Weltkulturerbe: Die maßlose Selbstüberschätzung der Unesco

Weltkulturerbe: Die maßlose Selbstüberschätzung der Unesco

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Die Gesandten der Unesco greifen gern zu drastischen Worten, wenn ihren Bauvorschriften nicht entsprochen wird. Eine "Blamage" wäre die Aberkennung des Welterbe-Gütesiegels für Wien, eine "Bankrott-Erklärung" zudem, meinte die Generalsekretärin der österreichischen Unesco-Kommission unlängst. Seit wenigen Tagen gilt Wiens Innenstadt offiziell als "gefährdetes Weltkulturerbe", nachdem im Rahmen der jährlichen Sitzung des Unesco-Komitees, heuer in Krakau, beschlossen worden war, Wiens Innenstadt auf die Rote Liste zu setzen, um die Welt davon zu informieren, dass hier etwas ungeheuer Kostbares unwiederbringlich verloren zu gehen drohe.

Das klingt nicht nur alarmistisch, es entspricht auch exakt jener Rolle, die das World Heritage Committee der Unesco als globaler Gatekeeper spielen will. Aber was genau ginge denn verloren? Nichts Geringeres als die Anmut des Historischen Zentrums von Wien, meint die Unesco. Und warum? Wegen eines einzigen umstrittenen Bauvorhabens, des Heumarkt-Projekts des Investors Michael Tojner; vor allem der geplante Wohnturm fungiert als Stein des Anstoßes: 66 Meter Höhe soll er laut Planung haben, aber maximal 43 Meter dürften es sein, wenn es nach dem Welterbe-Komitee geht, da andernfalls der alte Canaletto-Blick von 1758 ("Wien, vom Belvedere aus gesehen") empfindlich gestört wäre. Die rot-grüne Stadtregierung hat sich inzwischen über die Unesco-Drohungen hinweggesetzt und grünes Licht für das privat finanzierte Unternehmen signalisiert.

Überraschend kam der Schlag der Welterbe-Schutzbefohlenen nun nicht. Es gehe keineswegs darum, "weitere Hochhausbauten zu verhindern", ließ Österreichs Unesco-Kommission (die übrigens selbst in der akut bedrohten Wiener Innenstadt residiert) bereits am 7. Juni wissen: Wien komme explizit "wegen des Projekts am Heumarkt" auf die Rote Liste. Dies sei "nur der letzte Mosaikstein einer langen Reihe von Beanstandungen".

Großstädte sind keine Outdoor-Museen, sondern dynamische, mutierende Konstruktionen.

37 bedrohte Weltkulturerbe-Stätten listet die Unesco aktuell auf (der Rest ist ungeschütztes Weltnaturerbe): Sie liegen vor allem in Syrien, Libyen und Afghanistan, in Mali, Uganda und Palästina, im Jemen und im Irak -und als Begründungen für ihre Platzierung auf der berüchtigten Roten Liste werden in der Regel Naturkatastrophen und militärische Konflikte, Bürgerkriege und islamistische Vandalenakte angeführt (wie im Fall der antiken syrischen Oasenstadt Palmyra, deren historische Relikte von der IS-Terrorbande weitgehend weggesprengt wurden). Nur für Wien soll die dürre Erklärung "neue Hochhausprojekte" ausreichen, als wäre der proklamierte "Outstanding Universal Value" des Stadtzentrums mit der Errichtung eines nicht von allen geliebten Wohnturms ein für alle Mal verloren.

Aber kann denn ein Hochhaus ohne besondere Kennzeichen einen Angriff auf die visuelle Integrität jenes historischen Stadtkerns darstellen, den die Unesco selbst mit immerhin 371 Hektar veranschlagt? Er umschließt die Innere Stadt sowie die Areale von Schloss Schwarzenberg, Schloss Belvedere und dem Kloster der Salesianerinnen am Rennweg. (Von der mit weiteren 461 Hektar bezifferten "Pufferzone", die vom Stadtpark über das Belvedere bis zum Hauptbahnhof reiche und die es ebenfalls vor hoch aufragenden städtebaulichen Modernismen zu schützen gelte, ganz zu schweigen.)

Der Verdacht liegt nahe, dass es in diesem speziellen Fall vor allem um diplomatische Verstimmungen zwischen der Wiener Stadtregierung und der Unesco geht. Es sei "frustrierend und schade", verlautet aus dem Österreich-Büro der Unesco-Kommission, "nun wieder am Anfang der Diskussionen zu stehen". Den langjährigen Forderungen des Komitees, das bereits Bauprojekte in Wien Mitte und beim Hauptbahnhof beanstandet hatte, sei nicht nachgekommen worden, eine "ernsthafte Auseinandersetzung" mit diesen Empfehlungen habe bislang nicht stattgefunden. Der Beschluss des Komitees sei somit "ein Warnschuss für Wien", triumphiert Generalsekretärin Gabriele Eschig. Der Welterbe-Status sei übrigens kein Tourismus-Etikett, sondern als Schutz für die damit versehene "außergewöhnliche Stätte" zu betrachten -"für die gesamte Menschheit".

Wien befindet sich, auf österreichischen Antrag, seit 2001 auf der Welterbe-Liste -für die Unesco aus genau drei Gründen: wegen der urbanen und architektonischen Qualitäten des historischen Zentrums, das Zeugnis ablege vom kontinuierlichen Wertewandel während des zweiten Millenniums; wegen der in den wesentlichen Bauten der Stadt so außerordentlich gut illustrierten Stile des Mittelalters, des Barock und der Gründerzeit; schließlich wegen des jahrhundertealten Rufs Wiens als "Musikhauptstadt Europas".

Als eine der 17 Sonderorganisation der Vereinten Nationen (wozu auch die Unido und der Internationale Währungsfonds gehören) ist die Unesco, den Buchstaben ihres Namens gemäß, für Erziehung, Wissenschaft und Kultur zuständig; mit der Erziehung nimmt sie es besonders genau.

Ihr Stil ist selbstherrlich, schon rhetorisch purer Dogmatismus: Wenn es keinen Schritt in die "richtige Richtung" gibt, setzt es eben Strafen. Die Unesco spricht nicht einfach nur Empfehlungen aus, es sind vielmehr Auflagen und Aufforderungen, Korrektivmaßnahmen; sie fordert ganz explizit Überwachung und Kontrolle des architektonischen Formenbestands. Schon die jahrelange Debatte um die Höhenreduzierung des Tojner- Turms war nicht viel mehr als Erbsenzählerei. Denn wie sollte man allen Ernstes "objektiv" festlegen, welche Höhe genau die maximal zulässige wäre?

Natürlich ist es schön, wenn eine Delegation der Vereinten Nationen sich Gedanken macht über die Möglichkeiten der Protektion weltkulturell bedeutender Zonen. Aber in der Causa Wien schießt das Welterbe-Komitee der Unesco weit über das Ziel hinaus, wenn es von "Zerstörung der historischen Stadtmorphologie" spricht und die "Verdichtung und Vertikalisierung" im Stadtzentrum geißelt. In ihrer Welterbe-Diskussion entlarvt die Unesco sich als streng konservativ. Großstädte sind aber keine Outdoor-Museen, sondern dynamische, mutierende Konstruktionen. Canaletto blickt hier nicht mehr.

Die Fronten sind geklärt, die Unesco hat Wien die Rute ins Fenster gestellt und noch eine letzte Gnadenfrist bis zum 1. Februar 2018 gewährt. Wenn bis dahin kein Umdenken stattgefunden habe, kein Schritt "in die richtige Richtung" getan (im Klartext: das Heumarkt-Projekt gekippt) werde, büße die Stadt ihren Welterbestatus ein. Den ästhetischen Wertewandel im dritten Jahrtausend scheint man hier nicht gelten zu lassen. - Dem Wohnturm des Investors Tojner soll an dieser Stelle übrigens kein Loblied gesungen werden (und schon gar nicht der tatsächlich planlos agierenden Wiener Stadtregierung); Tojners Heumarkt-Projekt ist weder ein städtebaulicher Geniestreich noch die Totalblamage, die von der Unesco an die Wand gemalt wird. Aber auch dieses Haus, wenn es denn gebaut werden sollte, wird möglicherweise nicht für immer am Heumarkt stehen und den Traditionalisten den Blick verstellen. Die Weltkultur ist flexibler, als die Unesco denkt.

Stefan   Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.