Michael Haneke

Michael Haneke

Kultur

Sind Sie mit Ihrem neuen Film glücklich, Herr Haneke?

Regisseur Michael Haneke im Interview über sein neuestes Werk "Happy End".

INTERVIEW: STEFAN GRISSEMANN

profil: Ihr jüngstes Werk, "Happy End“, wird in wenigen Tagen in Cannes zur Uraufführung kommen. Der einzige Satz, den Sie bislang dazu veröffentlicht haben, lautet: "Rundherum die Welt und wir mittendrin, blind.“ - Sie lieben Rätsel, oder?
Michael Haneke: Ist der Satz ein Rätsel? Ich finde, er beschreibt ganz konkret eine uns allen nur zu bekannte Situation. Ich wollte keine simple Inhaltsangabe veröffentlichen, um die üblichen journalistischen Missverständnisse zu vermeiden. Ich hoffe vielmehr, dass der Satz neugierig macht, ohne gleich eine Gebrauchsanweisung zur Interpretation zu liefern.

profil: Wie konnten Sie den inzwischen 86-jährigen Jean-Louis Trintignant, mit dem Sie ja schon "Amour“ gedreht haben, erneut überreden, von seinem längst verkündeten Kinorückzug zurückzutreten?
Haneke: Ich musste ihn nicht wirklich überreden. Er hatte ja schon nach "Amour“ gesagt, er habe zwar genug vom Kino, aber ich sei der Einzige, mit dem er noch einmal arbeiten würde. Ich habe die Rolle, die er in "Happy End“ spielt, also wieder speziell für ihn geschrieben. So groß wie in "Amour“ ist sein Part nicht, denn "Happy End“ ist ein Ensemblefilm. Aber die neue Zusammenarbeit mit ihm war für mich der entscheidende Motor beim Schreiben des Films.

profil: War die Herstellung von "Happy End“ denn auch eine freudvolle Erfahrung?
Haneke: Es war ziemlich schwierig. Wir hatten unglaubliche Probleme mit dem Wetter - den kältesten Sommer seit Menschengedenken. Wir mussten wegen des Dauerregens ununterbrochen die Drehpläne ändern, es war katastrophal. Erst hatten wir große Mühe, unseren Hauptschauplatz zu finden, und dann mussten wir die gefundene Villa baulich massiv verändern, um das drehen zu können, was ich geschrieben hatte. Glücklicherweise hatten wir mit Olivier Radot einen großartigen Filmarchitekten im Team. Zudem hatten wir ein paar Szenen, die erst in der Postproduktion ihre endgültige Form finden konnten - und es ist immer stressig, von technischen Vorgängen abhängig zu sein.


Sie werden keinen ernsthaften Regisseur, Maler, Musiker oder Schriftsteller finden, der das, was er gemacht hat, fehlerlos findet.

profil: Macht Ihnen die digitale Nachbearbeitung Ihrer Filme Spaß?
Haneke: Das ist das erste Mal, dass ich größere digitale Nachgestaltung in einem Film hatte. Spaß macht daran nur, dass die Dinge am Ende gut, also "natürlich“ aussehen. Aber es sorgt während des Drehens schon für beträchtliche Nervosität, nicht zu wissen, wie ein bestimmtes Bild schließlich wirken wird.

profil: "Happy End“ entspricht nun hundertprozentig Ihren Vorstellungen?
Haneke: Mit keinem Film ist man je hundertprozentig zufrieden. Das ginge gar nicht.

profil: Aber Sie sind damit glücklich?
Haneke: Glücklich? Ich weiß nicht. Sagen wir so: Ich geniere mich dafür nicht.

profil: Klingt nach Understatement.
Haneke: Sie werden keinen ernsthaften Regisseur, Maler, Musiker oder Schriftsteller finden, der das, was er gemacht hat, fehlerlos findet. Wenn nicht, ist er einfach dumm. Mit falscher Bescheidenheit hat das nichts zu tun. Man bleibt immer hinter dem zurück, was man imaginiert hat. Das ist in jedem künstlerischen Beruf eine Conditio sine qua non: Man muss akzeptieren, dass all das, was man im Kopf hat, nicht lückenlos zu realisieren ist. Manchmal wird es schlechter, als erwartet, manchmal besser. Natürlich ist es mein Ehrgeiz, mit dem Inszenierten so nah wie möglich an meine Fantasien heranzukommen. Aber ich sehe bei jedem meiner Filme eigentlich nur die Fehler. Ich finde das normal, wenn nicht sogar notwendig.

Kommentar verfassen