"Die Schutzbefohlenen": Michael Thalheimers Jelinek-Inszenierung

"Die Schutzbefohlenen": Michael Thalheimers Jelinek-Inszenierung

Michael Thalheimer inszeniert Jelineks Flüchtlingschor "Die Schutzbefohlenen" im Burgtheater als düsteres Endzeitdrama.

Sie flehen nicht, sie fordern. Sie bitten nicht, sie klagen an. Einem Wasserbecken trotzend, kämpft eine bedrohliche Meute sich mit Plastiksäcken über den Köpfen nach vorn an die Rampe und hört nicht auf zu brüllen: "Bitte helfen Sie uns!" Sie sind die Angstprojektion einer Bedrohung, wie sie die Rechtsparteien in ganz Europa an die Wand malen: Asylbewerber, die unsere schöne Heimat überfluten, uns Jobs und Frauen nehmen. Elfriede Jelineks im Vorjahr von Nicolas Stemann in Mannheim uraufgeführtes Stück "Die Schutzbefohlenen" erzählt von der Festung Europa, von den vielen Toten, die im Mittelmeer ertrinken. Und es bezieht sich sehr konkret auf jene rund 60 Flüchtlinge, die ab Dezember 2012 vor der Wiener Votivkirche ein "Protestcamp" errichteten. Die Erzdiözese und die Caritas erklärten die Kirche zum Schutzraum. Trotz Hungerstreiks der Betroffenen, Gesprächen mit der Regierung und zahlreichen Solidaritätsbekundungen wurden ein Jahr später einige dieser Flüchtlinge nach Pakistan abgeschoben, andere als Schlepper denunziert.

Jelinek hat ihr angriffslustiges Stück in diesem innenpolitisch aufgeheizten Klima geschrieben. Werden "nützliche" Ausländer nicht "blitzeingebürgert", wenn sie über das nötige Geld (die Tochter von Boris Jelzin) oder eine schöne Stimme (Anna Netrebko) verfügen, ohne auch nur ansatzweise über Deutschkenntnisse zu verfügen?

Michael Thalheimer vertraut im Burgtheater ganz auf die Macht der Worte und ein virtuoses Star-Ensemble. Seit Einar Schleef wurde nicht mehr derart präzise und wütend chorisch gesprochen. Der rabenschwarze Bühnenraum von Olaf Altmann ist durch einen hellen Schlitz in Form eines Kreuzes zu betreten. Wie Untote in einer Gruft kämpfen die Anwesenden gegen ihr Verschwinden an, um schließlich doch nur langsam zu verlöschen. Thalheimers Sicht ist so unversöhnlich wie Jelineks Text. Der Abend zeigt, was bürgerliches Theater noch immer kann, wenn man es ernst nimmt: Es weiß den Zuschauern einen Spiegel vorzuhalten, und sei es nur, um sie mit ihren schlimmsten Ängsten und Vorurteilen zu konfrontieren.