "Hotel Rock'n'Roll" eine legendäre Lustspieltrilogie vollendet.

Wenn man für die Kunstrichtung, in der Michael Ostrowski tätig ist, ein Label finden müsste, so wäre man mit dem Begriff "infantiler Surrealismus" vorläufig ganz gut bedient. Der vielfach begabte Autor und Schauspieler, dauerpräsent in Filmen ("Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott"), Fernsehserien ("Vier Frauen und ein Todesfall", "Schlawiner", "Herr Ostrowski sucht das Glück") und sogar Radiospots, als Show- und Gala-Moderator sowieso anhaltend populär, fühlt sich in der Skurrilität und der Zote nämlich ausgesprochen wohl. Er gibt gern den Narren, der aber wie bei Shakespeare mit Schärfe und Schlagfertigkeit vermeintlich überlegene Zeitgenossen jederzeit auszuhebeln weiß.

Ein unverbesserlicher Prankster ist Michael Ostrowski, 43, zweifellos. In der E-Mail-Adresse, unter der er zu erreichen ist, hat er seinem Namen ein MBE nachgestellt, als wäre er Träger eines britischen Ritterordens -"Member of the Order of the British Empire". Persönlich tarnt Ostrowski den Dauerschalk, der ihm im Nacken sitzt, mit einem Stil der Bescheidenheit und der ausgesuchten Höflichkeit: Charmanter als dieser Mann macht sich in Österreich niemand über die Verhältnisse lustig.


Den Schauspieler Gerald Votava, der passenderweise auch Gitarrist ist, hatten Glawogger und Ostrowski als Nachfolger des nach den ersten beiden Filmen ausgestiegenen Raimund Wallisch bereits fixiert.

Nun legt er mit "Hotel Rock'n'Roll" sein Kino-Regiedebüt vor; ein Projekt, das er mit Michael Glawogger noch in den Monaten vor dessen Tod als dritten Teil einer auf die Themenblöcke Sex, Drogen und Rock'n'Roll fixierten Comedy-Trilogie konzipiert hatte. Sie begann 2004 mit der Porno-Groteske "Nacktschnecken" und wurde 2009 mit dem Kino-Halluzinogen "Contact High" fortgesetzt (siehe auch Kasten Seite 83). Am Samstag vergangener Woche fand im Wiener Sigmund-Freud-Park eine erste Open-Air-Vorpremiere von "Hotel Rock'n'Roll" (regulär im Kino ab 26. August) statt, organisiert von dem Radiosender FM4. Etwa 1000 Menschen finden sich bei spätsommerlichem Schönwetter ein, um von Decken und Liegestühlen aus einen ersten Blick auf Ostrowskis Rollenwechsel zu werfen.

Als das profil-Gespräch beginnt, sind es noch drei Stunden bis zur allerersten Projektion seines Werks. Und Ostrowski ist nervös. Ob der Film überhaupt funktioniert? Er bestellt im Café Français lächelnd einen Lillet-Spritzer ("Das ist das Mädchenhafte an mir") und erzählt von der Vorpremierentournee, die man bis zum Kinostart in ganz Österreich noch absolvieren werde. Dabei hat er zunächst kaum Zeit, dabei zu sein, denn mit dem Regisseur und Schauspieler Detlev Buck, der in "Hotel Rock'n'Roll", wie schon in den beiden Vorgängerfilmen, einen der bizarrsten Parts spielt, dreht er in Deutschland gerade den vierten Teil des Kinderfilmreihe "Bibi & Tina".

Das Team aus "Nacktschnecken" und "Contact High" ist in "Hotel Rock'n'Roll" praktisch vollzählig wieder angetreten: Georg Friedrich, Pia Hierzegger, Hilde Dalik und Element-of-Crime-Frontmann Sven Regener. Neuzugang Johannes Zeiler bereichert den Film als Provinzpolizist, und Stefanie Werger hat als Chefin eines Escort-Service ein paar hantige Auftritte. Hinter den Kulissen werkten durch die Bank Glawogger-Routiniers: Renate Martin und Andreas Donhauser als Ausstatter, Martina List als Kostümbildnerin, Wolfgang Thaler an der Kamera. Den Schauspieler Gerald Votava, der passenderweise auch Gitarrist ist, hatten Glawogger und Ostrowski als Nachfolger des nach den ersten beiden Filmen ausgestiegenen Raimund Wallisch bereits fixiert.

Das Drehbuch zu "Hotel Rock'n'Roll" war, als Glawogger im April 2014 starb, sehr weit gediehen, aber nicht ganz fertig. Es gab ein paar noch offene dramaturgische Detailfragen. "Wir hatten die Fassungen immer hin und her geschickt. Und wir sahen einander regelmäßig, meist in Pitten, wo Glawogger gelebt hat, aber auch in Wien, um zu fantasieren, zu reden und zu schreiben." Als Glawogger im Dezember 2013 abreiste, überließ er Ostrowski die Agenden: Er sollte das Buch fertigstellen und dann wie geplant zur Förderung einreichen. "Das Absurde war, dass ich mir noch an dem Wochenende, an dem der Michael in Liberia an Malaria erkrankte, die Fassung neuerlich durchgelesen hatte. In seiner letzten E-Mail an mich, ein paar Tage davor, stand nur:,Wie geht's der Schönschrift?' Wir hatten immer gescherzt, dass ich dieses wilde Drehbuch am Ende noch in ,Schönschrift' übertragen musste."


Das Grundversprechen an Glawogger war bereits so bindend, dass wir ohnehin mit Hochdruck nur daran arbeiteten, da etwas Lässiges hinzustellen, woran er seine Freunde gehabt hätte. (Michael Ostrowski)

Nach Glawoggers Tod stellte sich die Frage, wer "Hotel Rock'n'Roll" nun inszenieren sollte. "Detlev Buck meinte nur, das müsse schon ich machen. Georg Friedrich und andere bestärkten mich darin. Das gab mir das nötige Selbstvertrauen. Und ich hatte ja, was kaum jemand wusste, zwei Jahre lang intensiv Werberegie gemacht - dafür hatte mich übrigens auch Glawogger vorgeschlagen. Ich kannte also die Abläufe, wusste, wohin man die Kamera stellen musste, wenn man bestimmte Bilder wollte. Ohne diese Routine wär's wirklich hart geworden."

Der Dreh sei dennoch "Hardcore" gewesen, berichtet Ostrowski, "physisch irre anstrengend, aber durch die Geschwindigkeit, mit der wir ans Werk gehen mussten, ergab sich auch viel Gelegenheit zur Improvisation. Denn wir wussten, dass wir diesen Film anders als im Rock'n'Roll-Stil nicht drehen konnten." Vieles sei vor der Kamera relativ frei formuliert worden; und Schauspieler wie Georg Friedrich hätten eben "ein untrügliches Gespür für pointierte Volleys". Wenn man in einem Film improvisiere, sei das "wie mit einem Kind, dem man die Freiheit gibt zu sagen, was es will, und alle müssen darauf reagieren. Lustiger geht es nicht."

Die Frage, wie Glawogger einzelne Szenen gelöst hätte, habe sich übrigens gar nicht erst gestellt: "Das Grundversprechen an ihn war bereits so bindend, dass wir ohnehin mit Hochdruck nur daran arbeiteten, da etwas Lässiges hinzustellen, woran er seine Freunde gehabt hätte."

Um Geld und Musik dreht sich alles in "Hotel Rock'n'Roll": Ein einziger Song, genannt "Futschikato", wird in unzähligen Versionen ausgespielt. Mehr hat die Band - Hierzegger am Bass, Friedrich am Schlagzeug, Votava an der Gitarre und Ostrowski am Mikrofon - nicht drauf. Er selbst habe den abstrusen Text zu diesem Lied geschrieben, erzählt Ostrowski: "Irgendwann stand er eben im Drehbuch und wurde von Glawogger über Monate nicht mehr weggestrichen. Also dachte ich, so schlecht kann der Song nicht sein." Als Inspiration diente übrigens Jean-Luc Godards Stones-Essay "Sympathy for the Devil" (1968) - ein Film, den Ostrowski und Glawogger im Vorfeld studierten. "Die hatten nur ein Lied, den ganzen Film lang, in diversen Varianten. Das wollten wir auch so machen -als eine Art Loser-Band im Fahrtwind der Rolling Stones."


Wir haben versucht, alles an Irrsinn und Skurrilität herauszuholen, was in 100 Minuten möglich war. (Michael Ostrowski)

Die knapp sieben Wochen Dreharbeiten in der Steiermark und in Wien habe er als "beglückend" empfunden, wenn das alles auch "bis zum Schluss ein Fight" gewesen sei, der ihn "an die eigenen Grenzen geführt" habe. Die Doppelbelastung als Regisseur und Hauptdarsteller habe ihn regelrecht "ausgelaugt". Zwar sicherte er sich Helmut Köpping, Ostrowskis alten Freund aus dem Grazer Theater im Bahnhof, als Co-Regisseur. "Aber weil ich das Drehbuch so gut kannte, war ich natürlich für jeden immer die erste Anlaufstelle. Nach drei Wochen Dreh hatte ich das Gefühl, bereits acht Wochen hinter mir zu haben." Und es sei tatsächlich genau so gewesen, wie Josef Hader das einmal formuliert hat: Wenn man einen österreichischen Film drehe, brauche man zweimal Urlaub - einmal vorher und einmal nachher. "Und bei mir war der Urlaub davor einfach zu kurz."

Zu den dubiosen Vorbildern, die für "Hotel Rock'n'Roll" Pate standen, gehören Hotel-Heimatfilme, Sacher-Portier-Serien und Wörthersee-Verwechslungskomödien. Schon der Vorspann kündigt einen Film "in flotter Aufmachung" an, eine Komödie, "schwungvoll und turbulent","voller zeitloser Schlager und unvergesslicher Melodien". Er erinnere sich noch "an die ersten Gespräche, die ich mit dem Glawo über ,Hotel Rock'n'Roll' geführt habe", sagt Ostrowski: "Er fragte mich, wie ich mir den Film vorstellte. Ich meinte nur, dass die Grundlagen dazu die alte Hotelkomödie und das Rock'n'Roll-Kino sein sollten. Aber sollte es in Richtung 1950er-Jahre gehen? Wir wussten es nicht. Die Tradition der wackelnden Ohren des Gunther Philipp hat uns immer gefallen. Und ich wollte aber auch den Berg- und Heimatfilm dazunehmen - und natürlich die Bud Spencer/Terence Hill-Filme."

"Ein bisschen geistesgestört" sei sein Film schon geworden, gesteht Ostrowski auf Nachfrage ein - und nennt ihn grinsend "Rotzbubenkino". Wenn man einem Film schon den Titel "Hotel Rock'n'Roll" gebe, müsse man sich auch was trauen. "Wir haben versucht, alles an Irrsinn und Skurrilität herauszuholen, was in 100 Minuten möglich war."


Käme eine "richtig coole ernste Rolle", würde Ostrowski jederzeit zuschlagen.

Verspürt der Spezialist fürs Komische ab und zu auch Sehnsucht nach einer vollkommen unlustigen Rolle? Ostrowski zögert, überlegt. Er habe, sagt er schließlich, schon auch sehr unkomische Parts gespielt, das seien dann eben meist "diese schlechten Rollen in ,SOKO Donau' oder in deutschen Krimis. Das weiß nur keiner, aber ich habe durchaus auch ganz ernste Figuren dargestellt." Käme eine "richtig coole ernste Rolle", würde er jederzeit zuschlagen. Er müsse sich jetzt aber nichts beweisen, habe auf der Bühne und in Filmen schon geweint - und üblicherweise seien die sogenannten ernsten Rollen im deutschsprachigen Fernsehfilm ohnehin genau so, wie es Christoph Waltz beschrieben habe: Er habe vor der Kamera über Jahrzehnte nur Türen geöffnet und hinter sich geschlossen, habe Büros betreten und sich in Sessel gesetzt. "Was sollte mich daran reizen?"

Ostrowski blickt auf sein Telefon, ist augenblicklich abgelenkt: Liverpool hat Barcelona mit 4:0 besiegt. Er freut sich - und macht sich auf den Weg in den Park, zu all den Leuten, für die er so gerne und so virtuos den Narren spielt.