Thomas Bernhard: Weggefährten erinnern sich

Thomas Bernhard: Immer noch Frost

30 Jahre nach seinem Tod ist Thomas Bernhard in der medialen Wahrnehmung höchst lebendig. Eine Spurensuche bei Weggefährten, Mitstreitern und Bewunderern, die sich an den großen österreichischen Dichter erinnern.

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Kein Autor hat die Nation so gespalten - aber auch so gut unterhalten - wie Thomas Bernhard, ein Meister der Selbstinszenierung. Mit "Heldenplatz" (1988), einer Auftragsarbeit des Burgtheaters unter Claus Peymann, sorgte er für einen der größten Bühnenskandale in der Geschichte des Landes. Bernhard wurde nicht müde, in seinen Romanen und Stücken an dem Mythos zu säbeln, Österreich sei das erste Opfer Hitlers gewesen, er verpasste seiner Heimat eine Aufarbeitungslektion seiner Nazi-Vergangenheit. Am 12. Februar 1989 starb Bernhard an Herzversagen, er hatte seit seiner Jugend an einer Lungenkrankheit gelitten. Zu seinem 30. Todestag erscheinen nun zahlreiche Bücher, etwa ein Band über Bernhards Häuser ("Hab & Gut"), herausgegeben von André Heller, sowie die Textsammlung "Immer noch Frost" von Bernhards Leibfotografen Sepp Dreissinger.

profil bat ehemalige Wegbegleiter, Mitstreiter und Bewunderer, sich an Bernhard zu erinnern. Die Suche war kompliziert, viele Zeitgenossen sind mittlerweile verstorben - wie der Schauspieler Gert Voss oder der Immobilienmakler Karl Ignaz Hennetmair, der ein Jahr lang Tagebuch über Bernhard geführt hatte. Den 93-jährigen Ohlsdorfer Johann Maxwald, der das Buch "Thomas Bernhard. Mein eigentümlicher Nachbar" verfasst hat, erreichte profil am Festnetz. Leider nur sehr kurz. Es tue ihm schrecklich leid, meinte Maxwald, er könne nicht länger reden: Sein Telefon stehe in einer ungeheizten Kammer, ihn friere einfach zu sehr.

Karin Bergmann, 66, kam 1986 als Pressesprecherin mit Claus Peymann ans Burgtheater, das sie mittlerweile leitet. Sie hat die Ära Peymann, die wesentlich von Thomas Bernhard geprägt wurde, hautnah miterlebt.

"Seine Wirkung auf Frauen war unübersehbar"

Thomas Bernhard habe ich gleich in meinem allerersten Theaterjahr am Schauspielhaus Bochum kennengelernt. Claus Peymann inszenierte die Uraufführung von "Der Weltverbesserer" mit Bernhard Minetti und der wunderbaren Edith Heerdegen, die der dreistündigen Suada des männlichen Protagonisten wie so häufig bei Bernhards Frauenfiguren nur wenige Worte entgegenzusetzen hatte. Die Proben waren schwierig, der 75-jährige Minetti hatte Peymann Knoblauch-Verbot erteilt, kämpfte mit den Textmengen und machte seiner Partnerin das Leben schwer. Als Bernhard das erste Mal im Bochumer Intendantenbüro anrief, hielt ich mich kurz angebunden. Genau das weckte Bernhards Neugier. Er genoss es, mir eine sehr persönliche Frage nach der anderen zu stellen. Machte sich über Peymann lustig, weidete sich an meiner Unsicherheit, ob ich diese Sottisen meinem Chef gegenüber respektvoll genug parierte. Die erste persönliche Begegnung war kurz und schüchtern. Vor mir stand ein Mann in schwerem Loden und mit einem Hut, von dem ich damals nicht wusste, dass man so etwas in Österreich Steirerhut nennt. Ich komme ja aus dem Ruhrpott, für mich war das äußerst exotisch. Bernhard war wortkarg, und ich konnte diese düstere Erscheinung nur schwer mit dem charmant plaudernden Telefonpartner in Verbindung bringen.

Regelmäßige Begegnungen fanden dann in der ersten Spielzeit von Peymanns Burgtheater-Direktion statt. Plötzlich wirkte der Dichter wie verwandelt. Elegant, gut gelaunt und uns immer wieder mit schnellen, frechen Pointen überraschend, in denen er die Schlagzeilen der österreichischen Tageszeitungen kommentierte. Am schönsten aber war es, Bernhard beim Flirten zu beobachten. Seine Wirkung auf Frauen war unübersehbar, spielerisch mit leicht ironischem Ton, aber hochinteressierter Neugier und Freude. Ich erlebte ihn bei privaten Einladungen, er im Zentrum, umringt von Damen der Wiener Gesellschaft, es absolut genießend. Eine schöne, ernsthafte Kommunikation hatte er mit Marianne Hoppe, die großartig die Frau Professor Schuster in "Heldenplatz" verkörperte. Wir waren immer fasziniert, wenn die 80-Jährige uns im Büro besuchte, dabei ihren blutroten Lippenstift hervorzog und sich, zu unserer größten Bewunderung, ohne Spiegel die Lippen nachzog und dabei über Bernhard schwärmte.

Sepp Dreissinger, 72, galt als Bernhards Leibfotograf. Diese Woche erscheint sein Bernhard-Kalender im Album Verlag; das Buch "Immer noch Frost. 26 Betrachtungen zu Thomas Bernhards erstem Roman" ist ab 30. Februar erhältlich. Am 5. März liest Josef Hader im Wiener Café Schopenhauer aus dem Buch.

"Er hat es todernst gemeint"

Ich war immer ein Einzelkämpfer, kein Mensch hat mir aufgetragen, Bernhard zu fotografieren. Ich war einfach fasziniert von seiner Literatur und wollte ihn kennenlernen. Man konnte ihn aber nicht einfach anrufen, sondern musste in Ohlsdorf auftauchen und hoffen, dass er überhaupt da war. Über seine Arbeit habe ich nie mit ihm geredet, auf diese Idee wäre ich gar nicht gekommen, das wollte er auch nicht. Bernhard hat viele Menschen fasziniert, auch Romy Schneider, sagte mir Claus Peymann -und Ingeborg Bachmann wollte in der Nähe von ihm ein Bauernhaus kaufen. Aber das hat ihm nicht gefallen, und er hat es dann selbst gekauft. Er hat die Leute mit seinem Charme und seinem Witz verführt. Mit ihm zu frühstücken im Café Bräunerhof war ein besonderes Vergnügen. Andererseits hatte er halt auf Österreich einen Zorn, wurde oft angefeindet und auch zweimal geklagt. Das ist ihm nahe gegangen. Er hat immer geglaubt, er überlebt den nächsten Tag nicht. Wenn wir uns getroffen haben, sagte er: "Wie Sie sehen, bin ich eh nicht gestorben." Ich dachte immer, das wäre so ein lockerer Spruch von ihm. Aber er hat es todernst gemeint, er war ja seit seiner frühen Jugend schwer krank. Diese tägliche Angst war immer bei ihm vorhanden.

Claus Peymann, 81, war der wichtigste Regisseur für Thomas Bernhard, die beiden feierten mit Inszenierungen wie "Der Ignorant und der Wahnsinnige" (1972),"Der Theatermacher" (1985),"Ritter, Dene, Voss" (1986) und "Heldenplatz" (1988) Erfolge.

"Ich bin Bernhards Witwe"

Regisseur Claus Peymann über seine lebenslange Beziehung zu dem Autor, von dem er noch heute oft träumt.

profil: Wie haben Sie Bernhard kennengelernt? Peymann: Ich bekam "Ein Fest für Boris" in die Hand gedrückt. Niemand wollte das Stück inszenieren. Ich war total fasziniert, fuhr sofort nach Ohlsdorf. Bernhards Vierkanthof war natürlich verriegelt, also quartierte ich mich im Gasthof ein. Mitten in der Nacht riss jemand meine Tür auf und brüllte: "Was haben Sie hier zu suchen? Wer sind Sie überhaupt?" Vor mir stand ein merkwürdiger Geist im Lodenmantel. Dann saßen wir den Rest der Nacht in einer Dorfdisco und redeten. Daraus ist dann diese lebenslängliche Beziehung geworden, die bis zu seinem Tod andauerte. Ich träume noch oft von ihm.

profil: Was denn genau? Peymann: Ich treffe ihn in einem Gasthof in Oberösterreich und bin völlig perplex, dass er noch lebt. Bernhard sagt: "Erzählen Sie es ja nicht weiter, Peymann! Ich konnte das alles nicht mehr ertragen, deshalb habe ich mich tot gestellt." Kurz vor seinem Tod rief mich Bernhard noch an. Wir haben ein völlig nichtssagendes Gespräch geführt. Als dann das Gerücht aufkam, er sei gestorben, habe ich seinen Halbbruder Fabjan kontaktiert und gemeint: "Wenn es Bernhard schlecht geht, kann ich ja gern vorbeikommen und mit ihm streiten." Er meinte nämlich immer, Streit würde ihm helfen, seinen Kreislauf wieder in Gang zu setzen. Aber da war er schon tot.

profil: Wussten Sie, wie krank er war? Peymann: Ich sage manchmal: "Ich bin Bernhards Witwe." Wir waren nicht verheiratet, aber sehr eng, besonders in seinem letzten Jahr. Man sah, dass er gezeichnet war. Aber ich wollte es nicht wahrhaben, wie ernst es tatsächlich war. Zum Glück war der Schlussapplaus bei "Heldenplatz" so lange, wir brauchten ewig auf die Bühne, weil Bernhard nur mehr so langsam gehen konnte. Auf der Galerie stand damals Heinz-Christian Strache. Der rechte Pöbel hat gebrüllt, und Strache war der Hauptschreier. Sie haben versucht, die Aufführung zu verhindern. Aber am Ende hat das Theater über die Ewiggestrigen gesiegt.

profil: Was würde Bernhard heute machen? Peymann: Er hätte das heutige Österreich und seine Protagonisten nicht verhindern können. Aber wahrscheinlich hätte er weiter geschimpft wie Karl Kraus oder Helmut Qualtinger -und im Grunde auch der große Komödienschreiber Nestroy. In seinen Stücken hat Bernhard den bürgerlichen Totentanz einer vergehenden Generation gezeichnet. Ähnlich wie Tschechow mit dem russischen Landadel oder Schnitzler mit der Komtessen-Gesellschaft des Fin de Siècle. Bernhard hat damit auch seine eigene Vergänglichkeit beschrieben, er war "Heldenplatz" in seinem Zorn und seiner Trauer, aber "Der Theatermacher" in seinem Witz. Menschen wie Bernhard wären heute gar nicht mehr möglich.

profil: Wie war Ihre Beziehung? Peymann: Ich war immer der Knecht, er der Herr. Aber ich war gerne Knecht. Er hat mir gezeigt, wie man sich in Wien verhalten muss, wenn man Großes vorhat. Er hat mir klargemacht, dass die Arbeit am Burgtheater nur gegen die Gesellschaft, gegen das Publikum, gegen die Politik geht. Dadurch hat er einen Aufbruch ermöglicht.

profil: Er hat Sie radikalisiert? Peymann: Total. Der Schriftsteller ist ein Einzeltäter und kann deshalb viel radikaler sein. Ich musste immer ein ganzes Haus überzeugen. Bernhard hat mir vorgeworfen, ich sei feige. Dabei haben mich die Leute auf der Straße mit dem Regenschirm bedroht, mir ins Gesicht gespuckt! Peter Handke, auch ein Theaterlebensmensch, ist ein ähnlicher Misanthrop, schroff, oft feindselig. Und dann die melancholische, selbstzerstörerische Jelinek, der barocke Peter Turrini! Das waren meine Weggefährten, die Protagonisten des Wiener Theaterwunders - neben den Schauspielern. Bernhard ist ein großer österreichischer Dichter und Patriot. Er steht direkt neben Mozart.

André Heller, 71, Autor, Sänger und Eventmanager, hat soeben ein Buch über Bernhards Häuser herausgegeben, mit Aufnahmen der Architekturfotografin Hertha Hurnaus und Texten, unter anderem von Architekturkritiker Dietmar Steiner und der deutschen Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken. Wir zitieren hier aus Hellers Vorwort.

"Hinterfotziger Watschenmeister"

In Österreichs literarischem Energiefeld der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Thomas Bernhard die massivste Störung von nie versiegender Faszination. Er gehörte zu keinem Klub, keiner Gruppe, keinem Zirkel, keiner Glaubensrichtung, keiner Seilschaft, keiner wie immer gearteten künstlerischen Organisation. Er gehörte stets, nur aufs Äußerste, zu sich selbst und konnte daher mit einer Rücksichtslosigkeit agieren, die zumeist keine Gefangenen zuließ. Mit der Sprachmachete schlug er seinen brachialen Wahrheiten, genialen Lästerungen, grotesken Überhöhungen, anrührenden Liebesversuchen und anderen Fantasie-Eruptionen den Weg in die bleibende Gültigkeit frei. Bernhard war auch ein Lachfallensteller, ein hinterfotziger Watschenmeister und Erregungshochleistungsvirtuose. Alles in allem: ein Solitär, wie man ihn nur einmal alle unheiligen Zeiten findet. Mich interessieren, mein Erwachsenenleben lang, die Wohnungen und Häuser von Ausnahmewesen, weil sie immer eine kostbare Ergänzung zum Verständnis von Werk und Person sind. Das scheinbar Nebensächliche, ebenso das Anekdotische gehören oft sogar zum Aufschlussreichsten. Als mir das Ehepaar Fabjan, Thomas Bernhards für den Nachlass verantwortlicher Universalerbe und Halbbruder Peter und dessen ebenso leidenschaftlich engagierte französische Gattin Anny, in freundlichster Weise das Wohnhaus des Schriftstellers in Ohlsdorf zugänglich machten, betrat ich einen bis ins kleinste Detail sorgfältig inszenierten Privatkosmos voll der Täuschungen, Ablenkungsmanöver und falschen Behauptungen von erlesener Eleganz. Zum größten Teil ein betörendes Als-ob. Als ob Bernhard ein Landadeliger gewesen wäre. Als ob dort viele Gäste übernachtet hätten. Als ob er in der modernen Küche gekocht und im Speisezimmer gegessen hätte. Als ob er ein Weidmann gewesen wäre, ein Maßschuhfetischist, ein Reiter.

Vieles davon verweist, für profunde Bernhard-Kenner, auf Beschreibungen in seinen Theaterstücken und Prosatexten. Vielleicht wurde es sogar diesen Beschreibungen in Wirklichkeit nachgebaut.

André Heller (Hrsg.): Thomas Bernhard Hab &Gut. Das Refugium des Dichters. Brandstätter Verlag. 144 S., EUR 35,-

Grischka Voss, 49, ist eine deutsche Schauspielerin und Autorin. Ihr Vater, der Burg-Schauspieler Gert Voss, wirkte in zahlreichen Stücken von Thomas Bernhard mit.

"Endloses Schweigen"

Mein Vater war besessen von Bernhards Sprache. Er hat daheim stundenlang Text gelernt, er redete sich förmlich in Zustände hinein durch diese vielen Wiederholungen. Privat waren sowohl Bernhard als auch mein Vater eher schüchtern. Wir sind ihm einmal vor dem Hotel Sacher begegnet. Bernhard saß draußen, sehr fein gekleidet, wie immer. Die beiden tauschten nur die banalsten Floskeln aus. Dann herrschte endloses Schweigen. Meine Mutter und ich lächelten verlegen. Dabei hatte Bernhard mit "Ritter, Dene, Voss" sogar ein Stück für meinen Vater geschrieben. Aber auf privater Ebene waren die beiden total gehemmt.

Erwin Wurm, 64, ist bildender Künstler. Zum Gedenken an den von ihm verehrten Autor gestaltete er im Residenz Verlag Bernhards autobiografische Schriften mit Aquarellen.

"Einen leicht sadistischen Zug"

Mir hat Bernhard enorm imponiert. Es hat mir eine diebische Freude bereitet, im Theater zu sitzen und zu sehen, wie sich die Leute aufregen. Hätte es damals bereits Social Media gegeben, Bernhard wäre ein heftiger Nutzer gewesen. Er hat ständig Leserbriefe an Tageszeitungen geschrieben, die wurden dann auch immer abgedruckt. Er hat über alles Kommentare abgegeben, über diesen ganzen Wahnsinn, der in Österreich passiert ist. Fernsehstationen ließ er drei Tage lang vor seinem Bauernhof in Ohlsdorf warten. Um sie dann gnadenhalber doch reinzulassen. Da hatte er einen leicht sadistischen Zug.

Peter Fabjan, 81, ist der Halbbruder von Thomas Bernhard. Seit dessen Tod verwaltet der ehemalige Arzt als Erbe die Hinterlassenschaft des Autors.

"Er wäre angewidert"

Nachlassverwalter Fabjan über das schwierige Verhältnis zu seinem Halbbruder -und wie Bernhard auf die aktuelle politische Situation reagieren würde.

profil: War Bernhard so radikal, weil er wusste, dass er früh sterben wird? Fabjan: Seine Aggressivität kam aus der Wut über sein Schicksal als Vaterloser und Ungewollter. Diese Energie war lebenslang lebendig, spornte ihn an zu schreiben und sich in der Gesellschaft durchzusetzen. Seine Literatur gibt Zeugnis eines außergewöhnlichen Lebens voller Leidenschaft und Dramatik.

profil: In der Premiere von "Heldenplatz" gehörte Heinz-Christian Strache zu den organisierten Buh-Rufern auf der Galerie. Wie würde Bernhard reagieren, wenn er wüsste, dass dieser Mann nun Vizekanzler ist? Fabjan: Er würde sagen: "Das habe ich alles vorhergesagt." Er wäre angewidert vom aktuellen Rechtsruck. Es würde ihm leidtun um dieses Europa, das sich in einer Welt behaupten muss, die immer mehr verroht.

profil: Wie haben Sie die Stimmungswechsel von Bernhard erlebt? Fabjan: Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki hat einmal gemeint: "Wer ihn liebt, hat ihn unterschätzt, wer ihn hasst, hat ihn zu wenig gelesen." Diese Zerrissenheit zwischen großem Liebesbedürfnis und der Unverträglichkeit jeder -auch körperlicher -Nähe war sein Schicksal. Mir war das nur über die persönliche Zuneigung zum Bruder möglich, der zum Überleben immer wenigstens einen Menschen brauchte, auf den er sich verlassen hat können.

Regina Fitl, 67, arbeitete von 1982 bis 2016 im Direktionsbüro des Burgtheaters.

"Ich habe ihn als lächelnden Mann in Erinnerung"

In "Heldenplatz" gibt es eine Haushälterin, die Frau Zittel, die eine Stunde lang Hemden bügelt. Der Name hat mir gefallen, weil er Ähnlichkeit mit meinem hat. Aber ich habe mir nichts dabei gedacht. Erst einige Zeit nach Bernhards Tod erzählte mir Claus Peymann, dass Bernhard meinen Namen immer lustig gefunden habe. Deshalb habe er ihn im Stück abgewandelt. Leider konnte ich mich dafür nicht mehr bedanken. Wenn Bernhard ins Burgtheater kam, um Peymann zu treffen, war er immer ein Gentleman, ausgesprochen höflich und freundlich. Vielleicht hat ihn die Krankheit ja milder gstimmt. Ich habe ihn als lächelnden Mann in Erinnerung.

Krista Fleischmann, 76, war ORF-Kulturjournalistin. Sie hat legendäre TV-Interviews und Reiseberichte mit einem ungewöhnlich entspannten Bernhard auf Mallorca (1981) und in Madrid (1986) geführt.

"Bernhard war ein Menschenfresser"

Thomas Bernhard hasste es, über seine Arbeit ausgefragt werden. Und er ging in die Luft, wenn man es wagte, ihn zu kritisieren. Er liebte den Plauderton. Ich habe nur einmal eine typische Journalistenfrage gestellt: "Wollen Sie mit Ihren Texten provozieren?" Er wurde total wütend: "Wie können Sie es wagen, mich so etwas zu fragen?" Das Gespräch war dann auch sofort zu Ende. Wenn man mit ihm im Gasthaus saß, beobachtete er die Menschen, welche Krawatten sie trugen, welche Schuhe sie anhatten, was sie sagten. Wenn jemand am Nachbartisch interessant war, mischte er sich gleich ein. Bei einem Festessen wollte sich der Schauspieler Bernhard Minetti neben ihn setzen. Er hat ihn sofort abgewimmelt und dann zu mir gemeint: "Diesen Minetti halte ich überhaupt nicht aus, der möchte immer über meine Literatur mit mir reden!" Dabei hatte er ein Stück für ihn geschrieben, aber privat wollte er nichts mit ihm zu tun haben. Bernhard war ein Menschenfresser. Wenn er sich auf jemanden eingelassen hatte, war man ihm ausgeliefert. Dann musste man alles mitmachen, was er wollte. Er war ungemein charmant, aber er konnte auch maßlos sein. Als wir in Madrid gedreht haben, waren wir gemeinsam einkaufen. Er hat vier Hemden auf einmal gekauft, stets dasselbe Modell.

Karin   Cerny

Karin Cerny