Wolf Biermann: "Ich bin mein Leben lang sechseinhalb Jahre alt geblieben"

Wolf Biermann

Wolf Biermann

Der Literat und Liedermacher Wolf Biermann hat deutsche Zeitgeschichte geschrieben. Ein Gespräch über kommunistischen Irrglauben, Stasi-Lümmel und seine soeben erschienene Autobiografie „Warte nicht auf bessre Zeiten!“.

Wolf Biermann federt mit schnellen Schritten in den Besprechungsraum des Berliner Hotels „Savoy“. Seine 79 Jahre merkt man ihm nicht an. Biermann ist so etwas wie eine Ikone jüngerer deutscher Zeitgeschichte. Der Lyriker und Liedermacher, in Westdeutschland geboren, war in der DDR ein behördlich anerkannter Staatsfeind, seine Gedichte wurden als „pornografisch und antikommunistisch“ diffamiert. 1976 wurde er vom Regime in einer lange im Voraus geplanten Aktion in den Westen ausgebürgert. Der „Troubadour der deutschen Zerrissenheit“ („Süddeutsche Zeitung“) wurde 1991 mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet; er hat immer wieder innerdeutsche Debatten angestoßen und vielbeachtete Reden im Berliner Bundestag gehalten. Biermann, schwarze Lederjacke, blaues Hemd, grauer Schnurrbart, nimmt in einem roten Sessel Platz. Er greift in das Glas mit den Oliven und eröffnet sofort das Gespräch.

INTERVIEW: WOLFGANG PATERNO

Biermann: Aha, der Besuch aus Österreich. Wussten Sie, dass in Wien mein Same lebt?
profil: Wie bitte?
Biermann: Mein Sohn Lukas lebt als Schuhmachermeister in der Stadt mit eigener Werkstatt.

profil: Sie selbst tragen auch Maßschuhe?
Biermann: Nein. Ich trage Schuhe für 65 Euro das Paar. Als meine Mutter oben auf der Wolke mitkriegte, dass ihr Enkel seinem alten Vater ein Paar Superschuhe für einen allerdings sehr hohen Preis – nämlich ein Lächeln – anfertigen wollte, schimpfte Emma: „Maßschuhe tragen wir Proletarier nicht.“ Nein, in Wirklichkeit wollte ich meinem Sohn nicht die Arbeit aufladen! Solche Maßschuhe zu machen, ist eine hohe, komplexe Kunst. Und mein Lukas ist einen ungewöhnlichen Weg gegangen: Er hat erst Anglistik studiert und ist dann ein hochkarätiger Schuhmacher geworden, aus Leidenschaft.

profil: Und sind Sie mit dem 65-Euro-Modell zufrieden?
Biermann: Weil es so angenehm ist, habe ich mir gleich ein Ersatzpaar gekauft. Im Jargon der DDR ausgedrückt, die von ihrem westlichen Klassenfeind immer „stör-unabhängig“ sein wollte: Rein schuhmäßig bin ich „stör-unabhängig“.

profil: Sie sind demnach immer wieder mal in Wien.
Biermann: Natürlich. Ich besuche Lukas und meinen Freund Hugo Portisch und seine Frau Trudi. Portisch hat den Österreichern ihre eigene Geschichte beigebracht hat, den Hugo bewundere ich.

profil: Einst übernachteten Sie auf Einladung von Karel Schwarzenberg, des ehemaligen tschechischen Außenministers, auch in dessen Wiener Palais.
Biermann: Ja, das war aber noch lange, bevor er tschechischer Außenminister war, nämlich 1987. Ich habe dort genächtigt, weil die Organisatoren, die mit mir ein Benefizkonzert für die Charta 77 organisiert hatten, Geld für ein Hotel sparen wollten. Die waren im allerbesten Sinne geizig – und der Fürst stellte in seiner Nobelhütte gerne ein Zimmer zur Verfügung. Wir freundeten uns an, seitdem nenne ich ihn aus Daffke: „Genosse Fürst!“

profil: Sie wurden in Nazi-Deutschland groß, verloren früh Ihren Vater, übersiedelten später von Hamburg in die DDR und avancierten dort zum prominentesten Staatsfeind des Regimes. Angesichts dieser Fülle an Lebensgeschichte ist Ihre Autobiografie „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ erstaunlich schlank geraten.
Biermann: Das Buch ist genauso lang geworden, wie Marcel Reich-Ranicki es forderte, als er auf Erden noch etwas zu sagen hatte: Kein Roman darf 500 Seiten überschreiten, ausgenommen das Telefonbuch. Meine Frau Pamela, Lukas’ Mutter, hat mich bei der Konzeption unterstützt, damit die Erzählung nicht ins Schleudern und Mäandern gerät, sondern straight, wie die gebildeten Menschen heute sagen, meine Geschichte erzählt. Und sie hat darauf geachtet, dass aus den Lebenserinnerungen nicht zehn Bände mit 10.000 Seiten geworden sind.


Ich musste ein Verräter werden, weil der Weg in das marxistisch-kommunistische Paradies nicht, wie der Wiener Philosoph Sir Karl Popper behauptete, in die Hölle führen kann, sondern dorthin führen muss.

profil: Können Sie das Buch selbst auf den Punkt bringen?
Biermann: „Warte nicht auf bessre Zeiten!“ handelt von einem jüdischen Kind kommunistischer Eltern, das mitten in die Nazi-Zeit geboren wird und dann ein Leben lang dafür braucht, mit dem Kinderglauben an den Kommunismus zu brechen. Dieses Kind ist später ein guter Renegat in Bezug auf Stalinismus und Kommunismus geworden, ein treuer Verräter an diesem gefährlichen Glauben von sozialer Idylle. Dieses Utopia war der Irrglaube, mit dem ich in die Welt gesetzt wurde, und auf meinem Weg erlebte ich unglaubliche Dinge, manche todtraurige, aber auch viele sehr komische, deshalb ist das Buch auch ein Schelmenroman. Von dem kommunistischen Dogma fiel ich aber nicht etwa ab, weil es nicht funktioniert hat, wie inzwischen jeder Spießer weiß. Das hätte mich nicht abgehalten, da wäre ich heute noch Kommunist. Die Christen blieben Christen, auch wenn die Scheiterhaufen der Inquisition loderten. Ich musste ein Verräter werden, weil der Weg in das marxistisch-kommunistische Paradies nicht, wie der Wiener Philosoph Sir Karl Popper behauptete, in die Hölle führen kann, sondern dorthin führen muss.

profil: Ihre Erinnerungen stehen auch im Schatten Ihres 1943 in Auschwitz ermordeten Vaters.
Biermann: Es ließe sich auch sagen: im Licht meines Vaters. Durch die besonderen Umstände in der Nazi-Zeit bin ich wahrscheinlich viel intensiver mit meinem Vater aufgewachsen als andere Kinder. Nachdem er nach jahrelanger Haft in Auschwitz ermordet worden war – pathetisch formuliert: als Märtyrer im „Freiheitskrieg“ der Menschen fiel, wie Heine dies nennt –, erwuchs mir daraus ein fast schon zynischer Vorteil: Mein Vater konnte nicht mehr kaputtgehen als Ikone, als ein Orientierungspunkt in meinem Leben. Dieses Glück blüht nicht sehr vielen Kindern, könnte man allzu witzig formulieren.

profil: Sie schreiben, Sie seien inzwischen ein „greises Weltenkind“.
Biermann: Ich bin seit der Bombennacht im Krieg in Hamburg 1943, die ich mit meiner Mutter knapp überlebte, mein Leben lang sechseinhalb Jahre alt geblieben.

profil: Kein Mensch kann sich sein Schicksal aussuchen.
Biermann: Das war auch Thema, als ich Sartre in Paris traf. Ich erzählte ihm, dass auch ich ein Ei sei, das sich sein Nest nicht aussuchen konnte, in dem es ausgebrütet worden war. Er lieferte sogleich einen seiner Philosophen-Sätze: „Wir beurteilen die Menschen nicht nach dem, was aus ihnen gemacht wurde, sondern danach, was sie aus dem gemacht haben, was aus ihnen gemacht wurde.“ Nebbich.

profil: Etliche weitere prominente Namen geistern durch „Warte nicht auf bessre Zeiten!“, etwa Lou, die Ex-Frau des österreichischen Komponisten Hanns Eisler.
Biermann: Lou muss eine Schönheit gewesen sein. Über Brecht sagte sie in breitem Wienerisch, wobei sie sich schüttelte: „Der hot g’stunken!“ Was mich wiederum an dieser Anekdote schüttelte, ist die Tatsache, dass sich Lou noch als alte Frau damit brüstete, mit Brecht nicht geschlafen zu haben. Eine Clownsszenerie in der Tragödie des Exils der Deutschen in den USA.

profil: Tragikomisch verlief auch Ihre Begegnung mit Margot Honecker, einer der mächtigsten Frauen in der DDR.
Biermann: Margot Honecker war 1964 Ministerin für Volksbildung. Sie war eine eher kleine, schmale Frau und saß in meiner Wohnung in einem Koloss von Ohrensessel, zwei Stunden lang auf halber Arschbacke. So wie sie körperlich in diesem viel zu großen Möbel saß, so krampfte sich auch ihre politische Festigkeit in unserem Gespräch zusammen. Es war eine besondere Konstellation: Wir kamen beide aus kommunistischen Familien, ihr Vater war Genosse meiner Großeltern aus Halle. Politisch war sie inzwischen meine Todfeindin. Doch aus sentimentalen Hintergründen, die aus der Nazi-Zeit, vom Kampf unserer Familien gegen das NS-Regime herrührten, waren wir verbunden. Es war ein ergebnisloses Gespräch, wir konnten uns nicht einigen, und nach meinem Total-Verbot 1965 sahen wir uns nie wieder. Qualtinger saß übrigens später auch in dem Sessel. Der füllte ihn wunderbar aus.


Ich werde lebensnüchterner, sobald ich Alkohol trinke, humorloser und tiefsinniger im allerschlechtesten Sinne.

profil: Ihre legendäre DDR-Wohnung in der Chausseestraße 131 muss fast wie eine Trutzburg gewesen sein.
Biermann: Ohne einen Hauch von Angeberei und Übertreibung war diese Wohnung der lebendigste Ort von ganz Ost-Berlin. Das gelingt aber nur, wenn man es nicht betreibt. Dass meine Wohnung zum Treffpunkt so vieler Leute wurde, erwuchs aus dem immer drastischer werdenden Missverhältnis zwischen meiner öffentlichen Wirkung in der DDR via Handabschriften und Tonbandkopien und der vollkommen reglementierten Nicht-Öffentlichkeit meines Lebens als Künstler. Ich durfte ja keine Konzerte geben und Bücher veröffentlichen. Ich war immer mit sehr verschiedenen Menschen befreundet, auch das ergab dieses Leben im Verbot, sodass in der Chausseestraße Menschen zusammenkamen, die sich im sogenannten normalen Leben nie begegnet wären. Jedes Jahr an meinem Geburtstag feierten wir übrigens eine Fete.

profil: Bei der über alle Maßen Alkohol getrunken wurde?
Biermann: Jede Stasi-Legende, die mit „Biermann war mal wieder besoffen“ beginnt, ist falsch. Ich war lebensbesoffen. Ich werde lebensnüchterner, sobald ich Alkohol trinke, humorloser und tiefsinniger im allerschlechtesten Sinne. Und außerdem mussten wir uns damals nichts aus der Birne saufen.

profil: Sie luden stattdessen zu Fressgelagen?
Biermann: Das Essen, das ich kochte, war legendär, weil es so exotisch war. Das Menü von damals, auf das der Schauspieler Manfred Krug gierig war und vor dem sich meine Mutter ekelte, war: In zwei große Kasserollen kommen Schweinsfiletstücke mit viel Salz. Darüber wird ein halbes Kilogramm halbflüssiger Honig geschüttet, dazu großzügig Currypulver und drei große Butterstücke. Zum Finale eine Schicht Bananen obenauf.

profil: Sie waren ein privilegierter Bezieher von Bananen?
Biermann: In der DDR gab es keine Bananen, weil die bekanntlich in Sibirien, im russischen Bruderstaat, nicht wuchsen. Meine Mutter brachte aus Hamburg nicht nur ein Sennheiser-Mikrofon mit, das mir viel Mühe gemacht hat und den Chausseestraßen-Sound kreierte, sondern auch Stauden von Bananen.

profil: Egal ob Bananen oder Bettgeschichten: Jede Ihrer Bewegungen wurde von der DDR-Staatssicherheit registriert.
Biermann: Die Stasi-Genossen klebten an ihren Abhörgeräten. Meine Wohnung war von oben bis unten verwanzt, mein Telefon ein Stasiohr. Die saßen in einem verschissenen, stinkenden Büro, rauchten Karo-Zigaretten, diese DDR-Fußlappen-Gitanes. Und mussten zuhören, wie das Leben der anderen ist. Was die seelisch durchgemacht haben müssen! Da kann man sich nur freuen und böse lächeln.

profil: Haben Sie so etwas wie eine Lieblingsaufzeichnung der Staatssicherheit?
Biermann: Na ja, Lieblingsaufzeichnung ist vielleicht übertrieben. Aber es gibt ein echtes Stasi-Gedicht: „Biermann macht Geschlechtsverkehr mit einer Dame.“ Fünf Zeilen untereinander. Also, wer schreibt denn schon „Geschlechtsverkehr“? Das ist so was von schlüpfrig. „Ficken“ durfte der konspirative Lauscher aber nicht notieren. Und es war übrigens auch keine Dame, sondern ein Weib, meine damalige Freundin. Das wird im zweiten Satz erklärt: „Es ist Eva-Maria Hagen.“ Der dritte Satz: „Danach fragt er sie, ob sie etwas trinken möchte.“ Dann: „Aber die Dame hat Hunger.“ Und darauf folgt Weltpoesie: „Danach ist Ruhe im Objekt.“ Das ist große Kunst, einfach geil! Der Stasi-Lümmel meinte mit „Objekt“ das abgehörte Biermann-Schlafzimmer. Nicht: Eva-Maria, ein Objekt im Garten der Lüste.

profil: Später ging die Stasi dazu über, „HWG“ in ihren Berichten zu vermerken: „Häufig wechselnde Geschlechtspartner“.
Biermann: Natürlich kommt da auch der Neid hinzu. Der Staatsfeind Biermann vögelt herum mit schönen Frauen, trifft berühmte Leute, fährt ein eigenes Auto. Was muss der stumpfsinnige Offizier der Staatssicherheit auf Horchposten erlitten haben – das stelle ich mir gerne vor.

profil: Haben Sie es wirklich so toll getrieben?
Biermann: Meine Gefahr war, dass ich zu traurig werden könnte. Man sucht sich dann eben Menschen, die eine Art Gegenschiefheit zu einem selbst haben. Das passiert automatisch, das betreibt man nicht wie ein Geschäft, das sich berechnen lässt.


Die infamste und wirkungsvollste Maßnahme war die Zerstörung von Freundes- und Liebesbeziehungen.

profil: In Zeitungsberichten ist wahlweise zu lesen, Ihre Stasi-Akten umfassen 80.000, 50.000 oder 30.000 Seiten. Wie dick ist das Dossier denn tatsächlich?
Biermann: Das ist ganz schwer zu sagen, denn als Staatsfeind Nr. 1 tauchen Berichte über mich natürlich auch in unzähligen Akten anderer Personen auf. Streng genommen aber sind es wohl 30.000 Seiten, die sich in meinem „ZOV Lyriker“ ansammelten. Das genügt vollauf für den Größenwahn, dass man sich für wichtig hält. Doch wenn man nicht dumm ist, durchschaut man schnell und leicht, dass diese Seiten mehr über die Gesellschaft aussagen, in der man lebt, als über einen selbst, denn sie sind ja auch ein Zeugnis des Widerstandes! 213 mich betreuende Spitzel wurden mal gezählt – aber das ist eine irreführende Zahl, denn darunter waren auch viele, die mich nur ein oder zwei Mal getroffen haben. Diejenigen, die sich intensiv und ständig um mich kümmerten, waren ein gutes Dutzend.

profil: Haben Sie die 30.000 Seiten jemals ganz durchgelesen?
Biermann: Ich habe so viele Werke der Weltliteratur nicht gelesen, da werde ich doch nicht meine Zeit damit verplempern! Natürlich habe ich darin rumgelesen und Hochinteressantes gefunden – wie den Plan zur „Zersetzung des Biermann“.

profil: Was mussten Sie da erfahren?
Biermann: Eine Liste möglicher Vernichtungsformen – von einfachen Vorgängen wie jenen, mich gelenkt in Verbindung mit Rauschgift und Alkohol zu bringen oder zum Missbrauch von Minderjährigen, das ist ihnen alles nicht gelungen, bis hin zur Manipulation der Autobremsen, die mich beinahe das Leben gekostet hätte. Fast schon raffiniert war da folgender Zersetzungsversuch: „Lieder und Gedichte in Biermanns Stil schreiben, die so idiotisch sind, dass die Leute sich von ihm abwenden.“

profil: Was ließ sich die Staatssicherheit noch alles einfallen?
Biermann: Falsche medizinische Behandlungen. Wenn man das säuberlich mit Fingern in eine Schreibmaschine getippt zu lesen bekommt, fährt einem der Schreck noch Jahre später in die Glieder. Mit Hilfe von Stasi-Ärzten wurde das ja gemacht.

profil: Womit endete diese Liste des Schreckens?
Biermann: Die infamste und wirkungsvollste Maßnahme war die Zerstörung von Freundes- und Liebesbeziehungen. Da stand tatsächlich: „Dem Schriftsteller Günter Kunert mitteilen, Biermann findet Kunerts Gedichte beschissen.“ Man spekulierte wohl auf Kunerts Reaktion: „Was! Mir hat Biermann gesagt, ich sei der größte Dichter nach ihm!“ Man operierte mit den Eitelkeiten und Empfindlichkeiten unter Kollegen. Noch schlimmer waren da nur die Zersetzungen der Liebesbeziehungen, ein Punkt, der mich noch heute beschämt.

profil: Weshalb?
Biermann: Weil es mich daran erinnert, wie einfältig ich war. Wir nannten damals eine flüchtige Beziehung einen „Dummfick“, bei dem man ohne viel Federlesens miteinander ins Bett ging. Dass die reaktionären Verbrecher der Staatsicherheit und der Partei viel klüger waren als wir, höre ich bis heute nicht gern. Sie wussten viel tiefer als wir, wie wichtig es ist, in der Liebe zu einem Menschen oder zu einem Freund zu ruhen, wenn man sich in den Streit der Welt einlässt. Woher erwächst einem sonst Halt und Sicherheit?

profil: Die Zerstörung des Miteinander: Perfidie in Reinkultur.
Biermann: Die Stasi-Offiziere waren nicht angefressen von den damaligen Modetorheiten aus Westberlin, von dem Spießervers gegen die Spießer: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Die wussten um den Wert von Beziehungen.

profil: Immer sterben die anderen, notierte Montaigne, nur das eigene Grab bleibe leer. Viele Ihrer Zeitgenossen sind bereits tot.
Biermann: Viele von denen waren ja bereits viel älter als ich. Jetzt kommen allmählich die dran, die so alt wie ich, aber bereits kaputt sind. Oder wie Brecht witzelte: Kein Mensch hält ewig, einige halten etwas länger.

profil: Brecht schrieb auch, es komme nach dem Tod „nichts nachher“. Stimmen Sie zu?
Biermann: Ganz und gar. Nur weil ich aus der kommunistischen Kirche ausgetreten bin, muss ich mich doch nicht in den Glauben fallen lassen, dass es ein Leben nach dem Tod geben könnte. Dazu bin ich viel zu hochmütig, das ist etwas für Schafe, nicht für Wölfe. Ich bin ein Wolf – und bin bis jetzt nie Hund geworden.

profil: Ein schönes Schlusswort.
Biermann: Für eine österreichische Zeitung hätte ich ein noch besseres!

profil: Bitte.
Biermann: Karl Farkas schrieb in den 1920er-Jahren einen berühmten Schlager: „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt’, hätt’ sie viel mehr Freud’ an dem neuen langen Kleid“. Elisabeth war seine Schwester, die mit ihren schönen Beinen später in die Gaskammer ging. Farkas schaffte es nach New York, wo er versuchte, Wiener Exil-Kabarett zu machen – mit folgendem Schlussgag: „Meine Damen und Herren! Es ist keineswegs so, dass es auf Englisch keinen Reim gibt auf die schöne blaue Donau. Ladies und Gentlemen! You have to go now.“