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Buchkritik
04/04/2021

Sinnbilderbombast: Christoph Ransmayrs "Der Fallmeister"

Bevor die Welt endgültig zugrunde geht, beschenkt uns der Schriftsteller Christoph Ransmayr noch mit einem neuen Roman.

von Wolfgang Paterno

Christoph Ransmayr ist mit den Elementen auf Du und Du. Seit "Die Schrecken des Eises und der Finsternis", seinem Romanerstling von 1984, geht das so: Wo sich Feuer, Wasser, Erde und Luft in unterschiedlichen Aggregatzuständen sammeln, ist Ransmayr mit Notizbuch und Stift anzutreffen (vor fünf Jahren gesellte sich im Roman "Cox" noch die Zeit als Forschungsfeld hinzu). Am Schreibtisch widmet er seine stupende erzählerische Aufmerksamkeit dem Großen und Ganzen, das sich bekanntlich auch im Kleinen verbirgt: vom Planktonpartikelchen zum Himmelsgestirn, vom Seelenhauch zum Weltgeist. Ransmayrs Prosa ist so, wie sich viele die Literatur wünschen: klug und doch leicht, überbordend und doch ebenso exakt wie zart, weltumschlingend und bodenständig. "Die letzte Welt", "Der Weg nach Surabaya", "Atlas eines ängstlichen Mannes" und eine kompakte Auswahl der von Ransmayr seit über 20 Jahren betreuten Reihe "Spielformen des Erzählens" gehören ins Buchregal.

Wasser in all seinen Formen und Farben, in seiner ganzen Schönheit und Scheußlichkeit durchzieht nun die Seiten von "Der Fallmeister", des neuen Buchs des 1954 in Wels geborenen Romanciers und Reporters. "Der Fallmeister" ist Geständnis und Rapport zugleich, erzählt von einem namenlosen Hydrotechniker, einst Bewohner der fiktiven Grafschaft Bandon und inzwischen im Auftrag der Wasserindustrie ("Syndikat") als Arbeitsnomade unterwegs am Mekong und Orinoco, in den Quellgebieten des Rio Xingu und Okavango. Er ist ein Globetrotter in Sachen Nass, jenes Grundstoffs, der in einer utopischen, unserer Gegenwart nicht allzu fernen Zukunft, in einer von Ransmayr tiefdunkel schraffierten, vollends in feindselige Grafschaften und winzige Herzogtümer zersplitterten Welt zum umfassenden Krisen- und Kriegsgrund wird. Cormac Mc-Carthys "Die Straße" und José Saramagos "Die Stadt der Blinden" sind ein Klacks im Vergleich zu diesem Wimmelbild eines Weltenendes, in dem ein gefühlt 300-jähriger Wasserkrieg tobt.

Ehe es mit Fauna und Flora, Mensch und Menschlichkeit endgültig zu Ende geht, beschenkt uns Ransmayr noch mit "Der Fallmeister", aber wie das manchmal so ist mit Geschenken, wandert dieses wohl eher in die Tiefen des Buchregals. Im Sohn des "Fallmeisters", der als Schleusenwärter am Weißen Fluss, majestätisch überragt von einem mehr als 40 Meter hohen Katarakt ("Großer Fall"), die Boote durch die Untiefen geleiten soll, keimt der Verdacht auf, dass sein Vater fünf Menschen ermordet haben könnte. Der Icherzähler beginnt bald zu ächzen ob der vielen Themenbälle, die ihm sein Schöpfer zum Jonglieren zuwirft: Postapokalypse, Inzestgeschichte, Menetekel, Familienfehde, Krimirätsel, Reisebericht, Öko-Katastrophen-Dossier, Menschheitsabgesang. Der saure Beigeschmack entfaltet sich in diesem Roman, in dem so gut wie alles ins Rutschen gerät - Menschen- und Gefühlswelten, Ozeane und Kontinente -, in schleichend paradoxer Bewegung: Der heillos in seine Schwester verliebte Hydrotechniker, vom umfassend grassierenden Irrsinn geistig offenbar mehr als derangiert, berichtet vom Ende der Welt in einer Sprache unangekränkelter Feierlichkeit, in nach hochtrabender Brillanz tönenden Worten: Einmal noch mit viel Gefühl - auch wenn alles den Bach runtergeht. "Mad Max" auf Erzähldroge, ein Mariner (siehe Kevin Costner in der Endzeitkino-Kitschoper "Waterworld"), überwältigt von Plauderzwang.

Das eigentliche Problem dieses Romans heißt jedoch Sinnbilderbombast, wie ihn der Satiriker Robert Gernhardt einst drastisch auf den Punkt brachte: "Mein Gott, ist das beziehungsreich, ich glaub', ich übergeb' mich gleich." Die fragile, inzestuöse Bruder-Schwester-Liebelei, die auf einer "Mesopotamien" getauften Sandbank ("Garten Eden, das Paradies") ihren verbotenen Höhepunkt findet, wird zusätzlich durch die Glasknochenkrankheit der Angebeteten belastet; "Geschichten von der Tiefe" lullen die "Fallmeister"-Kinder später in den Schlaf. Untertags zerschneidet der angehende Hydrotechniker im Schatten des Tyrannenvaters mit einer Schere Hornissen im Flug (Flügel stutzen!). Ransmayrs Staunen wiederum über den kambodschanischen Fluss Tonle Sap, der seine Fließrichtung tatsächlich umkehren kann, will überhaupt kein Ende nehmen: "Nichts, weder das Wasser noch die Zeit, noch das durch die Abgründe des Himmels von Sonne zu Sonne wandernde Leben" folge, so Ransmayr, "bloß einer einzigen, für immer festgelegten Richtung". Irgendwann ist es dann auch gut mit dem dauernden Emporrauchen der Wasserstoffwolken, dem H2O-Dauerdampfen: Erlösung vom Nebel der Ratlosigkeit, Sehnsucht nach klarer Sicht. Vielleicht müsste man Ransmayr auch darauf aufmerksam machen, dass die Metapher vom Wasser als dem bodenlos Inneren des Menschen mausetot ist: "Ich schlug also mein Paddel in die Zeit und lenkte meinen Kajak in alle ihre Richtungen, ohne je die Gegenwart zu erreichen."

Das Erzählen hat für Christoph Ransmayr auch immer etwas mit Schwindelig-Erzählen zu tun; vom wärmenden Lagerfeuer des Ransmayr'schen Romanschreibens soll sich die Leserschaft mit übervollen Herzen und summenden Köpfen erheben. Diesmal brummt der Schädel: "Wie dünn, möglicherweise bloß hauchzart, war die Membran, die das Innerste eines friedlichen, Musik und Malerei und dazu Süßigkeiten, seine Kinder oder wenigstens sein Vieh liebenden Menschen von einer tief in ihm kauernden Bestie trennte? Und was musste geschehen, um diese Membran zu zerreißen, die Bestie aufzuscheuchen und einander völlig entgegengesetzte Möglichkeiten einer menschlichen Existenz wie einem Kehrwasserwirbel ineinanderstürzen zu lassen?" Und jetzt die Sintflut.


Christoph Ransmayr: Der Fallmeister

Eine kurze Geschichte vom Töten. S. Fischer, 220 S., EUR 22,70

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