Schorsch Kamerun: "Trump werden wir vermutlich nicht aufhalten"

EINSATZBEREIT: Die Goldenen Zitronen in bunter Bühnen-Kostümierung. Rechts außen: Schorsch Kamerun

EINSATZBEREIT: Die Goldenen Zitronen in bunter Bühnen-Kostümierung. Rechts außen: Schorsch Kamerun

Der Geist des Punk durchweht auch das neue Album der Hamburger Politdiskurs-Band Die Goldenen Zitronen. Ein Gespräch mit dem Sänger, Autor und Theatermacher Schorsch Kamerun über Kapitalismus, Pop und Dissidenz.

INTERVIEW: STEFAN GRISSEMANN

profil: „More Than a Feeling“ ist das 13. Album der Goldenen Zitronen. Die Zahl ist ominös. Aber Sie sind wohl zu realistisch für Aberglauben?
Kamerun: Ich bin so mittel anfällig. Insofern ist es ganz gut, dass wir darauf gar nicht kamen.

profil: Schleicht sich nachträglich ein wenig Unwohlsein ein?
Kamerun: Nein. Ist ja quasi auch alles urleiwand gegangen mit der Platte – bisher.

profil: Die Goldenen Zitronen sind eine prononciert politische Band. Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Pop und Politik denn aktuell definieren? Hegen Sie Reste eines Glaubens an die Sinnhaftigkeit musikalischer Intervention?
Kamerun: Wir wollten immer intervenieren, weil die Zustände, die wir um uns herum sahen, nicht aushaltbar waren – und sind. In den ersten Jahren unseres Tuns hatten wir die Möglichkeit, dies durch einen starken äußerlichen Ausdruck – man nannte ihn Punk – zu vollziehen. Das funktionierte, es irritierte und nervte tatsächlich. Diese Möglichkeit gibt es heute so nicht mehr. Irgendwann begannen wir also damit, verstärkt durch Texte anzugreifen. In den 1980er-Jahren brachte man Pop und Dissidenz noch zusammen. Danach musste man lernen, dass man die Inhalte, um die es einem geht, besser nicht allein den Gesetzen des Pop überlässt, sie können sonst schnell aus der Mode kommen, wie ein unangesagter Turnschuh.

profil: Sind die Goldenen Zitronen, bei aller Experimentierfreude, nicht auch Pop?
Kamerun: Wir sind eine Band, die alles, was von der Kulturindustrie verwertbar ist, auszutricksen versucht; wir forschen nach weniger leicht einverleibbaren Ausdrucksformen. Das ist nicht nur einfach. Wir wissen ja, dass die radikalste Kunst heute am schnellsten im Museum landet – oder bei RTL2.


Die Goldenen Zitronen werden wohl keine Bewegung mehr auslösen. Aber wir haben eine klare Sprache gefunden.

profil: Es ist zum zynischen Konsens geworden, dass man mit Kunst die Welt ohnehin nicht verändern könne. Aber kann man mit kritischem Pop nicht doch etwas bewegen? Bob Dylan hat in den Köpfen vieler Menschen einiges angerichtet.
Kamerun: Klar, ich wurde ja auch durch Jugend-, Pop- und Subkulturen politisiert. Es gab Zeiten, als Pop und Politik näher beieinander lagen – der Protest-Rock der Band Ton Steine Scherben etwa bewies das. Die Goldenen Zitronen werden wohl keine Bewegung mehr auslösen. Aber wir haben eine klare Sprache gefunden. Donald Trump werden wir vermutlich trotzdem nicht aufhalten oder ihn von seinen scheiß Mauern stürzen.

profil: Ihre Band kritisiert nicht nur die üblichen Gegner, sondern gerne auch sich selbst und die Abgründe der braven Linken.
Kamerun: Das hat mit den neuen Widersprüchen und Ambivalenzen zu tun. Es gibt die alten Fronten so nicht mehr, nicht nur die eine gegen die andere Seite. Wer da zu Selbstkritik nicht fähig ist, ist unglaubwürdig. Es ist unmöglich, nur eindeutig zu agieren.

profil: In dem Song „Es nervt“ geißeln Sie etwa die Pflichtschuldigkeit der Anti-Rassisten. Kann man es denn überhaupt noch richtig machen?
Kamerun: Vielleicht ist das auch egal. Angreifen und nerven kann auch Freude machen. Muss ja nicht immer gleich eine Lösung her.

profil: Wie denn auch? Der Klassenkampf hat sich seit den 1980er-Jahren stark verändert. Heute wählen die Arbeiter AfD.
Kamerun: Wer sind denn die Arbeiter heute? Als ich in meiner halbbürgerlichen Welt aufwuchs, wollte ich Proletarier sein, fühlte mich der solidarischen Arbeiterbewegung verbunden. Inzwischen haben sich aber viele der Begriffe, um die einst hart gekämpft wurde, völlig gedreht. Der gute alte „Individualismus“ etwa ist längst als „Geschäftsführung des Selbst“ in den Kapitalismus eingefahren.

profil: Und die zum Teil rassistischen, antisemitischen und homophoben Gelbwesten werden von linken Intellektuellen wie Didier Eribon unterstützt.
Kamerun: Das hat mit Frankreichs ganz eigener Protestkultur zu tun. Ich empfinde die Welt auch als hyperkomplex und teilweise unübersichtlich, aber die gute Nachricht ist: Wir haben weiter große Lust auf Experimente!


Wie soll man denn auch einen automatisierten Kapitalismus kaputtmachen, wenn er längst in mir selbst herumteufelt?

profil: Ihre Texte erscheinen poetisch assoziativ, oft fast rätselhaft. Wie politisch kann die Abstraktion sein?
Kamerun: Mein Freund Albert Oehlen setzt in seiner Malerei gern harte Abstraktion ein und ist trotzdem total begreifbar. Ich weiß noch, dass ich einst ein Bild mit dem Schriftzug „Runter mit der Kunst“ malte – weil ich dachte, dass Kunst per se scheiße sei, gemacht für all jene, die mit mundgeblasenen Sektflöten in irgendwelchen White Cubes herumstehen und elitär daherreden. Diese Sicht musste ich korrigieren. Es ist durchaus möglich, die Dinge in hoher Abstraktion sehr scharf zu benennen. Vielleicht ist es ja sogar so, dass wir in Zeiten von wiederkehrender dumpfer Normierung und simpler Grenzziehung besonders abstrakt, komplex und irritierend reagieren sollten.

profil: Schlichte Kritik wie „Macht kaputt, was euch kaputtmacht“ funktioniert heute nicht mehr?
Kamerun: Wie soll man denn auch einen automatisierten Kapitalismus kaputtmachen, wenn er längst in mir selbst herumteufelt? Wir haben schon als junge Punks verstanden, dass es einfach nicht reicht, bloß „Bullenschweine“ zu brüllen.

profil: Die Goldenen Zitronen sind seit 35 Jahren aktiv. Sehen Sie die Band als zukunftsfähiges Modell?
Kamerun: Abgesehen davon, dass ich täglich denke, es werde ohnehin keine Zukunft geben: Es scheint uns ja als Gemeinschaft immer wieder etwas einzufallen. Vielleicht sind die Texte sogar das eigentlich Einfachste an dieser Band. Erst in der Vielstimmigkeit unserer kollektiven Musik blühen wir auf, nicht bloß Ted Gaier und ich, die Autoren der Goldenen Zitronen. Ich finde, dass wir – auch wenn wir heftig sampeln und uns aus der kompletten Musikgeschichte bedienen – immer wieder recht frische Angebote machen.

Die Goldenen Zitronen - Das war unsere BRD

profil: Sie gelangten in den frühen 1990er-Jahren vom Fun-Punk Ihrer ersten Alben zu komplizierteren Post-Punk-Experimenten. Waren Sie damals gelangweilt von der Simplizität der drei mythischen Akkorde?
Kamerun: Wir waren von allem Möglichen gelangweilt, vor allem auch von den Posen des Rock. Das ästhetische Erleben als Rockmusiker ist recht eingeschränkt. Wenn man auf Tour ist, gibt es außer Bus und Soundcheck, Spaß und Saufen nicht so viel. Da kann man schon ins Nachdenken kommen und dann versuchen, die eigene Künstlerexistenz ein wenig breiter zu gestalten. Ich habe nie begriffen, wie die Rolling Stones es über Jahrzehnte schaffen, „Street Fighting Man“ in Stadien vor 100.000 Leuten inspiriert aufzuführen. Wie geht das?

profil: Anders als die Stones suchen Sie nicht die – oft sehr lukrative – Selbstwiederholung.
Kamerun: Als Band sind wir geradezu preußisch bemüht, heutig zu sein. Am Theater geht es mir nicht anders. Auch wenn das spießig klingen mag: Ich bin extrem dankbar dafür, dass ich aus dem überschaubaren Milieu des Popmusikanten mit seiner selbst gewählten Vereinfachung im Theater ein zumindest zusätzliches Denken kennenlernen durfte. Ich glaube ans Theater, an diese Räume, die uns allen gehören, die mitten in den Städten stehen, faszinierende Kunstfabriken sind, die man offensiv nutzen muss. Sie bergen große Chancen von offenem Austausch, auch wenn sie von außen manchen wie verschlossene Bürgertempel erscheinen mögen.

Schorsch Kamerun, 56

Als Sänger und (neben Ted Gaier) Cheftexter der Hamburger Post-Punk-Institution Die Goldenen Zitronen leistet sich der Musiker, Autor und Regisseur Kamerun (bürgerlich: Thomas Sehl) den Luxus lyrisch unterfütterter Sozialkritik. Das exzellente, stilistisch breit gefächerte neue Album der seit 1984 existierenden Band trägt den (ironisch gesetzten) Titel eines Boston-Songs („More Than a Feeling“). Als alter Weggefährte hat Daniel Richter das Cover gestaltet; die elf politisch geschärften Tracks berichten von einer Zeit des Mauerbaus, von „nützlichen Katastrophen“ und der schwierigen Rückschau auf das Eigene („Das war unsere BRD“). Am 5. April werden die Goldenen Zitronen im Wiener Flex live zu sehen sein.