Warum Wien ohne die Kult-Location Flex wirklich anders wäre

Warum Wien ohne die Kult-Location Flex wirklich anders wäre

Gegen das Wiener Flex wurde ein Konkursverfahren eröffnet. Die Hintergründe bleiben vorläufig unklar, aber eines steht doch fest, findet Sebastian Hofer : Ohne den Club am Donaukanal wäre Wien tatsächlich anders.

Die letzten Jahre war es eher schwierig mit uns, es lag wohl an mir, und ehrlich gesagt ist es auch schon eine ganze Weile her, dass wir uns wirklich gesehen haben. Und wenn, dann war es höchstens ein flüchtiges Hallo, kein nächtelanges Aneinanderlehnen und Ineinanderaufgehen mehr wie früher. Ich habe mich verändert, bin jedes Jahr ein Jahr älter geworden. Das Flex hat sich verändert, wurde mit jedem Jahr um eineinhalb Jahre jünger, zumindest fühlte es sich für mich so an. Man hatte sich auseinandergelebt. Das ist nicht weiter schlimm und kommt unter besten Freunden vor.

APA-Meldung als Tagesgespräch auf Facebook & Co.
Kürzlich aber haben wir uns wieder gesehen, und es war nicht sehr erfreulich: APA-Meldung vom 2. Oktober, 14.12 Uhr: "Konkursverfahren über Wiener Szenelokal 'Flex' eröffnet." Die Meldung wurde in den sozialen Medien schnell zum Tagesgespräch, was zum einen daran lag, dass die Hintergründe des Konkursverfahrens unklar, die Aussagen dazu widersprüchlich blieben. Zum anderen lag es daran, dass die meisten österreichischen Facebook- und Twitterbenutzer natürlich genau wissen, dass die APA in ihrer Aussendung deutlich untertrieben hatte. Da stand, zur Information für Menschen, die die vergangenen 20 Jahre im Koma verbracht haben: "Das Flex liegt im ersten Bezirk am Donaukanal, es gehört zu den prominentesten Clubs und Konzert-Locations der Stadt."

Wie gesagt: eine drastische Untertreibung. Das Flex ist natürlich sehr viel mehr als ein prominenter Club, es ist das Urmeter und die Keimzelle für alles, was man heute in Wien als Clubkultur bezeichnen kann. Dass Wien heute als satisfaktionsfähige Ausgeh- und Partystadt von europäischem Format gelten kann, lässt sich mit Fug und Recht auf das Flex zurückführen und auf die Pioniertätigkeit, die in dem Lokal am Donaukanal (und seinem gleichnamigen Vorläufer in der Meidlinger Arndtstraße) betrieben wurde. Das Flex war im Wien der durchaus gräulich-provinziellen 1990er-Jahre, und noch ein paar Jahre darüber hinaus, nicht nur die herausragende, sondern eigentlich die einzige Repräsentationsräumlichkeit für zeitgenössische, gern auch zukünftige, subversive Popkultur. Das Flex konnte wie kein zweites Lokal zur Keimzelle für alles Mögliche werden, weil es kein zweites Lokal dieser Art gab. Und es war dort wirklich alles Mögliche möglich. Man musste schon nach Berlin oder London fahren, um damals weiter vorn zu sein als am Donaukanal. Manchmal kamen sogar Menschen aus Berlin oder London nach Wien, um sich anzusehen, was da so los war: sieben Tage pro Woche Programm, regelmäßig legendäre Konzerte und DJ-Sets, bis dato unerhörte Clubkultur zwischen Techno, Dub und Drum 'n'Bass (nicht zuletzt der in den 1990ern weltberühmte "Vienna Sound" à la Kruder &Dorfmeister hatte im Flex sein Stammhaus), Gründerzeitstimmung garniert mit Basisgruppen-Politik, Punk-Attitüde, Aktionismus und Literatur (sogar das Grundprinzip von maschek wurde hier, im berühmten sonntäglichen "Soft Egg Café", erfunden).

Um wirklich was zu erleben, ging man ins Flex
Damals, also um die Mitte der 1990er-Jahre, war natürlich einiges anders, das Bier wurde in Schilling verrechnet und Techno halbnackt auf der Love-Parade gehört. Rihanna besuchte in Barbados die Grundschule, in Wien ging man zum Internetsurfen noch auf die Uni. Um wirklich was zu erleben, ging man ins Flex. Und wurde nebenbei auch Zeuge einer gar nicht so außergewöhnlichen, eigentlich sogar der allertypischsten Subkultur-Geschichte: Aus Aufbruch wurde Alltag, aus kompromisslosem Anarchismus ein langsames Hineinfinden in ganz pragmatische, ganz unsubversive Sachzwänge wie Krankenkassenbeitragszahlungen, Toilettenreparaturen oder Sperrstundenverlängerungsverfahren, begleitet von den unvermeidlichen Querschüssen aus dem Lager der Reine-Lehre-Prediger und sonstigen Modernisierungsverweigerer, garniert mit dem einschlägigen Todschlagargument (Ausverkauf!). Im Zusammenhang mit dem Flex fiel auch gern mal das böse Wort vom "Underground-Disneyland".

Dieselbe Geschichte kann jede Punkband erzählen, die mehr als 20 Fans hat, und jedes Musikfestival, das eine zweite Bühne aufstellt. Im Fall des Flex wurde sie freilich irgendwann zur dominanten Erzählung. Daran lässt sich ermessen, wie identitätsstiftend das Lokal für weite Teile des Wiener Subkulturpublikums war. Wenn es um die eigene Identität geht, hört sich das Veränderungsverständnis nämlich sehr schnell auf.

Tom Eller, Exiltiroler, begnadeter Sturkopf und Flex-Chef seit den ersten Tagen, sah die Sache schon vor 25 Jahren deutlich pragmatischer (damals, das Flex war noch in Meidling zu Hause, wurde es wegen grassierendem Kapitalismus verteufelt, weil es die bis dahin regierende Kostnix-Kultur abgeschafft hatte). In einem Underground-Fanzine erklärte Eller damals: "Ökonomisch sind wir gezwungen, denen ihr Spiel zu spielen. Finanziell tragt's sich nicht durch die zehn Superanarchos und die fünf 'echten' Punks von Wien. Ich habe immer die These vertreten, dass man jede Arbeit wenn möglich bezahlen sollte; andere meinten, es sei überhaupt schlecht, wenn Geld im Spiel ist."

Flex als Reibungspunkt
Das klingt mit Blick auf das laufende Konkursverfahren (zu dem sich Eller derzeit nicht äußern will) natürlich ein bisschen ironisch. Aus damaliger Sicht war es eine prophetische Ansage. Das Flex focht im Lauf seiner bewegten Geschichte alle nur erdenklichen Stellvertreterkriege aus, zwischen Behörden-und Jugendkultur vor allem, zwischen Drogen- und Sicherheitspolitik, Tradition und Moderne, Fundis und Realisten.

Die Flex-Geschichte beginnt übrigens weder am Donaukanal noch in Meidling, sondern in der Nähe des Westbahnhofs: Am 12. August 1988 werden die Bewohner des besetzten Hauses Aegidigasse 3 von der Wiener Polizei per Festnahme vor dem angeblich drohenden Tod durch "Hauseinsturz" gerettet (es waren damals übrigens, wenn nicht alles täuscht, weniger als 1700 Beamte im Einsatz). Der Wiener "Häuserkampf" ist vorbei, die Kämpfer unterstandslos, die Szene zersplittert. Ein gutes Jahr und etliche Basisgruppensitzungen später: eine zufällig entdeckte "Kurier"-Annonce (es war damals noch nicht üblich, Immobilien per Online-Suchagent zu vermitteln):"Haus in der Arndtstraße, 1120 Wien, günstig zu vermieten." Ein Teil der Aegidigassen-Szene schlägt zu, das Haus wird zum Kultur- und Veranstaltungszentrum ausgebaut, ein Name gefunden: "Flex". Eröffnung: Silvester 1989/1990, Anmutung: improvisiert (vor allem die sanitäre Situation war berüchtigt), Polizeieinsatz: natürlich (und auch bei jedem weiteren Konzert im "alten" Flex Teil der Standardprozedur), Aufschwung: enorm. Bei aller Anarcho-Attitüde wurde das Flex bald zu einem echten Standortfaktor, nicht nur für Punks und andere Stammgäste (zu denen bald auch das popkulturelle Establishment der Haupstadt zählte, sogar der damalige Popkritiker der tiefbürgerlichen "Presse", ein gewisser Bogdan Roscic, kehrte regelmäßig in der Arndtstraße ein); das Lokal war eben auch ein wesentlicher Motor fürs jugendkulturelle Renommee der Hauptstadt. Das wurde überraschenderweise auch von der Stadtregierung so wahrgenommen, weshalb diese, als die Situation in Meidling für alle Beteiligten (vor allem natürlich für die Anrainer des ganz und gar nicht schallisolierten Lokals) untragbar geworden war, durchaus wohlwollend eingriff. Mit dem Placet des damaligen Bürgermeisters Helmut Zilk und der Hilfe von dessen Jugendkoordinator Peter Hacker sowie dem Stadtplaner Klaus Steiner wurde ein neues Quartier gefunden: Ein leerstehender U-Bahn-Tunnel am Donaukanal, wo am 1. Oktober 1995, nach endlosen Bauarbeiten (und ausdauernden Querschüssen des zuständigen VP-Bezirksvorstehers Richard Schmitz) das Flex eröffnete, wie wir es heute kennen.

Größer, gepflegter, professioneller
Wobei: Wer es heute kennt, muss sich schon ein bisschen anstrengen, um die Bilder von vor 19 Jahren heraufzubeschwören. Die Graffitis ähneln noch den alten, ein paar Details mögen sogar noch im Originalzustand sein, die berühmten Beton-Subwoofer zum Beispiel, der Rest ist kaum wiederzuerkennen: größer, gepflegter, professioneller. Es gibt Securities und helle Toiletten, im Gastgarten werden Fremdgetränke konfisziert, auf der Tanzfläche riecht es kaum noch nach Reggae (es gab Zeiten, da konnte man schon vom Betreten des Flex high werden). Die wesentliche Veränderung hat sich freilich anderswo zugetragen: in ganz Wien. Die Stadt hat heute mehr als nur einen Vorzeigeclub und noch sehr viel mehr Vorzeigebars und Offspaces. Das Publikum hat sich zerstreut, das Angebot diversifiziert. Man muss heute nicht mehr ins Flex gehen, um den heißesten neuen DJ zu hören, man geht hin, weil man es vom Reiseführer empfohlen bekommen hat oder weil es halt irgendwie zur Wiener Übergangsriten-Folklore gehört, sich als Teenager dort wie ein Teenager zu benehmen. Das muss man als Nichttourist oder -teenager nicht wirklich spannend finden, sollte dabei aber nicht vergessen, was man am Flex immer noch hat: den eigentlichen Grund dafür, dass heute auch anderswo alles Mögliche möglich ist.

Was am Donaukanal in Zukunft noch möglich sein wird, muss das Konkursverfahren ab 2. Dezember klären. Aber vielleicht sehen wir uns bis dahin ja doch wieder einmal.