Staatspreis: Christian Rainers Laudatio auf Nina Schedlmayer

Christian Rainer bei seiner Laudatio an Nina Schedlmayer

Christian Rainer bei seiner Laudatio an Nina Schedlmayer

Die profil-Journalistin Nina Schedlmayer erhielt am vergangenen Donnerstag von Kunstminister Thomas Drozda den erstmals vergebenen Österreichischen Staatspreis für Kunstkritik. profil-Herausgeber Christian Rainer war der Laudator. Mit dieser Rede.

Wenn der Chefredakteur eine Porträtskizze einer Mitarbeiterin anfertigt, wenn ich also hier für Sie erklärende Worte über Nina Schedlmayer sprechen darf, dann kann das ein kompliziertes Unterfangen werden. Das gilt ganz allgemein, denn was wenn nicht Lobvolles sollte ich denn von mir geben – bei einer Mitarbeiterin, die seit einem Jahrzehnt die Kulturberichterstattung des profil prägt, deren Arbeit also auch als meine Arbeit gesehen wird. Im Besonderen steht „kompliziertes Unterfangen“ aber dafür, dass diese Mitarbeiterin dem Feuilleton einer Zeitung angehört, dass hier also ein Unwissender über eine Wissende urteilen soll.

Das Kulturressort des profil mit einem Stefan Grissemann, einem Wolfgang Paterno, einer Karin Cerny und eben mit Nina Schedlmayer ist zwar längst nicht mehr so hermetisch, wie es das weiland unter einer Ressortleiterin Sigrid Löffler war. Die Abgrenzung ergibt sich nicht aus offen zur Schau ausgerollter überlegener Intellektualität, die sich quer durch alle den Menschen angeblich definierende Wesensmerkmale zieht. Dieses Gralsrittertum der Kulturberichterstattung besteht auch nicht in perfide ausgespuckten Wortkaskaden, die wöchentlich in aller Heftigkeit auf den Rest der Redaktion herunterprasseln.

Aber dennoch: Die Schwierigkeit liegt darin, dass Kulturredakteure tatsächlich über ein spezifisches Wissen verfügen, über eine besondere Bildung, die beim Chefredakteur nur in Spurenelementen und in Restbeständen vorhanden ist. Und ich gehe davon aus, dass dieses besondere Wissen bei jenen ebenso überdurchschnittlich vorhanden ist, die zu einer, die zu dieser Preisverleihung eingeladen sind – also bei Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren.

Ich verrate Ihnen ein recht offenes Geheimnis: Bei keinem anderem Ressort, nicht in der Außenpolitik, nicht in der Wirtschaft, bluffe ich so oft wie beim Vortrag des Programms der Kultur in den wöchentlichen, den montäglichen Redaktionssitzungen: Ich bluffe bei den Namen der Musiker, deren Alben wir besprechen werden. Ich bluffe bei den Dichtern, die einen neuen, 1000-seitigen Roman veröffentlicht haben. Und ich bluffe bei den Künstlern, deren Ausstellungen Nina Schedlmayer in einer mir hoffentlich bekannten Galerie oder in einem Museum besprechen will.


Einem Sebastian Kurz würde sie erklären, dass Valie Export nicht Vergangenheit ist, bloß weil sie bei der Documenta war, bevor er geboren wurde.

Erlauben Sie mir den Vergleich! Ähnlich muss sich der Bundeskanzler und Bundesbahner Christian Kern fühlen, wenn ihm der Minister und Theater- sowie Operndirektor Thomas Drozda erklärt, welcher Kulturschaffende für seine Verdienste um die Republik Österreich mit einem Orden auszuzeichnen ist – und warum –, oder wer für die Leitung eines Bundesmuseums in Betracht zu ziehen ist.
Aber – und dieser Einschub sei mir aus aktuellem Anlass erlaubt: In Zukunft wird das ja möglicherweise einfacher werden: Vielleicht kennen Sie zum Beispiel den Lieblingsmaler von Norbert Hofer. Dieser Mann nennt sich nicht völlig zufällig Odin – Odin Wiesinger. Und falls Herr Hofer in wenigen Monaten Minister sein sollte, dann wird es ihm nicht schwer fallen, dem neuen Bundeskanzler, vor allem aber seinen Fraktionskollegen die besonderen Fähigkeiten von Odin Wiesinger nahezubringen.

Zurück zu Nina Schedlmayer – mit dem Rest werden wir ohnehin mehrere Jahre leben: Man könnte also meinen, auch und gerade ihr Schaffen für profil und für andere Publikationen wäre schwer zugänglich. Doch davon kann keine Rede sein. Schedlmayer ist nicht hermetisch. Was sie auszeichnet: Sie lebt in beiden Welten. Sie lebt und denkt in der Welt der Künstler sowie ihrer Proponenten. Aber sie lebt auch in der Welt der Kunstkonsumenten, bei unseren Leserinnen und Lesern also. Ja, sie lebt auch bei den Journalisten-Kollegen, die in der Redaktion schon mal nachfragen dürfen, wer diese als „Legende“ titulierte Marina Abramović eigentlich ist oder gar eine Künstlerin wie Catherine Opie. Oder – um nochmals politisch zu werden: Sie würde auch einem Sebastian Kurz erklären, dass Valie Export nicht Vergangenheit ist, nur weil sie an der Documenta in Kassel teilnahm, als unser Thronfolger Kurz noch ein Jahrzehnt lang nicht geboren war.

Nina Schedlmayer also: Sie ist eine Übersetzerin zwischen den Welten. Lassen Sie mich erklären, warum!

Hermetisch sein zu können, wenn es notwendig erscheint, also inhaltlich unzugänglich für die breite Masse, ist ja auch ein Qualitätsmerkmal. Denn der Fachwelt anzugehören, kann niemand vorgeben, der es nicht ist, niemand, der oder die sich diese Zugehörigkeit nicht wieder und wieder verdient hat.

Keine Welt für Journalisten, werden Sie sagen? Bei Frau Schedlmayer eben doch.

Laut meinen Kritikern komme ich einigermaßen viel herum, der Tagesablauf eines Herausgebers angeblich: Brötchen in der Albertina, Champagner im Kunstforum, Bier im 21er-Haus. Bei jenen Gelegenheiten werde ich selten auf profil angesprochen, aber regelmäßig auf Frau Schedlmayer. Diese Regelmäßigkeit hat auch ein System, und dieses System funktioniert seit vielen Jahren unverändert: Bei den Blockbuster-Ausstellungen, die sich ihrer vielen Besucher rühmen, wird die Abwesenheit von Schedlmayer moniert und in der Folge die Abwesenheit der Berichterstattung im profil. Ich erlaube mir zu präzisieren: Gelegentlich wird die Abwesenheit der Berichterstattung über die jeweiligen Hausherren – oder die Hausdamen natürlich – moniert.

Und andererseits: Bei den Ausstellungen, die sich manchmal sogar ihrer wenigen Besucher rühmen, höre ich meistens, dass Nina Schedlmayer ja „natürlich“ schon da war. So erging es mir etwa vor einigen Monaten bei einer Führung im Mumok, als mir Karola Kraus auf meine – selbstverständlich rechtsunverbindliche – Andeutung von möglicher Berichterstattung sagte, dass profil, nein, dass Frau Schedlmayer doch ohnehin schon großflächig geschrieben hätte.


Schedlmayer übersetzt die Geheimcodes der Künstler, die Chiffren der Sammler, die Katalogsvorworte der Kuratoren.

Und schließlich noch ein Beispiel: Vor einiger Zeit in der Albertina, es wurde wie üblich feudal gefeiert, da nahm mich mein Onkel Arnulf Rainer beiseite. Er erzählte mir eine Schmonzette. Und er schloss mit den Worten: „Aber erzähl das nicht der Schedlmayer!“ Bis tief in die Fachabteilung meiner Familie hinein wirkt also die heute Auszuzeichnende.

Aber dann die andere Seite der Nina Schedlmayer: die Kunst der Übersetzung, die Übersetzung der Geheimcodes der Künstler, der Chiffren der Sammler, der Katalogsvorworte der Kuratoren. Als ich mich in Vorbereitung für den heutigen Tag mit Schedlmayr-Texten aus jüngerer Zeit beschäftigte, bemerkte ich zu meiner Verwunderung, wie viele davon sogar explizit als Erklärstücke deklariert waren. Ich bemerkte auch, wie viele davon voller Empathie aufgenommen hatten, was zuvor in der profil-Redaktion diskutiert worden war. Keine Spur von hermetisch, gar nicht abgegrenzt!

Da war ein Stück, das so begann: „Die Gegenwartskunst erscheint mehr denn je erklärungsbedürftig. Kritiker sprechen jedoch von Banalisierung.“ Schedlmayer kritisiert in der Folge, wohl ironisch, dass bei der Biennale in Venedig – Zitat – „keine Saaltexte, keinerlei Erläuterung die Ästhetik störten“. Ein Museumsdirektor aus Wien darf sodann beklagen, dass sich ihm die Arbeiten ohne Hilfsmittel keineswegs erschlössen.

Ein anderer Text wiederum trägt den Titel: „Das kann doch ein Dreijähriger!“ Wie zu erwarten, widmet sich Schedlmayer darin der Frage, die wir uns alle – geben Sie es ruhig zu! – heimlich stellen: „Ist das wirklich Kunst, warum ist das überhaupt Kunst?“ Die Autorin stellt in dem Text ihrerseits ohne Allüren diese Frage: „Warum hängt ein Bild im Museum, das nur aus einer schwarzen Fläche besteht?“

Einen dritten Artikel will ich hier – zum Schluss – noch hervorheben. Er wurde im Mai dieses Jahres gedruckt: Es ist ein einfühlsames Porträt der Malerin Xenia Hausner. Dieser Artikel ist für jeden ein Kunststück, ein Kunststück für jeden eben, auch wenn er oder sie sich nicht für Kunst interessiert. Denn er stellt die Querverbindungen zu Welten her, in denen wir andere, wir Normalmenschen leben. Es geht um Flüchtlinge auf der Flucht, Menschen, die in Zügen verschoben werden, Flüchtlinge, die von der überaus politischen Xenia Hausner hier dargestellt werden. „Soziale und politische Schauspiele“ seien die Gemälde, so schreibt Schedlmayer.

Hausner übersetzt also die politischen Probleme unserer Zeit in ölig-acrylige Kunst. Und Schedlmayer übersetzt diese Kunst wieder in aktuelle Alltagssprache.

profil ist das unabhängige politische Nachrichtenmagazin unserer Zeit. Nina Schedlmayer ist unsere Korrespondentin im politisch künstlerischen Universum aller Zeiten. Dafür wirst du ausgezeichnet, liebe Nina. Das ist hochverdient. Ich gratuliere dir und uns zu dieser Auszeichnung!