Willem Dafoe: "Ich habe immer ein wenig Angst"

Willem Dafoe

Willem Dafoe

US-Filmstar Willem Dafoe über Arbeitswut, Außenseiter, Malerei und seine Darstellung des Vincent Van Gogh.

INTERVIEW: STEFAN GRISSEMANN

profil: Sie spielten bereits Jesus Christus, T. S. Eliot und Pier Paolo Pasolini – nun auch Vincent Van Gogh. Sie scheinen eine gewisse Affinität zu großen Figuren der Weltgeschichte zu haben. Lieben Sie Charaktere mit mythologischem Ballast?
Dafoe: Nicht unbedingt. Aber man hat, wenn man solche Figuren spielt, Zugang zu großartigem Material. Diese Menschen sind wohldokumentiert. Man tut also alles erdenklich Mögliche, um sich die Autorität zu verschaffen, eine solche Figur zu verkörpern. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, mich so intensiv wie möglich mit dem Leben eines Menschen zu befassen, den ich spielen will. Es ist die reine Freude, tiefer zu erforschen, wer Pasolini war – durch seine Arbeit, seine Schriften, seine Biografie. Bei T. S. Eliot war es genauso, auch bei Jesus – obwohl einige der Quellen in diesem Fall äußerst unzuverlässig waren.

profil: Bei Van Gogh sind die Materialien wohl gesicherter.
Dafoe: Allerdings. Schon seine Briefe sind toll, er schreibt darin Wunderbares. Man kann über Van Goghs Schriften den Bogen nachvollziehen, den sein Leben nahm. Unser Film zeigt nur die Endphase seiner Existenz, aber als er 1885, fünf Jahre vor seinem Tod, „Die Kartoffelesser“ malte, lebte er ganz anders, hatte andere Ästhetiken und Einflüsse. Als Schauspieler übernimmt man einen solchen Lebensweg; man muss ihn nicht ausdrücken, nur in sich aufnehmen.

profil: Wie weit ging Ihre Recherche? Haben Sie auch studiert, wie Kirk Douglas sechs Jahrzehnte vor Ihnen diese Figur anlegte?
Dafoe: Nein. Ich kenne den Film natürlich, genau wie Robert Altmans „Vincent & Theo“ (1990), aber ich wusste, dass wir etwas ganz anderes vorhatten. All die früheren Van-Gogh-Filme handelten nicht von der Malerei. Als Kirk Douglas 1956 diese Rolle spielte, konnte man noch davon ausgehen, dass sich der Durchschnittskinogänger – auch dank euch verdammten Österreichern! – stärker für Psychologie interessierte. Ich glaube, heute ist das nicht mehr so.

profil: Ihre Darstellung des Vincent Van Gogh ist hart und heftig. Geben Ihnen psychisch angeschlagene Figuren schauspielerische Freiheit – oder wird der Druck dadurch höher?
Dafoe: Nein, denn ich kenne den Regisseur Julian Schnabel seit über drei Jahrzehnten, und er weiß, wovon er spricht. Außerdem lernte ich dabei einiges – und zwar ganz konkret. Es war sogar so konkret, dass ich über meine Performance nicht nachdenken musste. Ich dachte nur daran, gut zu malen und die großartigen Dinge, die der Mann gesagt und geschrieben hatte, über die Rampe zu bringen.

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profil: Julian Schnabels Inszenierung zielt schon in ihren Bildern und Montagen stark auf die Psyche seines Protagonisten. Mussten Sie damit nicht konkurrieren?
Dafoe: Nein, er wollte einfach, dass man als Zuschauer dabei sein kann, wenn dieser Mann malt. Und natürlich steckt darin vieles, was Julian als Maler selbst einbringt. In gewisser Weise nahm ich mir also nicht nur Vincent Van Gogh vor, sondern auch Julian Schnabel. Aber ich bin da, um zu helfen. Ich wurde für Julian zu etwas, das er benutzen kann, um sich damit auszudrücken.

profil: Weite Teile des Films drehen sich tatsächlich um Malereiprobleme, um Details des Künstleralltags. War es für Sie als Schauspieler, der einen Maler darzustellen hat, besonders hilfreich, einen Maler als Regisseur zu haben?
Dafoe: Natürlich. Julian brachte mir das Malen bei. Und ich male in diesem Film unentwegt. Es war also sehr wichtig, die Grundideen dieser Malerei verstehen zu können. Und malen zu lernen, das veränderte auch meine Art, auf die Dinge und die Welt zu blicken. Wenn ich jetzt diesen Stuhl dort sehe, nehme ich nicht mehr nur das Objekt wahr, sondern auch seine Position im Raum, die Lichtverhältnisse; ich sehe Reflexionen und Farben in dem polierten Holz, die ich vor der Arbeit mit Julian wohl nicht gesehen hätte. Dieser neue Blick öffnete mir auch die Sinne dafür, wie Van Gogh die Wirklichkeit gesehen hat – oder besser: wie er über sie hinaus gesehen hat und Unsichtbares miteinbeziehen konnte.

profil: Wie und wann brachte Julian Schnabel Ihnen die praktischen Einzelheiten der Malerei nahe? Erst am Drehort selbst?
Dafoe: Nein, wir fingen damit schon früher an. Wir wanderten auch durch die Natur, an den Orten, die Van Gogh seinerzeit erlebt hatte, und malten dort.


Ich bin kein bloßer Energie-Junkie, ich mag das Wechselspiel aus Spannung und Ruhe.

profil: Hatten Sie Zeit, um das Malen zu lernen?
Dafoe: Nicht viel, nein, denn ich hatte, genau wie Julian, davor andere Verpflichtungen. Mein Malereistudium ging also erst kurz vor Drehbeginn los. Aber wir arbeiteten hart daran.

profil: Machen Sie eigentlich je Pause?
Dafoe: Unentwegt!

profil: Wann denn? Sechs, sieben Filme im Jahr sind bei Ihnen keine Seltenheit. Wo immer man im amerikanischen Kino hinschaut: Sie sind überall.
Dafoe: Das klingt ja fürchterlich! Wer will das denn sein? Nein, ich liebe meine Arbeit eben – und ich muss mich keineswegs dazu zwingen. Aber ich bin auch sozial, ich mag Menschen und stelle gerne Dinge her. Deshalb freue ich mich über das Gefühl, ein Projekt zu haben. Und tatsächlich liebe ich auch das Aufwachen im Dunkeln, vor Sonnenaufgang, die Fahrt zum Drehort, die Vorbereitung auf die jeweilige Szene, das tägliche Abenteuer, das ich erlebe.

profil: Die Freude am Drehen selbst kann man ja nachvollziehen. Aber mit der stundenlangen Warterei davor haben Sie kein Problem?
Dafoe: Das gehört alles dazu. Und ich bin inzwischen sehr gut darin, diese Phasen nicht als Zeitverschwendung zu betrachten, sondern als Gelegenheit zur Reflexion. Ich bin kein bloßer Energie-Junkie, ich mag das Wechselspiel aus Spannung und Ruhe. Man wacht jeden Tag auf und weiß, dass er wieder etwas Neues bieten wird. Ich liebe das Reisen, bin gern in verschiedenen Milieus unterwegs: Man lernt dabei vieles kennen und wird in gewisser Weise auch getestet. Ich hatte eine Theatergruppe, die Wooster Group, für die ich jahrzehntelang, wenn ich nicht gerade drehte, täglich wie ein Fabrikarbeiter schuftete. Aber ich liebte es. Im Innersten bin ich ein Arbeiter.

profil: Braucht ein Arbeiter nicht auch gelegentlich Urlaub?
Dafoe: Doch, klar. Unlängst machte ich mit meiner Frau Urlaub. Aber es fühlte sich ein bisschen so an, als täten wir das nur der Form halber.

profil: Und wie lange liegt der vorletzte Urlaub zurück?
Dafoe: Ich habe das Gefühl, zwischendurch ständig Ferien zu haben – besonders wenn man teure Industriefilme dreht. Im Rahmen solcher Produktionen hat man oft gigantische Pausen, wodurch sich die Chance bietet, abzuhauen und zu reisen.


Wenn mich ein Drehbuch sofort begeistert, werde ich misstrauisch. Das erscheint mir dann zu einfach.

profil: Könnte man sagen, dass Sie in der Auswahl Ihrer Projekte eher nach den Menschen gehen, mit denen Sie Ihre Arbeitspartnerschaften eingehen, als nach den Drehbüchern?
Dafoe: Ein wenig stimmt das. Meist sind es nicht nur die Menschen, die mich interessieren, sondern schon auch die Filme selbst, die da entstehen sollen, aber tatsächlich gibt es Regisseure und Kolleginnen, mit denen ich alles, egal was, machen würde. Denn ich bin als Künstler so ehrgeizig, dass ich nicht ahnen will, in welche Richtung ein geplantes Projekt geht. Man kann sich vorbereiten – und das mache ich auch, denn man muss irgendwo anfangen, und ich habe keine Lust darauf, einfach nur herumzusitzen und auf zufällige Inspiration zu warten. Aber ich liebe Unternehmungen, von denen ich nicht schon vorher weiß, worauf sie hinauslaufen. Wenn mich ein Drehbuch sofort begeistert, werde ich misstrauisch. Das erscheint mir dann zu einfach. Ich finde, man muss sich einen Film erst verdienen – durch die Arbeit daran. Der Ausgang ist ungewiss. Denn Filmemachen ist so sehr Gemeinschaftsarbeit, dass man es niemals kontrollieren kann. Die einzige Versicherung, die man als Schauspieler hat, sind daher die Menschen, mit denen man sich am Set umgibt. Ich suche also nach einnehmenden, intelligenten, leidenschaftlichen Partnern.

profil: Könnte man „Van Gogh“ auch als politischen Film betrachten? Sie spielen darin einen Außenseiter, dessen Perspektive absolut zentral gesetzt ist – in einer Zeit wie der unseren, in der Außenseiter fast systematisch attackiert werden.
Dafoe: Das stimmt schon, wobei Überlegungen wie diese nicht im Vordergrund stehen, während ich eine solche Figur spiele. Mich faszinieren eben Geschichten und Situationen, die über meine eigene Erfahrung weit hinausgehen.

profil: Van Gogh war auch eine Art Geflüchteter, ein Alien in einer feindseligen Umwelt.
Dafoe: Und er war ein Revolutionär, wie Gauguin ein Außenseiter. Beide mussten auf gesellschaftliche Unterstützung verzichten – glücklicherweise, denn wenn ihnen alle Welt Beistand geleistet hätte, wären sie wohl niemals zu ihrer Kunst gekommen. Van Gogh hatte aber auch Witz, und er war sich seiner Position sehr bewusst. Er schrieb einmal, dass es eine Katastrophe wäre, wenn er besser malen könnte. Er verstand, dass handwerkliche Virtuosität seine Passion geschmälert hätte.

profil: Dann wäre er ein guter, nicht weiter auffälliger Maler gewesen.
Dafoe: Ja, und er hätte sich nicht derart aufgerieben, um in seiner Kunst vorwärts zu kommen.

profil: Ist das Schauspiel für Sie eher eine Disziplin oder eine Chance, instinktiv, impulsiv zu arbeiten?
Dafoe: Letzteres. Ich vertraue der Weisheit des Körpers – dem Denken nur sekundär. Mein Zugang zum Schauspielen ist nicht auf psychologische Analyse gegründet. Das ist wie bei einem Athleten: Man verpflichtet sich einer bestimmten Aktion auf vollständige und anmutige Weise. Wenn man das tut, kann Großes geschehen.

profil: Sehen Sie sich selbst gern auf der Leinwand?
Dafoe: Nicht besonders. Aber es stört mich auch nicht. Nur während der Arbeit selbst mag ich keine Playbacks von Szenen sehen, die ich gerade gespielt habe. Leider verlangen das manche Regisseure zuweilen von mir.

profil: Fürchten Sie sich noch manchmal vor Ihren Auftritten?
Dafoe: Ich weiß, es klingt unglaubwürdig, wenn man das nach 126 Filmen behauptet: Aber ich habe immer ein wenig Angst. Es hilft und motiviert, wenn man sich mit der Angst anfreundet – und erkennt, dass sie einen nicht zerstören wird.

WIllem Dafoe, 63
In den frühen 1980er-Jahren startete Willem Dafoe seine Karriere zeitgleich am Theater, als Gründungsmitglied der New Yorker Wooster Group, und im Kino, mit ersten Hauptrollen in Filmen von Kathryn Bigelow („The Loveless“) und William Friedkin („To Live and Die in L.A.). Dafoes Prominenz wuchs rasch, parallel dazu wurden sowohl seine Rollen als auch sein Spiel gewagter. Für Martin Scorsese gab er 1988 einen betont irdischen Jesus Christus (in „The Last Temptation of Christ“), in David Lynchs „Wild at Heart“ zwei Jahre später einen kriminellen Verführer. Inzwischen ist der Mann mit der sonoren, leicht wiedererkennbaren Stimme im europäischen Autorenfilm, in den Werken Lars von Triers und Werner Herzogs etwa, ebenso zu Hause wie in ausgewählten Hollywood-Großproduktionen. In den kommenden Werken zweier amerikanischer Meister des Regie-Eigensinns, Wes Anderson und Abel Ferrara, wird Dafoe erneut zu sehen sein – nach bereits etlichen Kooperationen mit beiden Filmemachern. Dafoe lebt mit seiner Frau, der italienischen Regisseurin Giada Colagrande, in Rom und New York. Das profil-Interview fand während der Filmfestspiele in Venedig im vergangenen September statt.