Rainer Nikowitz: Gutes Gespräch

Dschihad - Rainer Nikowitz: Gutes Gespräch

Die neue Deradikalisierungs-Hotline für Angehörige von Dschihad-Sympathisanten ist natürlich ein richtiger Schritt. Wenn einmal ein Radikalisierter selbst anruft, braucht es aber schon Fingerspitzengefühl.

Deradikalisierungs-Hotline, guten Tag. Mein Name ist Marie-Sophie Graugstöttner-Haubenwallner, was kann ich für Sie tun?

Mhmm. Ja. Aha. Nun, das ist natürlich ein nachvollziehbares Ansinnen. Aber verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch: Es deutet doch manches darauf hin, dass diese 72 Jungfrauen, die im Paradies auf Sie warten, eine Fehlinterpretation sind und dass es sich in Wirklichkeit um Rosinen … Wie? Nein, natürlich will ich Ihnen den Koran nicht erklären. Und ich will ihn schon gar nicht beleidigen. Ich weiß, ich weiß, die Ehre ist das Wichtigste. Vor allem Ihre, ja. Wissen Sie was? Vergessen Sie das mit den Rosinen einfach wieder!

Dennoch sehe ich bei Ihrem Angebot, auf den bewaffneten Kampf gegen die Ungläubigen und Ihre Eintrittskarte ins Paradies vorderhand zu verzichten, wenn sich hier und jetzt 72 Jungfrauen bereiterklären, sich nicht länger gegen ihre natürliche Bestimmung zu wehren … – also ich muss gestehen, dass ich da gewisse Probleme bei der praktischen Umsetzbarkeit sehe.

Wie? Ach, das ist jetzt gar nicht so sehr der Punkt. Ich bin mir absolut sicher, dass sich jede Frau glücklich schätzen könnte, wenn sie mit Ihnen … Okay. Dass es gerne auch gottlose, unverschleierte Schlampen sein dürfen, ist zumindest einmal ein Schritt in Richtung eines Kompromisses, und ich bin auch sehr froh, dass Sie so Ihren guten Willen beweisen, aber dennoch …

Nein. Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Also, ich bin jetzt natürlich keine Expertin im Sozialversicherungsrecht, aber ich würde es eher ausschließen, dass die Krankenkassa das zahlt … Ja, wem sagen Sie das! Natürlich ist unser Sozialsystem nicht perfekt. Versuchen Sie einmal, eine ordentliche Zahnkrone von der Kassa … Also, nein. Ehrlich, ich glaube, da interpretieren Sie jetzt ein wenig zu viel hinein. Selbstverständlich gibt es in unserer Gesellschaft diese bedenklichen Strömungen, die kann und will ich jetzt gar nicht leugnen. Und ich bin auch die Erste, die sagt, dass man denen ganz entschieden entgegentreten muss! Aber ich würde jetzt nicht so weit gehen, zu sagen, dass das ein skandalöser Fall von Islamophobie ist. Die Krankenkasse würde schließlich auch einem Christen keine 72 …
Ja, klar. Natürlich hat der sie auch nicht verdient.

Aber wissen Sie, was ich denke? Ich denke, wenn wir uns einmal zusammensetzen, also ich würde da vielleicht auch jemanden vom König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen Dialog hinzuziehen, dann noch eine Psychologin, einen Gewaltpräventionsexperten, vier Integrationsbeauftragte und eine Klangschalentrommlerin – ich denke, dann finden wir gemeinsam eine Lösung.

Nicht? Schade. Ich hatte das Gefühl, wir sind auf einem guten Weg. Aber wollen Sie mir jetzt nicht vielleicht einfach erzählen, was Sie dazu gebracht hat, auf die Ungläubigen so furchtbar böse zu sein? In den meisten Fällen kommt man dann darauf, dass es da ein traumatisches Erlebnis gab, eine schwere Kränkung oder Ähnliches, vielleicht in der frühen Jugend …?
Mhm. Ja. Aha. Aber wer weiß, ob er das so ernst gemeint hat, oder? Ich würde mir das wirklich nicht so zu Herzen nehmen. Und außerdem: Ich bin mir sicher, dass der Sedlacek René damals im Park nichts von Fußball verstanden hat und sich das bis heute nicht geändert hat. Wie will der denn bitte beurteilen, ob Sie genauso gut sind wie der Ronaldo? Der war vielleicht nur … Nein, islamophob wollte ich jetzt eigentlich nicht sagen. Eifersüchtig.

Aber ich glaube nicht, dass das der Grund für Ihre tief sitzende Verletzung ist. Da muss doch noch etwas anderes vorgefallen sein … Wie? Interessant! Ich glaube, da sind wir vielleicht schon auf der richtigen Spur. Und was hat er dann gesagt? Oje. Aber wissen Sie, AMS-Berater sind da oft leider nicht so geschult. Die haben so einen Tunnelblick, die sehen nur, da ist einer, der hat keine Schule fertig gemacht – und was mach ich jetzt mit dem? Die denken nicht an die widrigen Umstände, die dazu geführt haben, wie Hausübungen und Schularbeiten und alles … Wie? Und weibliche Lehrer, genau.

Na gut, aber wie tun wir da jetzt weiter? Weil, ehrlich gesagt, ich sehe auf die Schnelle wirklich keinen gangbaren Weg, wie Sie zu Ihren 72 … Tatsächlich? Ehrlich jetzt? Das ist ja großartig, dass Sie eventuell darauf verzichten würden! Aha. Welche Bedingung?

Mhm. Ja. Verstehe. Nun, ich will nichts versprechen, aber ich kann ja zumindest einmal nachfragen. Und es muss ein BMW sein? Okay. Tiefergelegt, Sportauspuff, weiße Kunstledersitze, Subwoofer-Soundsystem, alles klar. Wissen Sie was? Ich mach mich schlau und Sie rufen mich, sagen wir übermorgen, noch einmal an? Und bis dahin keine Köpfe abschneiden, gell? Deal? … Sehr schön! Wissen Sie, ich habe da jetzt ein richtig gutes Gefühl, was uns beide betrifft, so deradikalisierungsmäßig. Auf Wiederhören!
(Zu sich selbst) Ich glaub, den hab ich!

rainer.nikowitz@profil.at