Leitartikel

Journalismus: Wichtig wie nie, bedroht wie selten

Ausgerechnet in Zeiten der schlimmsten Krisen befindet sich der Journalismus im ökonomischen Limbo.

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Der Titel dieses Kommentars ist eine Übertreibung. Wahrscheinlich gab es Zeiten, zu denen Medien wichtiger waren als in unserer Gegenwart. Rund um den 11. September 2001 erlebten wir Stunden, Tage, in denen eine so weit wie möglich emotionsfreie und faktennahe Berichterstattung essenziell für die Stabilität der USA und der Weltlage erschien. (Ich erinnere mich an das Programm von CNN, dessen Nachrichtensprecher und -sprecherinnen sich buchstäblich vor dem Hintergrund der einstürzenden Twin Towers auf eine repetitive Rezitation dessen konzentrierten, was durch Bilder und Originaltöne gesichert zu vermelden war. Wann immer die Stimme eines Reporters zu brechen drohte, wurde weggeschaltet.) Und selbstverständlich war Kriegsberichterstattung stets eine Gratwanderung in potenziell tödlichen Höhen zwischen Faktencheck und Parteilichkeit. Umgekehrt: Regional oder zeitlich eingegrenzt wurde Journalismus immer bedroht. Diese Bedrohung geht regelmäßig von politischen Regimen aus, die Medien als gefährliche vierte Macht erleben und nicht als stabilisierende vierte Säule, die auch Mittel haben, den Journalismus zu erdrücken. Das kann - schlimm genug - in einer Lightversion mitten in der EU passieren wie in Ungarn. Oder aber wir sprechen von Systemen, die Pressefreiheit grundsätzlich als Übel definieren, wie China.

Darüber hinaus könnten wir den oben stehenden Titel auch noch mit gutem Recht variieren und daraus "Wichtig wie selten, bedroht wie nie" machen. Aber lassen wir das!

Worauf ich hier hinaus will, ist anderes: Wir durchleben seit der Jahrtausendwende eine strukturell bedingte Bedrohung des Geschäftsmodells unserer Medien verlegerischer Herkunft. Die Bedrohung koinzidiert mit großen Krisen, die nach funktionierenden Medien verlangen.

Beginnen wir mit den Krisen! In einer Art Aufwärmrunde waren wir Journalisten in Europa mit der Flüchtlingswelle von 2015 konfrontiert. Während einige Staatsmänner - nicht zuletzt Sebastian Kurz und Viktor Orbán - es prächtig verstanden, diese Welle zu reiten, benötigten wir Monate, vielleicht Jahre, um einen guten Weg zu finden: Wir mussten uns davon lösen, Migration apodiktisch als relativ unbedenklich und ökonomisch notwendig auszuschildern. Wir mussten lernen, Emotionen - die Ängste, auch die Missgunst der Menschen -als Fakten einzuordnen und die Geschehnisse entsprechend mit Verständnis -erklärend statt dozierend -darzustellen. Zweitens: Corona. Da galt es, die Anforderungen ungekannt strenger politischer Maßnahmen in ein sauberes Verhältnis zur Kritik an chaotischem Management oder gar subtilem Stimmenfang zu stellen. (Ich denke, das ist uns besser gelungen als das Handling der Flüchtlingswelle.) Drittens: der Ukraine-Krieg. Er wirft alle Gewissheiten über den Haufen, mit denen wir Journalistinnen und Journalisten zeit unseres gesamten Arbeitslebens hantiert hatten. Wir müssen uns schnell neu orientieren, um unseren Lesern und Userinnen Koordinaten für die eigene Meinungsbildung zu geben. Viertens: Über all dem schwebt die weitaus größte Bedrohung -die Klimakrise. Sie kann als Katastrophe die Welt, wie wir sie kennen, und damit die Menschheit einfach ausradieren. An diesem Beispiel gezeigt: Der Kampf gegen den Klimawandel ist ohne Journalismus unvorstellbar. Zivilgesellschaftlicher Aktivismus gekoppelt mit Social Media könnte alleine niemals genug Druck aufbauen, um Wirtschaft und Politik zu den radikalen Veränderungen zu zwingen, die den Untergang vielleicht noch abwenden werden.

Das war die eine Seite: Weltuntergang, falls Journalismus nicht funktioniert. Diese radikale These steht leider im Spannungsfeld mit den Zukunftsaussichten ebenjenes Journalismus, der die Welt stabilisieren soll. Es tut etwas weh, der Wahrheit ins Auge zu sehen, wo wir doch angehalten sind, unsere eigene Leistungsfähigkeit auszuloben, zu vermarkten. Aber der Blick auf die Auflagenzahlen von Printmedien (auch unter Berücksichtigung digitaler Abonnenten), auf die Werbeumsätze, auf die Altersstruktur des linearen Fernsehens legt (sehr) nahe: Unser Geschäftsmodell steht auf tönernen Füßen. Einerseits verschiebt die digitale Disruption Werbegeld, das für die meisten von uns den Löwenanteil des Umsatzes ausmachte (100 Prozent beim privaten Rundfunk zum Beispiel, zwei Drittel ursprünglich bei profil). Die Werbung wandert zu digitalen Plattformen, die keinen Journalismus betreiben, oder ins Nirwana. Andererseits: Linearer Rundfunk und Print sind Modelle von gestern und heute, aber -in der gewohnten Breite - nicht von morgen. Wer leben will, braucht daher Vertriebserlöse, und diese wiederum auf Basis digitaler Monetarisierung. Hier kommt das nächste Problem der digitalen Revolution daher: die inhaltliche Konkurrenz mit Netflix und Co., mit Social Media - und mit den öffentlichrechtlichen Anstalten als Inkarnation der Wettbewerbsverzerrung.

Unter dem Strich bedeutet das: Ausgerechnet in Zeiten der schlimmsten Krisen (allen voran der Erderwärmung) befindet sich der Journalismus im ökonomischen Limbo, jener Journalismus, ohne den diese Krisen nicht zu bewältigen sind. Und ich habe nicht den Eindruck, dass sich die Öffentlichkeit dieses Dilemmas bewusst ist, dass die Politik ein Interesse daran hat, das Dilemma aufzulösen.

Christian   Rainer

Christian Rainer

Chefredakteur und Herausgeber