Verkappte Komödie: Michael Hanekes "Happy End"

Regisseur Haneke, "Happy End“-Darsteller Harduin, Trintignant:
Anti-Entertainment-Park

Regisseur Haneke, "Happy End“-Darsteller Harduin, Trintignant: Anti-Entertainment-Park

Der große Realist Michael Haneke bereitet in "Happy End“ eine finstere Familiengeschichte in bewährter Formenstrenge auf. Aber diesmal etwas anders: mit neuer, irritierender Heiterkeit.

Private Überwachungsbilder, sadistische Experimente, suizidale Figuren; kindliche Grausamkeit, Verzweiflungstaten, Plansequenzen - alles da, was einen Haneke-Film gemeinhin ausmacht. Isabelle Huppert und Jean-Louis Trintignant spielen in "Happy End“ erneut Tochter und Vater - und genau wie in Michael Hanekes "Amour“ hat der Alte seiner Frau einst den Gnadentod verschafft. Nun hat er selbst keine Lust mehr. Der neue Film des Wiener Regie-Weltstars ist ein Remix vertrauter Motive, eine Neukonstruktion im Anti-Entertainment-Park, im Binnensystem der Haneke-Logik.

Vorzügliche Akteure

Um Trintignant und Huppert scharen sich vorzügliche Akteure: Mathieu Kassovitz etwa als konfuser Bruder der Hausherrin oder Franz Rogowski als ihr desperater, sich selbst verachtender Sohn. Das eigentliche Zentrum der Erzählung aber ist ein Kind: Die zwölfjährige Eve (Fantine Harduin) tötet gleich eingangs einen Hamster und versetzt ihre nervige Mutter mit hochdosierten Antidepressiva ins Koma; ihre Grenzüberschreitungen hält sie ungerührt auf dem Smartphone fest. Anderswo gerät ein Bauunternehmen in Schwierigkeiten, eine Familie lässt sich in ihrer Stadtvilla noch von schwarzen Bediensteten das Dinner servieren, und eine anonyme Geliebte teilt dem Sohn des Hauses im Online-Chat die Details ihres sadomasochistischen Begehrens mit. Die Story setzt sich, wie üblich bei Haneke, aus Fragmenten zusammen, beginnt erst unterwegs, Sinn zu ergeben.

Doch es ist schwer, sich für die Menschen, die in diesem Film auftreten, zu interessieren. Das liegt nicht nur an deren Selbstsucht, sondern auch an der Erzählung selbst, die jene Dringlichkeit vermissen lässt, die Hanekes Arbeiten stets ausstrahlten; als hätte die späte Dekadenz, in der diese Figuren leben, die Inszenierung selbst erfasst. Tatsächlich entwickelt "Happy End“ wenig Biss, kaum Intensität. Das liegt vielleicht auch daran, dass der Autor erstmals seit "Funny Games“ wieder in größerem Stil zu scherzen beliebt. Zwar ist der Witz, den Haneke über seine Story legt, so staubtrocken angelegt, dass man zunächst noch meinen könnte, dies alles sei ganz ernst gemeint.

HAPPY END | Trailer

Tatsächlich erwähnen die meisten bislang publizierten Rezensionen zu "Happy End“ den Comedy-Aspekt nicht. Ferdinand von Schirach formuliert es im Nachwort des soeben bei Zsolnay erschienenen Drehbuchs so: "In, Happy End‘ töten die Menschen, sie verletzen, betrügen und schweigen. Sie können nicht anders. Jeder ist einsam, und alle bleiben sich fremd.“ Das klingt, als beschriebe er einen der finsteren Filme Ingmar Bergmans oder eben Hanekes Arbeit vor "Amour“ (2012). "Happy End“ treffen diese Worte nicht. Hanekes Version einer schwarzen Komödie malt das Leben einer großbürgerlichen Familie im nordfranzösischen Calais an die Wand, die durch eine Verkettung unerwarteter Störfaktoren (ein Baustellenunfall, Lebensmüdigkeit, persönliche Trotteligkeit) im Innersten getroffen wird. Die daraus entstehenden Turbulenzen setzt der Regisseur aber, gegen die Regeln des Genres, gemessen, fast feierlich in Szene. Die Flüchtlingskrise ragt wie ein fernes Zitat in diesen Film.

Versuch über das Komische

Inzwischen hat Haneke öffentlich zugegeben, dass "Happy End“ einen Versuch über das Komische darstellt; in einem "Falter“-Interview nannte er den Lustspielautor Georges Feydeau als Einfluss. Natürlich hat er auch sein jüngstes Werk kontrolliert gebaut; auch die Fotografie (an der Kamera: Christian Berger) ist von nüchterner Schönheit, Trintignants Spiel von ausgesucht zynischem Feinschliff. Aber irgendetwas ist zwischen Drehbucherstellung und Feinschnitt schiefgegangen: Zu viele widerstrebende Energien sind hier im Spiel; die Episoden bleiben skizzenhaft, fügen sich nicht zum chorischen Ereignis; sie kreisen einerseits um die Abgründe des Internets, andererseits um den Zerfall einer Familie, aber auch um Migration, Klassendenken und den Fortbestand kolonialer Strukturen. Und wenn ein hochklassiger Schauspieler wie Toby Jones hier, als Ehemann der von Huppert gespielten Geschäftsfrau, so gut wie keine Rolle hat, kann man das luxuriös nennen oder auch verschenkt.

Am Ende reißt die Erzählung ab, in einem absurden Moment, der Todeswunsch, Lebensunfähigkeit und Empathiefreiheit auf einen Nenner bringt. Das Wasser steht uns leider nur bis zum Hals: Das ist eine Pointe, auf die weniger begabte Filmemacher als Michael Haneke stolz sein könnten, er selbst aber nicht. Die dämonische Komödie, die in "Happy End“ anvisiert wird, erscheint weniger teuflisch als provisorisch und zwangsverordnet: Diese Geschichte rattert mechanisch, in getragenem Tempo, wie auf Schienen in den heiteren Untergang einer von Ekel zerfressenen Welt.