Autor Heinz Janisch im Stiegenhaus des Wiener Funkhauses.
Autor Heinz Janisch im Stiegenhaus des Wiener Funkhauses.

© Wolfgang Paterno

Kultur
03/12/2020

Heinz Janisch: "Ich bin gern Kindskopf"

Der Radiomacher und Schriftsteller Heinz Janisch ist einer der bekanntesten Kinderbuchautoren Österreichs. Ein Gespräch über Burgenländerwitze, lange Haare und süße Schweinchen als Schnitzel.

von Wolfgang Paterno

Heinz Janisch ist auf dem Sprung. Er muss den Zug nach Vorarlberg erreichen, um für die Radiogesprächsreihe "Menschenbilder" den Filmemacher und Sänger Reinhold Bilgeri zu interviewen. Janisch, 60, arbeitet seit 1984 in der "Menschenbilder"-Redaktion des Kultursenders Ö1. Daneben hat er sich als fixe Größe der heimischen Literaturwelt etabliert: Seine Liste an Gedichtbänden, Erzählungen, Theaterstücken und vor allem Kinderbüchern umfasst mehr als 150 Titel querbeet durch alle Genres und Gattungen. Janischs Literatur ist auch international ein Verkaufsschlager: Von den fast 30 Janisch- Büchern im Wiener Jungbrunnen Verlag existieren über 100 Übersetzungen in 17 Sprachen. "Bücher waren immer wie Wundertüten. Ich wollte wissen, was drin ist", sagt er. Janisch lebt und arbeitet in Wien und im südlichen Burgenland.

profil: Herr Janisch, darf man Sie einen "Kindskopf" nennen? Janisch: Unbedingt. "Kinderliteratur" werte ich auch doppelt: Kinder und Literatur, beides für mich ungemein wertvoll. Ich bin gern Kindskopf. Das ist eine Auszeichnung.

profil: Wie steht es mit "Märchenonkel"? Janisch: Onkel? Na ja. Ich liebe und sammle Märchen, erzähle sie gern neu. Märchen sind immer auch Verwandlungsgeschichten: Man biegt lesend um eine Ecke -und alles ist möglich. Hirten verwandeln sich in Könige, Mägde in Prinzessinnen. Mit "Märchenonkel" kann ich ebenfalls ganz gut leben.

profil: Der Schauspieler Alec Guinness bemerkte einmal, er habe sich stets als Hochstapler gefühlt, als Kind unter Erwachsenen. Können Sie das nachvollziehen? Janisch: Kürzlich wurde ich 60. Viel in mir ist aber immer noch Kind, weil jeder Erwachsene seine eigene Kindheit mitnimmt. Ich lese oft in Schulen aus meinen Büchern. Wenn sich ein Bub hinten bei seinem T-Shirt kratzt, spüre ich, wie sich der Waschzettel am Rücken anfühlt! Man gewinnt zwar an Lebensjahren dazu, die Verbindung zum Kindsein bricht dennoch nie ab. Steht nur zu befürchten, dass ich mit meinen 60 Jahren nicht mehr Kind, sondern Opa unter Erwachsenen bin.

profil: Welche Fragen stellen Ihnen die Kinder in den Klassen, in denen Sie lesen? Janisch: Zum Beispiel: "Warum hast du lange Haare?" Manchmal antworte ich dann, dass ich als Kind immer Indianer werden wollte, und vielleicht will ich das ja noch immer. Man ist auch immer ein wenig trotzig Kind.

profil: Die politisch korrekte Antwort müsste lauten: "Ich wollte immer Indigener sein." Janisch: "Eskimo" soll man ebenfalls nicht mehr verwenden. Immerhin geht "Burgenländer" noch ungestraft durch. Natürlich hat es seine Berechtigung, wenn jemand sagt, ich bin kein Zigeuner, sondern Roma. Ich empfinde es aber als Übergriff, in alten Kinderbüchern Wörter wie "Mohr" oder "Zigeuner" zu entfernen. Manchmal erzählen mir die Kinder übrigens Burgenländerwitze. Wunderbar!

profil: Was lassen Sie sich in den Klassen noch alles einfallen? Janisch: Wir spielen "Wortdetektiv". Streicht man von "Europa" das E - bleibt Uropa. "Sterben" - Erben. "Wort" - Ort. "Sprache" - Rache. Sprache wird zum Spielmaterial: "Der Ball aus dem All fliegt mit einem Knall auf den Kuhstall."

profil: Ihr erstes Buch, "Mario, der Tagmaler", erschien vor mehr als 30 Jahren. Was hat sich seitdem auf dem Kinderbuchsektor verändert? Janisch: Damals wurden Kinderbücher noch als pädagogische Schriften für junge Leserinnen und Leser missverstanden. Das Genre hat sich seitdem zum Glück geöffnet -nicht nur, was die Themen anbelangt. Die Ansprüche sind gewachsen, die künstlerische Wertigkeit wurde massiv gesteigert. Viele namhafte Kunstschaffende entwerfen fantastische Bilderbuchwelten. Es gibt auch fast keine Tabus mehr. Sexualität, Tod, Geschlechterfragen werden unverkrampft thematisiert.

Heinz Janisch

profil: Ist es Kindern zumutbar, in Büchern zu erzählen, dass das süße Schweinchen irgendwann als Schnitzel auf dem Teller landet? Janisch: Man sollte über alles reden. Kleine Kinder haben große Gefühle. In meinem Buch "Rote Wangen" erzähle ich vom Tod meines Großvaters. Darin stirbt er für alle anderen, für mich aber wird er durchsichtig. Viele Kinder sammeln früh Erfahrungen mit dem Tod: Der Hamster ist gestorben, die Oma, ein Bub aus der Nachbarsklasse. Sie leben nicht unter einem Glassturz. Zum Tod sind alle Fragen zulässig. Antworten darauf habe ich nicht.

profil: Ihre Titelliste als Autor und Herausgeber umfasst weit über 150 Bücher. Schlafen Sie nie? Janisch: Untertags arbeite ich an "Menschenbilder"- und "Radiokolleg"-Sendungen. Nebenher kritzle ich auf Zettel, sammle Texte, Ideen, Gedichte, die ich in kleine Schachteln lege, meine Schatzkisten. Ein paar Stunden der Nacht gehören mir dann zum Schreiben ganz allein.

profil: In der Nacht kommen Ihnen auch Ideen wie jene vom Nashorn als Gebirge? Janisch: Das Buch "Kommt das Nashorn" war Ergebnis eines Schreibwerkshops für Kinder. Ein eher molliger Bub, der sich offensichtlich nach Leichtigkeit sehnte, schrieb: "Ich bin ein schweres Nashorn." Oft bilden Sätze oder Beobachtungen von Kindern die Ausgangspunkte für meine Bücher.

profil: Darf man als Kinderbuchautor auch Kinder erschrecken? Janisch: Kinder lieben den Schrecken. Jedes Märchen funktioniert so. Eine Geschichte ohne Schreckensfigur wäre langweilig. Unfreundliche Zeiten brauchen aber auch freundliche Bücher. Ich bin insofern kein großer Kindererschrecker.

profil: Wie erinnern Sie sich an Ihre Kindheitslektüren? Janisch: Seit Jahren lebe ich an den Wochenenden auf einem Bauernhof im Südburgenland in der Nähe meiner Kindheitsgegend. Mein Vater war Zöllner und nahm sich jeden Abend Zeit für die Lektüre. Dadurch wurde ich auf Bücher aufmerksam. Die Eltern schenkten mir einen Jahresausweis für die Pfarrbibliothek, durch die ich mich las. Ich bin durchs Lesen zum Schreiben gekommen. Den Schlusssatz vieler Märchen konnte ich nie akzeptieren: "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute." Ich schrieb die Geschichte auf einem Zettel weiter: "Sie kaufen sich einen Hubschrauber und machen eine Weltreise." Der Vater tippte meine Fortsetzungen manchmal ab und schickte sie an Kinderzeitschriften. Zwischen den Fußballerplakaten hingen im Kinderzimmer meine gedruckten Geschichten! Bald wollte ich nicht mehr Fußballer, sondern Schriftsteller werden. Immerhin spielte ich Jahre später bei der österreichischen Autoren- Nationalmannschaft mit.

profil: Ihr Kindheitslieblingsbuch? Janisch: "Red Boy" von Käthe Recheis. In dem Buch wächst ein Junge bei Indianern auf. Wenn man "Red Boy" liest, wird man selbst fast zu einem Indianer: Man lernt, wie man sich anschleicht, ein Lagerfeuer macht, ohne Sattel reitet. Wie Harry Potter ohne Zauberschule. Jeden Sommer lese ich auch Erwin Mosers Buch "Jenseits der großen Sümpfe", in dem er über seine Kindheit im Schilfgürtel am Neusiedler See schreibt. Bei "Jenseits der großen Sümpfe" weiß man plötzlich wieder, wie sich Kindheit anfühlt.

profil: Ihre Arbeit wird vom ehrlichsten Publikum der Welt beurteilt. Wie geht man damit um? Janisch: Kinder fackeln nicht lange. "Hast du nicht auch was Lustiges?", wurde ich in Klassen schon gefragt, und "Warum kommt kein Bagger vor?" Ich animiere die Kinder immer, alles zu fragen, was sie wissen wollen. Dann kommen Fragen wie: "Wärst du lieber ein Mädchen?" - "Warum isst du jeden Tag eine Pizza?" Kinder haben ihre eigene, wunderbare Logik. Sie wollen mitreden und gesehen werden. Einmal wurde ich gefragt: "Warum bist du heute alt?" Gute Frage, schwierige Antwort.

profil: Als Radiomacher stellen gewöhnlich Sie die Fragen. Janisch: Manchmal passiert es, dass ich vormittags in einer Volksschule lese und nachmittags einen 90-jährigen Nobelpreisträger für das "Menschenbilder"-Interview treffe. Als besondere Lebenserinnerung spricht der alte Mann dann nicht über die Nobelpreisverleihung, sondern über das rote Himbeerkracherl mit seinem Großvater oder über einen Stein, der besonders glitzerte. Es ist oft berührend, wie das Leben durch Kleinigkeiten und nicht durch das scheinbar Wichtige geprägt wird.