Literatur

Solche Romane erscheinen nur alle paar Jahre: "Bitternis" von Joanna Bator

In ihrem Roman „Bitternis“ verwebt die polnische Schriftstellerin Joanna Bator die Lebensläufe von vier Frauen zu einem Epos über Leben und Tod. Es gilt, eine große Autorin zu entdecken.

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Der Mensch ist ein Schwein. Außer dem Ringelschwanz, den Berta nicht besitzt und den man beim Schwein für eine Suppe verwenden kann, stimmt bei der jungen Frau anatomisch so gut wie alles mit dem Paarhufer überein: Hinterkeule, Schinken, Schulter, Bauch, Filet, Lendenkotelett, Rücken, Rippen, Kamm, Nacken, Backe, Kopf.

Berta ist eine der vier Hauptfiguren in Joanna Bators neuem Roman „Bitternis“, ein Familienepos, in dem Männer als ein Ensemble befremdlicher und überflüssiger Wesen erscheinen. Bertas Vater Hans ist Fleischhauer und früher Hitler-Sympathisant im niederschlesischen, damals noch deutschen Langwaltersdorf. In „Bitternis“ lehrt er das Schweinezerlegen am Körper der Tochter: „Filet? Er drückte zwei Finger tief in das Fleisch über dem töchterlichen Hinterschinken. – Zartes, mageres Fleisch zum Braten in der Pfanne oder im Ofen. – Bauch? – Zum Kochen, Braten, Schmoren, Dünsten und Räuchern, antwortete Berta und zählte in Gedanken die Teile des Schweins, die noch vor ihr lagen.“

Zuweilen begutachtet Hans die Zähne seiner Tochter, untersucht Zunge und Ohren, als wollte er sie in Sülze verarbeiten. Unnötig zu erwähnen, dass „Bitternis“ neben vielem anderen auch Mord und Kannibalismus bereithält.

Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass „Bitternis“ ein Roman ist, wie er nur alle paar Jahre erscheint – und der einem bis auf Weiteres den herzhaften Biss ins Schweinerne verleidet. Und schon gar keine „Häckerle“! Dastraditionelle Fischgericht der deutschen und polnischen Küche kommt in diesem Roman ständig auf den Tisch – und wird am Ende von „Bitternis“ auch als Rezept abgedruckt: Man nehme gesalzenen, in Milch eingeweichten Hering, hartgekochte Eier, Zwiebel, Leinöl, Gurken, Senf, Pfeffer und Petersilie. Zutaten klein schneiden, kräftig verrühren und kalt stellen. Mit Brot und Bier servieren.

Wolfgang   Paterno

Wolfgang Paterno

ist seit 2005 profil-Redakteur.