Theater: Wie bringt man Hitlers "Mein Kampf" auf die Bühne?

RECHERCHE AUF DER BÜHNE: Szene aus "Adolf Hitler: Mein Kampf"

RECHERCHE AUF DER BÜHNE: Szene aus "Adolf Hitler: Mein Kampf"

Adolf Hitler verdiente mit seiner Hetzschrift "Mein Kampf“ Millionen. Im Jänner 2016 laufen die Rechte daran ab: Was passiert dann mit dem brisanten Buch? Am Theater befasst man sich schon jetzt mit diesen Fragen.

Selbst die einfachsten Suchbegriffe führen zu schnellen Ergebnissen: "Mein Kampf“ und "online lesen“ reicht schon. Die Liste der Internetlinks ist lang, die Adolf Hitlers Hetzschrift in voller Länge und in Originalfassung für den Download aufs Lesegerät bereitstellen, gratis und unkompliziert. Hitlers zwischen 1924 und 1926 entstandenes politisches Manifest, zugleich ein persönlicher Entwicklungsroman, in dem er seinen Judenhass, Kriegspläne und mörderische Rassenhygiene-Theorien ausbreitete, als harmlose digitale Lektüre für die U-Bahn?

Es überrascht doch einigermaßen, wie leicht zugänglich dieses Nazi-Propagandawerk ist. Dabei ist die Rechtslage im deutschsprachigen Raum eindeutig: Dem Freistaat Bayern fielen nach dem Ende des "Dritten Reichs“ die Urheberrechte zu, der keine Veröffentlichung zuließ, um die Verbreitung von NS-Gedankengut zu verhindern. In Österreich ist der Verkauf von "Mein Kampf“ verboten. Zahlreiche Vintage-Exemplare der verbotenen Schrift - immerhin betrug die Auflage bis 1945 geschätzte 12,5 Millionen - sind allerdings nach wie vor im Umlauf. Der Besitz und Verkauf von antiquarischen Exemplaren ist in Deutschland ebenso legal wie das Zitieren daraus.

Hitler, der mit seinem Buch ein Vermögen verdiente, hatte noch zu Lebzeiten die Rechte für englische Übersetzungen verkauft. In Großbritannien und den Vereinigten Staaten gibt es deshalb nach wie vor zahlreiche Neuauflagen. In anderen Ländern dominieren Raubkopien. Vor allem in Indien boomt das Geschäft mit dem "Bestseller des Bösen“, der absurderweise von Business-Studenten als Erfolgsgeschichte eines Visionärs gelesen wird.

Ende der Schutzfrist

2016 wird sich die Lage auch in Deutschland und Österreich gravierend ändern, denn 70 Jahre nach dem Tod des Autors laufen sämtliche Rechte aus. Wird "Mein Kampf“ also demnächst regulär in heimischen Buchhandlungen stehen - gleich nach Hermann Hesse und Jürgen Habermas? Ist das nicht Volksverhetzung? Versteht man dieses Buch überhaupt, ohne ihm einen Kontext zu geben? Brisante Fragen wie diese stellt sich eine Theaterinszenierung, die ab 1. Oktober im Rahmen des Grazer Crossover-Festivals steirischer herbst zu sehen sein wird. Die deutschen Reality-Forscher Rimini Protokoll haben für "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2“ Menschen gecastet, die von ihren Lektüreerfahrungen berichten werden. Sie habe selbst anfangs Berührungsängste gehabt, sagt Regisseurin Helgard Haug (siehe Interview), denn es gebe die Idee der Infektion: "Du schlägst das Buch auf, und das Gedankengut überfällt dich wie eine Krankheit.“ Ganz neu ist die Auseinandersetzung mit "Mein Kampf“ am Theater nicht: Helmut Qualtinger und George Tabori hatten bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren kritische Bühnenarbeiten aus dem notorischen Text gebaut.

Pünktlich zum Ende der Schutzfrist wird auch eine wissenschaftlich kommentierte Edition von "Mein Kampf“ erscheinen. Im Münchner Institut für Zeitgeschichte sind gegenwärtig zwölf Historiker an der Arbeit, rund 3000 Fußnoten sind von dem Standardwerk zu erwarten. Hitlers Manifest appelliere vor allem an die Emotionen, an Angst und Hass, meinte Christian Hartmann, Projektleiter der Edition, jüngst in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung“. Es gehe darum, Hitlers Thesen "Tausende gut recherchierte Fakten“ entgegenzuhalten - eine wichtige Arbeit, die all die kursierenden Online- und Trödlerexemplare niemals leisten können.