Viennale-Blog 2014: A Girl Walks Home Alone at Night, Weng Weng und Nick Cave

Viennale-Blog 2014: A Girl Walks Home Alone at Night, Weng Weng und Nick Cave

Eine iranische Vampirbraut auf der Suche nach der Liebe ("A Girl Walks Home Alone at Night"), ein vergessener philippinischer Actionheld ("The Search for Weng Weng") und eine Doku über Nick Cave ("20.000 Days on Earth"): Streifzüge durch das Wiener Filmfestival Viennale.

Das Filmfestival Viennale (23.10 – 6.11.) bietet mehr als einen erstklassigen Mix aus aktuellen Geschichten, Stilen und Ideen. Es ist vor allem ein Publikumsfestival, bei dem man sich am besten von Kino zu Kino treiben lässt. Und wie immer gilt: Frühes Kommen sichert gute Plätze.

Von Philip Dulle

A Girl Walks Home Alone at Night (Regie: Ana Lily Amirpour, mit Sheila Vand, Arash Marandi)

Dass „A Girl Walks Home Alone at Night“ unter der Viennale-Reihe Propositions, ausgewählte Beispiele eines neuen Kinos läuft, scheint auf den ersten Blick einleuchtend (der „erste iranische Vampirwestern“), auf den zweiten aber auch überraschend. Der in Schwarz-Weiß inszenierte Film, gedreht in einer verlassenen Stadt im sonnigen US-Bundesstaat Kalifornien, zitiert nämlich frei und munter durch die Filmgeschichte – von Sergio Leone und Ennio Morricone bis David Lynch und aktuellen Comic-Verfilmungen wie „Sin City“. Was bei „A Girl Walks Home Alone at Night“ aber durchaus neu ist, ist die unverblümte und leichtfüßige Art, wie die junge US-Regisseurin Ana Lily Amirpour die traurigen Gestalten einer trostlosen Stadt auf einen weiblichen Vampir (Sheila Vand) prallen lässt und dabei nicht nur von der Liebe, dem Leben und Überleben erzählt, sondern eine post-feministische Parabel entwirft, die ihresgleichen sucht.

The Search for Weng Weng (Regie: Andrew Leavold)

Der philippinische Schauspieler Weng Weng war nur 83 Zentimeter groß. In den 1980er-Jahren wurde der quirlige Mann mit seinen James-Bond-Parodien dennoch zum größten Exportschlager des südostasiatischen Inselstaates. Der australische Regisseur, Filmfreak und ehemalige Comicladenbesitzer Andrew Leavold macht sich in „The Search for Weng Weng“ auf eine sehr persönliche Suche nach einem Mysterium, das Anfang der Neunziger vereinsamt, ärmlich und mit nur 34 Jahren gestorbenen ist. „The Search for Weng Weng“ ist eine kluge, unterhaltsame und zutiefst traurige Dokumentation über einen kleinen Mann mit bürgerlichem Namen Ernesto de la Cruz, der in den Slums von Manila aufwuchs, durch Zufall zum Film kam, von der Filmindustrie ausgebeutet, aufgefressen und wieder ausgespuckt wurde.

20.000 Days on Earth (Regie: Iain Forsyth, Jane Pollard, mit Nick Cave, Warren Ellis)

Ein Film für die Fankurve: Der 20.000. Tag im Leben des Musikers Nick Cave; nur 54 Jahre musste der australische Musiker und Schriftsteller dafür werden. Die Handlung ist fiktiv, der Film gibt nur vor, eine Dokumentation zu sein, und folgt Cave einen Tag lang in seinem Lebensort Brighton an der südenglischen Küste: Cave geht zum Therapeuten, wirft alte Dias an die Wand oder probt mit seiner Band Stücke des aktuellen Albums „Push the Sky Away“. Herrlich unaufgeregt, wunderbar mystisch. Wie eine düstere Ballade der Bad Seeds. Am Montag noch in der Urania zu sehen (3.11, 15:30 Uhr).

+++ Empfehlungen für die kommenden Tage +++

Listen Up Philip (Regie: Alex Ross Perry, mit Jason Schwartzman, Elisabeth Moss, Jonathan Pryce)

3.11., 18:00 Uhr, Gartenbaukino
4.11., 23:00 Uhr, Urania

Das Loblied, das Woody Allen am Anfang seines Kino-Meisterstücks „Manhattan“ (1979) auf die US-Ostküsten Weltstadt singt, lässt bereits vermuten, dass auch in New York City das Leben und der Alltag einerseits schwierig, andererseits unberechenbar – und überhaupt nicht so toll ist, wie man es sich vielleicht vorzustellen gedenkt. In „Listen Up Philip“ arbeitet sich Regisseur Alex Ross Perry wunderbar lakonisch an der Stadt und ihren Einwohnern ab und zeigt einen frustrierten bis misantropischen Schriftsteller (Schwartzman), der die Flucht nach vorne ergreift und Zuflucht bei einem älteren Schriftsteller am Land sucht. Für Fans von Jason Schwartzman (sollte es ja geben) und der unvergleichlichen Elisabeth Moss („Mad Men“, „Top of the Lake“). Kein offizielles Festival-Highlight, vielmehr ein kleiner Film für den Frühherbst.

Tribute to: Viggo Mortensen – The Road (Regie: John Hillcoat, mit Viggo Mortensen, Kodi Smit-McPhee)

4.11., 22:00 Uhr, Metro Kino (Eric Pleskow Saal)

Zivilisation und Barbarei: ein Vexierbild. Verliert der Unterschied zwischen Gut und Böse seine Gültigkeit, wenn am Ende der Welt nur noch das Überleben zählt? Der australische Regisseur John Hillcoat stellt sich in seinem vierten Spielfilm, der Literaturverfilmung "The Road" (nach Cormac McCarthy), eben dieser Frage: Er lässt einen namenlosen Mann (Viggo Mortensen) und seinen Sohn (Kodi Smit-McPhee) quer durch den postapokalyptischen US-amerikanischen Osten ziehen, auf der Suche nach Essbarem und der Wärme der Küste. Auf ihrer Reise durch eine von Tieren und Pflanzen verlassene Welt begegnen sie nicht nur letzten Überlebenden, die zu Kannibalen geworden sind, sie müssen auch die Sinnhaftigkeit ihres Wagnisses in Zweifel ziehen. Das entscheidende Manko dieses Films ist jedoch seine Undeutlichkeit: Hillcoat tauscht die Psychologie des McCarthy-Romans gegen kühle Distanz, versucht Thriller und Moraldebatte in einem zu sein. Der Sohn erscheint als letzte zivilisatorische Instanz, indem er sich schrittweise vom liebenden Vater entfernt und dennoch ohne Hoffnung bleibt: Am Ende ist der Mensch ein Tier.

Whiplash (Regie: Damien Chazelle, mit Miles Teller, J.K. Simmons)

4.11., 20:30 Uhr, Gartenbaukino
5.11., 23:30 Uhr, Urania

Fünf Schläge pro Sekunde: Der namensgebende Peitschenhieb, der „whiplash“, bezeichnet nicht nur eine Form der Züchtigung, sondern vor allem auch das Können eines Schlagzeugers, nicht nur die Trommel, sondern das eigene Fleisch, die Hände und Finger zu bearbeiten. Regisseur Damien Chazelle lässt in „Whiplash“ einen 19-jährigen Musikschüler auf einen unnachgiebigen Mentor (J.K. Simmons) prallen.

P’tit Quinquin (Regie: Bruno Dumont, mit Alane Delhaye, Lucy Caron und Bernard Pruvost)

Absurde Polizeigeschichte oder ungehobelte Lausbubengeschiche: Der französische Regisseur Bruno Dumont entwirft in diesem Vierteiler (gedreht für Arte) ein skurriles Erzählexperiment, das sich vordergründig einer herkömmlichen Krimihandlung widmet, sich in den einzelnen Episoden aber vor allem um den kleinen Racker Quinquin und seinen Kumpels dreht. Wunderbarer Slapstick in ungeschöntem Realismus.

6.11., 13:00 Uhr, Gartenbaukino (Episode 1-2)
6.11., 15:00 Uhr, Gartenbaukino (Episode 3-4)

++ Kino-Wegweiser

• Gartenbaukino, 1., Parkring 12 (U3 Stubentor, U4 Stadtpark)
• Stadtkino im Künstlerhaus, 1., Akademiestraße 13 (U1, U2, U4 Karsplatz)
• Urania, 1., Uraniastraße 1 (U1, U4 Schwedenplatz)
• Metro Kinokulturhaus, 1., Johannesgasse 4 (U1, U3 Stephansplatz / U1, U2, U4 Karsplatz)
• Österreichisches Filmmuseum, 1., Augustinerstraße 1 (U1, U2, U4 Karlsplatz)