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Leitartikel
12/17/2021

Christian Rainer: Ein Jahr als Warnung. Und Hoffnung.

2021 machte die Welt erstmals zu einer Schicksalsgemeinschaft. Vielleicht wird Corona so zum Rettungsanker der Menschheit.

von Christian Rainer

„Revue passieren lassen.“ Das ist ein leicht angestaubter Ausdruck. Er wird im Staccato der Artikulationsformen von Social Media der lebenden Sprache bald verlustig gegangen sein. Die ursprüngliche Bedeutung ist umstritten; der Duden sieht die Quelle im Französischen, wo ein Zusammenhang mit revueartig paradierenden Truppen vermutet wird. Wer den Ausdruck kennt, verbindet ihn im kollektiven Gedächtnis aber stets mit dem Jahresende: Wir denken ungestützt darüber nach, welche Bilder uns aus den vergangenen zwölf Monaten geblieben sind und vielleicht auch bleiben werden.

2021 also. Was hängt da in der vorerst – schnell, schnell – gebastelten Bilderablage, im Zwischenarchiv, noch nicht professionell aufgearbeitet und chaotisch ungeordnet? Die spezifische österreichische Galerie – unser kleines Archiv der 8,9 Millionen Mitbürgerinnen und Mitbürger im Bundesgebiet – ist zu einem guten Teil ident mit jener der Weltbevölkerung von 7,9 Milliarden. Das macht das Jahr 2021 außergewöhnlich, und es schließt mit diesem Spezifikum an 2020 an. Während abseits von seltenen Ausnahmen wie Weltkriegen und Meteoriteneinschlägen üblicherweise lokale Sachverhalte die Emotionen der Menschen determinieren, geriet das in dieser jüngsten Vergangenheit anders. Corona machte die Welt erstmals überhaupt zu einer Schicksalsgemeinschaft. Innerhalb weniger Monate hatte sich das Virus alle Kontinente umspannend ausgebreitet. Allüberall erkrankten und starben Menschen. Von einigen Hotspots und zeitlich begrenzten Amplituden abgesehen geschah das sogar in ähnlichem Takt – arme und reiche Länder waren betroffen und sind es immer noch. Die Ansteckungs- und Mortalitätsraten unterscheiden sich nicht durch absurd abweichende Skalierung voneinander.

 So wie mit der Betroffenheit verhält es sich auch mit der Hoffnung und mit dem Bemühen um eine Lösung. Diese Lösung hieß von Anfang an Impfung. Niemand suchte nach einem Sonderweg. Nur individuelle Leugner und Verdränger meinten, es gäbe andere Möglichkeiten. Überraschend wenige Politiker machten sich diese Irrationalität zunutze; Österreich mit seiner mächtig ins Gewicht fallenden FPÖ und deren Pferdefuß Herbert Kickl bildet da – einmal mehr – eine Ausnahme. Auch bei der Suche nach dem Ausweg ist die Welt wie nie zuvor eine Schicksalsgemeinschaft. Wissenschafter von China über Deutschland bis in die USA kooperieren. Nur so konnte über die Entschlüsselung des Virusgenoms, das daraus resultierende Rezept für Vakzine und deren Produktion eine Eindämmung der Pandemie erreicht werden. Wiederum weltweit umspannend vernetzte sich die Wissenschaft dabei mit Industrieproduktion und Verteilungslogistik.

Die Welt in einem Tropfen Flüssigkeit. Buchstäblich.

Corona. Die Pandemie gibt uns eine Ahnung davon, was sein kann, gewesen ist, sein wird. Jene globale Dimension von Corona ist hier das Spezifikum.

Wir lesen dieser Tage, dass die Hälfte der jungen Menschen psychische Schäden aus diesen beiden Jahren mitnimmt – depressive Verstimmungen im Minimum. Da streift uns ein Hauch der Geschichte: Eine derart schmale Einschränkung unserer Freiheiten, das mit dem Virus verbundene vergleichsweise niedrige Angst- und Stressniveau zeitigen solch massive Auswirkungen. Wir können jetzt erstmals erahnen, was der Zweite Weltkrieg bei unseren Eltern und Großeltern ausgelöst hat (und was davon an uns weitergegeben wurde). Wir können uns ein wenig in die Traumata einfühlen, die in unseren Mitbürgern schlummern, die von den Balkankriegen oder den Gräueln Syriens und Afghanistans umfasst waren.

Wie die Corona-Pandemie macht auch die Klimakatastrophe die Welt zu einer Schicksalsgemeinschaft."

Umgekehrt aber zeigten uns 2020 und 2021, was auf uns zukommt. Und das sollte uns die ganz große Lehre aus diesen Jahren sein. Die Erderwärmung schreitet noch immer ungebremst voran. Die daraus resultierende Klimakatastrophe steht in keiner irgendwie sinnvoll beschreibbaren Relation zu Covid-19. (Die Relation ist ähnlich unfassbar wie Covid-19 zum Weltkrieg.) Die Auswirkungen werden jene aktuell 7,9 Milliarden Weltbevölkerung und 8,9 Millionen Österreicherinnen und Österreicher bedrängen, dezimieren, strangulieren. Die Welt wird weithin unbewohnbar werden und in ihren restlichen Gebieten in keiner mit dem Heute vergleichbaren Weise.

Wie die Corona-Pandemie macht auch die Klimakatastrophe die Welt zu einer Schicksalsgemeinschaft. Wir werden alle leiden, überall werden Menschen sterben. Noch gibt es eine Restchance, dieses globale Armageddon mit globaler Anstrengung zu verhindern. Corona, die Jahre 2020 und 2021 sind uns eine allerletzte Warnung.

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