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Leitartikel
07/17/2021

Christian Rainer: Impfpflicht? Ja, bitte.

Die Wissenschaft schlägt Alarm. Die Politik verharmlost.

von Christian Rainer

Zuletzt konnten Sie an dieser Stelle einen Text lesen mit dem Titel „Die vierte Welle“. Ich schrieb, wir befänden uns mitten im exponentiellen Corona-Wachstum. Nur eine Impfpflicht könne die Welle abflachen: sei das nun ein genereller Zwang oder ein individueller Lockdown für alle Verweigerer – keine Veranstaltungen, keine Gastronomie, Maskenpflicht.

Seither ist einiges geschehen.

So wurde etwa vor einer Stunde ein Mann in der profil-Redaktion vorstellig, der sich nicht ausweisen wollte, aber hartnäckig verlangte, mich „sofort“ zu sprechen. Der Mann zog schließlich friedlich und ohne Erfolg von dannen. Und wahrscheinlich war er ohnehin nur angereist, um einen Vertrag über 100 Jahresabos für sich und seine besten Freunde mit persönlicher Widmung abzuschließen. (Bitte kommen Sie wieder, lieber Herr!) Aber die vergangene Woche hat mich Vorsicht gelehrt. Waren es bis eben noch die Lehrer, die einigermaßen sensibel auf einschlägige Berichterstattung reagierten, so haben nun die Impfverweigerer mit den Pädagogen gleichgezogen, sind beim Aggressionspotenzial sogar deutlich in Vorlage getreten: zig Mails mit Verwünschungen verschiedener Gattungen (Toni Faber möge eine befreiende Generalformel sprechen), handschriftliches Gekrakel mannigfaltig, einige Anrufe. Eine repräsentative Auswahl finden Sie auch bei Facebook und Twitter, ein Textlein drucken wir auf der Leserbriefseite (in der Print-Ausgabe und im E-Paper) ab.

Allerdings: Ich habe ebenso viel und ebenso emotionale Zustimmung erhalten. Gegen Ende der Woche nahm die Zustimmung rasant zu. Ich habe eine Theorie, warum das so ist.

Was vor einer Woche nämlich nicht absehbar war: Die Sache ist plötzlich in Bewegung gekommen, die Impfpflicht zum zentralen Thema geworden. Am vergangenen Montag verordnete Emmanuel Macron eine Verpflichtung für breite Berufsgruppen, und Frankreich wird das noch ausweiten. In Griechenland dürfen nur mehr Geimpfte in Lokale, Kinos, Theater (Tanzen ist überhaupt verboten – angesichts von Sirtaki verschmerzbar); was ich zuletzt anregte, ist dort also schon Regel. 

Inzwischen wurden auch neue Berechnungen gemacht. Zitierte ich zuletzt das deutsche Robert Koch-Institut, das zur Abwendung einer großen vierten Welle eine Durchimpfungsrate von rund 90 Prozent eruierte, so alarmiert die EU-Behörde ECDC nun mit bösen Zahlen: Per 1. August wird die 
7-Tage-Inzidenz in Westeuropa 420 betragen, in Österreich 200.

Ich bin es inzwischen leid, auf all die Gegenargumente einzugehen. (Meine Kollegin Siobhán Geets ist in ihrem Kommentar auf Seite 33 geduldiger.) Dennoch hier gerafft:
Impfpflichten gibt es nicht nur „in Turkmenistan“ (wohin mich drei Leser wünschten), sie sind in Europa weithin üblich, waren es auch in Österreich. Bitte auf Wikipedia Nachschau halten!
Die Corona-Vakzine sind nicht unerprobt zugelassen worden. Der Zulassungsprozess lief schneller, aber nach üblichen Regeln. Inzwischen gibt es zwei Milliarden Testpersonen ohne auffällige Befunde.

Langzeiteffekte sind nicht auszuschließen. Die Kurzzeiteffekte von Covid-19 und die mittelfristigen von Long Covid sind hingegen sicher. Jede andere Impfung, erst recht Medikamente wie Malarone oder Antibiotika, birgt vergleichbare Risiken.

Geimpfte können sich anstecken. Ihre Viruslast und damit die Weiterverbreitung ist aber viel geringer. Schwere Verläufe sind extrem selten.

Schließlich: Das Gesundheitssystem, also die Auslastung der Intensivstationen, kann auch bei einer Durchimpfungsrate von 70 Prozent kollabieren.

Derweil in Österreich: Ich habe Hermann Schützenhöfer unrecht getan, als ich schrieb, „kein einziger Politiker“ wolle darüber diskutieren. Der steirische Landeshauptmann hatte eine Impfpflicht in der ORF-„Pressestunde“ mutig, aber erfolglos ventiliert. Sein Tiroler Amtskollege hingegen tut, was die Tiroler zeit der Pandemie immer taten. Günther Platter redet klein, was riesig ist: „Überreagieren sollte man nicht und nicht die Bevölkerung verunsichern“, sagt der Landesfürst. Die österreichische Bundesregierung lehnt – wie die deutsche – weiterhin jede Form von Zwangsmaßnahmen ab. Niemand wagt es, der Bevölkerung die Wahrheit zu sagen. Die Strategie ist Stückwerk. „Impfungen oder PCR-Test“ für Discos sind nicht einmal ein Anfang. Wir laufen schnurstracks in die nächste Katastrophe, in einen weiteren Lockdown, Richtung Explosion der Krankheit und einer Häufung von Todesfällen.

Im Vergleich zu unseren Politikern ist der Vogel Strauß ein Jäger mit Adleraugen.

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