Christian Rainer: Gottvoll gottlos

Christian Rainer: Gottvoll gottlos

Religion? Wird’s mehr? Wird’s weniger? Und warum überhaupt?

Suggestivfrage eins: Auch Sie haben schon gehört, dass die Zahl der Gläubigen weltweit zunimmt? Sowie Nummer zwei: Sie haben doch auch den Eindruck, dass immer mehr Menschen an Gott glauben?
Den Fakten entspricht das nicht, jedenfalls ist nichts dergleichen durch Statistik belegt. Es gibt zwar eine Studie aus dem Jahr 2015, die mit einer steigenden Zahl rechnet; allerdings war dieses Ergebnis bloß aus wachsender Weltbevölkerung und der Tatsache extrapoliert, dass junge Menschen zunehmend gläubig seien und ältere weniger. Eine Befragung von 2012 kam hingegen zu dem Schluss, dass der Anteil der Gläubigen an der Weltbevölkerung im Sinken begriffen sei. Studie eins behauptete übrigens, die Thailänder seien die in Prozent gemessen gläubigsten Erdenbürger, bei Studie zwei waren es die Philippinos. (Wir gehen davon aus, dass die Saudis nicht befragt wurden, wo 100 Prozent naheliegend ist, da der Abfall vom Glauben auch den Abfall vom Leben bedeutet.) Und Studie zwei konstatierte, dass die Menschen zum Tode hin religiöser werden, was zwar nicht im Widerspruch, aber auch nicht im Einklang damit steht, dass Studie eins postuliert, die Jungen seien heute eher gottergeben als die Alten.

Bei näherer Studie der Studien erfahren wir allerdings, dass die Überschriften und Zusammenfassungen der Erhebungen gnadenlos irreführend sind: Studie zwei nämlich war nur in 30 Ländern mit christlicher Mehrheit durchgeführt worden. So viel zu empirischen Studien, zu deren Interpretation und zu einem Niemandsland der Geisteswissenschaften.


Etwa die Hälfte der Österreicher – ja, auch das ergibt sich nur aus Befragungen – denkt agnostisch oder atheistisch, und dieser Anteil dürfte über die Jahrzehnte ziemlich sicher stetig gewachsen sein.

Etwa die Hälfte der Österreicher – ja, auch das ergibt sich nur aus Befragungen – denkt agnostisch oder atheistisch, und dieser Anteil dürfte über die Jahrzehnte ziemlich sicher stetig gewachsen sein. Warum aber sollen uns das und die angeführten Statistiken überhaupt interessieren?

Weil diese Beobachtungen eben widerlegen, was zur Volksgewissheit zu erwachsen droht: dass die Welt religiöser wurde. Wer das für wahr hält, zieht daraus Schlüsse, die in die Irre führen, zu falschen Bewertungen und in der Folge zu falscher Politik. So könnte zum Beispiel behauptet werden, der Islam erobere die Welt (früher wurde das über die Juden gesagt), und wer das nicht wolle, müsse dagegen auftreten und der Koranisierung Einhalt gebieten (und entsprechend wählen). Umgekehrt könnte die Behauptung einer Rückbesinnung der Menschen auf christliche Werte selbstverstärkende Wirkung zeigen, zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden: Das hätte Auswirkungen auf das Angebot an Religionsunterricht oder den Umgang mit religiösen Symbolen im öffentlichen Raum – es würde das Verhältnis von Staat und Kirchen zugunsten Gottes und weg vom Säkularismus verändern.

Wodurch aber entsteht der Eindruck, die Religionen bahnten sich einen immer breiteren Weg durch unser Leben? Eine schnelle These: Weil es spannender ist, dies zu argumentieren als das Gegenteil. Wer etwa will hören, dass Donald Trump weniger religiös ist als Barack Obama, dass die USA in diesem Sinn nun weniger konservativ sind als zuvor? Eine belastbare These: Gerade weil sich die Welt immer profaner, pragmatischer, digitaler entwickelt, fallen die religiösen Momente als kleine Leuchttürme im mechanisierten Ozean stärker auf; weil die Berechenbarkeit der Landschaft mit jedem Algorithmus steigt, stolpern wir über die wild wachsenden Wurzeln; unser Blick fällt unverhältnismäßig oft dort auf das durchgepixelte Lebensbild, wo noch unscharfe Ränder den Gesamteindruck stören. Eine dritte These: Wir schließen aus Einzelereignissen falsch auf ein Ganzes. Islamistische Terroranschläge, der Bürgerkrieg in Syrien mit seinen muslimischen Flüchtlingen, die vertrockneten Blüten des Arabischen Frühlings machen uns weis, eine Religion habe die Weltpolitik in den Griff bekommen. Das ist natürlich Unsinn. Ähnlich funktioniert ja auch die optische Täuschung beim Ausmaß der bewaffneten Auseinandersetzungen in der Welt: Entgegen der eigenen Wahrnehmung hat es noch nie so wenig Krieg gegeben wie in den vergangenen Dezennien.

Zuletzt die Gretchenfrage, diesfalls sogar im Goethe’schen Sinn: Ist die Religion gut oder schlecht für die Welt, soll es mehr oder weniger gläubige Menschen geben? Solange der Glauben in jedem Moment des Lebens Privatsache bleibt, solange sich kein Gesetz nach ihm richtet, kein Verwaltungsakt, kein Karrieresprung, auch nicht der Zusammenhalt von Familien und Generationen – so lange soll Religion eine Möglichkeit für den Menschen bleiben. Nicht mehr und nicht weniger.

Dieser Artikel stammt aus dem profil Nr. 16 vom 13.4.2017. Das aktuelle profil können Sie im Handel oder als E-Paper erwerben.